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Mira Alkhovik und Seiyoung Kim werden in „Titus“ Vitellia und Tito verkörpern.

Mira Alkhovik und Seiyoung Kim werden in „Titus“ Vitellia und Tito verkörpern.
Foto: Caro Lenhart

Clemenza 4.0

Volksoper

Die Milde als Machtmittel in einem System aus Korruption und Mord. Die Volksoper lässt ihr Opernstudio im MuTh Mozarts „Titus“ neu erforschen. Seiyoung Kim spielt die ambivalente Titelrolle. Mira Alkhovik zeigt als Vitellia auch humane Züge.

Der milde Kaiser, der Liebende belohnt, Verschwörern verzeiht und selbst für das seiner Person geltende Mordkomplott keine Rache nimmt: Wolfgang Amadeus Mozart komponierte seine Lobpreisung des gütigen Herrschers anlässlich der Krönung Kaiser Leopold II. zum König von Böhmen – das Libretto stammt von Pietro Metastasio und wurde insgesamt etwa 50 Mal vertont. Doch nur Mozarts Version „La clemenza di Tito“ konnte sich auf lange Sicht durchsetzen. So ganz trauen will Regisseur Maurice Lenhard der übermenschlichen Nachsicht des römischen Caesars aber nicht. In seiner Version, die das von ihm geleitete Opernstudio der Volksoper heuer als große Jahresproduktion im MuTh am Augarten herausbringt, ist die finale Vergebung weniger ein Akt der Großherzigkeit als vielmehr ein Kontrollinstrument, eine Staatslüge, die Loyalität erzeugt, Widerstand neutralisiert und Stabilität suggeriert, während es dem berechnenden Tito eigentlich um Machtsicherung geht. So kann sogar Vergebung zur Waffe werden.

Der 31-jährige brasilianische Komponist Ricardo Vendramin Ross schuf eine eigene, neu arrangierte Kammerfassung der Oper, in der – ohne allzu viel verraten zu wollen – auch elektronische Klänge zu Gehör kommen werden.

EBENBÜRTIGES ENSEMBLE

Das Hauptaugenmerk gilt den Opernstudio-Mitgliedern, weswegen es auch keinen Chor geben wird. „Dadurch schafft Maurice Lenhard eine viel intimere Atmosphäre, zu der auch das reduzierte Orchester beitragen dürfte“, erklärt die Sopranistin Mira Alkhovik, die Vitellia singen wird. „Unsere Inszenierung ist mehr im Netflix-Style als große Oper, weniger pathetisch dafür präziser. Natürlich gibt es auch bei uns Drama, denn das Stück dreht sich schließlich um Politik, Liebe, Sex und Betrug. Aber wir bemühen uns um eine realistische Darstellung. Die Instrumentierung hilft uns Sängerinnen und Sängern sehr, denn diese Oper ist für alle Hauptrollen wirklich schwierig. Ohne riesiges Orchester kann man natürlicher agieren und sich viel besser auf seine Stimme konzentrieren.“

Seiyoung Kim (l.) als Harlekin und Daniel Schmutzhard (r.) als Kaiser Overall in der Ullmann-Mozart-Verschränkung „KaiserRequiem“.
Foto: Ashley Taylor
Seiyoung Kim (l.) als Harlekin und Daniel Schmutzhard (r.) als Kaiser Overall in der Ullmann-Mozart-Verschränkung „KaiserRequiem“.

Die von ihr dargestellte Vitellia trachtet danach, Tito zu heiraten, und schmiedet, als dieser eine andere auswählt, Rachepläne. Sie stiftet Sesto, den besten Freund des Kaisers, dazu an, diesen zu ermorden. „Vitellia ist die klassische Übeltäterin, deren einziges Ziel darin liegt, Tito zu stürzen. Mozart hat sie ziemlich eindimensional angelegt. Mir macht es großen Spaß, einen Charakter zu spielen, der mit mir so gar nichts zu tun hat. In der Oper trifft sie knallharte Entscheidungen und benutzt Sesto skrupellos, um sich selbst nicht die Hände schmutzig machen zu müssen. Ich möchte sie aber weniger einseitig darstellen. Im Manipulieren ist sie zwar stark, aber wenn es um Taten geht, ist sie weniger tapfer. Dieses Zögern, das wir zeigen werden, lässt auch auf Verletzlichkeit schließen, die sie schon sehr lange verheimlicht. Niemand ist nur böse, sie so anzulegen, wäre uninteressant.“

