Große Stimmen: Piotr Beczała
Der Ausnahme-Tenor Piotr Beczała wird am 16. August in Grafenegg auftreten. Ein BÜHNE-Gespräch.
Er ist sympathisch, unaufgeregt und einer der größten Tenöre der Welt. Am 16.August ist er zu Gast in Grafenegg. Die wunderbare Sarah Tysman wird Beczała am Klavier begleiten. Auf dem Programm der Matinee im Auditorium stehen unter anderem Lieder von Mieczysław Karłowicz, Antonín Dvořák und Sergej Rachmaninow. Ein BÜHNE-Gespräch über Stimme, Fliegen und Tenorwitze.
Sie haben einmal gesagt: „Es ist die größte Tragödie der Sänger, dass sie nie in den Genuss der eigenen Stimme kommen.“ Das verstehe ich nicht.
Man produziert einen Klang und dieser wird projiziert. Das kann man nicht hören. Wenn man versucht, den Klang zu hören, wird die Projektion gestoppt oder gestört. Die Instrumentalisten haben dieses Problem nicht, weil sie neben ihrem Klangkörper stehen. Sie können das hören, aber wir nicht. Mein Lieblingstenor aus der Vergangenheit, Jean de Reszke, hat die einzige Aufnahme, die es von ihm gab, zerstört. Weil seine Vorstellung von seiner Stimme vollkommen anders war.
Wie ist das, wenn Sie Ihre Stimme hören?
(Piotr Beczała atmet pfeifend aus.) Na ja. Ich höre sie, weil ich muss. Aber ich empfinde meine Stimme als einen Fremdklang. Wenn ich einen Mitschnitt einer meiner Aufführungen höre, dann denke ich mir nur, was ich anders hätte machen können. Nicht besser, sondern anders. Weil es ist ja bereits versendet, da kann man gar nichts mehr machen. Man muss deshalb das Handwerk so gut beherrschen, dass man überhaupt nicht nachdenken muss, ob der Klang sauber ist oder gesund oder schwingend oder ob die Farbe passt
Sie singen oft in den USA. Liegt es daran, dass dort die Inszenierungen nicht so schräg sind wie in Europa?
Ich habe keine Probleme mit schrägen Inszenierungen. Aber ich habe eine rote Linie, die ich bei Festivals auch einmal überschreite. Es ist wie beim Essen. In den USA schmeckt alles gleich, es gibt große Portionen, ohne Chichi. In Europa gibt es mehr Haute Cuisine. Die moderne Regie ist in extremen Fällen wie Molekularküche, Steaks schmecken wie Gurken und umgekehrt, dazu gibt es Lachsforellenbällchen und so weiter. Ab und zu als Abenteuer ist das in Ordnung. Man kann sich aber nicht jeden Tag davon ernähren. Entweder wird man verrückt oder man verhungert.
Sie bringen zu Proben immer selbst gebackenen Kuchen mit – Bestechung?
(Lacht) Das ist ein Hobby von mir. Schon als Kind war ich die Küchenmaschine meiner Mama – der Chefkneter. Ich backe auch immer gleich mindestens vier Bleche. Man könnte es zwar auch reduzieren, aber bei Hefeteig muss es einfach eine gewisse Menge sein, denn sonst macht das keinen Spaß. Unter zwei Blechen geht nichts. Mohnstrudel ist meine Spezialität.
Die Stimme ist ein sehr fragiles Instrument. Hat man als Sänger Angst vor der Endlichkeit dieses Muskels?
Man muss sehr klug mit seine Kräften umgehen, das versuche ich. Aber man darf sich mit solchen Gedanken nicht zu sehr beschäftigen, weil man dann automatisch auf die Bremse steigt. Man muss die Stimme laufen lassen und auch fordern.
Was ist das Verrückteste, das Ihnen je auf der Bühne passiert ist?
Es war in Barcelona. Ich singe eine Arie und eine Fliege wollte in meinem Mund einparken. Nach einer Minute hat der ganze Chor meinen Kampf mit der Fliege beobachtet. In der zweiten Strophe habe ich sie dann zu fangen versucht. Und beim letzten Wort habe ich sie zerquetscht.
Man hat mir erzählt, dass Sie Witze über Tenöre lieben …
Das stimmt. Mein Lieblingswitz ist ja eher eine Frage: Wie bekommt man das Gehirn eines Tenors auf Erbsengröße? Aufblasen.