Man hört sie, sieht sie aber nicht
Das Bühnenorchester der Wiener Staatsoper gilt als eines der besten musikalischen Kollektive der Welt, aber kaum jemand weiß, dass es die Musiker*innen gibt und wer sie sind – dabei sind sie fast jeden Abend auf der Bühne der Oper. Im NEST geben sie jetzt Kammermusikkonzerte. Wir haben sie vorab getroffen.
Man hört sie, aber man sieht sie nicht. Sie sind nahezu bei jeder Vorstellung in der Wiener Staatsoper Teil der Aufführung und wichtige Eckpfeiler des musikalischen Gesamtbilds, aber nur wenige wissen, dass es sie gibt: die Musiker*innen des Bühnenorchesters der Wiener Staatsoper. Ein musikalisches 35-köpfiges Kollektiv, das einzigartig ist und in keinem anderen Opernhaus als eigenständige Einrichtung existiert. Sie spielen immer dann, wenn auf oder neben oder hinter der Bühne Musiker*innen gebraucht werden – und sie werden zusätzlich aufgrund vertraglicher Verpflichtung auch regelmäßig vor der Bühne im Orchestergraben als Aushilfen im Staatsopernorchester eingesetzt. Seit vergangenem Jahr hat das Bühnenorchester auch sein eigenes Haus – es ist nämlich das Hauptorchester des NEST, der Neuen Staatsoper am Karlsplatz.
Und fast hätten wir es vergessen: Das Bühnenorchester spielt auch an der Volksoper – zuletzt besonders sicht- und hörbar in der erfolgreichen Kinderproduktion „Der Krieg der Knöpfe“ – und war die Combo auf der Bühne, die mit französischen Hits durch das Stück führte. Im NEST werden die Musiker*innen demnächst sichtbarer werden: mit eigenen Konzerten. Aber dazu später mehr.
DIE GROSSEN UNBEKANNTEN
Wie ist das, für ein Orchester zu arbeiten, das man meist nicht sieht, sondern nur hört? Um Antworten zu bekommen, haben wir uns mit drei Musiker*innen des Kollektivs getroffen: der Klarinettistin Petra Liedauer und den Schlagwerkern Maximilian Thummerer und Michael Kahlig. Nachdem sich die Aussagen und Zugänge der drei jungen sympathischen Musiker*innen decken und sie auch im Kollektiv geantwortet haben, haben wir darauf verzichtet, die Zitate einzeln zuzuordnen.
Warum wissen so wenige Menschen, dass es dieses Orchester gibt?
Das ist recht einfach zu beantworten: Selbst wenn man uns sieht – ob im Graben oder auf der Bühne –, macht sich das Publikum keine Gedanken, woher dieser Musiker kommt. Er ist einfach da und gehört zum Haus. Wie gesagt: Man sieht uns ja auch im Graben, weil wir vertraglich dazu verpflichtet sind einzuspringen, wenn man uns dort braucht.
Was ist einer der Unterschiede zu anderen Orchestern?
Wir haben in der Oper einen Repertoirebetrieb und müssen nach sehr wenigen oder teilweise auch keinen Proben fähig sein, musikalisch Dinge umzusetzen. Abgesehen von „Don Giovanni“, „La Bohème“, „Tosca“ und Co-Geschichten, wo wir auf der Bühne spielen, gibt es keine Proben, und daher braucht es einen Klangkörper, der genau weiß, wie es läuft, wo man hinwill und dass man auswendig spielen muss.
Wie zeitintensiv ist diese Arbeit?
Es gibt Tage, da hat man drei Dienste am Tag, weil wir ja auch an der Volksoper tätig sind. Das bedeutet, dass wir manchmal am Vormittag eine Probe in der Volksoper haben, am Nachmittag eine Kindervorstellung spielen und dann am Abend in der Staatsoper sind. Aber dann hat man auch Zeiten, wo es nicht so eng ist. Eine der tollen Dinge an unserem Job ist diese Ab- wechslung. Das ist etwas sehr Besonderes.
Welchen Stellenwert hat das Bühnenorchester in der Branche?
Wenn man es nach den Bewerbungen bemessen will, die wir für ausgeschriebene Jobs bekommen, dann einen sehr hohen. Bei der Geige gab es über 100 Bewerber*innen, bei der Trompete über 50 – geworden ist es ein Trompeter von der Grazer Oper, der jetzt zu uns wechselt. Wir glauben, dass wir durch unsere Tätigkeit im NEST noch mehr in den Fokus gerückt sind, weil wir dort das erste Mal wirklich sichtbar wurden – wir haben jetzt unser eigenes Haus und das ist etwas sehr, sehr Besonderes.
Selbst wenn man uns sieht, macht sich niemand im Publikum Gedanken darüber, woher wir kommen.
Wie ist es, im NEST zu spielen?
Dieses Haus hat eine unglaubliche Akustik. Bei manchen Vorstellungen spielen wir mit voller Besetzung auf der Bühne, bei anderen sind wir im Graben und bei wieder anderen werden nur einzelne Instrumente vorgestellt – und immer hat man im Haus diesen großen Klang. Dazu kommt: Wir sind immer als Musiker*in nen im Fokus. Weil es eben nicht zwölf erste Geigen gibt, sondern nur eine erste Geige spielt – und durch den unglaublichen Sound des Hauses klingt es trotzdem wie ein großes Orchester. Dazu kommt die abwechslungsreiche Programmierung des Hauses: Es fordert uns Musiker*innen. Das sind Möglichkeiten, die man bei anderen Orchestern gar nicht bekommt. Das macht unseren Job so interessant. Es geht – um es salopp zu formulieren – von der Fließbandarbeit zum Feinhandwerk. Dieses Aufgabengemisch aus Oper, NEST und Volksoper macht unseren Job so abwechslungsreich.
Sie werden jetzt im NEST vier Kammermusikkonzerte geben. Was erwartet uns da?
Es wird ein sehr buntes Programm werden. Wir beginnen mit einem Schlagwerkabend mit vier Schlagwerkern und wir haben uns dazu einen Tubaspieler eingeladen. Aber keine Angst: Wir werden mit unserem Programm nicht nur die Schlagwerk-Fangemeinde ansprechen, wir versprechen, dass für jeden etwas dabei sein wird. Wir wollen an diesem Abend uns selbst, das Theater und das Orchester vorstellen. Es wird dann in den kommenden Monaten immer wieder Konzerte in dieser Reihe geben, die ganz anders besetzt sind. Und das musikalische Spektrum ist breit aufgestellt – bis hin zu Jazzstandards.
DIE JURY UND DIE PHILHARMONIKER
Während die drei Musiker*innen langsam ihre Sachen packen - vielleicht noch ein paar historische Daten zum Bühnenorchester: Markus Henn ist derzeit der Leiter. Gegründet wurde das Bühnenorchester bereits 1854 als Bühnenmusik des Kärntnertortheaters. Spannend ist, dass bei den Probespielen die Jury zu 51 Prozent aus Mitgliedern des Wiener Staatsopernorchesters besteht und zu 49 Prozent aus Mitgliedern des Bühnenorchesters. Das liegt auch daran, dass eine wesentliche Aufgabe des Bühnenorchesters das Einspringen beim Staatsopernorchester ist. Oder – wenn man es sehr flapsig auf den Punkt bringen möchte: Wer im NEST das Bühnenorchester hört, bekommt Philharmoniker-Qualität!
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