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Der südafrikanische Tenor Katleho Mokhoabane singt Tito.

Der südafrikanische Tenor Katleho Mokhoabane singt Tito.
Foto: Andreas Jakwerth

Wir brauchen Clemenza Di Tito

Wiener Staatsoper

Mehr Milde, mehr Nachsicht, mehr Gnade braucht die Welt. Das wusste schon Wolfgang Amadeus Mozart – und damals gab es weder Social Media noch Trump. Jan Lauwers, der Bildermaler, wird La clemenza di Tito jetzt an der Staatsoper neu auf die Bühne bringen. Als großes, spannendes Sängerfest.

Ist es visionär, wenn ein Komponist 1790 eine Oper schreibt, deren Inhalt 2026 so aktuell ist, dass es weh tut? Oder ist die Menschheit einfach zu – verzeihen Sie den Ausdruck – deppert, um dazuzulernen? Oder hat Mozart einfach, wie bei allen großen Stücken der Geschichte, ein universelles, großes Thema in Noten gefasst, das immer gültig ist? Es sind rhetorische Fragen. Die Antwort ergibt sich aus Frage zwei und drei.

Bevor wir in den September 1790 springen und wir dort einen schwer frustrierten Wolferl Amadeus Mozart treffen, bleiben wir im Jetzt. Da wird im Rahmen der ausgerufenen Repertoire-Erneuerung an der Wiener Staatsoper dessen Oper „La clemenza di Tito“ gegeben. Um was es geht? Na ja, der Stoff ist ein wenig – wir bleiben im Umgangssprachlichen – zach. Oder lassen Sie es mich so sagen: In der „Zauberflöte“ gibt es nur Herztöne – in „Tito“ finden sich keine. Trotzdem spürt man Mozarts Genie auch hier: in der Einfachheit, Klarheit und Überlegenheit der Musik – für die Glaubwürdigkeit des Stoffs war er nicht verantwortlich. Wäre da nicht das große Überthema der „Clemenza“ – also der Gnade, der Milde. Eine Eigenschaft, die die Welt immer schon besser und schöner gemacht hat.

DER INHALT

Jetzt der Absatz mit dem Inhalt: Vitellia, Tochter des früheren römischen Imperators Vitellius, sieht sich durch den neuen Imperator Tito um ihre Herrschaftsansprüche gebracht. Sie fordert Sextus auf, Tito zu töten. Sextus liebt Vitellia und ist mit Titus eng. Hin und her gerissen zwischen Freundschaft und Liebe lässt er schließlich das Kapitol anzünden, aber Tito überlebt. Der Senat verhört Sextus und verurteilt ihn zum Tode. Tito kann Sextus’ Verrat nicht glauben. Ein persönliches Gespräch mit ihm bringt keine Klärung, da Sextus sich zwar anklagt, aber Vitellias Anstiftung verschweigt. Tito unterschreibt das Todesurteil und vernichtet es: Lieber will er auf die Herrschaft verzichten als einen Freund verlieren. Vitellia begreift, dass sie sich offenbaren muss – auch sie will an Sextus’ Tod nicht schuld sein. Ihr Geständnis gibt Titus die Möglichkeit, allen Gnade zu erweisen.

Katleho MOKHOABANE

ist erstmals in einer großen Rolle an der Wiener Staatsoper zu sehen. Der gebürtige Südafrikaner war Mitglied des Opernstudios und singt derzeit an der Oper in Wiesbaden. Er gilt als eine der interessantesten neuen Stimmen der Oper.

SO WIRD DIE REGIE

Wir brauchen nicht diskutieren: Das Werk ist ein Fall für jenen Mann, der selbst sperrige Werke für das heutige Publikum aufbereiten kann: den großen Bildermaler Jan Lauwers. Wie Sie von uns gewohnt sind, haben wir uns aufgemacht und das Mastermind der Needcompany auf der riesigen Probebühne der Staatsoper im Arsenal getroffen. 69 ist er bereits und so was wie ein Rockstar der Theaterwelt. Sehr klar und abgeklärt, mit keinerlei Angst vor dem großen Gefühl und den großen Inszenierungen.

Dieses Mal freilich wird seine Bühne fast leer sein. Die drei Seitenwände werden mit Projektionen von Bildern bespielt, die Lauwers zur Musik Mozarts gemalt hat. Im großen Rest dürfen/können/müssen sich die Sänger*innen bewegen. Es lässt also das Sängerfest erwarten, als das diese Oper gilt: Im Mittelpunkt steht ein nobler Tenor (Tito), ihm zur Seite ein dramatischer (Vitellia) und ein lyrischer (Servilia) Sopran. Die virtuose Partie des Sextus und die anmutige des Annius waren ursprünglich für Kastraten gedacht, wurden aber schon in Prag von Mezzosopranistinnen gesungen.

