Warum sich Opernregisseur Christof Loy in die Zarzuela verliebte
Leidenschaftlich, poetisch, humorvoll, sozialkritisch. Das spanische Musiktheater brachte mit der Zarzuela ein eigenes kraftvolles Genre hervor. Christof Loy huldigt ihm seit 2020 und will der traditionellen Kategorie international zum Durchbruch verhelfen. Dafür hat er mit Los Paladines sogar ein eigenes Ensemble gegründet.
Amüsement, Lebensfreude, Begeisterung. Und ein Quäntchen Staunen. Derlei positive Emotionen, getragen von Humor und Können, widerfahren einem in der Oper nicht kontinuierlich. Als Christof Loy im Jänner 2026 Pablo Lunas „Benamor“ am Theater an der Wien inszenierte, verbreitete sich die Kunde vom ebenso geistreichen wie beglückenden Abend in Windeseile. Bei der Dernière hatte sich bereits eine Art Hardcore-Fangruppe gebildet, die das Werk, trotz nicht allzu vieler festgesetzter Termine, schon mehrmals gesehen hatte. Das mutige Unterfangen einer österreichischen Erstaufführung – 103 Jahre nach seiner Weltpremiere in Madrid – war aufgegangen. Der finale Schlussapplaus geriet zur nicht enden wollenden Euphoriebekundung. Dabei hatten wohl viele der Besucher*innen den Terminus Zarzuela, unter dem „Benamor“ angekündigt worden war, erst nachschlagen müssen. Es ist im eigentlichen Sinne auch kein exakt definiertes Genre, sondern eher ein musikalischer Überbegriff.
Schlechtwetter als Initialzündung
„Die Bezeichnung Zarzuela stammt vom gleichnamigen Palast am Stadtrand von Madrid, der lange Zeit die Sommerresidenz der spanischen Könige war und nun als privater Wohnsitz der Königsfamilie dient. Diesen Namen hat das Schloss erhalten, weil es von Brombeerhecken umgeben war, und der Brombeerstrauch heißt auf Spanisch Zarza“, erklärt Christof Loy im Interview. Die Geschichte der Zarzuela sei vergleichbar mit der Entstehung der Oper in Mantua. „Wenn das Wetter zu schlecht war, um beispielsweise auf die Jagd gehen zu können, mussten die Adeligen anderweitig unterhalten werden. Pedro Calderón de la Barca, der damals als Hofdichter fungierte, hatte schließlich die Idee, jene Schauspielstücke, die man zur Abendunterhaltung präsentierte, mit Musik zu unterlegen – und diese musikalischen Einlagen immer auch mit der Handlung zu verknüpfen. Dadurch entstand Ende des 17. Jahrhunderts eine Art Singspiel, das sich, obwohl es eigentlich nur in sehr intimem Rahmen dargeboten wurde, bald dermaßen großer Beliebtheit erfreute, dass auch die öffentlichen Theater, die im 18. Jahrhundert nach und nach in Madrid gegründet wurden, diese neue Unterhaltungsform in ihr Repertoire aufnahmen.“
Christof Loy findet es angesichts ihres höfischen Ursprungs bemerkenswert, dass die Zarzuela von Anfang an immer auch Szenen, in denen das Volk eine Rolle spielte, beinhaltet hat. „In den Barock-Zarzuelas existierten die Tragödie und die Komödie häufig nebeneinander, selbst Werke tragischen Inhalts hatten meist sehr ausgeprägte komische Intermedien. Nach dem Höhepunkt dieser barocken, opernhaften Form, erlebte die Zarzuela einen Knick – ähnlich wie in der englischen Oper, wo es nach Henry Purcell plötzlich keine Komponisten mehr gab, die sich um das Fach kümmerten. Am Beginn des 19. Jahrhunderts war in Spanien der Import italienischer Opern viel wichtiger als die Produktion eigener Werke. Das änderte sich wieder mit dem revolutionären Komponisten Francisco Asenjo Barbieri, der die Zarzuela Mitte des 19. Jahrhunderts in ihrer Eigenständigkeit wiederbelebte und ihr zu einer 100-jährigen Blütezeit verhalf.“
Um die Jahrhundertwende habe es allein in Madrid rund 30 Theater gegeben, die jeden Abend eine Zarzuela auf dem Spielplan gehabt hätten. Oftmals wurde ein Werk zeitgleich in drei unterschiedlichen Inszenierungen gezeigt. „Und so, wie man auch Oper thematisch nicht exakt klassifizieren kann, gibt es bei der Zarzuela ebenfalls ein breites Spektrum, das von der Komödie über die Farce bis hin zur Tragödie reicht. Vor allem aber findet man immer eine Mischform.“ Text, Musik, Tanz – das sind jedenfalls die Ingredienzien.
