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Lotte de Beer (l.) inszeniert, Wallis Giunta (r.) singt.

Lotte de Beer (l.) inszeniert, Wallis Giunta (r.) singt.
Foto: David Payr

Hoffmann erzählt. Die Muse macht.

Volksoper

Jacques Offenbachs Oper „Hoffmanns Erzählungen“ ist ein fantastisches Sammelsurium mit breitem Interpretationsspielraum. Lotte de Beer lässt in ihrer Inszenierung die Muse in Gestalt von Wallis Giunta ordnend ins Geschehen eingreifen. Und fördert so den Dialog von Kunst und Künstler.

Es gibt Opern, deren Libretti sich nicht auf den ersten Blick erschließen. Und es gibt Jacques Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“. Eine „fantastische Oper“ in fünf Akten – eigentlich drei plus Vor- und Nachspiel – des berühmtesten Operettenkomponisten Frankreichs, die erzählerisch in einer eigenen Liga spielt. Im Wesentlichen basiert das 1881 posthum in Paris uraufgeführte Werk auf drei Erzählungen E. T. A. Hoffmanns, in denen die Muse versucht, den Künstler seines unglücklichen Liebeslebens zu entreißen und für die Literatur zurückzugewinnen.

Vier Frauen sind es, denen Hoffmann im Laufe der inkonsistenten Geschichte sein Herz darlegt: der Sängerin Stella, einer mechanischen Puppe namens Olympia, Antonia – unglückliche Tochter des Rats Krespel, der das Singen von ihrem Vater verboten wird – und der Kurtisane Giulietta, die nur daran interessiert ist, Hoffmanns Spiegelbild illegal zu erwerben. Und das ist jetzt wirklich nur sehr grob der Handlungsfaden, dem ein großes Personal – darunter unsichtbare Geister – zu folgen hat. Zudem gibt es mehrere Fassungen der musikalisch beeindruckenden Oper, die unter Fans kultische Verehrung genießt und weltweit erfolgreich aufgeführt wird. Mariame Clément, die „Les Contes d’Hoffmann“ 2024 bei den Salzburger Festspielen auf die Bühne brachte, meint, jede Regisseurin und jeder Regisseur müsse die Geschichte im Grunde neu für sich erfinden. Genau darin liege aber auch der Reiz des Unterfangens. An der Volksoper wagt sich nun Intendantin Lotte de Beer daran – und zwar in Coproduktion mit der Opéra national du Rhin, dem Théâtre national de l’Opéra-Comique und der Opéra de Reims, wo die Inszenierung bereits vor ausverkauften Häusern gezeigt wurde.

MUSE IM MITTELPUNKT

„Ich mag Werke, die nicht leicht einzuordnen sind, und ich mag künstlerische Probleme“, erklärt sie ihre Motivation. „Und das ist wirklich ein Problemstück, denn es ist eigentlich gar kein Stück, sondern eine Sammlung von Material. ,Les Contes d’Hoffmann‘ gibt es nicht. Aber es gibt eine Vielzahl an Variationen davon, aus denen man sich seine eigene Fassung zusammenstellen muss. Das ist genau die Art von Herausforderungen, die ich schätze.“ Am Anfang stünden mehrere Fragezeichen. „Warum müssen wir uns diese drei Geschichten anhören? Was sagt uns das? Geht es um eine historische Figur? Steht im Zentrum die Liebe? Nicht ganz, denn dazu bräuchte es die zwischenmenschlichen Emotionen zweier Personen. Die Geschichten laufen zudem im gleichen Schema ab: Ein romantischer Dichter-Protagonist ist das Opfer eines Bösewichts und wird von einer Frau manipuliert. Immer und immer wieder. Die weiblichen Figuren sind dabei leer und flach. Lediglich Projektionsflächen. Allerdings gibt es eine interessante Erscheinung, die in den Geschichten eigentlich keine Rolle spielt, sondern nur im ersten Akt und am Ende aktiv wird, aber diese ganze Reise begleitet: die Muse. Das könnte eine schöne Frau sein, die den Dichter beflügelt. Oder jene Göttin der griechischen Mythologie, die Künstler*innen inspiriert und ihnen ihren Atem einhaucht. Und als solche sehe ich sie. Dadurch wird das Stück zu einem Dialog zwischen Kunst und Künstler.“

Dafür hat Autor Peter te Nuyl alle Dialoge neu geschrieben. „Hoffmann ist gefangen in seinen Wahnideen und verkörpert ein Selbstbild, in dem er entweder das Opfer ist oder ein Genie. Er macht sich abwechselnd klein oder viel zu groß. Das klingt für mich nach Narzissmus und passt somit gut in unsere Zeit, in der wir andauernd Plattformen brauchen, um uns mit anderen aufgeblasenen Ichs zu vergleichen“, sieht Lotte de Beer aktuelle Bezüge.

