„Es braucht uns alle“: Ebru Tartıcı Borchers über „Lysistrata“
Ebru Tartıcı Borchers inszeniert „Lysistrata". Mit Mavie Hörbiger in der Titelrolle. Warum das Stück, in dem sich Frauen aus Sparta und Athen ihren Männern verweigern, um einen schon lange andauernden Krieg zu beenden, kein pazifistischer Text ist? Und warum „make love not war“ als Überschrift zu kurz greift? Wir haben mit der Regisseurin gesprochen.
BÜHNE: Was hat dich an dieser Komödie, deren Handlung ja schnell zusammengefasst ist, besonders gereizt?
Ebru Tartıcı Borchers: Vor allem der Gedanke, dass die Frauen im Stück mit ihrem Widerstandsakt soziale Gewohnheiten umkehren und den Alltag unterbrechen, hat mich fasziniert. Die Frauen werden – indem sie sich den Männern verweigern – die neuen Gesetzesmacherinnen in ihrer Gesellschaft, in der sie bis dahin nicht einmal wahlberechtigt waren. Außerdem interessiert es mich, mit dem Stück das „Selbstverständliche“ in Frage zu stellen, über Strukturen nochmals neu nachzudenken – und vielleicht zu erkennen, dass unser heutiger Alltag einmal ein Ausnahmezustand war. Oder umgekehrt.
Warum greift „make love not war“ als Überschrift für das Stück zu kurz?
Weil „Lysistrata“ kein pazifistischer Text ist. Die Frauenfiguren agieren auch mit kämpferischen und gewaltvollen Mitteln. Und der Sex-Streik, mit dem sie den Frieden erzwingen, ist nur ein erster Schritt auf ihrem Weg, das gewohnte und verwöhnte Leben der Männer zu verändern. Danach folgen die politische Schritte: Die Frauen verwalten das Geld des Landes, sie lösen durch Verhandlungen die Konflikte mit den Nachbarn. Der Krieg an sich bleibt eine Tatsache, aber es wird festgestellt, dass die Männer als Regierende total unfähig sind und bisher keine vernünftigen Lösungen gefunden haben, die schon so lange andauernden Konflikte zu beenden.
Die als noch recht jung beschriebenen protestierenden Frauen hast du mit Schauspielerinnen zwischen Ende 30 und Anfang 50 besetzt. Warum war dir das wichtig?
In unterschiedlichen Übertragungen von „Lysistrata“ variiert das Alter der Frauen – verständlicherweise. Denn in jeder Phase des Lebens gibt es unterschiedliche Gründe, sich auf die Seite des Friedens zu stellen. Für mich startet das Spiel mit einem „Es reicht!“-Moment: Die Frauen, die nun eine neue Front bilden, haben schon alle anderen Möglichkeiten ausprobiert: Sie sind schon auf Demos marschiert. Sie haben schon mehrmals mit Partnern und Vätern heftig diskutiert. Sie haben schon gehofft, dass die neue Generation weniger Lust auf Gewalt und mehr Widerstand gegen Militarismus zeigt – und sie wurden enttäuscht. Nichts hat geholfen, den permanenten Kriegszustand zu beenden. Und oft probiert man das Einfachste erst am Schluss.
Mit Seán McDonagh spielt auch ein Mann eine Frau. Warum?
Ich finde es sehr beeindruckend, dass Aristophanes in seiner Zeit einen Text mit so vielen starken Frauenfiguren geschrieben hat. Dabei ist es mir aber auch wichtig, dass der Abend nicht als Krieg der Geschlechter verstanden wird. Denn ich glaube, es geht viel mehr um das fehlende Mitbestimmungsrecht. Die Rebellion, die die Frauen anführen, ist der Beginn einer Bewegung, die wir nur alle zusammen, Frauen und Männer gemeinsam, schaffen können. Deswegen hätte ich ein ungutes Gefühl, wenn wir alle Rollen konform besetzen würden. Aber dass die Frauen – außergewöhnlicherweise – die Mehrheit in einem Theaterstück sind, durfte auch nicht verlorengehen. Deshalb wollte ich eine der Männerfiguren mit einer Frau und eine der Frauenfiguren mit einem Mann besetzen. Die beiden sind nun das einzige Ehepaar, das wir im Stück kennenlernen. Die Entscheidung, Myrrhine mit Seán McDonagh und Kinesias mit Lola Klamroth zu besetzen, hatte auch damit zu tun, dass ich sehen wollte, was das macht, wenn mehrere Personen über Männer sprechen und gegen sie kämpfen, während eine von diesen Personen eigentlich selbst ein Mann ist. Und vice versa.
Kann das Stück auch ein Aufruf sein, sich aus der Resignation in den Protest zu begeben?
Im besten Fall sollte es exakt das sein. Es sollte Mut machen, Energie und Hoffnung geben, zum Diskurs einladen, und zwar in einer Runde diverser Geschlechter.
Braucht eine Protestbewegung Gallionsfiguren wie Lysistrata?
Es braucht immer eine „erste Stimme“, die von einem besseren Morgen spricht und daran glaubt, dass wir es schaffen können. Deswegen ist Lysistrata sehr wichtig. Es braucht aber auch eine Kalonike, die trotz ihrer Bedenken mitzumachen versucht und das Anliegen verteidigt. Es braucht eine Myrrhine, die schnell einsteigen und auf dem Weg viel lernen kann. Es braucht eine Lampito, die trotz aller Gefahren – in ganz konkretem Sinn – Grenzen überschreitet und ihre Hand reicht. Es braucht uns alle, die mal zuhören.