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Seán McDonagh auf dem Lusterboden des Burgtheaters, wo auch die Proben für „Lysistrata“ stattfinden.

Seán McDonagh auf dem Lusterboden des Burgtheaters, wo auch die Proben für „Lysistrata“ stattfinden.
Foto: Marcel Urlaub

Energiegeladen

Burgtheater

Seán McDonagh mag die Überforderung. Auf der Bühne bringt er seine Gedanken deshalb nicht mit Energiesparlampen, sondern mittels Starkstrom zum Leuchten. Demnächst tut er das in der Komödie „Lysistrata“.

Ich liebe es, über Theater zu sprechen“, hält Seán McDonagh mitten im Gespräch fest. Eine Tatsache, die der in Hamburg geborene Schauspieler mit irischen Wurzeln gar nicht hätte verbalisieren müssen. Man merkt es bereits beim ersten Satz, den er abfeuert. Wir sitzen in der Kantine der BURG, auf der großen Bühne wird gerade Nestroy geprobt. „Zehn Minuten Pause“, tönt es laut und deutlich über den Lautsprecher, was den Schauspieler jedoch nicht davon abhält, seinen zwischen Begeisterung und Nachdenklichkeit changierenden Redefluss fortzusetzen. Ohnehin sei er, wie McDonagh im Laufe des Gesprächs betont, nicht der allergrößte Fan von Pausen. Wenn er gefordert wird, vielleicht sogar ein bisschen überfordert ist, käme er am einfachsten in einen Zustand, in dem er gut arbeiten kann.

„Am produktivsten bin ich immer dann, wenn ich noch nicht ganz am Anschlag bin, mich aber bereits in einem roten Bereich befinde“, bringt er seinen liebsten Arbeitsmodus auf den Punkt. Davon zeugt auch die lange Liste an Stücken, in denen er gerade zu sehen ist. Unter anderem in Thomas Bernhards „Auslöschung“, in Virginia Woolfs „Orlando“ oder in der Bühnenadaption des Romans „Alles ist erleuchtet“.

„Im Stress ruhig zu werden und funktionieren zu können, halte ich für einen maßgeblichen Teil des Berufs“, fügt Seán McDonagh hinzu und nimmt einen Schluck von seiner Frucade. Eventuell trägt auch die mehr oder weniger regelmäßige Zufuhr dieser zuckerhaltigen, sehr nach Kindheit schmeckenden Limonade dazu bei, dass der Schauspieler seinen Energiepegel stets ein bisschen über der normalen Betriebstemperatur hält.

Bei aller Hochtourigkeit ist Seán McDonagh aber alles andere als laut und polternd, sondern fein und nuanciert. Vielleicht auch: lässig, ohne gelassen zu sein. Diese Art von positiver Anspannung prägt auch sein Spiel. Sie führt dazu, dass man ihm genau zuschaut und gebannt zuhört. Vielmehr noch: Sie überträgt sich auf den eigenen zuschauenden Körper. Man ertappt sich dabei, wie das Staunen Orlandos plötzlich zum eigenen Staunen oder die Besorgtheit Jonathans in „Alles ist erleuchtet“ zur eigenen Besorgtheit wird.

MUT ZUR DISRUPTION

Gerade probt Seán McDonagh die Komödie „Lysistrata“ von Aristophanes. Ein Stück, dessen Inhalt schnell zusammengefasst ist: Rund um Anführerin Lysistrata – in der Inszenierung gespielt von Mavie Hörbiger – formiert sich eine Gruppe von Frauen aus Sparta und Athen, die nur eine Möglichkeit sehen, die schon lange andauernde Kriegstreiberei zu beenden: Sie verweigern sich ihren Männern.

Foto: Marcel Urlaub

In der vermeintlichen Einfachheit läge aber auch das Tückische des Stücks, so McDonagh, der Myrrhine, eine der Verbündeten Lysistratas, spielt. „Wir sind gerade dabei, nach Themen zu suchen, die hinter den Pointen liegen. Den Stoff anzureichern und anzufüttern, damit klarer wird, dass es auch um die Disruption eines Alltags geht, der Krieg zur Normalität gemacht hat“, beschreibt Seán McDonagh einen wichtigen Teil der bisherigen Auseinandersetzung mit dem Text. Er setzt nach: „Das Ziel der Frauen ist es, das Rad für eine Minute zum Stehen zu bringen, um die gesamte Situation neu zu denken und die Normalisierung von Krieg aufzulösen.“

