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Inszeniert "Luisa Miller" in der Staatsoper: Philipp Grigorian.

Inszeniert "Luisa Miller" in der Staatsoper: Philipp Grigorian.
Foto: Andreas Jakwerth

Liebe bis in den Tod

Wiener Staatsoper

Mit „Luisa Miller“ schuf Verdi eine seiner größten, schönsten, aber auch anspruchsvollsten Opern: Philipp Grigorian inszeniert die Liebestragödie jetzt neu. In der Hauptrolle. Nadine Sierra. Wir trafen beide vorab auf der Probebühne.

Mit Geschichten ist es so wie mit Warten auf den Postbus: Manchmal wird man mitgenommen, manches Mal nicht. Bei „Luisa Miller“, dieser großen Oper von Verdi, hat die Storyline das Potenzial, vor allem den Eltern unter uns das Herz herauszureißen. Und zwar durch die einfachste aller Erkenntnisse: nämlich dass man für Kinder am Ende des Tages nichts tun kann, dass man sie ihre eigenen Entscheidungen treffen lassen muss – auch die offensichtlich falschen. Philipp Grigorian, der Regisseur der Oper „Luisa Miller“, die am 7. Februar Premiere hat, nickt. „In dieser Oper geht es um sehr, sehr viel. Sie ist so traurig und so voller Liebe. Sie ist ein Geschenk an ein Kind: So sehr ich dich liebe, ich kann dich nicht beschützen, aber ich liebe dich wirklich.“

Und Publikumsliebling Nadine Sierra sekundiert: „Dazu kommt die Musik, die Verdi komponiert hat. Die Arien und Duette zeigen eine Schönheit und Wildheit, die betörend ist.“ (siehe Interview hier). Faktum ist: Während vielen Menschen die Oper „Luisa Miller“ kein Begriff ist – zumindest einen Hit kennen viele: „Quando le sere al placido“ (Piotr Beczała hat ihn gesungen und Pavarotti bei fast jedem Konzert). Es ist eine der legendärsten romantischen Tenorpartien, die je komponiert wurden. Die Melodie selbst, wenn sie auf dem Klavier gespielt wird, ist ganz einfach. Man kann sie kaum eine Melodie nennen. Aber: Wir versprechen, Sie werden weinen. In Wien wird Freddie De Tommaso mit dieser Arie brillieren – alles andere ist keine Option.

Wenn Sie jetzt fragen: Warum bloß wird „Luisa Miller“ dann so selten gespielt? Na ja: weil die Handlung extrem tragisch und komplex ist. Also, „Luisa Miller“ ist kein gerader Puccini-Story-Eilzug und im Gegensatz zu La traviata“ oder zu „Rigoletto“ nicht wirklich massentauglich. Dann stellt Verdi hohe Anforderungen an Solisten und Orchester und die Oper fordert die Regie extrem, weil man die Balance zwischen intimem Drama und großem Kontext halten muss, was nicht immer gelingt.

Beste Voraussetzungen also und wenig Druck für Regisseur Grigorian. Er lächelt: „Ich kann damit umgehen.“ Der 49-Jährige ist in einer russischen Theaterfamilie groß geworden, er kennt also das Geschäft seit Kindertagen. Aber zurück zur Oper: „Luisa Miller“ erzählt die tragische Liebesgeschichte zwischen dem adligen Rodolfo und dem einfachen Mädchen Luisa Miller – Tochter eines Musikers –, die durch Standesunterschiede und Intrigen des Schlossverwalters Wurm und Rodolfos Vater Graf Walter verhindert wird, was schließlich zu einem Doppelselbstmord durch Gift führt.

Aber Verdi legt in der Schlussszene noch eins drauf: Wenige Momente, bevor Rodolfo stirbt, ersticht er noch den Intriganten Wurm. Zack und aus. Alle tot. Vorhang.

Sie sehen hier die gezeichneten Vorlagen  für die Kostüme.
Foto: Andreas Jakwerth
Sie sehen hier die gezeichneten Vorlagen für die Kostüme.

