Sein. Oder?
Kein Schauspieler von Rang kommt ohne ihn aus. Nun leiht Claudius von Stolzmann dem geplagten Dänenprinzen „Hamlet“ sein Charisma. Drei Jahre hat er sich darauf vorbereitet. Zu erwarten: Außergewöhnliches.
Die Josefstadt habe ein Spezifikum, leitet Stephan Müller, in dessen Augen immer wieder wohldosierter Schalk aufblitzt, sodass man sich gut aufgehoben fühlt in seiner Gegenwart, das Gespräch ein. „Hier entwickelt sich jede Regiearbeit aus der vorherigen. Als Erstes haben wir ein Stück für Andrea Jonasson gesucht und sind schnell bei ,Der Besuch der alten Dame‘ gelandet, dann hat man Johannes Krisch am Haus, den ich bereits vom Burgtheater kenne, und denkt an Nestroys ,Einen Jux will er sich machen‘, woraus sich wiederum ,Der Bockerer‘ ergibt. Als Nächstes überlegt man sich erneut etwas für Andrea Jonasson und kommt auf ,Der Wald‘, wo ich Robert Meyer begegne, was zu ,Sonny Boys‘ führt. Und ebenfalls im ,Wald‘-Ensemble ist Claudius von Stolzmann, zu dem einem ,Hamlet‘ einfällt.“
Eine organische Magie, die nun dafür verantwortlich zeichnet, dass Stephan Müller sich zum ersten Mal dem Gewaltakt des Dänenprinzen ausliefert. Zu keinem anderen Shakespeare-Stück gibt es mehr Sekundärliteratur, kaum ein Drama bietet annähernd so viele Assoziationsmöglichkeiten, nur wenige Rollen im Schauspielbereich sind ähnlich begehrt wie diese. „Hamlet“ ist allein ob seines Sprachreichtums ehrfurchtgebietend und lässt einen stets mit einer gewissen Restratlosigkeit zurück. Das Faszinosum speist sich aus einem Konglomerat von philosophischer Beschau und physischer Präsenz, die gemeinsam intellektuelle wie emotionale Wuchtwelten zu erzeugen vermögen.
„Mich begeistert der Reichtum der Situation, die fantastische Schwarzmalerei, die Tragödie nicht nur eines Subjekts, sondern einer gesamten Nation. Ein Staat geht unter. Sämtliche Systeme sind krisenhaft, was natürlich sofort an aktuelle Ereignisse denken lässt. Das Fulminante an ,Hamlet‘ ist, dass dieses Stück seit mehr als 400 Jahren die jeweilige Gegenwart aufsaugt wie ein Schwamm“, so Stephan Müller. Shakespeares Drama sei ein Requiem auf vieles – nicht nur auf ein geniales Individuum. „Hamlets Krisen ziehen sich durch nahezu alle seine Beziehungen.
Mit Ausnahme von Horatio, der Figur des Totengräbers, und des Geists seines Vaters hat er mit allen Probleme. Mich interessiert das, was man die Rebarbarisierung des Zivilsatorischen nennt, die sich vor allem in zwei Aspekten zeigt: dem Verlust der Nächstenliebe und dem Untergang des Friedens. ,Hamlet‘ ist ein Gegenwartsstück und es ist bereichernd, daran zu arbeiten. Aber es ist auch herausfordernd, weil es unendlich komplex ist, eine riesige Landschaft von Ereignissen. Zumindest, wenn man tatsächlich das Stück erzählen will und nicht irgendeine neu-deutsche postdramatische Abkürzungstechnik zu verwenden gedenkt.“
MACHT UND MORAL
Ein Kern des Stücks ist für Regisseur Stephan Müller das, was er „die Matrix der Macht“ nennt. „Wie komme ich an die Macht? Im Falle von Claudius, indem ich meinen Bruder, den König, vergifte, seine Frau, Gertrud, heirate, deren Sohn, Hamlet, kaltstelle und mich dem königlichen Rat als idealer Nachfolger des Herrschers präsentiere. Diese Finesse ist sehr interessant. Für ganz wesentlich halte ich auch, dass der Geist des Vaters Hamlet einen im Grunde widersinnigen Auftrag erteilt. Er solle Rache an Claudius üben, sich dabei aber nicht durch unmoralisches Verhalten beflecken. Das ist der Grund, warum Hamlet seinen Onkel, als er ihn betend vorfindet, nicht umbringt. Jemanden auf ethisch saubere Art zu ermorden, ist ein Paradoxon. Diese ihm telepathisch aus dem Jenseits