Das Stück nur als Kampf der Geschlechter zu denken, greife auf jeden Fall zu kurz. „Denn es gibt auch Männer in dem Stück, denen es in dieser Situation alles andere als gut geht. In den Proben haben wir auch darüber gesprochen, welche Auswirkungen Kriege auf Männer haben können, die mit dieser komischen Verschränkung von Krieg und Männlichkeit nichts anfangen können.“

Ebru Tartıcı Borchers inszeniert das Stück im Kasino. Auch ihr ist es wichtig, dass der Abend nicht als Krieg der Geschlechter verstanden wird. „Denn ich glaube, es geht vielmehr um das fehlende Mitbestimmungsrecht. Die Rebellion, die die Frauen anführen, ist der Beginn einer Bewegung, die wir nur alle zusammen, Frauen und Männer gemeinsam, schaffen können.“

Die vielen Gesichter des Seán McDonagh. Beim Fotoshooting zeigte er uns ein paar davon.
Foto: Marcel Urlaub
Die vielen Gesichter des Seán McDonagh. Beim Fotoshooting zeigte er uns ein paar davon.

Besonders reizvoll an der Komödie fand sie, dass die Frauen im Stück mit ihrem Widerstandsakt soziale Gewohnheiten umkehren und den Alltag unterbrechen. „Das hat mich fasziniert“, so Borchers. „Die Frauen werden – indem sie sich ihren Männern verweigern – die neuen Gesetzesmacherinnen in ihrer Gesellschaft, in der sie bis dahin nicht einmal wahlberechtigt waren.“

Seán MCDONAGH wurde 1982 in Hamburg geboren und hat irische Wurzeln. Nach dem Schauspielstudium in Hamburg spielte er u. a. am Thalia Theater. Er war in Dresden, am Schauspielhaus Zürich und am Schauspiel Köln engagiert, bevor er mit Stefan Bachmann an die BURG wechselte. Neben dem Theater steht er auch für Film- und Serienproduktionen vor der Kamera, u. a. in „School of Champions“.
Foto: Marcel Urlaub
Seán MCDONAGH wurde 1982 in Hamburg geboren und hat irische Wurzeln. Nach dem Schauspielstudium in Hamburg spielte er u. a. am Thalia Theater. Er war in Dresden, am Schauspielhaus Zürich und am Schauspiel Köln engagiert, bevor er mit Stefan Bachmann an die BURG wechselte. Neben dem Theater steht er auch für Film- und Serienproduktionen vor der Kamera, u. a. in „School of Champions“.

THEATER ALS PROTEST

„Lysistrata“ ist darüber hinaus ein Stück, das aufzeigt, wie viel Kraft in Zusammenhalt steckt. Und auch eines, das den Protest eindeutig über die Resignation stellt. Wobei Letztere auch häufig aus Überforderung entstehe, so der Schauspieler. „Viele Themen sind so komplex, dass es mir manchmal schwerfällt, etwas dazu zu sagen, weil ich das Gefühl habe, mich nicht ausreichend damit beschäftigt zu haben. Trotzdem habe ich einen klaren humanistischen Kompass, nach dem ich lebe und den ich auch meinen Kindern weitergeben möchte.“

Ebru Tartıcı Borchers fände es schön, wenn der Abend auch ein Anlass sein könnte, um einen Weg aus der Resignation zu finden. „Er sollte Mut machen, Energie und Hoffnung geben, zum Diskurs einladen – und zwar in einer Runde diverser Geschlechter.“

Theater muss sexy sein. Im besten Fall fühlt es sich so an wie ein gutes Date – lustvoll, captivating und herausfordernd. – Seán McDonagh, Schauspieler
Foto: Marcel Urlaub
Theater muss sexy sein. Im besten Fall fühlt es sich so an wie ein gutes Date – lustvoll, captivating und herausfordernd. – Seán McDonagh, Schauspieler

Und auch das Theater kann eine Form von Protest sein, merkt Seán McDonagh an. „Nicht in der Hinsicht, dass man etwas aufführt und es sich sofort auf die Politik auswirkt, trotzdem glaube ich daran, dass das Theater einen Einfluss auf unser Zusammenleben hat. Sich ein Stück anzuschauen, ist ein zutiefst entschleunigender, wunderbarer Vorgang, der durch die Hintertür friedensstiftend ist und einen humanistischen Umgang miteinander fördert.“

