Queer Twist
Im Juni feiert die LGBTQIA+ Community Lebensfreude und Widerstand. Und in der Volksoper wirft „Die Fledermaus – Pride Edition“ einen neuen Blick auf Liebe, Erotik und Lebenslügen. Tom Neuwirth hinterfragt die Normen. Er spielt den Frosch.
Kein Silvester ohne „Die Fledermaus“. Und auch unter dem Jahr amüsiert sich das Publikum gern mit Eisenstein, Adele, Prinz Orlofsky und dem restlichen Personal der polyamourösen Gesellschaft. Johann Strauss’ Kostümkomödie gilt als Glanzlicht der Wiener Operette und füllt seit 1874 verlässlich die Theater. Auch an der Volksoper zählt das Werk zur DNA des Hauses. Ein Meilenstein mit Sonderstatus, dem besondere Pflege gebührt. Robert Herzls mehr als 500 Mal gespielte Inszenierung ging bereits durch so viele kundige Hände, dass man heute „nach der Regie von“ vor seinen Namen setzen muss. Doch wirklich vergriffen hat sich noch niemand an dieser Ikone. Das hat auch Florian Hurler, der die der Pride Edition als Regisseur und Choreograf zu verantworten hat, nicht vor.
„Wir wollten das Stück unbedingt ernst nehmen und ihm nicht einfach eine Drag-Attitüde überstülpen, indem wir etwa die Frauenrollen mit Männern und umgekehrt besetzt hätten. Denn bei allem Spaß haben sowohl ,Die Fledermaus‘ als auch der Pride Month einen ernsthaften Hintergrund. Der inhaltliche Aufhänger für mich war: Was ist eigentlich Dr. Falkes Problem? Warum möchte er sich so sehr an Eisenstein rächen? Daraus entstand die Idee, was wäre, wenn Eisenstein Dr. Falke einst nicht nur im Fledermaus-Kostüm nach einem Maskenball aus der Kutsche geworfen und so zum Gespött gemacht, sondern auch öffentlich geoutet hätte? Und noch ein Aspekt fällt auf: Warum ist Eisenstein nicht wirklich glücklich verheiratet?“ Man könnte sich weiters fragen, ob die beiden Männer wirklich nur Freunde waren – und schon hat man einen völlig anderen, äußerst nachvollziehbaren Kontext.
„Der Ball bei Prinz Orlofsky ließe sich auch als heimliche Veranstaltung deuten, deren Reiz darin besteht, dass alle dort so sein dürfen, wie sie tatsächlich sind“, ergänzt Florian Hurler. „Bei uns endet der zweite Akt mit einer Razzia, im Zuge derer alle ins Gefängnis wandern und schauen müssen, wie sie aus dem Schlamassel wieder herauskommen“, verrät der Regisseur. Und hinter Gittern trifft die Party-Crowd auf den angeheiterten Gerichtsdiener Frosch.
„Jürgen Bauer und Moritz Franz Beichl, die eine neue Textfassung erstellt haben, skizzieren den Frosch auch ein wenig als Puck. Er ist jemand, der sehr offen ist und den Leuten eine Perspektive gibt, indem er ihnen vermittelt, dass man, wenn man zusammenhält, auch etwas erreichen kann“, so Florian Hurler.
Der Wunsch, ihn mit einer queeren Ikone zu besetzen, führte direttissima zu einer Person: Tom Neuwirth. Als Kunstfigur Conchita ESC-Gewinnerin und international bekannt, unter seinem bürgerlichen Namen seit dem großen Erfolg von „Luziwuzi“ im Rabenhof kontinuierlich dabei, sich als Schauspieler zu etablieren, und voraussichtlich ab Herbst mit dem Film „Die Blutgräfin“ an der Seite von Isabelle Huppert in den heimischen Kinos.
„WIR WAREN SCHON IMMER DA!“
„Ich fand es zunächst ungewöhnlich, dass man mich für diese Rolle angefragt hat“, erzählt Tom Neuwirth, „denn Prinz Orlofsky oder eine andere flamboyante Figur, die eher queercodiert ist, lägen vielleicht näher. Nachdem ich mich aber damit beschäftigt habe, dachte ich: Na ja, so einen leicht angetrunkenen Beamten habe ich schon auch in mir“, lacht er. Er sei sich der Erwartungshaltung des Publikums durchaus bewusst und werde respektvoll mit der Rolle, die vor ihm schon viele Größen des heimischen Theaters dargestellt haben, umgehen. „Man muss sich diese Figur so erarbeiten, dass man sich mit ihr wohlfühlt, um sie auch glaubwürdig verkörpern zu können.“
Was dient ihm diesbezüglich als Inspiration? „Ein Freund von mir hat die Dragqueen Urinella kreiert – eine sehr müde Wienerin. Oder im Programm ,Frau Thomas und Herr Martin‘, das ich gemeinsam mit meinem besten Freund mache, gibt es das Lied ,D’Chefin söwa‘, das von der Besitzerin einer Wiener Szeneinstitution handelt. Von beiden hole ich mir Anregungen. Es wird also viel feminine Power geben, auch wenn das Rollenspektrum männlich bleibt, denn es waren immer schon Frauen, die mich inspiriert haben.“ Um einen Betrunkenen gut zu spielen, müsse man übrigens sehr nüchtern sein.
Wenn man so viele Regeln befolgen muss, damit man als richtiger – heterosexueller – Mann gilt, kann man doch nur frustriert und verrückt werden.
– Tom Neuwirth, Schauspieler
Wie viele Pride Editions werden wir seiner Meinung nach noch brauchen, ehe wir sie nicht mehr benötigen? „Vor vier Jahren hätte ich gesagt, wir sind auf einem guten Weg. But that ship has sailed for now. Aber unsere Community hat auch schon oft bewiesen, dass sie resilient ist. Ich finde es überraschend einfach, in so vielen Stücken einen queeren Kontext zu finden. Nicht nur in der ,Fledermaus‘. Weil wir eben immer schon da waren! Viele Geschichten ergeben mehr Sinn, sobald man Konflikte, die aus einer inneren Zerrissenheit stammen, anspricht. Denn wenn man so viele Regeln befolgen muss, damit man als richtiger – heterosexueller – Mann gilt, kann man doch nur frustriert und verrückt werden“, findet Tom Neuwirth.
Weder ihm noch Florian Hurler fehlt es jedenfalls an Stückideen für die Pride-Zukunft.
Hier geht es zu den Spielterminen von "Die Fledermaus- Pride Edition" in der Volksoper!