Zarewitsch live gebastelt
Mehr Poesie geht nicht: Steef de Jong inszeniert Lehárs „Der Zarewitsch“ mit live gezeichnetem Bühnenbild. Wie das geht und wie das aussehen wird , hat er uns erzählt. In der Rolle der Sonja: Stimmwunder Hedwig Ritter.
Es ist ein Wagnis. Aber eines, das Neugier weckt und Kindheitserinnerungen. Eines, das es so auf einer großen Operettenbühne noch nie gegeben hat, und eines, das vor allem von großer Liebe zum Werk getragen ist. „Ich war sehr jung, als ich den ,Zarewitsch‘ das erste Mal gehört habe, und ich war sofort verliebt in die Musik Lehárs. Sie ist wunderschön, melancholisch und groß – vergleichbar mit Puccinis Werken. Das Werk ist magisch und es erzählt eine große Liebesgeschichte. Eine Geschichte, die nicht sein darf.“
Der Mann, der das sagt und dessen Augen bei jedem Wort leuchten, ist Steef de Jong und er ist Regisseur, Bühnenbildner und wichtigster Mitspieler bei dieser Neuinszenierung im Rosa Haus. Ein Lehár-Fan, also. Der Niederländer grinst. Vor ihm auf dem Tisch im Probenbereich im dritten Stock liegt auf einer Art Overhead-Projektor ein Blatt Papier, darauf sind Figuren gezeichnet. Das Blatt hat mehrere Böden, zwischen denen wiederum durch Öffnungen die Beine und Arme der Figuren bewegt werden können. Jede der Bewegungen wird auf die Wand projiziert. Später auf der großen Bühne in der Volksoper werden sie dann etwa sechs Meter hoch sein. Rund um Steef de Jong stehen bemalte Pappkartons, die man zu Sesseln falten kann oder zu Wänden. Dann ist da eine Kartontür (also eine auf Karton gemalte Tür), genau so groß wie eine echte.
Alles kann schnell aufgebaut und abgebaut werden. Es ist wie eines dieser Kinderbücher, wo man die Pappfiguren zwischen den Seiten hin- und herschieben kann und sich dazwischen auch einmal – wenn man eine Doppelseite aufklappt – plötzlich ein Schloss entfaltet.
Das alles wird das Bühnenbild des Abends werden. Das alles wird das Publikum in die große Liebesgeschichte des Zarewitsch entführen. Steef de Jong lacht: „Ja, es ist, als würde ich mich mit einem Märchenbuch am Abend ans Bett setzen, es aufklappen. Nur alles viel größer. Es ist wie ein Stummfilm, der auf der Bühne laufen wird, und zeitgleich singen die Sänger*innen dazu. Ich bastle hier mit meinen Fantasien, zeichne meine Ideen und in diese Welt möchte ich das Publikum einladen, denn dort ist alles möglich. Ich trage dieses Meisterwerk seit Jahren in meinem Kopf und meinem Herzen durch die Welt und jetzt wird es endlich Wirklichkeit.“
Gerade der „Zarewitsch“ bietet sich für diesen Zugang perfekt an. Es ist voller großer, eingängiger Melodien und hat einen sehr geraden Handlungsstrang. Der junge Zar und Thronfolger duldet keine Frauen in seiner Nähe. Der Großfürst will ihn austricksen und schickt Sonja verkleidet als Mann zu ihm. Der Zarewitsch bemerkt die Lüge- aber sie beschließen diese zu spielen Daraus wird – Überraschung – echte Liebe. Das Hin und Her dauert freilich. Es eskaliert, als bekannt wird, dass die echte – und standesgemäße – Braut des Zaren kommen wird. Sie flüchten nach Neapel, tauchen dort unter, werden aber vom Großfürsten nach Monaten gefunden. Als dieser dem jungen Zar die Nachricht vom Tod seines Vaters überbringt, verlässt er Sonja und Neapel und kehrt an den Hof zurück. Das ist die Originalhandlung. Steef de Jong hat sie ein ganz kleines bisschen adaptiert. Aber dazu später mehr.
