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Barbi Markovićs Poproman „Die verschissene Zeit“ führt uns in das Belgrad der Neunzigerjahre. Imre Lichtenberger Bozoki hat den Text auf die Bühne gebracht. Die Fassung stammt von der Autorin und der Dramaturgin Anna Laner.

Barbi Markovićs Poproman „Die verschissene Zeit“ führt uns in das Belgrad der Neunzigerjahre. Imre Lichtenberger Bozoki hat den Text auf die Bühne gebracht. Die Fassung stammt von der Autorin und der Dramaturgin Anna Laner.
Foto: Bettina Frenzel

Gute Zeiten, schlechte Zeiten: „Die verschissene Zeit“ im Kosmos Theater

Kosmos Theater

„Die verschissene Zeit“, eine Bühnen-Adaption des gleichnamigen Romans von Barbi Marković, ist eine musikalische Zeitreise ins Belgrad der Neunzigerjahre. Für das Ensemble war die Arbeit an dem Stück ein emotionaler Rollercoaster. Wir haben den Regisseur und Musiker Imre Lichtenberger Bozoki und die Musikerin und Komponistin Jelena Popržan getroffen.

„Wir müssen immer aufpassen, dass die Neunzigerjahre nicht zurückkehren, dass wir die Neunzigerjahre nicht wieder in die Welt rufen. Dass wir die Neunziger in uns und in den anderen Leuten nicht wieder zum Leben erwecken“, schreibt Autorin Barbi Marković in dem von ihr und ihren Freund*innen erdachten Pen-&-Paper-Rollenspiel, auf dem ihr Roman „Die verschissene Zeit“ basiert. Regisseur Imre Lichtenberger Bozoki, der das Buch gemeinsam mit seinem Team für die Theaterbühne adaptiert hat, hält sich nicht an diesen Appell. Zum Glück. Mit viel Musik und auf einer mit Outdoor-Klettergerüsten ausgestatteten Bühne lässt das insgesamt achtköpfige Ensemble – zu dem er als Musiker auch selbst gehört – zurück ins Belgrad der Neunzigerjahre reisen. Und mit ihm auch das Publikum.

Also zurück in jene „verschissene Zeit“, die ein ungleiches Teenager-Trio, dessen Lebensinhalt in einer Belgrader Vorstadt Mitte der Neunzigerjahre vor allem aus Warten besteht, gerne mittels Zeitmaschine hinter sich lassen würde. Doch die Maschine spinnt, was zur Folge hat, dass sie stattdessen an unterschiedliche Punkte der sogenannten „Allneunziger“ katapultiert werden – unter anderem in die Zeit der Hyperinflation zu Beginn des Jahrzehnts oder ins Jahr 1999, als die NATO-Luftangriffe stattfanden.

Für die Musik verantwortlich: Jelena Popržan, Imre Lichtenberger Bozoki und Vladimir Kostadinović.
Foto: Bettina Frenzel
Für die Musik verantwortlich: Jelena Popržan, Imre Lichtenberger Bozoki und Vladimir Kostadinović.

„Ich habe diesen Roman gelesen und hatte, wie vermutlich viele andere ausgewanderte Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien auch, sofort das Gefühl, dass dieser Roman für mich geschrieben wurde“, erinnert sich Imre Lichtenberger Bozoki an seine erste Begegnung mit Barbi Markovićs Roman. Wie die Autorin wuchs auch der Musiker und Theatermacher in Serbien auf, bis er 1999 zum Trompetenstudium nach Österreich kam. „Es ist ein sehr politisches Buch, doch der Spaß an der Erzählung geht nie verloren. Die Politik ist nie Selbstzweck in diesem Roman, gleichzeitig war diese Zeit von so vielen krassen politischen Ereignissen geprägt, dass man sie keinesfalls ignorieren kann. Wenn die Politik den Alltag auf solch entscheidende Weise beherrscht, bedeutet das immer, dass schlechte Zeiten herrschen. Gute Zeiten sind es dann, wenn der Alltag von schönen Dingen geprägt ist und die Politik daneben herläuft. Diesen Luxus hatten wir in den Neunzigerjahren nicht.“

„Die verschissene Zeit“ ist noch bis 10. Januar im Kosmos Theater zu sehen.
Foto: Bettina Frenzel
„Die verschissene Zeit“ ist noch bis 10. Januar im Kosmos Theater zu sehen.

