„Benamor“: Wer bin ich?
Ein Bub, der kein Bub ist und das nicht weiß. Ein Mädchen, das kein Mädchen ist und das auch nicht weiß. Dazu mitreißende Operettenmelodien der 1920er-Jahre. Das ist „Benamor“, der Hit gegen den Winterfrust im Theater an der Wien.
Was für ein Spaß. Also nicht der, der so klingt, wie ein Deutscher ihn ausspricht, im Stechschritt gesagt und mit hartem Ende. Sondern der, der klingt, wie wenn ihn ein Wiener beschreibt. Mit einem auslaufenden „ssssssss“ und am Schluss ein bisserl mit der Stimme runtergehend und all die Heiterkeit und Ausgelassenheit meinend, die Leichtigkeit des Lebens eben ... Dinge, die wir alle mehr als notwendig haben, bevor die Energiefresser des Lebens und die Düsterheit des Winters uns narrisch werden lassen. Musikalisch gesehen ist das alles die Operette. Sollte das sein. Wird das sein. Und zwar demnächst im Musiktheater an der Wien.
Das „Opernhaus des Jahres“ hebt nämlich ein derartiges Operetten-Glücksbröckerl ins Programm. Ein Werk, das zum Lustigsten und Durchgeknalltesten gehört, das je auf eine Wiener Bühne gebracht wurde. Musikalisch eine Mischung aus Walzer, Foxtrott, Märschchen und großen spanischen Melodien. Eine lichtdurchflutete Zarzuela, die Jahrzehnte verschollen war.
Ein Musikstück wie eine Screwball-Comedy der 50er. Billy Wilder hätte seine Freude gehabt und Otti Schenk sowieso.
„Benamor“ heißt das Werk, es hatte 1923 Premiere in Madrid – und genau dort hat es Regisseur Christof Loy entdeckt. Loy hat nahezu alle großen Komponisten inszeniert: Wagner, Donizetti, Rossini, Offenbach, Verdi, Puccini, Strauss, Lehár, Henze (ja, sogar den) und und und. Aber zurück zur Madrid-Entdeckungsgeschichte: Christof Loy arbeitete dort während der Coronazeit und ebendort wurde „Benamor“ nach Jahren des Ruhens in einem Archiv mit sensationellem Erfolg wieder aufgeführt. „Ich sah die Operette und dachte mir: Diese ganze Geschichte ist so unglaublich abgefahren und absurd, aber auch gleichermaßen politisch unkorrekt wie politisch überkorrekt. So voller Widersprüche. Sie ist großartig gebaut, die Dialoge sind treffsicher und haben ein hohes Tempo. Alles also, was einen guten Theaterstoff ausmacht.“
Und: ,Benamor‘, diese Operette aus den 1920er-Jahren, spielte schon damals ganz offen mit allen Geschlechtsidentitäten und zieht diese gnadenlos witzig und zugleich rührend durch den Kakao.
So geht der Inhalt
Sie müssen sich jetzt sehr konzentrieren, denn wir kommen zum Inhalt und bei diesem fliegt man leicht aus der Kurve. Also: Eine Sultan-Mutter bringt ihr erstes Kind zur Welt. Es ist aber nicht ein Bub, sondern ein Mädchen. Sie verheimlicht das. Ebenso, dass ihr zweites Kind ein Bub ist und kein Mädchen.
Das Problem: Laut Gesetz muss sie ZUERST einen Buben gebären – zwecks Sultan-Nachfolge – und DANN ein Mädchen – zwecks Verheiratung mit dem Nachwuchs aus benachbarten Staaten. Wenn Sultan-Mama (Sie verzeihen die despektierliche Bezeichnung) die exakte Geschlechterreihenfolge nicht gelingt, muss sie beide Kinder töten. So klar, so brutal. Aber Sultan-Mama lässt sich was einfallen, damit das nicht passiert: Sie verheimlicht die Tatsache nicht nur der Welt, sondern auch den Kindern. Christof Loy: „Der Junge glaubt, er ist ein Mädchen, und das Mädchen glaubt, dass es ein Junge ist. Aufgezogen werden die beiden von einer taubstummen Amme, auf dass ein Verrat unwahrscheinlich wird.“
Wenn man diese Grundkonstellation sickern lässt, dann kann man sich in etwa vorstellen, welchen Spaß die Librettisten beim Schreiben hatten. Bub, Mädchen? Alles egal!