Geht es nach Seán McDonagh, muss Theater aber auch sexy sein. Aber nicht auf jene Weise, die man nun vielleicht im Kopf hat. „Die Aussage stammt von meiner wunderbaren Dozentin Jutta Hoffmann. Theater ist wie ein gutes Date. Im besten Fall ist es lustvoll, captivating, herausfordernd und trägt eine besondere Form von Schönheit in sich.“

DIE REGISSEURIN
Ebru TARTICI BORCHERS
studierte Schauspiel in
Ankara und Regie am
Salzburger Mozarteum.
Sie hat u. a. bereits am
Schauspielhaus Zürich,
am Theater Osnabrück
und an der BURG inszeniert. Außerdem ist
sie Hausregisseurin am
Oldenburgischen
Staatstheater.
Foto: CHRISTIAN BORCHERS
DIE REGISSEURIN Ebru TARTICI BORCHERS studierte Schauspiel in Ankara und Regie am Salzburger Mozarteum. Sie hat u. a. bereits am Schauspielhaus Zürich, am Theater Osnabrück und an der BURG inszeniert. Außerdem ist sie Hausregisseurin am Oldenburgischen Staatstheater.

ZÜRICH, KÖLN, WIEN

Sein Theaterinteresse wurde bereits während der Schulzeit geweckt, erzählt der Schauspieler. „Ich bin in Hamburg in einem Plattenbau aufgewachsen – mit sehr belesenen und kunstinteressierten Eltern. Mein Interesse ging zunächst aber eher in Richtung Film. Mit meinen Nachbarskindern habe ich Filme gedreht und sie dabei manisch angeschrien, weil sie meiner Meinung nach nicht gut genug gespielt haben.“ Ein Teil dieser Manie ist ihm bis heute geblieben, angeschrien wird aber natürlich niemand mehr.

Sein Studium absolvierte Seán McDonagh an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg. „Ich habe eigentlich erst begriffen, was ich da tue, als ich schon studiert habe. Aus einem ganz anderen Hintergrund kommend, war das eine komplette neue Welt für mich, die ich aber schnell sehr geliebt habe.“ Nach der Schauspielschule spielte er in Hamburg, am Staatsschauspiel Dresden und danach am Schauspielhaus Zürich. 2013 wechselte er ans Schauspiel Köln, wo er mehr als zehn Jahre blieb. Zu Beginn seiner Laufbahn gleich in starken Ensembles zu sein, hätte ihm bei seiner Entwicklung als Schauspieler sehr geholfen, fügt er hinzu. „Ich wollte alles wissen und habe sehr viel zugeschaut. Um wachsen zu können, brauchte ich zwei Wände neben mir.“

Darum geht‘s in der Komödie „Lysistrata“

Nach vielen Kriegsjahren gibt es für Lysistrata und die Frauen aus Athen und Sparta nur noch eine Möglichkeit, um das kriegerische Treiben zu beenden: Sie verweigern sich ihren Männern und bringen auch die Staatsgelder in ihre Hände.

Die braucht er mittlerweile nicht mehr. Mit Thomas Bernhards „Auslöschung“ hat er außerdem den inoffiziellen Eignungstest für neue BURG- Schauspieler*innen bravourös bestanden: einen Bernhard-Text in Wien zu spielen. Im Vorfeld hätte er sich schon einige Gedanken über die enge Beziehung der Wiener*innen zu diesem Autor gemacht, erzählt er. „Wenn mir Österreicher*innen wie Stefanie Reinsperger einen Satz daraus vorlasen, klang das sofort richtig. Wenn ich es auf Hochdeutsch las, klang hingegen alles falsch. Aber wir haben einen Weg gefunden“, sagt er lachend. Sicher ist: Seán McDonagh liebt nicht nur das Sprechen über das Theater, sondern alles daran. Und es wird nicht lange dauern, bis die Wiener*innen auch ihn lieben. Wenn das nicht eh schon längst passiert ist.

Hier geht es zu den Spielterminen "Lysistrata“ im Kasino des Burgtheaters!

Universitätsring 2
1010 Wien
Österreich
Foto beigestellt

Erschienen in
Bühne 02/2026

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Sarah Wetzlmayr
Sarah Wetzlmayr
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