Erstkontakt in Salzburg
Nun ist Christof Loy bekanntermaßen ein erfolgreicher Opernregisseur, der regelmäßig an großen internationalen Häusern und bei führenden Festivals inszeniert. Sowohl 2017 als auch 2024 wurde er bei den International Opera Awards als „Director of the Year“ ausgezeichnet. Woher rührt eigentlich seine Liebe zur Zarzuela? „Ein erstmaliges kurzes Aufflackern datiert von Anfang der 1980er Jahre. Damals gab es bei den Salzburger Festspielen einen Abend mit Placido Domingo und Pilar Lorengar, bei dem Zarzuela-Highlights präsentiert wurden. Dieses Konzert fand sicherlich auf Wunsch von Domingo statt, wurde mitgeschnitten und kam als Schallplatte, später auch als CD, auf den Markt. Ich habe das gehört und dachte nur, wow, was ist das denn? Man hat selbst via Aufnahme die Begeisterung des Publikums wahrgenommen“, erinnert sich Christof Loy. Danach sei international lange wenig passiert im Bereich Zarzuela. Erst, als er vor sieben Jahren am Teatro Real in Madrid inszeniert habe, sei er wieder mit dem Genre in Kontakt gekommen. „Das Teatro Real selber hat zwar keine im Programm, aber alle spanischen Sänger*innen kennen sie natürlich. Außerdem sind es nur 12 Minuten Fußweg zum Teatro de la Zarzuela, das ein reines Zarzuela-Opernhaus ist.“
2020, im Jahr der Pandemie, habe er ebendort schließlich seine erste Zarzuela live gesehen. „Und das hat mich umgehauen. Ich hatte das Glück, dass dies eine sehr gute Aufführung war – und das in Verbindung mit der sehr aktiven Präsenz des Publikums hat sich für mich angefühlt, wie man es in den Berichten über die Urauffürung von ,Le nozze di Figaro‘ nachlesen kann, wo jede Arie wiederholt werden musste. Die Zuschauer*innen haben nicht nur die Handlung leidenschaftlich mitverfolgt und durchlitten, sondern sich auch mit den Darsteller*innen, die sie natürlich kannten, identifiziert. Ähnlich, wie früher bei Hilde Güden oder Lisa de la Casa an der Wiener Staatsoper, kommen die Leute auch ins Theater, um die Künstler*innen zu sehen. Man spürte regelrecht eine Welle der Zuneigung zu allem, was auf der Bühne passierte, und umgekehrt traten auch die Darsteller*innen in einen Dialog mit den Menschen im Publikum.“
Abbau von Vorurteilen
In Folge habe er sich viele Stücke angeschaut, angehört, angelesen und gefragt, wie es möglich sein könne, dass diese Werke trotz ihrer musikalischen und dramatischen Qualitäten außerhalb Spaniens gänzlich unbekannt seien. „Da wurde bei mir so etwas geweckt wie ein Don-Quijote-Geist“, meint Christof Loy lachend, „nur dass meine Dulcinea, für die ich kämpfen will, Zarzuela heißt.“
Als Mann der Tat rief er gemeinam mit Geschäftsführer Erwin Stürzer das Ensemble Los Paladines ins Leben – ein Paladin ist nicht umsonst eine streitbare Person bzw. ein Verteidiger von Idealen –, um so sein Engagement nachdrücklich zu unterstreichen. Als kundigen Gefährten holte er sich José Miguel Pérez-Sierra, den musikalischen Leiter des Teatro de la Zarzuela, an seine Seite. Und auch, wenn Christof Loy weiß, dass sein Name eine gewisse Zugkraft hat, um das Genre Zarzuela neu zu platzieren, will er nicht im Vordergrund stehen. Er müsse viel Überzeugungsarbeit leisten, erzählt er, denn viele Opernhäuser hätten absurderweise Bedenken ob der spanischen Sprache. „Denen sage ich dann, Leute, seid nicht blind. Es gibt einen riesigen Markt für spanische Netflix-Serien, Filme von Pedro Almodóvar haben international ein großes Publikum, Spanisch ist weit mehr eine Weltsprache als Französisch. Wenn man kein Problem damit hat, Janáčeks Oper ,Aus einem Totenhaus‘ in tschechischer Originalsprache aufzuführen, sollte man auch keine Angst davor haben, spanische Dialoge mit Untertiteln zu versehen.“
Christof Loy hat es sich zudem zur Aufgabe gemacht, die Zarzuela von Klischees, die an ihr hafteten wie jene an der Wiener Operette, zu befreien. „Sie wird oft auf das Folkloristische reduziert und als gefällig, süßlich, einschmeichelnd gesehen, was auch an manchen Aufführungspraktiken liegt. Dabei wird die Subversivität des Genres – dass man sich in der Zarzuela immer schon für die sozial Schwachen und die Außenseiter eingesetzt hat, dass Frauenrollen oft sehr unangepasst waren, dass immer wieder Fragen des Kolonialismus verhandelt wurden – schnell außer Acht gelassen. Schuld an dieser Entwicklung war natürlich das Franco-Regime, das sich der Zarzuela zwar einerseits als spanisches Nationalgut bediente, andererseits aber großes Interesse daran hatte, es möglichst oberflächlich zu gestalten. Manche Stücke wurden auf den Index gesetzt, aus anderen, die zum Beispiel das aufmüpfige Arbeitertum zum Inhalt hatten, wurden rührselige Liebesgeschichten gemacht.“
Bis heute hätten jüngere Generationen deswegen Vorbehalte, die Christof Loy mit Los Paladines auszuräumen gedenke. Auch Dirigenten müssten erst einmal überzeugt werden. „Die rümpfen auch meist die Nase, wenn man ihnen eine Zarzuela vorschlägt, obwohl sie meistens gar keine kennen. Da bin ich dann immer froh, wenn ich mit Mariss Jansons, der als eine seiner liebsten Zugaben die Ouvertüre aus ,La Revoltosa‘ gespielt hat, oder Igor Markevitch, ebenfalls ein großer Verfechter der Zarzuela, argumentieren kann.“
Vor „Benamor“ in Wien war übrigens schon Christof Loys Inszenierung von „El barberillo de Lavapiés“ in Basel – auch nicht gerade ein Hort sanguinischer Lebenslust – ein durchschlagender Erfolg.
