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Aitor Basauri (l.) und Toby Park sind Mitbegründer der Physical-Comedy- Truppe Spymonkey. Nach „Orpheus in der Unterwelt“ setzen sie an der Volksoper nun „Die Piraten von Penzance“ in Szene.

Aitor Basauri (l.) und Toby Park sind Mitbegründer der Physical-Comedy- Truppe Spymonkey. Nach „Orpheus in der Unterwelt“ setzen sie an der Volksoper nun „Die Piraten von Penzance“ in Szene.
Foto: Christoph Liebentritt

Karriere mit Lehre

Volksoper

Das kommt dabei heraus, wenn das Kindermädchen „pirate“ statt „pilot“ versteht. Konfusion, Lachkrampf, Irrwitz. Das britische Comedy-Kollektiv Spymonkey inszeniert die Operette „Die Piraten von Penzance“. Eine herrlich absurde Verheißung.

Sie wollen doch nur spielen. Toby Park und Aitor Basauri lassen beim Fototermin keinen Zweifel daran, dass ihre theaterfamiliäre Herkunft in Absurdistan liegt. Mit diebischer Freude plündern sie die Kostüm- und Requisitenkammer, um auch optisch tief in die Materie eintauchen zu können. Erst wird mit Piratenhaken „gekämpft“, dann setzt Toby Park seinem Kollegen Aitor Basauri die Pistolentrompete auf die Nase, ehe dieser zur Angel greift, um dem Kontrahenten einen Plastikfisch an die Stirn zu klatschen. All das geschieht übrigens mit stoischer Gelassenheit.

An der Volksoper sind die beiden längst keine Unbekannten mehr. 2023 haben sie hier „Orpheus in der Unterwelt“ radikal komisch umgesetzt. War die Erfahrung dieses Erfolgs ausschlaggebend dafür, nun mit „Die Piraten von Penzance“ noch einen Schritt weiterzugehen?

Denn erstens ist dieses Paradebeispiel britischer Operettentradition von Gilbert und Sullivan hierzulande kaum bekannt – und zweitens ist seine Handlung noch um Klassen durchgeknallter. „Wir hatten bei ,Orpheus‘ eine wirklich gute

Zeit hier in Wien“, resümiert Toby Park. „Zumindest in unserer Erinnerung war es geradezu brillant. Aber ich glaube, es ist ein bisschen so wie bei Müttern nach der Entbindung, die darauf programmiert sind, all die Schmerzen und Qualen zu vergessen. Die Wahrheit ist, dass wir sehr unsicher waren und uns dieses riesige Gebäude ganz schön eingeschüchtert hat.“ Spymonkey käme aus einer Welt, in der man für alles selbst verantwortlich sei, ergänzt Aitor Basauri.

„Bei uns nähen vier Leute die Kostüme und fünf bauen die Bühne auf. An der Volksoper gibt es für alles eigene Departments, in denen jeweils Dutzende Menschen arbeiten. Das ist eine riesige Maschine, ein Monster.“ Am Ende seien sie wie völlig überdrehte Kinder gewesen, die alle Spielzeuge gleichzeitig ausprobieren wollten. Das hätte durchaus Spaß gemacht. Und das zentrale Spymonkey-Credo – jedes Stück mit Witz aufzuladen und das Publikum durch Lachen zu entlasten – ging am Ende auf.

Ich glaube, dass die Freude am Absurden
und der Hang, Dummheit
und Lächerlichkeit zu
feiern, sehr englisch sind.
– Toby Park, Regisseur
Foto: Christoph Liebentritt
Ich glaube, dass die Freude am Absurden und der Hang, Dummheit und Lächerlichkeit zu feiern, sehr englisch sind. – Toby Park, Regisseur

SKLAVEN DER PFLICHT

Die Handlung der „Piraten von Penzance“ ist dermaßen überreizt, dass man verleitet ist, Gilbert und Sullivan des Konsums aktivierender Substanzen zu verdächtigen. Der Inhalt in aller Kürze: Weil sein Kindermädchen den Wunsch des Vaters, der Sohn möge zum „pilot“ qualifiziert werden, missversteht, erhält Frederic eine Ausbildung zum „pirate“. An seinem 21. Geburtstag sollte die Lehre eigentlich beendet sein, doch weil er in einem Schaltjahr zur Welt kam, ist er nach Logik der Piratenältesten erst fünf Jahre alt. Dennoch quittiert er die Ausbildung und verliebt sich auf seinem Weg zurück in die zivilisierte Gesellschaft in Mabel, die Tochter des Generalmajors. Als auch die Piraten in Penzance landen, wird es so richtig skurril. Denn sie wollen Mabels Schwestern heiraten, wogegen ihr Vater etwas hat, und in der Bevölkerung nur diejenigen verschont lassen, die Waisenkinder sind. Zugleich sind sie in ihren Ankündigungen höchst wankelmütig.