Engelbert Humperdincks Oper „Hänsel und Gretel“ mit Mira Alkhovik (r.)
als Gretel und Wallis Giunta (l.) in der Rolle des Hänsel.
FOTO: BARBARA PÁLFFY / VOLKSOPER WIEN
Engelbert Humperdincks Oper „Hänsel und Gretel“ mit Mira Alkhovik (r.) als Gretel und Wallis Giunta (l.) in der Rolle des Hänsel.

Seiyoung Kim wird die Titelpartie übernehmen. „Ich hatte sofort Zweifel, als mir diese Rolle angeboten wurde, weil ich dachte, sie sei nicht altersgerecht. Es gibt noch immer diese Tendenz, Tito von weitaus älteren Tenören singen zu lassen. Und ich bin zwar der Älteste im Opernstudio, habe aber ein junges Gesicht (lacht). Maurice Lenhard konnte diese belastenden, konventionellen Gedanken zum Glück zerstreuen. Er hat die Rolle sehr zu meiner gemacht und ermutigt mich auch, meine Persönlichkeit offenzulegen. In unserer Fassung wurden die meisten Rezitative gestrichen und durch Dialoge ersetzt, was für einen Sänger eigentlich schwieriger umzusetzen ist. Aber dadurch kann ich mir die Rolle auch wirklich zu eigen machen. Gerade jene Stellen, wo seine angebliche Milde uneindeutig wird, machen mir große Freude. Diese Momente sind schauspielerisch die interessantesten.“

Seiyoung Kim übernimmt die Titelrolle "Titus".
Foto: Caro Lenhart
Seiyoung Kim übernimmt die Titelrolle "Titus".

Was können geschulte Sängerinnen und Sänger überhaupt noch in einem Opernstudio lernen? „An der Volksoper ist das Opernstudio mehr ein Trainingscamp, ehe man in ein Ensemble geht oder freischaffend tätig wird. Wir alle haben hier die Möglichkeit bekommen, auch große Rollen zu singen, was europaweit fast einzigartig ist. Man behandelt uns nicht wie Studierende, die noch viel zu lernen haben, sondern bereitet uns auf alle Aspekte des Berufs vor“, er- klärt Mira Alkhovik. „Wir sind mehr eine Art junges Ensemble denn ein Opernstudio“, ergänzt Seiyoung Kim. „Ich hatte in zwei Jahren zwölf Rollendebüts. Viele davon waren Hauptrollen. Das ist verrückt! Wir sind hier wirklich ein vollwertiger Teil des Hauses.“

Zur Person: Seiyoung Kim

kam in Seoul zur Welt, studierte u. a. an der Juilliard School in New York, war bereits bei den Salzburger Festspielen und an der Houston Grand Opera zu Gast und sang an der Volksoper u. a. die Hexe in „Hänsel und Gretel“, Frederic in „Die Piraten von Penzance“, Gastone in „La Traviata“ und Harlekin in „KaiserRequiem“.

KÜNSTLERISCHER BACKGROUND

Seiyoung Kim entstammt einer hochmusikalischen koreanischen Familie. „Meine Mutter studierte Operngesang, hat aber nie eine Solokarriere angestrebt. Meine Tante ist als Mezzosopranistin aktiv, mein Onkel arbeitet als Komponist. Meine Schwester ist Geigerin, mein Cousin Pianist. Ich habe im Kinderchor begonnen und stand mit fünf Jahren zum ersten Mal in ,La Bohème‘ auf der Bühne. Mit neun habe ich den Commissario in ,La traviata‘ gesungen, und obwohl der Text nur drei Zeilen umfasst, hatte ich so etwas wie eine Opernerweckung. Ab diesem Zeitpunkt war mir klar: Das soll für immer mein Leben werden.“

