Wer nie riskiert, kann nie scheitern – und nie gewinnen

„Von der Liebe Tod“ heißt das Projekt, das zwei große Werke von Gustav Mahler zu jener Oper machen soll, die er nie ­geschrieben hat. Verrückt? Genial? Wir haben die wichtigsten Protagonisten getroffen. Es ist die Geschichte eines Risikos.

Wir starten diese Story mit einer Wikipedia-Belehrung. Wussten Sie, dass das Wort „Risiko“ vom altitalienischen risco stammt? Also eigentlich weiß man es nicht so genau. Es hat in der früheren Schifffahrt so viel wie „Klippe“ bedeutet.

So. Und damit wären wir auch schon bei der Überleitung zu dieser Geschichte. Denn zu umschiffende Klippen gibt es in der September-Premiere der Wiener StaatsoperVon der Liebe Tod“ einige. Gustav Mahlers „Klagendes Lied“ und seine „Kindertotenlieder“ werden da zu einem szenischen Musiktheaterabend verwoben – und damit quasi zu jener Oper, die Gustav Mahler nie geschrieben hat.

Gustav Mahler
Gustav Mahler der geniale Komponist, Dirigent und Direktor der Wiener Staatsoper hat nie eine Oper geschrieben. Über seine „Kindertotenlieder“ sagt er: „Als ich später wirklich eine Tochter verloren habe, hätte ich die Lieder nicht mehr schreiben können.“ Foto: Almay Stock Foto

Calixto Bieito, der Reibebaum des Stehplatzes, wird inszenieren. Lorenzo Viotti, einer der spannendsten Meister am Pult, wird dirigieren, und Welt-Bariton Florian Boesch wird endlich sein Hausdebüt feiern. Die BÜHNE hat im Vorfeld mit den wichtigsten Protagonisten gesprochen, und alle haben – unabhängig voneinander – ein und dasselbe Wort für die Produktion verwendet: Risiko. Das passt. Denn Langeweile oder gar anbiedernde musikalische Risikovermeidung ist nicht gerade die größte Charaktereigenschaft der aktuellen und verlängerten Staatsopern-Führung.

Vom Verstehen

Direktor Bogdan Roščić: „Ich fand es zunächst einmal langweilig, nur ein Symphonie-Konzert zu spielen. Calixto Bieito ist ein totaler Mahler-Fan, er hat alle seine Symphonien am Handy und hört sie unablässig und obsessiv. Wir haben uns in dieses Projekt verbissen. Es ist unglaublich Wagner-artig, es hat etwas mythologisch Altes und ist sehr effektvoll aufführbar. Das Stück bringt auch ein wichtiges Hausdebüt: Dass ein Sänger von der Qualität und der Weltkarriere des Florian Boesch hier noch nie gesungen hat, ist doch schräg. Als ich ihm dieses Projekt vorgeschlagen habe, hat er gesagt: ‚Bogdan, ich merke, du hast mich verstanden.‘“

„Ich will, dass ein neues Zeitalter des Humanismus beginnt. Denn unserer Erde weint, und es geht um die Zukunft unserer Kinder.“

Calixto Bieto, Regisseur
Calixto Bieito
Der katalanische Bilderzauberer Calixto Bieito ist Mahler-Fan, hört dessen Symphonien obsessiv übers Handy. James Bridles Welt-Bestseller „New Dark Age“ hat ihn zu seiner Inszenierung inspiriert. „Ein sehr spezieller Baum wird der Mittelpunkt der Bühne.“ Foto: Lukas Gansterer

In den wichtigsten Häusern der Welt hat Bass-Bariton Boesch bereits gesungen, eben nur noch nie an der Wiener Staatsoper – und es lag nicht daran, dass er nicht gefragt wurde, sondern eher daran, dass er sich bislang im Haus am Ring einfach nicht verstanden fühlte. Er sagt über das Projekt: „Wenn ich versuche, Mahlers ‚Kindertotenlieder‘ zu Hause zu singen, dann ist das wie eine Abwehrschlacht.“

Was Boesch damit meint? Es ist Zeit für einen kleinen Exkurs. Denn was sind das für Texte, die einen Sänger wie Boesch so bewegen, der über seinen Werdegang sagt: „Der eigentliche Weg in die Musik ging über den Text. Ich habe schon als Jugendlicher Goethe- und Schiller-Balladen mit großer Verehrung gelesen. Irgendwann bin ich draufgekommen, dass es diese Verse auch vertont gibt. Nikolaus Harnoncourt nannte es ‚das klingende Wort‘. Und das klingende Wort ist meiner Ansicht nach die machtvollste Intervention in unser Gefühlssystem.“

„Das klingende Wort ist meiner Ansicht nach die machtvollste Intervention in unser Gefühlssystem.“

Florian Boesch, Bass-Bariton
Florian Boesch
Florian Boesch, Bass-Bariton sang schon auf der ganzen Welt – feiert aber erst jetzt sein Hausdebüt an der Staatsoper. Erst das Mahler-Projekt konnte ihn überzeugen. „Ich bin bereit, mein Singen dem Material zu unterwerfen.“ Foto: David Payr

