Unbefugte Eifersucht
Geistreicher Schachzug. Regisseur Vasily Barkhatov verlegt Verdis „Stiffelio“ zu den Amish People. Und verbindet so gestern und heute. Bühnenbildner Christian Schmidt schafft dafür private Räume.
Nicht überall, wo Giuseppe Verdi draufsteht, ist ein Operntriumph drinnen. Im Fall von „Stiffelio“ liegt das keinesfalls an der musikalischen Qualität des Stoffs, sondern vielmehr an der Schwervermittelbarkeit des Inhalts. In aller Kürze: Stiffelio, Pfarrer einer protestantischen Täufergemeinde, entdeckt nach einer Reise, dass ihn seine Gattin Lina während seiner Abwesenheit mit dem Edelmann Raffaele betrogen hat.
Sein unmittelbarer Impuls: Rache. Doch muss er jegliche Entscheidung nicht nur vor Gott, sondern auch vor den Menschen, deren Vorbild er sein soll, rechtfertigen – was ihn in tiefe Konflikte stürzt. Mit einem solchen Antihelden waren Zensurbehörde und Publikum anno 1850 gleichermaßen überfordert. Zumal man im damaligen Italien keine verheirateten Gottesmänner kannte. Heute kommt erschwerend hinzu, dass im veränderten Wertekanon kaum jemand Stiffelios Gewissensnöte nachvollziehen kann. Da braucht es einen Regisseur wie Vasily Barkhatov, der im Theater an der Wien zuletzt „Der Idiot“ und „Norma“ nachvollziehbar in die Aktualität zu übersetzen vermochte.
„Bei Verdi benötigt man immer einen persönlichen Ansatz. Das ist auch bei ,Don Carlos‘, ,Il trovatore‘ oder ,La forza del destino“ so. Es geht nicht um eine Form der Interpretation, sondern man muss das Libretto und die musikalische Dramaturgie grundlegend analysieren und seine eigene Geschichte finden. Sonst ist es einfach nicht interessant“, erklärt Vasily Barkhatov.
„Im Fall von ,Stiffelio‘ kommt hinzu, dass eine Scheidung nicht einmal mehr bei evangelischen Pfarrern eine Problematik darstellt. Das heißt, man muss die Geschichte, die für Verdi-Verhältnisse sehr minimalistisch ist – keine Kriege oder Morde, sondern ein psychologisch kompliziertes Ehedrama – adaptieren.“
Er habe sich nach der ersten Anfrage durch Intendant Stefan Herheim Bedenkzeit erbeten, weil er sich nicht wie ein Regie-Mastermind fühle, das alles inszenieren könne, sondern die Gewissheit brauche, dass er etwas im Hier und Jetzt zu sagen habe. Dazu musste er aber die oben genannten Dilemmata lösen, was ihm mit einer simpel-genialen Idee gelang: Er verlegte die Handlung ins Milieu der Amish People.
TROMPETER IN BROOKLYN
Die strenggläubige täuferisch-protestantische Glaubensgemeinschaft, an deren rückwärtsgewandte Regeln sich in den USA etwa 300.000 Anhänger halten, pflegt eine konservative Rollenverteilung, spricht einen alten deutschen Dialekt, bezieht keinen Strom und lehnt moderne Verkehrsmittel ab. Die Frauen tragen lange Kleider, die Männer eine dichte Gesichtsbehaarung, die Schifferkrause genannt wird und erst am Unterkiefer beginnt. „Schnurrbärte sind verpönt“, so Vasily Barkhatov, „denn das würde zu militärisch wirken – und Amish sind erklärte Pazifisten.“ Kurzum: Sie leben in etwa wie Menschen im 19. Jahrhundert, wo auch der Ur-„Stiffelio“ spielt.
Bei Vasily Barkhatov flieht die Hauptfigur Rudolfo Müller – ein erfolgreicher Jazztrompeter in Brooklyn – in einer Videozuspielung zur Ouvertüre vor den Schergen eines Mafiabosses, mit dessen Frau er dummerweise eine Affäre hatte. „Er versteckt sich in der Kutsche eines Amish namens Stankar und entkommt so. Das Einzige, was er retten kann, ist die Trompete und der Ehering seiner Mutter. Fünf Jahre später sehen wir ihn als Stiffelio, Prediger und Ehemann von Stankars Tochter Lina. In der Gemeinschaft der Amish darf niemand ein Instrument spielen, weil man sich mit diesem Talent über andere erhöhen würde. Es wäre ein Zeichen von Arroganz. Also ist es auch Stiffelio verboten, Trompete zu spielen, währenddessen er sich immer mehr nach seiner Musik und der Bühne sehnt. Manchmal macht er heimlich im Badezimmer, wo er sein Instrument versteckt, tonlose Fingerübungen, weil ihm das Spielen so sehr abgeht.“ Der unbedachte Betrug seiner Frau, die von Raffaele zum Beischlaf gedrängt wird, bringt ihn in Gewissenskonflikte.