Loy: „Die eigentliche Handlung setzt zu dem Zeitpunkt ein, als beide so 19 und 20 Jahre alt sind.“ Prinzessin Benamor (eigentlich ein Junge) soll von ihrem Bruder Sultan Darío (eigentlich ein Mädchen) verheiratet werden. Mama Sultan ist nervös, weil alles aufzufliegen droht, und versucht, das zu verhindern – was freilich zunehmend komplizierter wird.
Wie gesagt: Wir vergessen nicht, dass die beiden selber keine Ahnung haben. Richtig schräg wird es, als die ersten Freier um die Hand von Prinzessin (Bub) Benamor anhalten. Nach den ersten beiden – der eine ist zu brutal, der andere ein Mamakind – erscheint der spanische Abenteurer Juan de León. Sultan Darío (Mädchen) ist – Überraschung, Überraschung – hin und weg: „Wäre ich meine Schwester, dann würde ich ihn wählen!“
Das Werk – „Benamor“ – lädt uns alle ein, uns treiben zu lassen, die Dinge leichter zu nehmen, ohne so viel zu urteilen und zu beurteilen.
– Marina Monzó, Sopranistin
Wir befinden uns jetzt am Ende des ersten Akts und da kommt ein Musikstück, über das der Musikwissenschaftler Enrique Mejías García sagt: „Das ist definitiv mein schwulster Opernmoment.“
Es ist ein wundervolles Stück Musik: Geige, Harfe, Stimmen. Sultan Dario himmelt Juan de León an: „Tapferer Ritter, du kommst an meine Seite (…) wer bist du, der du meine Hoffnung weckst.“ Und was macht der Angeschmachtete? (Jetzt wird’s noch schräger!) Er schmachtet zurück. Und Benamor fühlt sich ausgeschlossen: „Sie vergessen, dass ich hier bin.“ Alle Streicher setzen ein. Irre, aber wunderschön.
studierte Flöte und Gesang in Valencia und gilt seit ihrem Debüt 2016 an der Oper in Bilbao als eine der spannendsten neuen Stimmen aus Spanien. Ihr Repertoire umfasst Mozart, Verdi, Rossini u. v. m. Jetzt feiert sie ihr Debüt am Theater an der Wien.
Die 14 Hits des Stücks
Es ist ein Hit, der nach der Premiere 1923 gestrichen wurde. War er zu schwul oder passte es nicht in die musikalische Abfolge? Vermutlich Ersteres. „Die ganze Operette ist Coming-out, Erwachsenwerden und ein Entdecken der eigenen sexuellen Identität. Das passiert schrittweise in dem Stück. Und es wird dabei mit Klischees gespielt und gleichzeitig auch aufgeräumt.“
Loy macht eine kurze Pause und setzt lachend nach: „Vor allem die Prinzessin Benamor ist der schrecklichste Macho überhaupt …“ Insgesamt 14 Musiknummern hat Pablo Luna für „Benamor“ geschrieben, alle haben den treibenden, tanzbaren Rhythmus der 20er-Jahre. Foxtrott ist dabei, Shimmy, Boston Waltz (die langsamere Variante des Wiener Walzers), Märsche, Buffo-Couplets. Pablo Luna (1879–1942) war einer der erfolgreichsten Zarzuela-Komponisten seiner Zeit – in nahezu jeder Stadt Spaniens sind Straßen oder Plätze nach ihm benannt.
Christof Loy: „Luna war sehr interessiert am Londoner West End, hat fürs West End komponiert und überlegt, wie man die Zarzuela dort auch etablieren könnte. Einiger dieser Nummern, eigentlich deren musikalische Substanz, hat er in ,Benamor‘ verarbeitet. Madrid war damals wie ein Kaleidoskop von all den Dingen, die zu dieser Zeit musikalisch in Europa stattgefunden haben.“
Die Herausforderungen an die Künstler sind hoch. Ähnlich wie beim Musical müssen die Sänger*innen recht fit sein und das in gleich dreierlei Ausführung. Regisseur Loy: „Bei der Zarzuela muss der Text wirklich gut serviert werden. Gesungen wird viel in den mittleren Lagen, dazu kommen die hohen Töne. Man muss die Texte sprechen können und man muss auch noch tanzen. Das ist das Paket, das damals die Grundlage für eine gute Operetten-Company war. Es ist also vom Anspruch ähnlich dem Musical.“
Um die passenden Sänger*innen zu finden, holte sich Loy einen Mann an seine Seite, der „Benamor“ bereits in Spanien auf die Bühne gebracht hatte und in Madrid der musikalische Leiter des Teatro de la Zarzuela ist: José Miguel Pérez-Sierra. Die Operette wird übrigens auf Spanisch aufgeführt - aber mit deutschen Untertiteln.
