Machtspiel: „Staatsfragmente“ im Theater Drachengasse
Valerie Voigt bringt im Theater Drachengasse Kiki Miru Miroslava Svolikovas Kurzdrama „Staatsfragmente“ zur Uraufführung. Ein Abend, der unter anderem aufzeigt, was für „Nackabatzis“ Machthabende ohne ihre Insignien und Symbolpolitik sind. Voigts Loop-Struktur und Svolikovas absurde Poesie entfalten einen Sog, dem man sich schwer entziehen kann.
Es ist sind scheinbar banale Fragen, die den König in Kiki Miru Miroslava Svolikovas Kurzstück „Staatsfragmente (Ein Königsmärchen)“ umtreiben: Wenn er sich dem Volk schon bald zeigen möchte, sollte er das mit Verkleidung oder lieber ohne tun? Als Gleicher oder doch als Ungleicher? Was hat die Bekleidung eines mächtigen Amtes überhaupt mit Verkleidung zu tun? Welche Nackabatzis sind viele Herrscher*innen tatsächlich, wenn es abseits der Symbolpolitik um Führungsqualitäten geht? Rund um diese Fragestellungen entspinnt sich ein poetischer Diskurs über die Mechanismen von Macht und Repräsentation wie auch über Loyalität und Verrat.
Svolikova hat das Minidrama im Jahr 2020 im Rahmen der Berliner Autor*innentheatertage geschrieben, Regisseurin Valerie Voigt brachte es nun mit einem vierköpfigen Ensemble im Theater Drachengasse zur Uraufführung. Weil sich die Grundstrukturen von Machtausübung und Machterhalt durch die gesamte Menschheitsgeschichte hindurch kaum verändert haben, hat sie das Stück als Loop inszeniert. Gemeinsam mit den Spieler*innen bewegt sich das Publikum von der Steinzeit ausgehend in eine dystopisch anmutende Gegenwart hinein. Die Rollen verschieben sich mit jedem neuen Abschnitt – wer gerade noch Berater*in war, ist plötzlich Machthaber*in. Die Machtergreifung wird durch eine lange Armprothese symbolisiert. Voigts Ansatz zeigt: Die Geschichte wiederholt sich, weil sich Strukturen und machterhaltende Verhaltensweisen wiederholen. Wer im Stück frisch an die Spitze kommt, setzt sich jedoch nicht ins gemachte Bett, sondern ist immer wieder aufs Neue mit dem Auf- und Abbau von Macht konfrontiert.
Dass der Loop so gut funktioniert, liegt einerseits an der Spielfreudigkeit des Ensembles, andererseits aber auch an der klugen Verortung in unterschiedlichen Epochen, die dazu beiträgt, dass immer wieder neue Schichten des Textes zutage gefördert werden. Kurz: Es entsteht ein Sog. Als Zuschauer*in bleibt man gebannt dran.
Obwohl sich viele Parallelen zu gegenwärtigen Machthaber*innen aufdrängen, zeigt Valerie Voigt diese nicht. Ihr geht es vielmehr um einen bestimmten Typus. Und um Machtsymbole, ohne die viele Herrschende plötzlich ziemlich nackt dastehen. „Ich hatte sofort ein Gespür und einen konzeptuellen Gedanken für diesen Text. Auch die Idee, dieses Stück mehrmals hintereinander – in einer Art Loop – zu machen, war sehr schnell da. Für die Gegenwart hat mich unter anderem interessiert, was passiert, wenn die Eitelkeit eines absolutistischen Königs auf die Rohheit aus der Steinzeit und auf moderne Technologien trifft. Jeder historische Abschnitt hat einen etwas anderen Twist, gleichzeitig sind die Herrschenden alle ein Stück weit austauschbar“, erläutert die Regisseurin kurz nach der Generalprobe.
Auf realpolitischer Ebene hat diese ständige Wiederholung bestimmter Machtspiele zwar etwas Frustrierendes, in ihrer Arbeit möchte sie jedoch den Humor keinesfalls verlieren, fügt die Regisseurin hinzu. Dieser speist sich vor allem aus der Überhöhung wie auch aus Svolikovas verdichteter Sprache, die Macht als Konstrukt offenbart, das im Kern ziemlich hohl zu sein scheint.
Neue Formen
Auch der Sound spielt in ihrer sehr körperlichen Inszenierung eine wichtige Rolle. Für das Soundkonzept zeichnet die Sängerin, Schauspielerin und Malerin Johanna Sophia Baader verantwortlich, die auch Teil des Ensembles ist. Nach der Generalprobe zieht sie sich rasch um und kommt anschließend zum Gespräch dazu. Es ist das erste Mal, dass sie das gesamte Soundkonzept für eine Theaterproduktion gemacht hat, erzählt sie. Sie hat dafür mit ihrer eigenen Stimme, den Stimmen der anderen Spieler*innen, mit unterschiedlichen Gegenständen und für dein Teil, der in der Gegenwart spielt, auch mit KI gearbeitet. Der Spagat zwischen Schauspiel und Musik hätte ihr großen Spaß gemacht, bemerkt Baader. „Ich fand es toll, weil ich beim Spielen oft gespürt habe, was es gerade soundtechnisch brauchen könnte. Dennoch war es eine sehr intensive Zeit, weil auch die Textarbeit sehr anspruchsvoll war.“
Valerie Voigt bringt gerne mit Stücke zeitgenössischer Autor*innen auf die Bühne. Svolikovas nur 14 Seiten langen Text zu inszenieren, bezeichnet sie als Wagnis, gleichzeitig hatte sie sofort eine Fantasie dazu. „Ich zwinge mich auch gerne selbst in neue Formen. Für mich und meine Arbeit ist es wichtig, nicht bequem zu werden, sondern immer wieder nach neuen Ausdrucksformen zu suchen. Besonders schön an dieser Arbeit war, dass wir so viele Dinge gemeinsam ausprobieren konnten“, hält sie fest.
Über Freiheit zur Lebendigkeit
„Ich glaube, dass der Abend auch sehr vom Spiel miteinander lebt“, fügt Johanna Sophia Baader hinzu. „Es hat ein bisschen gedauert, bis wir so frei waren, dass wir wirklich ins Spiel miteinander gehen konnten. Als dieser Moment dann da war, ist eine Lebendigkeit entstanden, die diese Arbeit meiner Meinung nach auch unbedingt braucht.“
Eine wichtige Aufgabe in diesem spielerischen Miteinander übernehmen auch die von Thomas Garvie gestaltete Bühne und das von Katia Bottegal entwickelte Kostüm. Die weißen Spitzenkleider sind erstaunlich wandlungsfähig und enthalten eine Fülle an Spielangeboten für das spielfreudige Ensemble. Nie wurden Reifröcke auf solch vielfältige Weise eingesetzt. Man könnte auch sagen: Sie reifen mit ihren Aufgaben.
Für Valerie Voigt war eine der größten Herausforderungen, die Körperlichkeit mit der Sprache zu verbinden, ohne zu stark zu illustrieren, sondern abstrakt zu bleiben. „Ich versuche immer eine eigene Fantasie zu finden“, bringt sie ihre Arbeitsweise abschließend auf den Punkt. Wir verabschieden uns. Nach dem Gespräch geht es zu einer letzten Besprechung mit dem Ensemble. Die Frage bleibt: „soll die verkleidung gewählt werden, die ohne verkleidung, gar ohne kleidung auskommt, da das volk ohnehin zu erkennen hat, wer der ungleiche, und zugleich auch gleiche, in ihrer mitte ist?“
Zu den Spielterminen von „Staatsfragmente“ im Theater Drachengasse!