Mira Alkhovik startete hingegen an der Violine in die Welt der Musik und machte sogar den Bachelor, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt kaum noch Interesse am Instrument zeigte. „Aber mein Vater ist Sportler, für ihn kam Aufgeben nicht infrage. Mit elf Jahren kam ich aber auch in den Kinderchor der St. Petersburger Oper, wo meine eigentliche Reise begann. Die Qualität am Mariinski-Theater war damals sehr hoch, wir haben Tourneen absolviert, ich habe viele neue Länder kennengelernt. Das hat mir viel mehr Spaß gemacht als die Violine. Langsam habe ich meine Stimme richtig entdeckt und mehr und mehr daran zu arbeiten begonnen.“

And here they both are!

Mira Alkhovik spielt in "Titus" Vitellia.
Foto: Caro Lenhart
Mira Alkhovik spielt in "Titus" Vitellia.

WOW-MOMENTE

Für die meisten Menschen wäre es der größte Horror, öffentlich vor einem Auditorium singen zu müssen. Was empfinden Seiyoung Kim und Mira Alkhovik auf der Bühne? „Das hängt sehr von der Rolle ab“, so die Sopranistin, „und auch davon, wie gut man vorbereitet ist. Manchmal muss man einspringen und hat ungefähr fünf Minuten Zeit, die Partie einzustudieren (lacht). Mir ist das tatsächlich einmal passiert. Ich wurde angerufen und gefragt, ob ich am selben Abend eine kleine Rolle im ,Rosenkavalier‘ übernehmen könne, die ich nicht einmal kannte. Bis zum Auftritt waren es nur wenige Stunden. Das ist vielleicht auf Dauer nicht gesund, aber es macht Spaß, weil der Adrenalinspiegel im Körper ins Unermessliche steigt. Singen macht nur Stress, wenn man nicht ganz gesund ist, weil man stimmlich überleben muss und sich nicht voll auf das Schauspiel konzentrieren kann. Aber wenn alles passt, ist es die reine Freude für mich.“

Dann spüre sie eine positive Art von Nervosität und sei danach glücklich, eine Herausforderung gemeistert zu haben.

Zur Person: Mira Alkhovik

ist gebürtige Russin, studierte u. a. am St. Petersburger Rimski-Korsakow-Konservatorium, absolvierte Meisterklassen, u. a. bei José Carreras, Thomas Quasthoff und Anne Sofie von Otter, und war bisher an der Volksoper u. a. als Flora in „La traviata“, Micaëla in „Carmen“ und Gretel in „Hänsel und Gretel“ zu erleben.

„Für mich ist es der Hammer“, strahlt Seiyoung Kim über das ganze Gesicht. „Unser Arbeitspensum in den letzten zwei Jahren war wirklich hoch. Ich singe aktuell in vier Produktionen und fühle mich manchmal müde. Aber sobald ich die Bühne betrete, ist der Stress komplett verflogen und ich weiß, warum ich das mache. Es fühlt sich so an, als würde meine Seele auf der Bühne gereinigt werden – und ich bin rundum glücklich. Natürlich bergen große Rollen auch eine besondere Verantwortung, denn das Publikum hat schließlich für seine Karten bezahlt. Aber nach so vielen Auftritten hier kann ich sogar diesen Druck genießen. Die Aufgaben, die man uns stellt, sind schön. So lange man auf sich schaut und gesund bleibt, ist alles perfekt.“

Die Göttin der Oper meint es übrigens auch gut mit Mira Alkhovik und Seiyoung Kim. Beide werden ab der nächsten Saison fix in das Ensemble der Volksoper übernommen. Gratulation!

Hier geht es zu den Spielterminen von "Titus" im MuTh! 

Währinger Straße 78
1090 Wien
Österreich
© Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Erschienen in
Bühne 05/2026

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Klaus Peter Vollmann
Klaus Peter Vollmann
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