Emily D‘Angelo, Katleho
Mokhoabane, Hanna-Elisabeth Müller.
Foto: Andreas Jakwerth
Emily D‘Angelo, Katleho Mokhoabane, Hanna-Elisabeth Müller.

DAS SÄNGERFEST

Lauwers arbeitet mit einem Cast, der genau dieses Sängerfest verspricht. Allen voran Katleho Mokhoabane, der eine der unverwechselbarsten und schönsten Stimmen der Opernwelt hat, sowie Hanna-Elisabeth Müller und Emily D’Angelo – beide Lieblinge des Wiener Publikums. Aber zurück zu Lauwers. Entspannt lässt er sich auf das grüne Sofa im Proberaum fallen. Wir wollen über die Welt reden und das was fehlt: „la clemenza“.

Man muss nach der Menschlichkeit suchen. Der Schönheit der Musik.
Ich spüre die Sehnsucht des Publikums. – Jan Lauwers , Regisseur
Foto: Andreas Jakwerth
Man muss nach der Menschlichkeit suchen. Der Schönheit der Musik. Ich spüre die Sehnsucht des Publikums. – Jan Lauwers , Regisseur

Ich vergesse auf der Bühne die Welt. Es ist berührend, wie sich unsere Arbeit auf das Publikum überträgt.

– Katleho Mokhoabane, Tenor

„Der Letzte, der Clemenza lebte, war Mandela. Er ließ sie gegenüber den Weißen walten. Trump und Putin sind nur gegenüber ihren eigenen Taten milde und gnädig und nicht gegenüber der Welt. Es ist grausam. Es ist dunkel. Das Heute ist unerträglich. Jeder hat Angst vor der Zukunft. Ich habe Kinder und Enkelkinder und alle fürchten um ihre Zukunft. Das kulturelle Umfeld verschwindet. Aber genau diese dunklen Momente sind für Künstler interessante Momente. Wir haben in Europa geschlafen, aber plötzlich gibt es ein Erwachen.

Wie lassen Sie jetzt an der Oper „La clemenza“ walten?

Man muss nach der Menschlichkeit suchen. Nach der Schönheit der Musik, des Gesangs, das ist sehr, sehr notwendig. Ich merke diese Sehnsucht des Publikums, das vermehrt in die Theater, Kinos und Opernhäuser geht. Man will sich mit den dunklen Seiten auseinandersetzen und Trost suchen.

Es scheint mir, dass die Menschen Angst vor der Freiheit haben.

Heute wird alles zur Politik und wir vergessen die Poesie. Poesie ist noch immer ein Werkzeug zum Überleben und sie sagt: Habe keine Angst vor der Freiheit.

Ist Poesie die Rettung?

Nein, aber Poesie gibt dem Leben den notwendigen Sauerstoff und Poesie ist heute eine politische Ansage … Weil es gibt keine Gnade mehr, keine Solidarität.

Was ist da genau in der Welt passiert?

Wir haben den Überblick verloren. Wir leben in einer Welt der Illusionen und gehen dort in die falsche Richtung – wie in den 30er-Jahren in Deutschland. Und ehe wir uns versehen, töten wir uns gegenseitig. Wir dachten immer: Wir kennen die Geschichte, wir dachten, es gibt keinen Krieg mehr. Ein Beispiel: Die KI und die sozialen Medien bringen unseren Verstand durcheinander. Wir kontrollieren nichts mehr und werden immer intoleranter .…

Jan LAUWERS:
In Wien liebt man ihn für seine erfolgreichen Inszenierungen, etwa „L‘incoronzione di Poppea“ oder „Le Grand Macabre“. Er ist DER Mann, der sperrige Stoffe so beleben kann, dass auch Monteverdi vom Publikum (auch vom
konservativ-bewahrenden Teil) als cool und zeitgemäß wahrgenommen wird. Lauwers studierte Malerei und ist Gründer
der Needcompany.
Foto: Andreas Jakwerth
Jan LAUWERS: In Wien liebt man ihn für seine erfolgreichen Inszenierungen, etwa „L‘incoronzione di Poppea“ oder „Le Grand Macabre“. Er ist DER Mann, der sperrige Stoffe so beleben kann, dass auch Monteverdi vom Publikum (auch vom konservativ-bewahrenden Teil) als cool und zeitgemäß wahrgenommen wird. Lauwers studierte Malerei und ist Gründer der Needcompany.

Diese Überlegungen bedeuten was für Ihre Inszenierung?

Ich versuche, diese Oper so einfach wie möglich zu gestalten. Der Inhalt liegt ganz in den Händen der Sänger. Es gibt keine Puppen, keine Menschenmassen, einen kleinen Chor, nur sechs Sänger auf der Bühne – und diese Bühne ist leer. Ich gebe ihnen damit viel Raum, um aufzutreten. Ich motiviere sie, keine Angst vor der Freiheit zu haben. Jeder muss für sich einen Grund finden, um zu singen. Es geht darum, die Menschen hinter den Charakteren zu bewahren. Die Handlung kommt ihnen da sehr entgegen: Sie ist schnell, wie ein Quentin-Tarantino-Film.