Regie SPYMONKEY:
1998 gründeten Toby
Park und Aitor Basauri –
gemeinsam mit weiteren
Mitstreiter*innen – in
Brighton das Physical-
Comedy-Ensemble
Spymonkey und
machten das „Theatre of
the Funny“ in Groß-
britannien und darüber
hinaus zur Nummer eins
in Sachen Humor.
Foto: Christoph Liebentritt
Regie SPYMONKEY: 1998 gründeten Toby Park und Aitor Basauri – gemeinsam mit weiteren Mitstreiter*innen – in Brighton das Physical- Comedy-Ensemble Spymonkey und machten das „Theatre of the Funny“ in Groß- britannien und darüber hinaus zur Nummer eins in Sachen Humor.

Was angeblich heute der Pflichterfüllung dient, kann sich schon morgen durch eine willkürliche andere Behauptung ins Gegenteil verkehren. Nicht umsonst lautet der Untertitel des Stücks: „The Slave of Duty“. Am Ende kann man sich noch immer auf die Liebe und Treue zu Königin Victoria einigen. „Gilbert und Sullivan waren Meister des englischen Absurdismus, in deren Tradition auch Monty Python, Peter Sellers oder The Goons stehen“, so Toby Park. „Dieser populäre britische Surrealismus ist voller hirnrissiger Witze und ebensolcher Handlungselemente. Er kommt ganz ohne Psychologie aus.“

Foto: Christoph Liebentritt

Als Lotte de Beer Spymonkey die Regie dieser Operette anbot, habe das erst einmal Fragen aufgeworfen. „Im Original gibt es einige Dinge, über die wir nicht lachen können. Vieles ist frauenfeindlich und altersdiskriminierend. Das Kindermädchen wird zum Beispiel als taube Seniorin beschrieben. Die Frau ist 47! Wir – Künstler und Publikum gleichermaßen – reagieren 2026 anders auf bestimmte Dinge als 1880, empfinden andere Dinge als beleidigend oder grausam. Wir gehen deshalb sehr bewusst damit um, was wir dem Publikum als Lachgrundlage anbieten.“

Dadurch, glaubt Aitor Basauri, würden wahrscheinlich auch Leute zum Lachen animiert, denen dieses sonst womöglich im Hals stecken geblieben wäre. „Es ist ein lustiges Stück und wir haben es noch lustiger gemacht.“

Wir wollten das Narrativ ändern und Frauen all die frechen Dinge tun lassen, die Männer auf Bühnen schon immer gemacht haben.
- Aitor Basauri, Regisseur
Foto: Christoph Liebentritt
Wir wollten das Narrativ ändern und Frauen all die frechen Dinge tun lassen, die Männer auf Bühnen schon immer gemacht haben. - Aitor Basauri, Regisseur

Zum Beispiel durch die Erfindung des von Marcel Mohab gespielten Ministers für Operette, der angetreten ist, das konservative Publikum der Volksoper zurückzugewinnen. „Er respektiert die englische Kultur sehr, vor allem die Aristokratie, und will ,Die Piraten von Penzance‘ auf den Spielplan setzen. In der Hoffnung auf eine traditionelle Aufführung fragt er die Enkeltöchter von Gilbert und Sullivan für die Regie an“, offenbart Toby Park. Doch diese kommen direkt von einer Hausbesetzung in Berlin und erweisen sich als queere antipatriarchale Aktivistinnen – dargestellt von den weiblichen Clowns Lucy Hopkins und Spymonkey-Mitgründerin Petra Massey. Das lächerliche Gehabe von vermeintlichen Autoritäten bloßzustellen, ist sozusagen eine Spezialität englischer Humoristen.