Verdis Meisterwerk entstand im Verlauf des Jahres 1849 in Paris und Busseto, wurde in Neapel vollendet und am 8. Dezember 1849 am dortigen Teatro San Carlo uraufgeführt – nur anderthalb Jahre vor dem Welterfolg „Rigolettound gut drei Jahre vor „Il trovatore“ und „La traviata“, jenen drei Opern seiner mittleren Schaffensperiode, die als „trilogia popolare“ den internationalen Ruhm des italienischen Opernkomponisten begründeten.

Der Mann, der jetzt „Luisa Miller“ in der Wiener Staatsoper auf die Bühne bringen wird, ist hierzulande noch unbekannter als die Oper selbst. Philipp Grigorian – nicht verwandt mit Asmik – ist in Moskau aufgewachsen: die Mama Schauspielerin, der Papa Regisseur. Er selbst wird zuerst Schauspieler, spielt und unterrichtet und beginnt mit 30 Regie zu führen. Erst erfolgreich am Theater in Moskau, dann später inszeniert er – ebenfalls erfolgreich – Opern in Perm.

 

Die Musik Verdis ist, wie wenn die Sonne scheint. Es ist magisch. Ich kann das manchmal
nicht erklären, aber ich höre etwas: Magie. – Philipp Grigorian, Regisseur
Foto: Andreas Jakwerth
Die Musik Verdis ist, wie wenn die Sonne scheint. Es ist magisch. Ich kann das manchmal nicht erklären, aber ich höre etwas: Magie. – Philipp Grigorian, Regisseur

Wir treffen uns in und auf der Probebühne der Wiener Staatsoper im Arsenal. An den Wänden Kostümentwürfe für die Sänger*innen. In einer Ecke steht ein Auto, in einer anderen ein Bett und von der Decke hängt eine Art Schleudersitz.

Dazwischen stehen Modelle von Drehbühnen herum. Grigorian ist auch für das Bühnenbild verantwortlich und er hat für „Luisa Miller“ zu einem Theatertrick gegriffen – eine Art „Quick Change“ fürs Bühnenbild: Drei große Drehteller hat er entworfen, die sich nebeneinander auf der Bühne bewegen und dadurch in atemberaubender Geschwindigkeit den Schauplatz ändern können. Warum?, fragen wir nach. Grigorian hebt die Schultern: „Weil ich traditionelle Theater- techniken mag. Und ich finde, es ist ein gut gewähltes Bild – die Bewegung dieser riesigen Mühlsteine scheint jeden zermürben zu können.“ Grigorian lässt Luisa und ihren Vater in einer Art Mischung aus Fabrik und DHL-Lager leben.

„Es ist ein Ort des Glücks, es ist eine ziemlich sozialistische Welt. Alle sind sicher. Alle können Freunde sein.“ Durch seine drei Drehscheiben kann die Halle jederzeit in den Palast verwandelt werden. „Diese surreale Kulisse ähnelt einem Hammam. Sie ist das genaue Gegenteil des vorherigen Ortes. Attentäter kommen hierher, um das Blut von ihren Händen zu waschen..“

Hier Requisiten auf der
Probebühne der Wiener
Staatsoper.
Foto: Andreas Jakwerth
Hier Requisiten auf der Probebühne der Wiener Staatsoper.

Bevor wir die einzelnen Charaktere besprechen, müssen wir noch ein Thema streifen, das wesentlich für Verdis Werk ist: seine Begeisterung für Schiller. „Kabale und Liebe“ ist ja die Grundlage für „Luisa Miller“. Der Unterschied: Die Oper vernachlässigt die Dimension der politischen Anklage, des Appells gegen die absolutistische Willkürherrschaft. „Luisa Miller“ konzentriert sich auf das Familiäre, auf das „bürgerliche Trauerspiel“. Der soziale Gegensatz zwischen den bei- den Vätern bleibt natürlich entscheidend: Die unerbittliche Härte des Mächtigeren zerstört das Glück der Kinder, denen – wie so oft in der romantischen Oper – nur der Trost der Erfüllung im Jenseits bleibt.