Was haben Sie sich von der Oper gedacht, als Sie diese das erst Mal gehört haben?

Zuerst war ich nicht so überzeugt, aber dann dachte ich mir: Das ist brillant. Die Rezitative sind sehr lang, aber ich wollte nicht, dass sie gekürzt werden. Wir haben versucht, eine Form zu finden, dass die Rezitative ohne Schnitte schneller werden. Ich rede viel mit Pablo (Heras-Casado, der musikalische Leiter), unserem Schaffner, um ihn zu überzeugen, es bis an dieGrenze zu treiben – also das Tempo …(lacht)

Wir haben irgendwie Trump und Putin gestreift. Sind diese Teil des Spiels?

Nein, ich möchte diesen Menschen niemals die Ehre erweisen, sie zu erwähnen. Ich bin kein Künstler, der einen anekdotischen Ansatz zu etwas haben möchte. Ich will diese Oper nicht erklären. Ich möchte die Vielschichtigkeit von Tito zeigen, anstatt sie auszulegen. Unser Tito ist kein Sänger aus Südafrika, weil wir eine politische Aussage treffen wollten. Kathleo hat die Rolle, weil er eine einzigartige Stimme hat. Tito ist ein frustrierter Mann in einer frustrierten Gesellschaft.

Rettet uns vielleicht, dass wir in einer Demokratie leben?

Gut, dass Sie das erwähnen. Ich finde, dass wir uns von einer Demokratie hin zu einer Ochlokratie verändern ...

Hannah-Elisabeth Müller

ist einer der Publikumslieblinge der Oper und Repräsentantin einer neuen, coolen Generation. Sie wurde von Christian Thielemann entdeckt und feierte an der Wiener Staatsoper Triumphe in Barrie Koskys Inszenierungen.

Also zu einer Herrschaft des Pöbels?

Ja. Heute kontrollieren die sozialen Medien die Menschen. Das ist Ochlokratie. Die Tyrannei der Mehrheit. Wir haben hier Tito, der Menschen Gnade gewährt, die ihn töten wollen, und er macht das. Aber das Volk akzeptiert das nicht.

Was ist für Sie Vergebung?

Es ist eine große Frage. Wie kann das jüdische Volk und das Volk der Palästinenser sich vergeben, wie Ukrainer und Russen? Vergebung ist das Wichtigste im Jetzt. Wenn wir keine neue Definition von Gnade finden, eine neue Definition von Solidarität, dann sind wir am Ende. Es friert in mir, wenn ich diese Tech-Menschen höre, die sagen: Erschaffen wir eine Elite und der Rest kann sterben. Ich versuche fürs Publikum, auf der Bühne eine Welt zu erschaffen und zeigen, die sagt: Schau her, all diese Menschen sind anders. So geht es auch. Mit „la clemenza“.

Emily D'Angelo

ist gebürtige Kanadierin und firmiert unter der Kategorie „Cool“. Unglaubliche Stimme und Präsenz. Eine der Künstlerinnen, die dafür sorgt, dass auch zukünftige Generationen dem Genre Oper verfallen werden.

Ein bisserl Zeit haben wir noch und so setzen wir uns zu Katleho Mokhoabane. Er war vor Jahren im Opernstudio der Staatsoper. Die letzte Rolle, die er hier gesungen hat, war die des Priesters in der „Zauberflöte“. Jetzt ist er fix an der Oper in Wiesbaden engagiert.

Ein großer Sprung. Mokhoabane lächelt: „Ja, da hat jemand vermutlich gesagt: Der Typ hat eine Stimme, die die Staatsoper füllen kann. Und diesem Jemand bin ich sehr dankbar. Aber der Druck ist natürlich da. Aber ich hatte genug Zeit, mich auf diese Rolle vorzubereiten und meine künstlerischen Fähigkeiten auf ein Niveau zu bringen, von dem ich denke, dass es diesem Haus und dieser Rolle gerecht wird.“

Warum singst du?

Es ist manchmal gut, sich selbst zu vergessen und eine andere, neue Geschichte zu erzählen, die nichts mit dem zu tun hat, wer man selber ist. Nicht, dass ich so Schreckliches erlebt hätte. Aber ich vergesse auf der Bühne die Welt. Und es ist berührend, wie sich unsere Arbeit auf das Publikum überträgt – es ist herzerwärmend.

Hier geht es zu den Spielterminen von La clemenza di Tito in der Wiener Staatsoper!

Opernring 2
1010 Wien
Österreich
Unsplash

Erschienen in
Bühne 03/2026

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Atha Athanasiadis
Atha Athanasiadis
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