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Die Musik hebt regelrecht ab, das Orchester bietet großartige Klangfarben, die Partien sind detailreich konzipiert. – Annelie Sophie Müller, Opernsängerin

Die Musik hebt regelrecht ab, das Orchester bietet großartige Klangfarben, die Partien sind detailreich konzipiert. – Annelie Sophie Müller, Opernsängerin
Foto: Stefan Fürtbauer

Toyboys und Crossdresser

Volksoper

Hosenrollen sind ihr nicht fremd. Nun singt Annelie Sophie Müller mit dem Octavian die wohl berühmteste Frau-Mann-Frau-Partie der Operngeschichte. Und intoniert im Interview ein Loblied auf Richard Strauss‘ „Der Rosenkavalier“.

Oper darf alles. Entgegen ihrem wert-konservativen Image tummeln sich auf auf ihren Bühnen bereits nonbinäre Personen, Jahrhunderte, ehe der Begriff überhaupt erfunden wurde. Gerade Mezzospranistinnen sind es gewohnt, die Hosen anzuhaben. Annelie Sophie Müller war schon Hänsel, Cherubino, Sesto oder Prinz Orlofsky. Allesamt klassische Drag Kings. In „Der Rosenkavalier“ von Richard Strauss gibt sie nun ihr Rollendebüt als Graf Octavian. Sie verkörpert als Frau also einen Mann, der sich als Frau verkleidet und ganz nebenbei als erster Toyboy der Historie gelten darf, pflegt der 17-Jährige doch ein stürmisches Verhältnis mit der wesentlich älteren, verheirateten Feldmarschallin.

„Ein spannender, leidenschaftlicher Junge“, so seine Darstellerin, „der überzeugt davon ist, es mit der ganzen Welt aufnehmen zu können. Dieses Unbedarfte, Trotzige, Vitale der Figur finde ich großartig. Auch seine Entwicklung ist fein gezeichnet. Wie er sich in die bezaubernde Sophie verliebt und – völlig überrumpelt von der Heftigkeit seiner Gefühle – in Gewissenskonflikte gerät. Mich berührt auch der Schluss des Stücks sehr, wenn er sich von der Marschallin verabschiedet, um Sophie zu heiraten. Das ist ehrlich, unverfälscht und zutiefst menschlich.“ Es sei eine Freude, diese Oper, die laut Homepage der Volksoper zu den „schönsten, mitreißendsten und ergreifendsten Musikkomödien aller Zeiten“ zählt, zu singen. „Die Musik hebt regelrecht ab, das Orchester bietet großartige Klangfarben, die einzelnen Partien sind detailreich konzipiert.“

Nach der Premiere wurde der „Rosenkavalier“ in kürzester Zeit so populär, dass ein Sonderzug Berlin/Dresden nach ihm benannt wurde, er Satiregedichte inspirierte und man ihn sogar rauchen konnte, weil eine Zigarettenmarke fortan so hieß

Mehr geht nicht

Sie habe bereits in Richard Strauss’ „Ariadne auf Naxos“ den Komponisten – eine weitere männliche Figur – gesungen und lange auf die Rolle des Octavian gewartet. Dass sie damit nun fast auf den Tag genau 115 Jahre nach der Uraufführung des „Rosenkavaliers“ in der Volksopern-Wiederaufnahme auf der Bühne stehen dürfe, sei ein Glücksmoment. Dabei birgt der junge Mann gesanglich durchaus große Herausforderungen. „Octavian ist die längste Mezzopartie, die es überhaupt gibt. Er ist vom ersten bis zum letzten Ton präsent. Nach der berühmten Rosenübergabe im zweiten Akt, dem großen Duett mit Sophie und dem Streit mit dem Ochs folgt noch ein ganzer Akt, und das Schlussduett endet pianissimo auf einem hohen G. Diese ganze Spanne sollte man in gleichbleibend hoher Qualität schaffen, denn die Partie muss schließlich aus einem Guss sein.“

Im Bett ohne die Feldmarschallin: Annelie Sophie Müller beim Fotoshooting auf der Probebühne.
Foto: Stefan Fürtbauer
Im Bett ohne die Feldmarschallin: Annelie Sophie Müller beim Fotoshooting auf der Probebühne.

Inhaltlich setze sie sich schon lange mit dem „Rosenkavalier“ auseinander, gesanglich habe sie sich Zeit gelassen, weil sie wisse, dass es wichtig sei, stimmlich aktuell zu sein. „Ich lese das Textbuch wie eine Schauspielerin, überlege mir den Charakter und die Motivation meiner Figur, erst dann schaue ich mir die Partitur an. Christa Ludwig hat Octavian mit 21 gesungen und später gesagt, das sei schiefgegangen. Insofern bin ich froh, mir Zeit gelassen zu haben.“ Denn auch wenn der Graf sehr jung ist, braucht es Lebenserfahrung, ihn zu interpretieren.

Zur Person: Annelie Sophie Müller

studierte Sologesang in Stuttgart und Kopenhagen, gewann den ersten Preis beim Liedwettbewerb der Internationalen Hugo Wolf Akademie, war Ensemblemitglied an der Komischen Oper Berlin und gehört seit ihrem Debüt in der Titelrolle von „La Cenerentola“ 2023 dem Ensemble der Volksoper Wien an, wo sie zuletzt als „Carmen“ reüssierte.