gestellte Aufgabe ist nicht zu lösen. Darunter leidet Hamlet auch permanent. Im berühmten Satz ,Die Zeit ist aus den Fugen, Fluch und Gram, dass ich zur Welt sie einzurenken kam‘ drückt er selbst sein ganzes Dilemma aus. Wie Herkules, auf den er sich auch mehrfach bezieht und der ihm ein mythisches Vorbild zu sein scheint, soll er die Ordnung wiederherstellen. Das gelingt ihm auf allen Ebenen nicht. Hamlet ist ein Antiheld. Aus diesem Grund mögen wir ihn auch so sehr. Weil wir selbst auch Antihelden sind, die weit unter ihrem Niveau fliegen. Das löst bisweilen Trauer über die eigene Existenz aus und ist Anlass, sich in eine Depression zu verabschieden.“
Einer, der zweifelsfrei nicht zu den Unterfliegern zählt, ist Claudius von Stolzmann, nicht zu verwechseln mit dem schurkischen Claudius des Stücks. Was prädestiniert ihn in den Augen des Regisseurs für die Titelrolle? „Er hat eine enorme Spielintelligenz, er hat Rasanz, er hat einen vulkanischen Witz, er hat die notwendige Körperlichkeit, er hat eine Plötzlichkeitsbegabung. Er kann wahnsinnig schnell Brüche spielen und liebt diese komplexe Sprache. Im Barock hätte man gesagt, er trägt ein Affektrad in sich: Zwischen grenzenloser Freude und totalem Hass ist bei ihm alles vorhanden. Ideal für Hamlet.“
SCHLAGZEUG UND AKROBATIK
Claudius von Stolzmann beschäftigt sich seit drei Jahren mit dem Prinzen jenes Staats, in dem etwas faul ist. „Den Wunsch oder die Hoffnung, Hamlet eines Tages zu spielen, hege ich aber schon seit 20 Jahren.“ Wie mühevoll respektive beglückend ist denn die enge Beziehung zu dieser schwer fassbaren fiebrigen Persönlichkeit? „Ich würde sagen, es herrscht eine schöne Ausgewogenheit. Die Anstrengung ist eine geistige und betrifft die Texte: weniger das Auswendiglernen als vielmehr das Verstehen dessen, was da gesagt wird. Man muss bei ,Hamlet‘ viele unterschiedliche Haltungen in seinen sensorischen Langzeitspeicher bekommen. Das ist quasi der schauspielerische Aspekt. Dazu kommen noch andere Inszenierungsfaktoren wie Kampfsport oder Akrobatik. Diese sind für mich unmittelbar belohnend, weil ich sehr gern Neues dazulerne.
Grundsätzlich macht mir das Kreieren eines Bühnenmenschen große Freude.“ Für „Die Dreigroschenoper“ nahm Claudius von Stolzmann Gesangsstunden und balancierte einen beträchtlichen Teil des Stücks auf seinen Händen, wofür er intensiv trainierte. Im Falle von „Anna Karenina“ übte er sich im Eistanz. Für „Hamlet“ entstand in Zusammenarbeit mit dem Regisseur die Idee, die Figur mit rhythmischen Fähigkeiten auszustatten, die ihm nun ein Lehrer am Schlagzeug vermittelt. Dazu kommt ein forderndes Konditionsprogramm. „Denn dieses Mal“, lacht Claudius von Stolzmann, „soll man die Fitness auch explizit sehen können.“ Man darf also mit Muskeln rechnen.
Ein weiteres Detail der Inszenierung, das Stephan Müller bereits verraten kann, betrifft die von Johannes Krisch dargestellte Figur des Geists von Hamlet senior. „Hier werden wir mit Videos arbeiten. Der Schauspieler selbst wird nicht auf der Bühne stehen, sondern durch Filmeinspielungen präsent sein.“ Brudermörder Claudius wird dargestellt von Daniel Jesch. „Im Fußball würde man ihn eine Leihgabe nennen“, so Stephan Müller, „und ich bin außerordentlich froh, dass Burgtheater-Direktor Stefan Bachmann dieses Gastspiel ermöglicht hat.“
DRANG UND MYTHOS
Von Josef Kainz und Oskar Werner über Klaus Maria Brandauer und Ulrich Wildgruber bis hin zu Lars Eidinger, August Diehl und Christian Friedel haben beinahe alle bedeutenden deutschsprachigen Bühnenschauspieler „Hamlet“ in ihrer Vita. Was qualifiziert Claudius von Stolzmann seiner Meinung nach für die Rolle?