Regisseurin und Intendantin Lotte de Beer.
Foto: David Payr
Regisseurin und Intendantin Lotte de Beer.

DIREKT AUS DEM TRAININGSCAMP

Die Muse alias Kunst nimmt im Stück eine nahezu therapeutische Funktion ein. Dargestellt wird sie von Wallis Giunta, die damit ihr Rollendebüt gibt. „Ich wollte diese Partie schon immer singen und finde es interessant, dass es so lange gedauert hat. Allerdings wird ,Hoffmanns Erzählungen‘ nicht so oft gespielt wie ,Carmen‘ oder ,Così fan tutte‘, was eine Erklärung wäre, warum ich dafür erst 40 werden musste (lacht). Ich hoffe, dass die Muse bald zu meinem Kernrepertoire gehören wird, weil es interessant ist, eine Rolle in einer Oper zu spielen, die jedes Mal ganz anders sein kann. Sogar musikalisch gibt es keine einheitliche Fassung.“

Apropos: Eine große gesangliche Herausforderung – verglichen mit vielen anderen Aufgaben – sieht die Mezzosopranistin nicht in ihrem Part. Vielmehr sei die Muse schauspielerisch das Anspruchsvollste, was sie je gemacht habe. „Meine Mission besteht darin, das Stück vom Anfang bis zum Ende zusammenzuhalten und ihm Menschlichkeit einzuhauchen, sodass sich das Publikum auch mit dem Bühnengeschehen identifizieren kann.“ Beim ersten Lesen habe sie gedacht, dass die Muse Hoffmann gegenüber wohl sehr kritisch eingestellt sei und wenig Geduld mit seinem provokanten Verhalten habe.

„Doch dieser erste Eindruck war zum Glück nicht die Richtung, die wir mit der Figur einschlagen. Wir haben ihr – intern – eine Hintergrundgeschichte gegeben. Bei uns kommt die Muse direkt von einem Trainingscamp am Olymp. Das ist ihr erstes eigenverantwortliches Projekt. Sie nimmt also alles sehr ernst und will keine Fehler machen. Es ist ihr ein Anliegen, Hoffmann zu unterstützen, für ihn zu sorgen, ihm auf seinem Weg zur Selbstliebe und zur wahren Kunst zu helfen. Wie eine gute Therapeutin. Das hat den Dialogen in meinen Augen eine neue Perspektive und viel mehr Tiefe gegeben und ich finde diesen Weg auch viel interessanter als einen sarkastischen, zynischen Charakter abzugeben, der Hoffmann bloß als Zeitverschwendung begreift.“

Sängerin und „Muse“ Wallis Giunta.
Foto: David Payr
Sängerin und „Muse“ Wallis Giunta.

Oft werden Stella, Olympia, Antonia und Giulietta von ein und derselben Sopranistin gesungen. Nicht so bei Lotte de Beer. Erstens sei es sehr schwierig, eine Sängerin zu finden, die alle Rollen herausragend bewältigen könne. Aber, für die Intendantin noch viel wichtiger: „Es wäre schade, diese Rollen nicht mit passenden Sängerinnen, die wir an der Volksoper haben, zu besetzen und stattdessen eine Kollegin einfliegen zu lassen. ,Hoffmanns Erzählungen‘ ist ein Stück, dass dieses wunderbare Ensemble singen soll. Das ist mir ein Anliegen.“

Wallis Giunta verkörpert am Haus zeitgleich zur Muse auch noch den gesanglich anspruchsvollen Trommler im „KaiserRequiem“. Im Herbst wird sie dann zum ersten Mal im Gewandhaus Leipzig in einer semiszenischen Aufführung die Witwe Begbick in der Weill-Brecht-Oper „Mahagonny“ verkörpern. „Darauf freue ich mich sehr. In Leipzig habe ich übrigens Lotte de Beer kennengelernt, als wir gemeinsam an der Oper ,Lulu‘ realisiert haben.“ Und in der nächsten Spielzeit warten an der Volksoper Weills „Die sieben Todsünden“ in Kombination mit Puccinis „Gianni Schicchi“ auf sie. „Wenn man so will, feiere ich also im kommenden Jahr meine persönlichen Kurt-Weill-Festspiele.“

Hier geht es zu den Spielterminen von „Hoffmanns Erzählungen“ in der Volksoper!

Währinger Straße 78
1090 Wien
Österreich
© Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Erschienen in
Bühne 06/2026

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Klaus Peter Vollmann
Klaus Peter Vollmann
Autor
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