Am 29. Jänner 1905 werden die „Kindertotenlieder“ im kleinen Wiener Musikvereinssaal uraufgeführt, Gustav Mahlers ergreifende Vertonung der Gedichte von Friedrich Rückert (1788–1866). Zwei von Rückerts Kinder waren an Scharlach gestorben, den Schmerz hatte der Dichter in fast 500 Texten verarbeitet. Textprobe gefällig? „Oft denk ich, sie sind nur ausgegangen! Bald werden sie wieder nach Hause gelangen!“

Alma Mahler reagiert gereizt auf diese Komposition ihres Mannes: „Ich kann es wohl begreifen, dass man so furchtbare Texte komponiert, wenn man keine Kinder hat oder wenn man Kinder verloren hat. Ich kann es aber nicht verstehen, dass man den Tod von Kindern besingen kann, wenn man sie eine halbe Stunde vorher, heiter und gesund, geherzt und geküsst hat. Um Gottes Willen, du malst den Teufel an die Wand!“

Kurze Zeit später stirbt Tochter Maria Anna an Diphtherie. Gustav Mahler ist erschüttert: „Ich hatte mich in die Lage versetzt, mir wäre ein Kind gestorben. Als ich dann wirklich eine Tochter verloren habe, hätte ich die Lieder nicht mehr schreiben können.“ Wie aber singt man als zweifacher Vater so ein Werk, Herr Boesch?

Vom Singen

„Jedenfalls nicht schön. Denn diese Texte und diese Melodien mit ‚schönem Singen‘ zu behaften geht sich für mich nicht aus. Wenn ich mir nur eine Sekunde vorstelle, dass ich Menschen, die mit dem Schmerz eines Kindesverlusts leben, mit eitlem Schöngesang konfrontiere, dann berührt mich das unangenehm. Bei den Rückert-Texten ist die Frage, wie weit lässt man sie heran, und mein Zugang zu meinem Singen ist eben der, dass ich Dinge sehr weit an mich heranlasse.“ Florian Boesch holt tief Luft und setzt nach: „Ich bin bereit für das Risiko, mein Singen dem Material zu unterwerfen. Das kann eine große Stimmlichkeit haben.“

„Ich habe eine Leidenschaft für Regietheater. ich mag die Struktur, die dahintersteckt.“

Vera-Lotte Boecker
Vera-Lotte Boecker
Vera-Lotte Boecker hat sich in die Herzen des Wiener Publikums gesungen. Die deutsche Sopranistin, die vor ihrer Gesangskarriere analytische Philosophie und Literatur studiert hat, singt in der aktuellen Saison neben „Von der Liebe Tod“ im „Rosenkavalier“, in der „Fledermaus“ und der Hindemith-Oper „Cardillac“. Foto: Philipp Schönauer

Lorenzo Viotti war 14 Jahre alt, als sein Vater, der Dirigent Marcello Viotti, starb. Heute ist er selbst einer der gefragtesten Dirigenten der Welt. „Mahler ist eine extreme musikalische Emotion, man wird als Mensch den Tod nie akzeptieren. (Er deutet auf sein Herz.) Mahler ist hier. Es ist ein wenig riskant (Da ist es wieder!), ich weiß, wie Mahler in einem Konzertsaal klingen soll – aber in und aus einem Orchestergraben. (Er macht eine Pause.) Mahlers Musik hat die leichteste Dolcezza in den Streichern, die schärfsten Klänge in den Bläsern, er schreibt den gleichen Ton für drei Oboen und brillante Fanfarenklänge für die Blechbläser. Mahler hat mit dreidimensionalen Klängen gespielt. Es wird eine Herausforderung, das in der Oper zu schaffen. (Er macht wieder eine Pause.) Aber das ist besser als langweilig. (Grinst.)“

Koalition der Klänge

Lorenzo Viotti hat während seines Studiums nebenbei an der Wiener Staatsoper gearbeitet, hat im Orchester gespielt. Er kennt das Haus. Jetzt soll er also aus Mahlers Musik eine Oper machen. „Mahler war ein theatralischer Mensch. Jede seiner Symphonien ist eine Oper ohne Worte. Normalerweise hast du ein Libretto, an das du gebunden bist. Wir haben das nicht, und das ist einerseits riskant, aber auch das Genialste, weil es komplette Freiheit bedeutet. Die Bühne und die Klänge müssen eine Koalition bilden. Bei Mahler geht es immer um die menschliche Seele und Einsamkeit. Aber man fühlt sich nie allein, wenn man Mahler hört, man hat immer Sehnsucht.“

Calixto Bieito, der Regisseur, nickt zustimmend – und auch er sagt es, das Wort: „Es wird riskant. Ich möchte diesen Mahler mit Hoffnung beenden, ich will, dass ein neues Zeitalter des Humanismus beginnt, denn unsere Erde weint. Es geht um die Zukunft unserer Kinder. Ich werde mit sehr starken ästhetischen Bildern arbeiten, und im Mittelpunkt wird ein riesiger Baum stehen – ein sehr spezielles Ding.“ Bieito lächelt. Mehr will er nicht verraten. Verständlich. Des Risikos wegen? Wer weiß.

Zu den Spielterminen „Von der Liebe Tod“ in der Wiener Staatsoper!

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