Vom Breisgau nach Wien

Wie alle Rollen im Stück, erfordert auch diese Partie besondere schauspielerische Fähigkeiten, was Annelie Sophie Müller zusätzlich begeistert. „Das ist ganz meine Welt. Wäre ich nicht Sängerin geworden, stünde ich heute wahrscheinlich auf einer Sprechtheaterbühne.“ Sie entstammt einer musikalischen Familie im Südwesten Baden-Württembergs, beide Eltern spielten Instrumente, die Mutter sang zudem sehr gut. „Sonntags wurden Bach-Choräle aufgelegt, was ich aber gehasst habe. Später hat mir meine Mutter erzählt, dass ich schon als Kleinkind bei der ,Zauberflöte‘ mitgesungen und behauptet hätte, Sängerin werden zu wollen.“

Das dauerte allerdings noch einige Zeit. Erst lernte sie Geige, dann Klavier, schließlich studierte sie Schulmusik, wo ihr der Chorprofessor attestierte, dass sie mit ihrer Stimme einmal gutes Geld verdienen könne. „Das war eine Art Erweckung für mich. Ich habe dann parallel auch Sologesang studiert und bin, nachdem ich den ersten Preis beim Liedwettbewerb der Internationalen Hugo Wolf Akademie Stuttgart gewonnen hatte, ins Junge Ensemble der Komischen Oper Berlin gekommen.“ Dort machte sie durch die Übernahme der Hauptrolle Pe-Ki in einer Neuproduktion von „Le cheval de bronze“ nachhaltig auf sich aufmerksam. Von 2012 bis 2015 zählte sie zum Ensemble der Komischen Oper Berlin, arbeitete mit den schillerndsten Regiepersönlichkeiten – von Barrie Kosky über Herbert Fritsch bis zu Andreas Homoki – und erwarb sich ein vielseitiges Repertoire. Ihre Liebe zur Oper reicht vom Barock bis zur Moderne.

Annelie Sophie Müller beim BÜHNE-Shooting.
Foto: Stefan Fürtbauer
Annelie Sophie Müller beim BÜHNE-Shooting.

2019 debütierte sie in einer Inszenierung von Calixto Bieito als Amando in György Ligetis „Le Grand Macabre“ an der Dresdner Semperoper und lernte dabei Dirigent Omer Meir Wellber kennen. Er, später Musikdirektor an der Volksoper, holte sie schließlich ans Haus am Gürtel, wo sie 2023 als „La Cenerentola“ erstmalig zu erleben war. Es folgten eindrucks- volle Arbeiten wie die Titelrolle in „Carmen“, der Mezzo-Part in „The moon wears a white shirt“ des Wiener Staatsballetts, wo sie für eine Kollegin einsprang, in zwei Tagen sieben Lieder lernte und zwei Vorstellungen rettete, Hänsel in „Hänsel und Gretel“ oder Anna Mahler in Ella Milch Sheriffs Volksopern-Auftragswerk „Alma“.

Zudem gibt sie seit Beginn ihrer Karriere regelmäßig Konzerte und Liederabende und schätzt es, die jeweiligen Programme – wie zuletzt „Drang in die Ferne“ anlässlich des Todestags von Franz Schubert – selbst gestalten zu können.

In Lotte de Beers Inszenierung der Oper „Carmen“ verkörperte
Annelie Sophie Müller die vielschichtige Titelpartie.
FOTO: BARBARA PÁLFFY / VOLKSOPER WIEN
In Lotte de Beers Inszenierung der Oper „Carmen“ verkörperte Annelie Sophie Müller die vielschichtige Titelpartie.

Stimmsport und Albträume

Es gibt Kolleginnen und Kollegen, die vor einer Premiere tagelang kein Wort sprechen, um sich stimmlich fit zu halten. Soweit geht Annelie Sophie Müller nicht. „Die Stimme ist wie ein Muskel und muss im Training sein. Man sollte, wie ein Sportler, aber wissen, wann man sich aufwärmt, wie lange man das tut und ab wann es eventuell zu viel wird. Was sehr guttut, ist, wenn man zwischen den Vorstellungen ein, zwei Tage Pause hat. Geht das nicht, muss man sich frühzeitig mental darauf einstellen. Auch zwischen Proben und Aufführungen sollte man genügend Regenerationsphasen haben, das gehört zu diesem Beruf und ist sehr wichtig, damit man ihn möglichst lange ausüben kann.“ Eine herzliche Empfehlung an junge Berufseinsteiger.

Gibt es eigentlich auch so etwas wie einen Sängerinnen-Albtraum? Annelie Sophie Müller lacht. „Ja. Ich habe schon geträumt, dass ich einspringen muss, die Notenmappe in der Hand halte, aber keine Ahnung habe, in welcher Oper ich bin. Oder ich habe das Stück überhaupt noch nie gesungen. Da wacht man dann völlig gestresst auf und ist ganz gepackt von den Emotionen.“

Tatsächlich passiert sei ihr selbiges freilich noch nie. Dafür ist sie viel zu sehr Profi. „Die Bühne“, sagt sie ohne jede Koketterie, „ist meine Natur.“

Hier geht es zu den Spielterminen von „Der Rosenkavalier“ in der Volksoper!

Währinger Straße 78
1090 Wien
Österreich
© Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Erschienen in
Bühne 01/2026

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Klaus Peter Vollmann
Klaus Peter Vollmann
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