So, wie man auch Oper thematisch nicht exakt klassifizieren kann, gibt es bei der Zarzuela ebenfalls ein breites Spektrum, das von der Komödie über die Farce bis hin zur Tragödie reicht. Vor allem aber findet man immer eine Mischform.“
-Christof Loy, Opernregisseur
Weniger Alemania – mehr Austria
Wo liegen denn die Gemeinsamkeiten im deutschen und spanischen Temperament? „Ich glaube, dass es historisch eher eine Verbindung zwischen Österreich und Spanien gibt“, so der in Essen geborene, aber in Österreich lebende Regisseur. Bei österreichischen Musiker*innen gibt es einen Aspekt, der meist als Vollblut bezeichnet wird. Eine gewisse Fähigkeit, den intellektuellen Teil zwar unbewusst mitwirken zu lassen, aber sich auch dem Moment hinzugeben und dadurch eine emotionale Direktheit herzustellen. Und da sind sich Spanier und Österreicher sehr nahe, finde ich. Ich glaube, das ist auch der Grund, weshalb ,Benamor‘ in Wien so gut ankam. Meine Zweitwohnung in Madrid liegt übrigens ausgerechnet im Stadtteil Los Austrias.“ So etwas kann kein Zufall sein.
Momentan treten Los Paladines in erster Linie bei Galaveranstaltungen auf. Die nächste dieser Art – die „Gran Gala de Zarzuela“ – findet am 4. Juli in der Deutschen Oper Berlin statt. Musikbegeisterten sei diesbezüglich ein Kurztrip in die deutsche Hauptstadt ausdrücklich empfohlen. Vor ein paar Wochen habe sich das Festival in Santander bereit erklärt, Los Paladines langfristig im Sommer ein temporäres Zuhause zu geben, worüber sich Christof Loy sehr freut. „Dort werden wir eine Residenz haben und können ab 2027 jährlich ein Programm anbieten. Wir wollen aber auch Masterclasses für junge Sänger*innen veranstalten, weil wir finden, dass man den Nachwuchs förden muss. Schließlich ist das Genre mit Gesang, Tanz und Schauspiel ziemlich komplex.“
Langfristiges Ziel sei es, Los Paladines zu einer Kompanie auszuweiten, um auch eigene Zarzuela-Produktionen anbieten zu können. „Ich möchte auch nicht-spanische Künstler*innen dafür begeistern, denn eine Carmen-Darstellerin muss ja auch nicht zwingend französisch sein. Ein Traum wäre es etwa, Lisette Oropesa, die sehr viel für dieses Genre übrig hat, davon zu überzeugen, dass es auch für sie viele gute Rollen in der Zarzuela gibt“, skizziert Christof Loy Zukunftspläne.
Am 10. Juni feiert er mit „El gato montés“ übrigens sein Debüt am Teatro de la Zarzuela. „In dieser Spielzeit ist das dann mein drittes spanisches Stück. Aber ich habe mir das auch bewusst so eingeteilt, weil ich finde, dass ich zumindest eine Saison brauche, um mich in diesem Genre besser auszukennen.“
Ab 6. August gibt es bei den Salzburger Festspielen ein Wiedersehen mit seiner „Così fan tutte“-Inszenierung aus dem Jahr 2020, die heuer eine erweiterte Neueinstudierung erfährt. Christof Loys Wiener Publikum muss indes noch bis zur Spielzeit 2027/28 auf eine neue Regiearbeit warten. Und welche das sein wird, kann verständlicherweise noch nicht verraten werden. Schön wäre – exakt! – eine Zarzuela.