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Max Emanuel Cencic hält sich an geschichtliche Tatsachen und besetzt alle Frauenrollen mit Sängern. Im Bild: der britische Countertenor Jake Arditti als Erissena.

Max Emanuel Cencic hält sich an geschichtliche Tatsachen und besetzt alle Frauenrollen mit Sängern. Im Bild: der britische Countertenor Jake Arditti als Erissena.
Foto: Falk von Traubenberg/ Bayreuth Baroque

Historisch hysterisch

MusikTheater an der Wien

„Drag Attack“ anno 1730. Fünf Countertenöre und ein Tenor übernehmen in Leonardo Vincis „Alessandro nell‘Indie“ alle Rollen. Regisseur Max Emanuel Cencic entdeckte das beinahe vergessene Opernjuwel wieder und kreierte daraus eine flamboyante Bollywood-Revue.

Beinahe 300 Jahre war Leonardo Vinci der Vergessenheit anheimgefallen. Dabei war der exzentrische Komponistenstar der neapolitanischen und römischen Oper des frühen 18. Jahrhunderts einst Garant für volle Häuser. Doch die Wege der Oper sind manchmal unergründlich. Warum Werke von Spielplänen verschwinden, erschließt sich im Nachhinein nicht immer.

Doch letztendlich ging es – zumindest musikhistorisch – doch noch gut aus für den unter dubiosen mörderischen Umständen aus dieser Welt geschiedenen Tonsetzer. Und das ist Max Emanuel Cencic zu verdanken, der 2012 Leonardo Vincis Oper „Artaserse“ produzierte und in Nancy auf die Bühne brachte, ehe er dessen Singspiel „Catone in Utica“ für die Nachwelt auf Tonträger konservierte. 2022 inszenierte der österreichische Countertenor und Regisseur schließlich „Alessandro nell’Indie“ für das von ihm geleitete Bayreuth Baroque Opera Festival – und bringt die Oper nun in Koproduktion mit dem Theater an der Wien auch dem heimischen Publikum näher.

Den wilden Handlungsritt um Liebe, Eifersucht, Intrige, Krieg und Vergebung erdachte Librettist Pietro Metastasio. In Folge nahmen sich zahlreiche Komponisten des erfolgreichen emotionsgeladenen Stoffs an. Doch Leonardo Vinci war der Erste – seine Version kam 1730 in Rom zur Uraufführung.

FEMINISTISCHES FRÜHWERK

„Was mich daran so fasziniert hat, war die Tatsache, dass Frauen im damaligen Rom nicht auftreten durften, weshalb sich eine Tradition der Travestie-Oper, die man auch aus vielen anderen Ländern kennt, entwickelt hat. Alle weiblichen Rollen mussten zwangsläufig von Männern gesungen werden, es gab Kastraten, die sich regelrecht auf Frauenfiguren spezialisiert hatten“, erzählt Max Emanuel Cencic.

„Ein Jahr vor der ,Alessandro‘-Premiere wurde eine Petition bei der römischen Kurie eingebracht, Frauen doch auf die Bühne zu lassen, was der Papst brüsk zurückwies. Metastasio schrieb sein Libretto quasi als Reaktion darauf. Eigentlich geht es in diesem Stück um die Gleichrangigkeit von Frauen und Männern. Deshalb war es auch zur Zeit der Aufklärung so beliebt. Es spielt in einem ,mondo inverso‘, einer verkehrten Welt. Die Rollen sind im Sinne der vermeintlichen Tugenden vertauscht. Frauen verhalten sich so, wie man es von Männern erwartet hat, und umgekehrt. Das führt natürlich zu einem vergnüglichen Theater um zwei Liebespaare. Königin Cleofide ist klug, gerissen, diplomatisch, besonnen, eine Politikerin durch und durch. König Poro, ihr Liebhaber, ist eifersüchtig, überemotional und tratscht gerne. Und dann gibt es noch Poros Schwester Erissena und ihren Gefährten Gandarte. Sie eine sexuell aufgeschlossene Frau mit vielen Liebhabern, er ein verliebter Pantoffelheld, der zu Hause sitzt und auf sie wartet. In Wirklichkeit waren es natürlich die Frauen, die daheim kaserniert waren, während ihre Männer eine Mätressenwirtschaft betrieben. Bei ,Alessandro nell’Indie‘ ist es umgekehrt. Pietro Metastasio hat den moralischen Zeigefinger in dieses gesellschaftliche Ungleichgewicht gelegt und auf elegante, vielschichtigeWeise Vorurteile gegenüber Frauen thematisiert.“

Max Emanuel Cencic blieb der historischen Wahrheit treu und engagierte dafür ein spektakuläres Ensemble aus fünf der besten Countertenöre der jüngeren Generation – Bruno de Sá, Dennis Orellana, Maayan Licht, Jake Arditti, und Nicholas Tamagna –, zu denen sich mit Stefan Sbonnik ein Tenor gesellt.