„Ich würde sagen, die Unabdingbarkeit, das spielen zu wollen, ist eine Grundvoraussetzung, die jeder Hamlet-Darsteller mitbringen sollte. Man muss sich wirklich mit jeder Faser seines Ichs darauf einlassen und dem aussetzen wollen. Warum gerade das eine so ikonische Rolle ist, lässt sich schwer beantworten, weil sie tatsächlich auch Plotlöcher hat. Aber im langjährigen Theaterprozess hat sich eine Art Mythos darum gebildet. Für einen Schauspieler ist Hamlet sicher auch deshalb so interessant, weil die Figur eine ganze Amplitude an Emotionen bereithält. Freude, Wut, Trauer, Liebe, Hass … Dadurch ist man dazu eingeladen, die ganze Bandbreite seines Könnens zu zeigen.“
Und auch wenn schon Thomas Bernhard dem heimischen Theater eine Klassiker-Verliebtheit, die zulasten aktueller Stoffe ginge, vorgeworfen hat, bleibe „Hamlet“ relevant. „Er spricht die Menschlichkeit auf allen Ebenen an und zeigt uns die Widerstände des Lebens, an denen wir uns letztlich alle abzuarbeiten haben. Vielleicht ist er kein Vorbild in der Bewältigungsstrategie von Problemen, aber er ist ein Lehrmeister im Nachdenken. Es ist brillant, wie er mit philosophischem Skalpell das Wahrgenommene analysiert.“
Der berühmte Monolog, in dem Hamlet zum Schluss kommt, dass wohl niemand bereit wäre, den Schmerz des Lebens zu ertragen, hätten wir nicht alle Angst vor dem, was danach kommen könnte, wird mit dem sinnbildlichen „Sein oder nicht sein“ eingeleitet. Exemplarische vier Worte, auf deren Betonung seit jeher eine Publikumserwartungshaltung lastet. Weiß Claudius von Stolzmann schon, wie er den Satz anlegen wird?
„Wir haben schon vieles ausprobiert (lacht). Aber weil der Anspruch so groß ist, kann man eigentlich nur enttäuschen. Darin liegt zugleich auch die Chance, etwas ganz Eigenes zu kreieren.“
IDEEN UND PLÄNE
Claudius von Stolzmann hat die Option, auch nach dem Direktorenwechsel im Ensemble der Josefstadt zu bleiben. Was nach „Hamlet“ kommt, weiß er noch nicht. Eine ungewohnte Situation für ihn. „Früher hatte ich die Sorge, keine Klarheit zu haben, jetzt genieße ich es, durchatmen zu können und freue mich auf das Unbekannte.“ Einen stärkeren Fokus auf Regie zu legen, ist wohl der logische nächste Schritt. Im letzten Jahr hat er den Kurzfilm „Am Wasser“ mit Kimberly Rydell, die auch das Drehbuch schrieb, und Florian Carove in den Hauptrollen inszeniert – aktuell weltweit auf Festivals präsent. Ideen für weitere Projekte – auch am Theater – gäbe es zur Genüge. „Ich habe immer mehr das Bedürfnis, als Regisseur der Hauptideengeber zu sein.“
Stephan Müller wechselt in absehbarer Zeit wieder ins Musiktheater. Frank Zappas Oper „200 Motels“ in Genf, ein John-Cage-Projekt an der Deutschen Oper Berlin und Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“ an der Deutschen Oper am Rhein stehen auf dem Programm. Er nehme die Welt, sagt er zum Abschluss, sehr gereizt und unberechenbar wahr. Womit wir wieder bei „Hamlet“ wären. „Man kann als Regisseur aus dem Vollen schöpfen, denn zur Zeit sind viele Tyrannen am Werk, die als Vorbilder dienen können.“
Hier geht es zu den Spielterminen von "Hamlet" im Theater der Josefstadt!