Mensch und Mythos
Auch die Flucht vor Gläubigern kann eine Oper hervorbringen. „Der fliegende Holländer“ ist inspiriert von einer eilig angetretenen Seefahrt Richard Wagners. Tomasz Konieczny leiht der Titelfigur seinen imposanten Bassbariton. Zum ersten Mal in Wien.
Unheil zu Wasser. Unglück zu Land. Wiewohl ein Frühwerk Richard Wagners und mit 135 Minuten Aufführungsdauer untypisch kurz, ist auch „Der fliegende Holländer“ inhaltlich alles andere als leichte Kost. Nach einem Sturm verschlägt es den Seefahrer Daland kurz vor seiner Heimkehr in eine Bucht, wo auch ein anderes Schiff krachend vor Anker geht. Dessen Kapitän ist der legendäre Holländer, wegen Gotteslästerung dazu verdammt, ewig über die Weltmeere zu segeln. Nur eine ihn bis in den Tod treu liebende Frau könnte ihn von diesem Bann befreien. Als der Holländer erfährt, dass Daland eine Tochter – Senta – hat, hält er um deren Hand an. Daland bietet ihm seine Gastfreundschaft an und gewährt ihm Unterkunft. Senta steigert sich in romantischer Weise in das Schicksal des Fremden hinein und stürzt sich am Ende ins Meer, wodurch der Holländer tatsächlich Erlösung findet.
Richard Wagner komponierte die Oper 29-jährig nach einer stürmischen Schiffsreise. Denn nachdem er 1839 seine Stellung als Hofmusikdirektor in Riga verloren hatte, sah er sich, hoch verschuldet, gezwungen, vor seinen Gläubigern zu fliehen. Er buchte eine Passage auf dem kleinen Frachtsegelschiff Thetis nach London und erlebte drei Wochen lebensbedrohlich raue See, lernte aber auch diverse Matrosenbräuche kennen.
1843 in Dresden uraufgeführt, war „Der fliegende Holländer“ mäßig erfolgreich und wurde nach nur vier Vorstellungen wieder abgesetzt. Erst nach einer Überarbeitung durch Richard Wagner 1860 nahm die Oper international Erfolgswind auf. In der aktuellen Wiederaufnahme der atmosphärisch dichten Inszenierung von Christine Mielitz singt Tomasz Konieczny erstmalig in Wien die Titelrolle.
INTIMITÄT, SENSIBILITÄT, STIMME
„Der Holländer ist nach Wotan, den ich schon in 21 szenischen Produktionen verkörpert habe, die wichtigste Partie in meinem Repertoire“, erzählt der weltweit gefragte Bassbariton. „Ich habe ihn schon an der Metropolitan Opera in New York, in Chicago, Bayreuth, München und an vielen anderen Orten gesungen. Er ist geheimnisvoll, faszinierend und sowohl schauspielerisch als auch gesanglich äußerst inspirierend. Ich gehe sehr individuell an diese Titelrolle heran und kann dem Publikum dadurch sehr viel anbieten. Eben, weil ich den Holländer so sehr liebe, schenke ich ihm meine ganze Intimität, meine ganze Sensibilität und meine ganze Stimme.“
Das sei weder eine einfache noch eine offensichtliche Partie, betont Tomasz Konieczny. „Wenn mir Kollegen sagen, dass sie das deutsche Fach ausprobieren wollen und mit dem Holländer beginnen, sage ich: ,Das ist mutig!‘ Im Vergleich zu anderen Wagner-Opern ist diese zwar nicht lang, die Rolle ist aber gespickt mit technischen Schwierigkeiten und komplizierten Stellen. Schon der erste Monolog, der zwölf Minuten dauert, verlangt einem Sänger alles ab. Im Grunde zeigt er dabei sein gesamtes stimmliches Spektrum. Eine besondere Schwierigkeit stellt das Ende der Partie dar. Das Rezitativ am Schluss ist überhaupt nicht eindeutig und verlangt eine besondere Gestaltung. Für den Holländer braucht man Erfahrung und eine entsprechende Vorbereitung.“
Der Holländer ist geheimnisvoll, faszinierend und sowohl schauspielerisch als auch gesanglich äußerst inspirierend.
– Tomasz Konieczny, Opernsänger
GROSSER HUMANIST
Er singe diese Figur auch deshalb gern, weil sie etwas Fiktives an sich habe. „Und doch ist sie sehr stark im menschlichen Leiden verwurzelt – im Warten auf Erlösung, in der Suche nach dem Sinn des Lebens und im Versuch, die Wahrheit über sich selbst zu finden. Der Holländer ist gewissermaßen ein Tier, das in einem Käfig gefangen ist und verzweifelt nach einem Ausweg sucht, ohne ihn zu sehen. Es gibt in dieser Figur etwas Endgültiges, eine enorme Verdichtung von Frustration und innerem Konflikt.“ Bei Wagner, betont Tomasz Konieczny, ginge es nie um Religion oder Mythen, auch wenn seine Geschichten darauf beruhten, sondern darum, mithilfe einer Allegorie etwas über die menschliche Natur zu erzählen. „Im Grunde ist Wagner ein großer Humanist.“ Dass diese Oper eine solche Zeitspanne überdauern konnte, hänge damit zusammen, dass sich unsere Sehnsüchte gar nicht verändert hätten.
„Wir sehnen uns immer noch nach denselben Dingen. Nach der Nähe eines Menschen – oder vielleicht sollte man sagen, einer anderen Person, denn eine Person ist etwas mehr als nur die physische Gestalt eines Menschen –, nach Akzeptanz, Erlösung, Erfüllung.“
SYNTHESE DER KÜNSTE
Tomasz Konieczny wollte eigentlich Regisseur werden, studierte zunächst aber Schauspiel. „Ich habe mich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, Opernsänger zu werden.“ Als Schauspieler hatte er in seiner Heimat Polen relativ rasch Erfolg, ehe er über ein Stipendium doch noch zum Gesangsstudium nach Dresden kam – und schon nach drei Monaten an die Oper Leipzig engagiert wurde. „So begann meine Gesangskarriere. Und die war nicht mit Rosen gepflastert, denn ich musste sehr viel nachholen und lernen. Aber ich bereue diese Entscheidung nicht und glaube, dass ich genau dort bin, wo ich sein sollte. Ich bin überzeugt, dass das Operntheater noch mehr Ausdrucksmöglichkeiten bietet als das reine Sprechtheater. Die Oper ist eine noch größere Synthese der Künste. Sie enthält viele Elemente, die in gewisser Weise transzendental sind – die also über das hinausgehen, was wir mit unseren physischen Sinnen unmittelbar wahrnehmen können. Und genau das fasziniert mich daran besonders.“
Eine Karriere als Opernregisseur sei für den Kammersänger, der seit 2017 auch österreichischer Staatsbürger ist, eventuell noch vorstellbar. An der Wiener Staatsoper können ihn Adoranten seiner beeindruckenden Vokalkunst im Mai auch als Jochanaan in Cyril Testes „Salome“-Inszenierung erleben.
Hier geht es zu den Spielterminen von „Der fliegende Holländer“ an der Wiener Staatsoper!