„Er ist Stankar dankbar für seine Rettung und kann sich eigentlich nicht scheiden lassen, weil Amish diese Praxis nicht kennen. Nun könnte er aber den Betrug für eine Trennung von Lina nutzen, indem er sich der Gemeinschaft als weitaus traumatisierter präsentiert, als er es in Wahrheit ist. So hätte er seine Freiheit wiedergewonnen. Und könnte endlich wieder Trompete spielen.“ Am Ende ist Stiffelio dort, wo er am Anfang stand, nur eben mit umgekehrten Vorzeichen. Aus dem Betrüger wurde ein Betrogener. Wie das Gefühlschaos schließlich ausgeht, will Vasily Barkhatov vorab nicht verraten. „Das erfährt man im Theater an der Wien.“
PREDIGER IN DER SCHEUNE
„Die Verortung ist die Basis, damit ich überhaupt eine Inspiration haben kann“, erklärt Bühnenbildner Christian Schmidt, der schon des Öfteren mit Vasily Barkhatov zusammengearbeitet hat. „Diese Geschichte ist ein tolles Konstrukt, weil sie auf engstem Raum stattfindet. Eine Besonderheit bei den Amischen ist, dass sie keine Kirchen haben, sondern sich in Privathäusern zu Gottesdiensten treffen. Sie bringen Bänke mit und errichten in Wohnzimmern oder Scheunen provisorische Gebetsstätten. Es gibt also keine architektonische Trennung zwischen privat und Religion. Ich habe aufgrund dieser Tatsache eine Architektur erfunden, in der sich die Räume aneinanderreihen und man auf einer Drehbühne beinahe filmisch arbeiten kann.“
Dadurch wird Gleichzeitigkeit möglich, Situationen können verändert, Darsteller*innen wie in einer Nahaufnahme herausgestellt werden.
Die Tatsache, dass es in der Amish-Welt keine Elektrizität gibt, habe ihn zu einer Bühne veranlasst, in der durch die Fenster fallendes Licht eine Rolle spiele. „Das macht eine schöne Atmosphäre, man spürt das Archaische und kann die unterschiedlichen Tageszeiten darstellen.“ Vom nächtlichen Mondlicht bis hin zur gleißenden Nachmittagssonne. Als Bühnenbildner müsse man einerseits Lust an räumlichen Strukturen haben, sich andererseits aber auch auf Geschichten einlassen können.
Nach dem Betrug durch seine Frau Lina gerät der Prediger Stiffelio in einen Gewissenskonflikt. Einerseits sinnt er auf Rache, andererseits verbietet ihm seine Religion und Vorbildfunktion solche Gedanken.
„Das speziell Interessante an Theater ist ja die Freiheit, entscheiden zu können: Erzählt man eine Geschichte hyperreal oder stellt man die Innenwelt der Protagonisten dar – deren Träume, Traumata, Visionen?“ Er selbst arbeite sehr gern mit architektonischen Mitteln, die er aber durch andere Komponenten so breche, dass man aus der Realität aussteigen könne. „Das Schöne am Theater ist ja, dass wir es zaubernd in der Hand haben, inwieweit wir einer Sache real vertrauen oder in eine Traumwirklichkeit ausweichen wollen.“
Nach Jahrzehnten, in denen Christian Schmidt ausschließlich für das Musiktheater gearbeitet hat, wandte er sich in den letzten Jahren durch Regisseurinnen wie Amélie Niermeyer und Mateja Koležnik auch wieder dem Schauspiel zu. „Das inspiriert mich extrem, weil es ein neuer Kontinent ist, der andere Gesetzmäßigkeiten hat.“
Allen voran: Man muss sich nicht an eine Partitur halten. Nach „Stiffelio“ werden sich Vasily Barkhatov und Christian Schmidt im Herbst gemeinsam an der Wiener Staatsoper der Verschränkung von Zemlinskys „Eine florentinische Tragödie“ und Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“ widmen. Auf Vasily Barkhatov wartet dann 2028 die für einen Opernregisseur ultimative Mammutaufgabe: Richard Wagners „Ring“ bei den Bayreuther Festspielen.