Emotionaler Rollercoaster

Weder das Buch noch der Theaterabend haben den Anspruch didaktisch oder dokumentarisch zu sein, betont er. „Das gelingt deshalb, weil die Geschichte des Aufwachsens der drei Jugendlichen im Zentrum steht. Damit ist es für alle Menschen, die sich das Stück ansehen – egal, wo sie herkommen – ein Abenteuer. Für Menschen aus Jugoslawien wird es aber mit Sicherheit ein etwas größerer emotionaler Rollercoaster sein als für andere. Darüber hinaus war es uns wichtig, nicht nach unten zu treten und nicht so zu tun, als wären wir klüger als das Publikum. Es ist einfach unsere Interpretation dieser Ereignisse.“

Von Anfang an sei klar gewesen, dass er das Stück gerne ausschließlich mit Menschen besetzen würde, die Migrationsgeschichte haben, fügt er hinzu. „Und auch, dass die Rolle der Kasandra, die eine Romni ist, auch von einer Romni gespielt werden soll.“

Rock als Widerstand

„Außerdem verlangt dieser Text danach, dass man die Popmusik dieser Zeit zitiert“, hält die Musikerin Jelena Popržan fest. Die 1981 in Novi Sad geborene Komponistin und Multiinstrumentalistin ist für die Musik des Theaterstücks verantwortlich und Teil des musikalischen Ensembles von „Die verschissene Zeit“. Das Buch trifft einen unerwartet, „um die Ecke“, fügt sie hinzu. Während der Probenzeit hätten sie extrem viel gelacht, aber auch geweint, so Popržan. „Imre und ich gehören zu jener Generation, der es noch so richtig eingeimpft wurde, Jugoslawien zu lieben und wertzuschätzen. Natürlich auch mit Propagandamitteln, wobei ich gegen diese Propaganda nichts habe, weil sie uns den Glauben an Brüder- und Schwesterlichkeit, die Schönheit und Stärke des Zusammenhalts, nicht trotz, sondern, wegen der angeblichen Unterschiede, gelehrt hat.“

Einige der Lieder, die im Stück vorkommen, hat Barbi Marković bereits in ihren Roman hineingeschrieben, andere kamen dazu. Wer von den Neunzigerjahren in Ex-Jugoslawien erzählt, kommt auch um Turbofolk nicht herum, so Jelena Popržan. „Turbofolk war unumgänglich, aggressiv präsent, man konnte den Liedern nicht ausweichen. Diese Musik hat nicht nur die Sehnsüchte der breiten Massen angestachelt, sondern stand auch für die Ästhetik von Nationalisten und Kriegstreibern. Teilweise wurde diese Musik als Kriegspropaganda missbraucht. Das ist eine Art Popmusik, die weder besser oder schlechter ist als jede andere Form von Popmusik dieser Welt. Schon die nächste Generation kann sich mit dieser Musik identifizieren, weil die Konnotationen nicht mehr so greifbar waren. Ich kann ihr aber nicht zu Gänze verzeihen, wofür sie damals stand.“

Sie selbst hätte in ihrer Jugend vor allem Rockmusik gehört – als Gegenpol zum Mainstream. „Wir dachten, dass wir mit Rock Widerstand leisten“, so Popržan. Subkulturen und die damit einhergehende Notwendigkeit, sich für eine zu entscheiden, hätten damals überhaupt eine viel größere Rolle gespielt, als das heute der Fall ist, sind sich Lichtenberger Bozoki und die Musikerin einig. Apropos Widerstand: Einen Funken Hoffnung empfindet sie, wenn sie an die schon mehr als ein Jahr andauernden Aufstände in Serbien denkt. „Das ist die erste Generation, die das Scheitern nur als Erzählung kennt, und jetzt das Land reorganisieren möchte, damit sie dort bleiben kann. Die einzige Möglichkeit, die wir damals gesehen haben, war, auszuwandern.“

Zum Abschluss kommen wir noch einmal auf die Musik zu sprechen. Und landen bei der Frage, was das Schöne am Schreiben von Theatermusik sei. Jelena Popržan lacht und antwortet: „Man kann Dinge tun, die man auf eigenen Konzerten niemals machen würde. Wie Turbofolk spielen. Ich kann in andere Rollen schlüpfen. Für diese Arbeit habe ich mir beispielsweise jenen Synthesizer besorgt, den ich 1988 bekommen habe. Plötzlich war der Sound meiner Kindheit wieder da.“

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