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Die Freiheit des Texts ist für mich die größte Herausforderung. – Johannes Bamberger, Sänger

Die Freiheit des Texts ist für mich die größte Herausforderung. – Johannes Bamberger, Sänger
Foto: Pamela Rußmann

Ultimatives Unglück

Kammeroper

Kindermordendes Monster oder feministische Ikone? Schon immer diente Medea als Projektionsfläche divergenter Positionen. An der Kammeroper deutet man die Tragödie nun substanziell neu. Eine der letzten Premieren am Haus.

Wer das Drama „Medea“ – entweder in der Fassung des griechischen Dichters Euripides oder als Teil der Grillparzer-Trilogie „Das goldene Vlies“ – in der Schule zu bewältigen hatte, bekam schon früh einen praxisnahen Einblick in das Wesen der Depression.

Denn leichte Kost ist die Geschichte dieser mythologischen Figur, die zu den bekanntesten weiblichen Charakteren der Weltliteratur zählt, nicht. Wie oft steht am Anfang die Liebe undam Ende das, was von ihr übrig bleibt. Dazwischen ein schwieriges Beziehungsgeflecht und eine beachtliche – von Leidenschaft geschürte – kriminelle Energie.

Medea, Tochter des Königs von Kolchis, hilft Jason, das wundertätige Goldene Vlies aus dem Besitz ihres Vaters zu rauben, opfert dafür Heimat wie Familie und flieht schlussendlich mit dem Geliebten nach Korinth, wo ihnen König Kreon Asyl gewährt. Doch Jason wendet sich von Medea ab, um eine Beziehung mit Kreons Tochter Kreusa einzugehen, wofür sich Medea, die aufgefordert wird, das Land zu verlassen, bitter rächt. Sie ermordet nicht nur den König und ihre Nebenbuhlerin, sondern auch ihre beiden Söhne.

„Medea“ in der Kammeroper. In diesem Musiktheaterprojekt verschmelzen Texte und Musik, Schauspiel und Gesang zu einer neuen Version des antiken Dramas, die auch aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen ins Visier nimmt.
Foto: Pamela Rußmann
„Medea“ in der Kammeroper. In diesem Musiktheaterprojekt verschmelzen Texte und Musik, Schauspiel und Gesang zu einer neuen Version des antiken Dramas, die auch aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen ins Visier nimmt.

An der Kammeroper nehmen sich zurzeit Regisseurin Corinna von Rad und Dirigent Benjamin Bayl des antiken Stoffs an und formen in einer Art „Work in Progress“ aus Texten von Euripides, Franz Grillparzer und anderen sowie Musik von Georg Friedrich Händel, Marc-Antoine Charpentier und weiteren aktuelles Musiktheater. In mehreren Sprachen und interdisziplinär besetzt, denn Medea wird verkörpert von der deutschen Schauspielerin Lisa-Katrina Mayer, während der österreichische Tenor Johannes Bamberger Jason singt. Beide müssen immer wieder auch in das Fach des anderen wechseln.

Nach „Medea“ ist „Lady Magnesia / Zweimal Alexander“ im Juni die letzte Produktion in der Kammeroper.
Foto: Pamela Rußmann
Nach „Medea“ ist „Lady Magnesia / Zweimal Alexander“ im Juni die letzte Produktion in der Kammeroper.

DOPPELTER BODEN

„Ich liebe das antike Drama immer schon“, konterkariert Lisa-Katrina Mayer die Eingangszeilen dieses Artikels, „weil in ihm alles steckt, was die Menschheit an Themen hat. Das Exemplarische, Brachiale, Schonungslose hat mich schon immer fasziniert. In der Antike wird über nichts hinweggetäuscht, sondern bar bezahlt.“ Johannes Bamberger stimmt zu. „Ohne die Zwischenebenen, die man vielleicht später herausliest, sind diese Stoffe einfach tolle Actionstorys und waren deshalb auch schon als junger Bursche für mich interessant.“

Lisa-Katrina MAYER war u. a. am Schauspielhaus Zürich, an den Münchner Kammerspielen und am Schauspiel Köln engagiert, arbeitete mit namhaften Regisseur*innen wie Jan Bosse, Herbert Fritsch, Karin Henkel und Barbara Frey, war 2022 mit dem Film „The Vagabonds“ in Cannes vertreten und gab 2023 am Landestheater Linz mit „Café Populaire“ ihr Regiedebüt.
Foto: Pamela Rußmann
Lisa-Katrina MAYER war u. a. am Schauspielhaus Zürich, an den Münchner Kammerspielen und am Schauspiel Köln engagiert, arbeitete mit namhaften Regisseur*innen wie Jan Bosse, Herbert Fritsch, Karin Henkel und Barbara Frey, war 2022 mit dem Film „The Vagabonds“ in Cannes vertreten und gab 2023 am Landestheater Linz mit „Café Populaire“ ihr Regiedebüt.

Zum Zeitpunkt des Interviews hat das Team erst wenige Probentage absolviert, dennoch sei bereits klar, dass man trotz der Einbeziehung unterschiedlicher Texte und Musiken kein Best-of erwarten dürfe. Die Zusammenstellung, da sind sich die Schauspielerin und der Sänger einig, sei klug gewählt und fühle sich folgerichtig an. So, als handle es sich um ein schon lange existierendes Stück. „Medea“ ist selbst für eine Tragödie harter Stoff. Was hat die beiden an dieser Produktion interessiert?