Loy: „Eine Übersetzung ins Deutsche hätte den gesamten Fluss zerstört. Aber nachdem auch immer mehr Menschen spanische Serien im Original und mit Untertitel konsumieren, wird das kein Thema sein.“ Nachsatz: „Vor allem durch die energetische Körpersprache und dann natürlich durch die mitreißende Musik wird man auch viel verstehen, ohne viel zu verstehen.“
geboren 1879, gestorben 1942, ist einer der berühmtesten Zarzuela-Komponisten Spaniens, Straßen und Plätze sind nach ihm benannt. Er schrieb fürs Londoner West End und wollte Zarzuela auch dort bekannt machen. Sein berühmtestes Lied ist „De Espana vengo“. Außerdem schrieb Luna zahlreiche Drehbücher.
Die Hauptdarstellerin
Wir wechseln jetzt die Location, und zwar an einen der wohl hässlichsten und zugleich optisch spannendsten Orte Wiens: die alte WU. Ab 2030 soll hier ein neuer Campus entstehen. Bevor die Bagger kommen, machen wir hier das Covershooting, und zwar mit jener Frau, die Benamor singen wird: Sopranistin Marina Monzó. Die Spanierin singt vieles: Mozart, Verdi, Rossini usw. – und sie kann vor allem Zarzuela.
„Was ist der Unterschied zur klassischen Oper?“, fragen wir. Marina Monzó lächelt: „Normalerweise bin ich in der Oper daran gewöhnt, dass die Musik einem konkreteren und vorhersehbareren Stil folgt. Bei ,Benamor‘ hingegen ist die Musik sehr abwechslungsreich und ändert ständig ihre Form und ihren Charakter, sie wechselt von einem Moment zum anderen von komischen zu romantischen Momenten. Es gibt einerseits Stücke wie ,Danza del Fuego‘ oder ,País del Sol‘, die reine spanische Musik sind, aber andererseits erinnert das Schlussduett von Darío und Juan de León an die Wiener Operette, dann wieder tauchen Tanzrhythmen der 20er-Jahre auf ... Diese ganze Mischung ist für mich sehr anregend, sie ist wie eine Achterbahnfahrt, denn es ist eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen ich als Interpretin verschiedene Stile und Emotionen in einem einzigen Werk erkunden kann.“
Und was ist der Unterschied in der Interpretation?
„Da wir keine Mikrofone tragen, muss unsere Stimme bis zum letzten Platz im Theater reichen, was die Sache etwas komplizierter macht. Außerdem arbeiten wir in der Zarzuela nicht nur mit Opernsängern, sondern auch mit Musicalsängern und Schauspielern zusammen – es ist wirklich etwas ganz Besonderes, Darsteller aus verschiedenen Disziplinen in einem einzigen Stück zu sehen.“ Und die Botschaft?
„Für mich hat Benamors Botschaft mit Freiheit und Identität zu tun. Die Emotionen der Figuren sind absolut aktuell: Sehnsucht, Eifersucht, die Suche nach der eigenen Identität, sozialer Druck ... Außerdem glaube ich, dass das Werk uns dazu einlädt, uns treiben zu lassen, die Dinge leichter zu nehmen, ohne so viel zu urteilen und zu beurteilen.“
Licht für die Seele
Aber wie wird die Operette aussehen? Also das Bühnenbild? „Ich will dem Stück eine große Sinnlichkeit geben. Der Abend soll ein großes Vergnügen sein und sehr, sehr verführerisch.“
Und damit wären wir wieder am Anfang unserer Geschichte. Das klingt doch alles genau nach dem, was wir zurzeit alle brauchen und nachdem wir uns sehnen. Ein lachendes „Alles wird gut!“.