Mayaan Licht (M.) verkörpert die Titelrolle in „Alessandro nell‘Indie“.
FOTOS: FALK VON TRAUBENBERG/BAYREUTH BAROQUE
Mayaan Licht (M.) verkörpert die Titelrolle in „Alessandro nell‘Indie“.

GOOD OLD BOLLYWOOD

Auch dem kapriziösen Anspruch des Komponisten wird Max Emanuel Cencic in seiner Regiearbeit gerecht. Sein Konzept sieht eine Art Theater im Theater vor, das er in den Royal Pavilion Brighton verlegt hat, den der für seine Extravaganz berühmte Prince of Wales und spätere König George IV. im Stile eines indischen Mogulpalasts erbauen ließ. „Dieser Exotismus, das Träumen von fernen Ländern, die man nur aus Erzählungen kannte, war typisch für Barock und Rokoko. George IV. liebte den Luxus, war bekannt für seine ausgefallene Kleidung und sorgte regelmäßig für Skandale. Er war befreundet mit vielen Künstlerinnen und Künstlern und genau in dieses Milieu habe ich die Oper verlegt.

Der Prinz gibt eine große Party und beschließt, an diesem Abend ,Alessandro nell’Indie‘ aufzuführen und dabei selbst Alexander den Großen zu spielen. Schlacht- und Monumentalszenen werden mit Puppen nachgestellt, die vergoldeten Dromedare sind eigentlich Fahrräder. Nichts ist echt.“

In die Arien hat Max Emanuel Cencic opulente Bollywood-Tanzszenen einfließen lassen, wofür er eng mit dem indischen Choreografen Sumon Rudra zusammenarbeitete.

Ich muss nicht der Schnittlauch auf jeder Suppe sein und bin sehr glücklich, dass ich auch im Hintergrund künstlerisch produktiv sein kann.“

– Max Emanuel Cencic, Regisseur

Max Emanuel Cencic setzt die Opernrarität in Szene. Eine Produktion des Bayreuth Baroque Opera Festivals.
Foto: Laura Chapman
Max Emanuel Cencic setzt die Opernrarität in Szene. Eine Produktion des Bayreuth Baroque Opera Festivals.

VISUELLE LEIDENSCHAFTEN

Bei fünf Countertenören auf der Bühne – hätte er da nicht auch Lust, selbst zu singen? „Nicht unbedingt. Ich muss nicht der Schnittlauch auf jeder Suppe sein und bin sehr glücklich, dass ich auch im Hintergrund künstlerisch produktiv sein kann. Mir macht das genauso viel Spaß wie der Gesang, ich bin ja auch mit Leib und Seele Produzent.“

Es gibt Sänger wie Placido Domingo oder Bejun Mehta, die sich im Laufe ihrer Karriere zu Dirigenten weiterentwickelt haben. Weshalb hat sich Max Emanuel Cencic für Regie entschieden? „Weil mich die Komplexität des Geschichtenerzählens reizt. Dirigieren folgt immer einem gewissen Schema, wohingegen ich bei einer Inszenierung ständig Neues entdecken und konzipieren kann. Ich liebe es, mit innovativen Techniken zu arbeiten, mir ist das Visuelle sehr wichtig.“

Als Sänger bleibt der Regisseur dennoch sehr aktiv. „Ich habe gerade gemeinsam mit Cecilia Bartoli ,Giulio Cesare in Egitto‘ in Zürich gemacht und werde bei den Händel-Festspielen in Halle die Titelrolle in ,Radamisto‘ singen. Danach werde ich in Bayreuth Händels ,Floridante‘ neu inszenieren und auch die Titelpartie übernehmen.“ Langweilig wird ihm also nicht.

„Nein (lacht). Stillstand ist aber auch das, worin ich am schlechtesten bin.“

Max Emanuel CENCIC

war Wiener Sängerknabe und gastierte als Countertenor an den größten Opernhäusern der Welt. Seit 2020 leitet er das Bayreuth Baroque Opera Festival, zudem arbeitet er als Produzent und inszenierte u. a. bei den Salzburger Festspielen und an der Opéra de Lausanne. Am MusikTheater an der Wien ist er seit zwei Jahrzehnten regelmäßig zu Gast, zuletzt mit Händels „Flavio“.

Hier geht es zu den Spielterminen von "Alessandro nell‘Indie“ im MusikTheater an der Wien!

Linke Wienzeile 6
1060 Wien
Österreich

Erschienen in
Bühne 04/2026

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Klaus Peter Vollmann
Klaus Peter Vollmann
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