Katia Ledoux (Bild)
spielte in „Orpheus in
der Unterwelt“ sowohl
die Venus als auch Die
öffentliche Meinung –
und einmal sogar Orpheus himself. Nun gibt sie den Piratenkönig.
SZENENFOTO: BARBARA PÁLFFY / VOLKSOPER WIEN
Katia Ledoux (Bild) spielte in „Orpheus in der Unterwelt“ sowohl die Venus als auch Die öffentliche Meinung – und einmal sogar Orpheus himself. Nun gibt sie den Piratenkönig.

GNADENLOSE SELBSTIRONIE

In einem Wordrap auf der Volksopern-Homepage bezeichnen Spymonkey ihren Humor als „typisch britisch“. Was darf man unter diesem Gütesiegel verstehen?

„Ich glaube, dass die Freude am Absurden und der Hang, Dummheit und Lächerlichkeitzu feiern, sehr englisch sind. Obwohl Spymonkey von zwei Engländern, einem Spanier und einem Deutschen gegründet wurde und unser erster Regisseur irisch war, haben wir uns in Großbritannien einen Namen gemacht und sind dort zu Hause. Es fühlt sich ein bisschen so an wie der Witz, wo ein Engländer, ein Schotte und ein Ire in die Kneipe kommen … Nur, dass es bei uns zwei Engländer, ein Spanier und ein Deutscher waren“, meint Toby Park.

„Die Art von Komödie, die wir mögen, dreht sich immer um jemanden, der etwas versucht, von dem alle anderen sagen, es sei unmöglich. Dennoch überzeugt er zwei, drei Leute davon, es gemeinsam mit ihm zu versuchen“, erläutert Aitor Basauri, der streng genommen Baske ist, augenzwinkernd. Von Monty Python bis zu Mister Bean seien alle großen britischen Comedy-Erfolge auf solchen Charakteren und ihrem Scheitern aufgebaut. „Die Briten mögen es, über sich selbst zu lachen“, bringt es Toby Park auf den Punkt.

„Ihr Engländer seid darin weltweit die Besten“, findet Aitor Basauri. „Spanier gelten zwar als lustig, aber man sollte vorsichtig sein, worüber man scherzt. Und über Basken dürfen sowieso nur Basken Witze machen.“

Wir würden sehr gern Spymonkeys „Ring des Nibelungen“ realisieren.
– Toby Park & Aitor Basauri, Regisseure
Foto: Christoph Liebentritt
Wir würden sehr gern Spymonkeys „Ring des Nibelungen“ realisieren. – Toby Park & Aitor Basauri, Regisseure

Die Rollen des Piratenkönigs und seines Leutnants Samuel besetzten Spymonkey mit Katia Ledoux und Julia Edtmeier. Warum haben sie dafür Frauen gewählt? „Tja, warum nicht?“, kontert Aitor Basauri.

„Wir wollten das Narrativ ändern und Frauen all die frechen Dinge tun lassen, die Männer auf Bühnen schon immer gemacht haben. Also haben wir ihnen eine Insel und ein Boot gegeben und lassen sie über die Meere segeln. Die können das nämlich genauso gut wie wir. Der Opernkanon war jahrhundertelang nicht nett zu Frauen. Eigentlich zu niemandem, außer zu weißen heterosexuellen Männern. Gerade Sopranistinnen hatten zu leiden, um am Ende meistens von einem Mann umgebracht zu werden. Unser Ziel ist es, alle zu inkludieren. Außerdem sind Katia und Julia gnadenlos lustig. Und wie Toby einmal richtig sagte: Wenn wir’s nicht einfach tun, passiert’s nicht.“

„Die Piraten von Penzance“ an der Volksoper

Mit der subversiven Idee, Piraten ins idyllische Städtchen Penzance einfallen zu lassen, erwiesen sich die Könige der englischen Operette, Gilbert und Sullivan, als Monty Python des 19. Jahrhunderts. Toby Park und Aitor Basauri, die nächste britische Satiregeneration, inszenieren das Stück in Wien.

Hier geht es zu den Spielterminen von „Die Piraten von Penzance“ an der Volksoper! 

Währinger Straße 78
1090 Wien
Österreich
© Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Erschienen in
Bühne 03/2026

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Klaus Peter Vollmann
Klaus Peter Vollmann
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