Wozu diese ganze Dramatik, Frau Sierra? „Ich glaube, wenn etwas tragisch endet, hinterlässt es einen tieferen Eindruck. Ich denke, wir Menschen lernen viel mehr aus schmerzhaften Erfahrungen, und vielleicht wollten Opernkomponisten wie Giuseppe Verdi genau das mit ihren Kompositionen erreichen: einen bleibenden Eindruck hinterlassen und unvergessliche Lebenslektionen vermitteln.“

Die Fotos entstanden ein Monat vor der Premiere.
Foto: Andreas Jakwerth
Die Fotos entstanden ein Monat vor der Premiere.

Für Philipp Grigorian scheint die Verbindung von Schiller und Verdi nicht wirklich eine Rolle zu spielen: „Ich habe natürlich ,Kabale und Liebe‘ gelesen. Und natürlich ist das zentrale Thema dieser Konfrontation sehr wichtig. Aber Verdi setzt andere Akzente. Ich halte Verdi für einen sehr gütigen Menschen, zumindest viel gütiger als Schiller. Und diese Güte verwandelt Protest und Wut in Humor und Mitgefühl. Das ist magisch.“ Und Nadine Sierra pflichtet ihm bei: „Verdi verstand es, die Herzen und Seelen der Menschen zu erreichen. Er konnte Emotionen so komponieren, als ob die Emotionen, über die er schrieb, immer genau so klingen sollten. Es ist wirklich ein Wunder.“

Philipp Grigorian zeigt uns auf seinem Laptop noch diverse Animationen der Bühnenwechsel und erklärt uns die einzelnen Charaktere: „Unser Miller ist der unordentliche Mensch, der an der Bushaltestelle sitzt und Selbstgespräche führt und Rodolfo ist ein vom Vater zerstörter Charakter.“ Mehr will er dann noch nicht verraten.

Ich mag traditionelle Theatertechniken. Und ich finde, es ist ein gut gewähltes Bild – die Bewegung dieser riesigen Mühlsteine scheint jeden zermürben zu können.
– Philipp Grigorian, Regisseur
Foto: Andreas Jakwerth
Ich mag traditionelle Theatertechniken. Und ich finde, es ist ein gut gewähltes Bild – die Bewegung dieser riesigen Mühlsteine scheint jeden zermürben zu können. – Philipp Grigorian, Regisseur

Wir plaudern noch einige Zeit über das Wiener Publikum, die Buh-Konzerte, mit denen Regisseure gern bei Premieren bedacht werden, und über die Schlussszene der Oper. Natürlich werden alle sterben. So verrückt ist kein Regisseur, das er bei Verdi in die Handlung eingreift. Aber Grigorian hat sich etwas Besonderes einfallen lassen: eine transzendentale Szene, die den Irrsinn – Luisa und Rodolfo sterben durch Gift und Wurm wird erstochen – auf eine andere Ebene hebt. Wie er das machen wird, verraten wir nicht. Ebenso nicht, warum Freddie De Tommaso einen Teil der Oper in einem Bett liegend auf der Bühne verbringen muss...

Foto: Andreas Jakwerth
Zum Inhalt: Luisa Miller

Es ist die Liebesgeschichte zwischen dem adligen Rodolfo und dem einfachen Mädchen Luisa, die durch Dünkel und Intrigen des Schlossverwalters Wurm und Rodolfos Vater Graf Walter verhindert wird, was schließlich zu einem Doppelselbstmord durch Gift führt.

Hier geht es zu den Spielterminen von "Luisa Miller" in der Wiener Staatsoper!

Opernring 2
1010 Wien
Österreich
Unsplash

Erschienen in
Bühne 02/2026

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Atha Athanasiadis
Atha Athanasiadis
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