DAS WUNDER OPERETTE
Lehár, eine Ikone der österreichischen Musik- und Operettengeschichte, wird also jetzt von einem Holländer als Scherenschnitt in der Volksoper inszeniert. Eine Chance, einmal über den Tellerrand zu blicken und zu hören, wie ein Künstler, wie Steef de Jong ein Genre sieht, das bei uns für viele zum sakrosankten Kulturgut gehört. Der Angesprochene nickt: „Was man liebt, kann man nicht immer gut beschreiben. Es ist nicht Oper und auch nicht Musical. Operette ist für mich ein Schatz. Ich kann alles entdecken, alles verbasteln. Es ist eine freie Welt, voller Fantasien, ein Märchenort. Das Wunderbare ist: Alle wissen, dass es Theater ist. Die Menschen auf der Bühne und die im Publikum. Die Geschichten sind nicht wirklich und niemand muss so tun, als wären sie es. Gleichzeitig aber verhandelt die Operette mit echtem Ernst die großen Gefühle wie Liebe, wie Romantik. Aber man darf gleichzeitig darüber lachen.“ Steef de Jong macht eine kurze Pause: „Ich muss immer lachen, wenn ich etwas schön finde – so sehr freut es mich.“
Monatelang hat er an seinen Scherenschnitten und Zeichnungen gearbeitet. De Jong wird selber auf der Bühne stehen – in der Verkleidung eines Bühnenarbeiters. „Eigentlich ist es ein Film, den wir zeigen – aber wir zeigen alle Elemente getrennt: Dialoge, Bilder, Menschen, Laute. Die Schauspieler*innen und Sänger*innen sollen meine Zeichnungen zum Leben erwecken.“
Um für sich die Arbeit zu erleichtern, hat Steef de Jong mit befreundeten Schauspielern alle Szenen vorab durchgespielt, fotografiert und dann als Basis für seine Zeichnungen verwendet. Es ist beeindruckend absurd: Hier, im dritten Stock der Volksoper, liegen gerade alle Teile einer gesamten Inszenierung in einem nicht einmal 100 Quadratmeter großen Raum. Es sind Papierrollen in verschiedenen Größen. Es sind gefaltete Pappendeckel: schmale, hohe, lange. Erst wenn man sie ausklappt, entstehen Häuser, Cafés, Straßen. Es hat etwas von Fellini und Zeffirelli. Einmal schon ist Steef de Jong in der Volksoper aufgetreten – und zwar in der Saison 2022/23 mit seinem Pappkonzert, in dem er vier Operetten in 70 Minuten zeigte. Die Kritiken dazu waren hymnisch, das Publikum verzaubert.
Hedwig Ritter, eine der aufregendsten neuen Stimmen der Opernwelt, wird die Rolle der Sonja singen und freut sich auf die Herausforderung: „Diese Art der Regie, der Zugangsweise gibt der Fantasie jedes Einzelnen einen unglaublichen Raum. Es ist dieses: Wir erzählen gemeinsam eine Geschichte und ich weiß auch (sie beginnt zu lachen), irgendwann muss ich dann in dieser Inszenierung auch eine Tür spielen. Diese Art der Inszenierung verlangt auch eine gewisse Demut und es ist sehr nahe am Publikum. Das macht grundsätzlich den Reiz der Operette für mich aus: Man darf lustig sein und in den Kontakt mit dem Publikum treten. Es ist ein sehr direktes Feedback, dass man da bekommt. Und es ist über allem dieses Augenzwinkern.“
Richtig, richtig und wir hätten beinahe etwas – nicht ganz Unwesentliches – vergessen. Wir wollen jetzt niemandem etwas unterstellen, aber der Inhalt des „Zarewitsch“ war schon immer Anlass für viele Vermutungen. Vor allem die Geschichte, dass der junge Zar sich eigentlich nicht für Frauen interessiert. Steef de Jong ist jetzt nicht der erste Regisseur, der diese Thematik aufgreift und benennt. Aber er ist einer, der es aus persönlichen Gründen macht: „Ich habe das Wolgalied das erste Mal auf einer Schallplatte meiner Großeltern gehört. Mich hat die Geschichte einer Liebe, die nicht sein darf, tief berührt. Es war die Zeit meines Coming-outs und der „Zarewitsch“ ist ein Stück genau darüber. Dieser lange Weg zu sich selbst. Denn der junge Zar verliebt sich ja letztendlich in einen Jungen. Der Großfürst weiß es, aber er spricht es nicht an.“
DIE ALTE FRAGE: WAR ER SCHWUL?
Steef de Jong dreht ein wenig an der Geschichte: Hedwig Ritter wird einen Mann spielen, der sich als Frau verkleidet. „Aber wir lassen dem Publikum völlig die Freiheit zu sehen, was es möchte. Du kannst also auch dem Sopran zuhören, die gezeichnete Figur sehen und denken: Ah, die hat aber eine sehr androgyne Figur.
Bei dem Operetten-Klassiker ,Einer wird kommen‘ wird das Publikum in den Zeichnungen einen Mann sehen, der sich als Frau verkleidet und dann auf die Bühne geht, um die Arie dem Publikum zu präsentieren. Hedwig Ritter wird diese große Arie singen. Alles klar?“ Klingt komplizierter, als es ist. Vor allem, weil Steef de Jong sehr entspannt und vor allem sehr, sehr poetisch mit dieser Interpretation umgeht. Hedwig Ritter jedenfalls freut sich auf die Rolle: „Es ist eine Herausforderung und es ist eine andere Körperlichkeit, die hier gefordert ist. Aber ich bin sehr berührt, mit wie viel Liebe Steef an diese Operette herangeht und welche Fantasie er hat. Das ist mitreißend.“
Hedwig Ritter macht eine kurze Pause und setzt lachend nach: „Das einzige Thema, an das ich mich noch gewöhnen muss, sind die Originaltexte der Operette. Vor allem jene Passagen, wo ich sagen muss: ,Wie ein treuer Hund werde ich vor dir liegen.‘ Mein Kollege hat gestern gesagt: ,Wie schön, dass ich das einmal aus deinem Mund hören darf.‘“ Demnächst wird es der ganze Saal hören. Man darf sich freuen, was die mit großem Humor gesegnete Sängerin daraus machen wird.
Hier geht es zu den Spielterminen von „Der Zarewitsch“ in der Volksoper!