Er spielt JASON: Johannes BAMBERGER gehörte zum Jungen Ensemble des Theaters an der Wien und trat u. a. im Wiener Musikverein, im Konzerthaus, in Grafenegg und in Madrid auf. Sein Repertoire reicht von Mozarts Belmonte, Ferrando und Don Ottavio über Schuberts „Die schöne Müllerin“ bis hin zu Haydns „Schöpfung“. Am Musik-Theater an der Wien war er 2024 als George in Purcells „Richard III.“ zu erleben.
Foto: Pamela Rußmann
Er spielt JASON: Johannes BAMBERGER gehörte zum Jungen Ensemble des Theaters an der Wien und trat u. a. im Wiener Musikverein, im Konzerthaus, in Grafenegg und in Madrid auf. Sein Repertoire reicht von Mozarts Belmonte, Ferrando und Don Ottavio über Schuberts „Die schöne Müllerin“ bis hin zu Haydns „Schöpfung“. Am Musik-Theater an der Wien war er 2024 als George in Purcells „Richard III.“ zu erleben.

„Es gibt, finde ich, zur Zeit einige Jasons auf der Welt“, zieht Johannes Bamberger Aktualitätsparallelen. „Außerdem habe ich mit Benjamin Bayl bereits ,Richard III.‘ gemacht und wusste, dass seine musikalische Auswahl eine sehr gute sein würde. Die Musik ist für die Geschichte manchmal fast zu schön, aber dieser Kontrast zwischen Inhalt und Klang ist natürlich reizvoll.“ Lisa-Katrina Mayer erzählt, dass sie schon die Erwähnung des Namens „Medea“ überzeugt habe. „Wenn man gefragt wird, ob man diese Rolle spielen möchte, zögert man nicht lange. Und die Idee, das im Musiktheater zu machen, fand ich zusätzlich spannend, weil ich spartenübergreifendes Arbeiten ohnehin mag.

Für mich hat das gerade auch eine Doppelebene. Der Mythos Medea handelt von einer Frau, die im Land, in dem sie lebt, fremd ist und Probleme mit den dortigen Gepflogenheiten hat. Und ich bin in der Oper, deren Struktur eine andere ist als im Schauspiel, ebenfalls fremd und muss mich da irgendwie einpassen und trotzdem ich selbst bleiben.“

MEDEA, gespielt von Lisa-Katrina Mayer.
Foto: Pamela Rußmann
MEDEA, gespielt von Lisa-Katrina Mayer.

PERFEKTE PROJEKTION

Lisa-Katrina Mayer sieht in Medea eine Frau, die im Laufe einer langen Rezeptionsgeschichte meist männlich interpretiert und zum Inbegriff des Bösen und Abgründigen stilisiert wurde. „Aber so einfach ist es eben nicht. Es gibt nicht nur die Heilige oder die Hexe, sondern jeder Mensch ist ambivalent. Auch Medea ist Opfer und Täterin zugleich, eine Frau, die zu ihren Prinzipien steht, ihren Überzeugungen treu bleibt, mit einer immensen Geradlinigkeit und Stärke dafür kämpft, wie sie leben möchte. Wenn man so will, ist das ein feministischer Blick auf sie, der allerdings aus sehr alten Zeiten stammt.“

Jason fehle diese Konsequenz hingegen völlig, konstatiert Johannes Bamberger. „Er baut sich seine Moral stets so, wie er sie gerade braucht, und versucht, das jeweilige Narrativ dahingehend zu ändern. Was heute Gesetz ist, kann morgen schon Geschichte sein, nichts bleibt konstant oder folgt einer Logik. Ich will keine Parallelen zu einem gewissen amerikanischen Präsidenten ziehen, aber Jason agiert postfaktisch. Er ist wahrscheinlich kein schlechter Mensch und empfindet durchaus Liebe, aber er handelt nicht danach, sondern seine Emotionen verspäten sich immer ein wenig. Das ist im Leben bekanntlich oft ein Problem.“

Es wäre albern, lupenreine Sopranarien zu versuchen. – Lisa-Katrina Mayer, Schauspielerin
Foto: Pamela Rußmann
Es wäre albern, lupenreine Sopranarien zu versuchen. – Lisa-Katrina Mayer, Schauspielerin

Das Scheitern der Beziehung ist irgendwann unausweichlich, die losgetretene Lawine nicht mehr unter Kontrolle zu bringen. Paartherapie zwecklos. Dazu kommt der berührende migrantische Aspekt, denn die fremde Medea wird zum Sündenbock gemacht und mit Vorurteilen überschüttet – bis hin zum Ausbruch der Pest soll sie für alles Schlechte verantwortlich sein. „Ich denke, deshalb nimmt sie sich auch die Freiheit heraus, in den Angriff überzugehen“, erläutert Lisa-Katrina Mayer. Das Denkunmögliche – die Tötung ihrer beiden Kinder – wird an der Kammeroper nicht demonstriert. „Den Kindsmord hat auch erst Euripides in die Medea-Sage eingefügt, den gab es davor nicht. Und in Christa Wolfs Roman ,Medea. Stimmen‘ ist es so, dass sie zwar eine große Mitschuld am Tod der Kinder trägt, den Akt der Tötung aber nicht begeht. Bei uns wird diese Thematik voraussichtlich ebenfalls nicht explizit abgehandelt werden.“

Das Schöne am Genrewechsel sei, dass sich die Sparten einander annäherten, so Lisa-Katrina Mayer. „Wir haben verschiedene künstlerische Sprachen, in denen wir uns begegnen. Ich will mich nicht limitieren, sondern vermeintliche Grenzen einreißen und als Performerin auf der Bühne alles verwenden, was ich habe: meinen Körper, meine Stimme, meine Fantasie.“

Hier geht es zu den Spielterminen von "Medea" in der Kammeroper!

Fleischmarkt 24
1010 Wien
Österreich

Erschienen in
Bühne 03/2026

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Klaus Peter Vollmann
Klaus Peter Vollmann
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