Nadine Sierra: Luisa ist ein Engel, der unter dem Patriarchat leidet
Nadine Sierra ist eine der spannendsten Sopranistinnen der Jetztzeit. In „Luisa Miller“ singt die gebürtige Amerikanerin die Hauptrolle. Das Interview.
Wer ist Luisa?
Luisa ist ein junges, hoffnungsvolles Mädchen, das sich nach reiner Liebe sehnt. Eine Liebe, die nicht von Standesdünkel oder Lügen befleckt ist. Sie liebt ihren Vater über alles und sorgt sich sehr um sein Wohlergehen … was ihre tiefe Loyalität gegenüber den Menschen, die ihr am meisten bedeuten, unterstreicht. Sie ist zudem von wunderbarer Unschuld und kann den enormen Druck und die emotionale Misshandlung durch Wurm nicht ertragen. Sie ist Verdis Engel in dieser Oper – ein Engel, der unter patriarchalischer Macht und Selbstsucht leidet. So sehr, dass sie sich sogar die Erlösung durch den Tod wünscht.
Was macht die Rolle so spannend?
Die Musik. Für mich ist es schlicht die Musik, die Verdi für diese Figur komponiert hat. Ihre Arien und Duette sind wunderschön und zeigen eine Stärke, die Verdi offensichtlich als Teil ihres Charakters vorgesehen hatte. Eine Schönheit und Wildheit, die betörend ist.
Warum muss die Liebe so oft so tragisch enden?
Ich glaube, wenn etwas tragisch endet, hinterlässt es einen tieferen Eindruck. Wir Menschen lernen viel mehr aus schmerzhaften Erfahrungen und vielleicht wollten Opernkomponisten wie Giuseppe Verdi genau das erreichen: einen bleibenden Eindruck hinterlassen und unvergessliche Lebenslektionen vermitteln. Uns daran erinnern, Dinge und Menschen, die wir lieben, nicht als selbstverständlich anzusehen.
Wie weit würden Sie für die Liebe gehen?
Ich bin in meinem Leben schon sehr weit für die Liebe gegangen, aber ich finde es wichtig, sich immer selbst treu zu bleiben und sein Selbstwertgefühl zu bewahren. Ich würde mein Leben nicht dafür opfern, außer um mein eigenes Kind zu schützen. Aber wir leben in einer ganz anderen Gesellschaft, in der mein Status oder mein Ruf nicht davon abhängt, wen ich heirate, und ich werde auch nicht zur Heirat gezwungen.
Was ist das Besondere an Verdi?
Dieser Mann verstand es, die Herzen und Seelen der Menschen zu erreichen. Er konnte Emotionen so komponieren, als ob die Emotionen, über die er schrieb, immer genau so klingen sollten. Es ist wirklich ein Wunder.
Wäre Ihnen jemals ein Mann so ein Liebesdrama wert gewesen?
Ich habe das Glück, dass ich nicht in einer Zeit lebe, in der meine gesamte Identität und mein Wohlbefinden von meinem Partner abhängen. Ich lebe nicht in einer Gesellschaft, in der ich nur Ehefrau, Nonne oder Prostituierte sein kann. Wir modernen Frauen haben in dieser Hinsicht großes Glück – dass wir Wahlmöglichkeiten haben und mehr oder weniger dazu ermutigt werden.
Wie oft wurde Ihnen als Frau gesagt, was Sie tun sollten und was nicht?
Oft, aber nicht nur von Männern, auch von Frauen. Ich denke, die Menschen im Leben eines Menschen können sich stark verändern, je nachdem, was um ihn herum passiert. Das kann eine liebevolle Beziehung sein, eine großartige Karriere! Ich habe miterlebt, wie Männer und Frauen in meinem Umfeld unterschiedlich reagierten oder sich veränderten. Ich denke, das liegt einfach in der menschlichen Natur. Und die Menschen, die mir am nächsten stehen, sind diejenigen, die mir immer treu geblieben sind und mich geliebt haben. Egal, was passiert.
Hier geht es zu den Spielterminen von "Luisa Miller" in der Wiener Staatsoper!