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Jörg Schneider (Hauptmann, l.) und Johannes Martin Kränzle (Wozzeck).

Jörg Schneider (Hauptmann, l.) und Johannes Martin Kränzle (Wozzeck).
Foto: WIENER STAATSOPER/MICHAEL PÖHN

Mörderisches Mobbing

Wiener Staatsoper

Vom Outlaw zum Mörder. Alban Bergs „Wozzeck“ ist eine Blaupause des modernen Antihelden. Johannes Martin Kränzle verleiht dem diffizilen Charakter ausdrucksstarke Tiefenschärfe. Ein Talk über künstlerische Mehrfachbegabung, nachwuchsfördernden Aktivismus und karitative Herzensanliegen.

Katastrophe, Unglück, Schicksalsschlag. Solche und ähnliche Definitionen kennzeichnen den Begriff Tragödie. Ein Trauerspiel in Reinkultur ist auch Alban Bergs Oper „Wozzeck“. Doch ist hier kein strahlender Heros höheren Mächten schutzlos ausgeliefert, sondern kämpft ein einfacher Soldat vergeblich gegen soziale Windmühlen, die seine inneren Dämonen mit Energie versorgen. Um seine Freundin Marie und den gemeinsamen Sohn finanziell unterstützen zu können, geht Wozzeck mehreren Nebenverdiensten nach. So rasiert er regelmäßig den Hauptmann oder stellt sich dem Doktor für fragwürdige medizinische Experimente zur Verfügung. Hohn, Sadismus und Mobbing sind seine engsten Vertrauten. Zudem wird Wozzeck von Wahnvorstellungen gepeinigt und erfährt, dass die ebenfalls von einem besseren Leben träumende Marie eine Beziehung mit dem attraktiven Tambourmajor eingegangen ist.

Als dieser coram publico von Maries körperlichen Vorzügen schwärmt, beschließt Wozzeck, sie umzubringen, und ertrinkt nach dem Mord selbst im tiefen Wasser. Der Sohn bleibt – gehänselt von den anderen Kindern – als Vollwaise zurück. 90 Minuten schmerzhafter Naturalismus. Für Johannes Martin Kränzle, der in der Wiederaufnahme der Simon-Stone-Inszenierung an der Wiener Staatsoper die Titelpartie singen wird, „die wahrscheinlich beeindruckendste Oper des 20. Jahrhunderts und in jedem Fall die gelungenste Literaturoper überhaupt“. Er bewundere Georg Büchners Schauspiel, das Alban Berg als Vorlage diente, und halte es für einzigartig, wie der Komponist es geschafft habe, den Text auf Opernlänge zu streichen, ohne ihm etwas von seinem Gehalt zu nehmen. „Das ist Genialität. Ich liebe die Musik, den Stil, den Umbruch in die Moderne, der aber immer noch Rückgriffe auf traditionell Formales hat. Selbst bei jahrelangem Studium kommt man nicht auf alle Geheimnisse.“

2017 sang er den Wozzeck erstmalig in Paris. Damals nach einer überstandenen schweren Erkrankung. Nun singt er ihn in Wien, erneut nach einer medizinischen Ausnahmesituation. Auch das mache die Rolle für ihn zu etwas Besonderem. „Was mich wirklich fasziniert an dieser Figur, ist die Opfer-Täter-Ambivalenz. Wegweisend für das 20. Jahrhundert ist auch, dass wir es bei ihm nicht mehr mit einem Helden zu tun haben, sondern mit einer gebrochenen Persönlichkeit, die aufgrund zahlreicher prekärer Aspekte zum Mörder wird. Bei Wozzeck findet man ein großes Spektrum an Möglichkeiten, ihn in allen Grautönen glaubhaft zu schildern. Die Interpretationsweite ist je nach Regie immens groß – und auch die individuelle Sichtweise verändert sich mit dem jeweiligen Stadium der eigenen Persönlichkeit.“ Worin liegt die gesangliche Komplexität? „Diese Partie fordert einen sowohl in der Höhe als auch in der Tiefe. Die Übergänge zwischen Sprechen, Sprechgesang und Singen müssen harmonisch und natürlich sein. Der Intellekt darf nie durchscheinen.“

Sozial benachteiligt, gesellschaftlich geächtet: Johannes
Martin Kränzle als
Wozzeck.
Foto: Michael Pöhn/ Wiener Staatsoper
Sozial benachteiligt, gesellschaftlich geächtet: Johannes Martin Kränzle als Wozzeck.

2017 sang er den Wozzeck erstmalig in Paris. Damals nach einer überstandenen schweren Erkrankung. Nun singt er ihn in Wien, erneut nach einer medizinischen Ausnahmesituation. Auch das mache die Rolle für ihn zu etwas Besonderem. „Was mich wirklich fasziniert an dieser Figur, ist die Opfer-Täter-Ambivalenz. Wegweisend für das 20. Jahrhundert ist auch, dass wir es bei ihm nicht mehr mit einem Helden zu tun haben, sondern mit einer gebrochenen Persönlichkeit, die aufgrund zahlreicher prekärer Aspekte zum Mörder wird. Bei Wozzeck findet man ein großes Spektrum an Möglichkeiten, ihn in allen Grautönen glaubhaft zu schildern. Die Interpretationsweite ist je nach Regie immens groß – und auch die individuelle Sichtweise verändert sich mit dem jeweiligen Stadium der eigenen Persönlichkeit.“ Worin liegt die gesangliche Komplexität? „Diese Partie fordert einen sowohl in der Höhe als auch in der Tiefe. Die Übergänge zwischen Sprechen, Sprechgesang und Singen müssen harmonisch und natürlich sein. Der Intellekt darf nie durchscheinen.“

Was mich an dieser Figur wirklich fasziniert, ist die Opfer-Täter-Ambivalenz.

– Johannes Martin Kränzle, Sänger

MUSISCHES MULTITALENT

Johannes Martin Kränzle studierte Geige und Musiktheaterregie. Weshalb hat er sich dennoch für Gesang als vordringliche künstlerische Ausdrucksform entschieden? „Wahrscheinlich aus Faulheit“, lacht der in Augsburg geborene Bariton. „Als Violinist muss man wahnsinnig viel üben, um sehr weit zu kommen. Und das damalige Regiestudium in Hamburg war mir viel zu theoretisch. Ich wollte dann eigentlich ein Schulmusikstudium absolvieren, wofür man auch vorsingen musste. Dabei gab es einen Lehrer, der mir ins Gesicht gesagt hat: ,Sie werden Sänger!‘ Er hat mich erst darauf gebracht, ich durfte auch bei ihm studieren und sechs Jahre später hatte ich mein erstes Engagement.“

Schon lange unterrichtet er auch selber, vor Kurzem leitete er etwa einen Meisterkurs für das Junge Ensemble der Semperoper Dresden. Was möchte er dem Nachwuchs in erster Linie vermitteln? „Die Rahmenbedingungen in unserem Beruf werden nicht besser, die Ressourcen zunehmend weniger. Es gibt grandiose Stimmen, die es aus mentalen Gründen dann doch nicht schaffen. Dennoch möchte ich junge Menschen ermutigen, ihren Weg zu gehen, und ihnen eine positive Dynamik mitgeben. Früher war der Einstieg von der Hochschule ins Berufsleben oft eine Hürde, heute hat sich das durch die Opernstudios nach hinten verschoben. Manchmal sind die Leute schon Mitte 30 und haben noch immer wenig Erfahrung. Ich rate allen, fixe Engagements anzunehmen – auch an sehr kleinen Opernhäusern. Einfach, um in Ruhe den Alltag kennenzulernen und sich mit verschiedenen Partien auseinandersetzen zu können.“ Sein eigenes Repertoire umfasst 130 Rollen und reicht von Händel bis Henze. Allein den Papageno hat er in mehr als 100 Vorstellungen gesungen. Zudem gibt er Konzerte und Liederabende.

Und Johannes Martin Kränzle ist Komponist. „Aber nur nach Auftrag“, betont er, „für die Schublade möchte ich nicht arbeiten.“ Dafür genreübergreifend. Zu seinen Werken zählen die Suite für Streichorchester „Mutationes“, der vielfach aufgeführte Zyklus „Lieder um Liebe“ und die Kammeroper „Der Wurm“. Theoretisch könnte er also eine Oper komponieren, diese selbst inszenieren, die Hauptrolle übernehmen und ein Geigensolo einbauen. „Das wäre eine sehr schlechte Idee (lacht). Bei ,Orpheus in der Unterwelt‘ habe ich einmal auch das Geigensolo gespielt und war deshalb sehr viel nervöser als wegen des Singens.“

Johannes Martin Kränzle als Wozzeck.
Foto: Monika Rittershaus
Johannes Martin Kränzle als Wozzeck.
Johannes Martin KRÄNZLE

studierte Geige, Regie und Gesang; zählt zu den besten Baritonen seiner Generation; gastiert regelmäßig an den renommiertesten Opernhäusern und bei den größten Festivals der Welt; feierte als Komponist Erfolge; hatte eine Gastprofessur in Köln; zählt Papageno, Beckmesser, Alberich, Don Pasquale und Don Alfonso in „Così fan tutte“, den er heuer erneut bei den Salzburger Festspielen singen wird, zu seinen prägenden Rollen.

KARITATIVES PROJEKT

Noch ein großer Sympathiepunkt für den Sänger: Seit sechs Jahren finanziert Johannes Martin Kränzle aus eigener Tasche das von ihm in Natal (Brasilien) ins Leben gerufene „Projeto Martin“. Dabei gibt er Kindern aus schwierigen sozialen Verhältnissen jahrelang die Möglichkeit, Musik-unterricht zu nehmen, um später eventuell in Orchestern spielen oder selbst als Musiklehrer arbeiten zu können. „Ich wollte auf der südlichen Halbkugel konkret helfen. Und weil ich selbst sehr oft in Natal gearbeitet habe, verfüge ich dort über die nötige Infrastruktur und weiß, dass das Geld auch tatsächlich bei den Kindern ankommt.“ Auch die benötigten Instrumente stellt er zur Verfügung. „Mehr ist es nicht.“ Aber auch nicht wenig.

Hier zu allen Spielterminen von "Wozzeck“ in der Wiener Staatsoper!

Opernring 2
1010 Wien
Österreich
Unsplash

Erschienen in
Bühne 04/2026

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Klaus Peter Vollmann
Klaus Peter Vollmann
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