Ich würde mir gerne mehr Mut wünschen“, sagt Mirco Kreibich. Dann grinst er und klettert auf den heraldischen Löwen aus Kupferblech am Haus für Mozart in Salzburg. Als dieser wegen der ungewohnten und unangekündigten Erstbesteigung bedenklich zu wackeln beginnt, setzt sich Mirco Kreibich entspannt auf die rechte Tatze des Löwen, die das überdimensionale Landeswappen hält, und schaut gelassen in die Ferne, um dann auf den Oberschenkel des Löwen zu rutschen und die Füße baumeln zu lassen. Viele, viele Meter unter ihm der Max-Reinhardt-Platz. 

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Exkurs für historische ­Feinspitze: Die riesige Skulptur wurde 1937 von Rudolf Reinhart im Auftrag von Clemens Holzmeister gefertigt. Es ist übrigens anzunehmen, dass die Salzburger Festspiele ab dieser Ausgabe der BÜHNE nie wieder Journalisten un­beaufsichtigt auf dem Dach des Mozarthauses „arbeiten“ lassen. Aus. Vorbei. Und wir sind schuld. 

Theaterturner

Mirco Kreibich zuckt mit den Schultern, als wir wieder ganz gesittet an einem Terrassentisch sitzen: „Früher sind wir oft nach der Schule durch Berlin gezogen. Die aus der Artistenklasse haben auf Straßenschildern Handstand gemacht. Die Mädchen waren beeindruckt. Wir Ballettis standen neidisch daneben.“ Eine späte Revanche also.

„Körperschauspieler“ oder „Theaterturner“ schrieb das deutsche Feuilleton begeistert über ihn. Deutsches Theater Berlin, Thalia Theater Hamburg, Burgtheater Wien. Egal wo, die Kreibich-Show begeisterte das Publikum. Dann heuer der große Aufschlag im „Jedermann“. In seiner Doppelrolle als Mammon und Schuldknecht war er der geheime Star der Produktion. Und würde man ein Klatschranking machen, dann ginge das so: Platz 1 Lars Eidinger, Platz 2 Mavie Hörbiger, Platz 3 Mirco Kreibich (und natürlich außer Konkurrenz: Buhlschaft Verena Altenberger). 

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Mirco Kreibich entspannt sich am heraldischen Löwen auf dem Haus für Mozart in Salzburg. Direkt unter ihm der Max-Reinhardt-Platz.

Foto: Peter Rigaud

Jedermann

Jedermann von Hugo von Hofmannsthal

Durch seine alljährliche Aufführung (seit 1920) bei den Salzburger Festspielen wurde Hofmannsthals „Jedermann“ zu einem der bekanntesten Stücke des Theaterkanons. Doch worum geht es überhaupt? Weiterlesen...

Bühnenzeit exzessiv genutzt

Und dies nicht nur, weil Kreibich Teil der wohl großartigsten Schlägerei der Bühnengeschichte war, sondern weil er wie kein anderer jede Sekunde seiner kurzen Bühnenzeit absolut und exzessiv ausspielte. „Für jede Szene, für jeden Satz, den du sprichst, hast du eine Verantwortung. Das ist mein Zugang“, sagt Kreibich.

Es ist 15 Uhr, Samstagnachmittag. 

Leise beginnt eine Glocke des Doms zu läuten, wenig später setzen die anderen ein. Die Terrasse des Hauses für Mozart befindet sich in der direkten Schallschneise. „Kennt ihr die Geschichte von Joseph Roth und den Glocken?“, überbrüllt Kreibich das Gebimmel. 

Er meint den Text „Der Antichrist“, ­Joseph Roths furiose Abrechnung aus dem Jahr 1934. In Kriegszeiten stiehlt der Antichrist die Glocken aus den Kirchtürmen, um sie zu Kanonen zu schmelzen. In Friedenszeiten werden die Kanonen zu Glocken zurückverarbeitet. Kreibich springt von Thema zu Thema, verweilt aber immer lange genug, um in die Tiefe zu gehen.

Unmenschliche Anforderungen des Balletts

Die Schauspielerei ist Mirco Kreibichs dreieinhalbter Beruf. Noch zu DDR-Zeiten, mit vier, kommt er in einen Sportkindergarten, mit sechs auf ein Sportgymnasium, mit neun wird er Dritter bei den Deutschen Meisterschaften im Eiskunstlauf. Mit elf wechselt er auf eine Ballettschule, bevor er mit achtzehn an der Ernst-Busch-Schauspielschule angenommen wird. Beim Ballett lernt er Perfektion, Härte, Befindlichkeits­losigkeit. „Ich war in einer privilegierten Position, aber es ist absolut unmenschlich, was im Ballett gefordert wird. Andererseits kriegst du auch nicht die Leistung von den Menschen, wenn du sie nicht brichst. Das war der Grund, dass ich nicht mehr ­wollte.“ Kreibich fährt sich durchs wuschelige blonde Haar. 

Kindergarten Schauspielschule

Das macht er immer, wenn ein Thema ernst wird. „Für mich war die Schauspielschule im Vergleich zum Ballett wie ein Kindergarten, ein Spielplatz.“ Doch anfangs leidet Kreibich unter seinem vom Tanz brutal antrainierten Perfektionsanspruch. 

Ein Workshop bei Angela de Castro, der berühmtesten Clownin der Welt, verändert alles: „Das Motto war ‚How to be stupid‘, und das hat meine Weltsicht und meine Sicht auf mich so wupp einmal auf den Kopf gestellt – weil es dort nicht um perfekte Leistung ging, die man präzise abfeuert, sondern darum, einfach nur da zu sein und zu schauen, was passiert.“

Das Glockengeläute ebbt langsam ab. Wir wechseln vom Gesprächs- in den Interviewmodus.

Ein Foto, das es so nie wieder geben wird: Mirco Kreibich, ­sitzend auf der Pranke des Löwen am Mozarthaus in Salzburg.

Mirco Kreibich, Salzburg, 2021, Copyright www.peterrigaud.com

Der Reiz des Jedermann

Was mich interessiert: Wie kommt man überhaupt zu einer Rolle im „Jedermann“?

Mirco Kreibich: Man wird angerufen (lacht). Ich habe mit Regisseur Michael Sturminger telefoniert, und ich war verblüfft: Ich habe seit der Schauspielschule niemanden mehr getroffen, der so genau wusste, was er machen will, und das auch noch bis ins kleinste Detail erklären konnte. Außerdem hat er gesagt: „Du darfst Lars Eidinger verprügeln“ (lacht), und da habe ich gesagt: „Okay, ich mache es.“

Ich mag die Verantwortung, die man mit einer Hauptrolle ­übernimmt. Nicht nur für die Rolle, sondern für das ganze Stück."

Mirco Kreibich

Die aktuelle Inszenierung wird zumindest noch nächstes Jahr gespielt werden. Sollte eine Neuinszenierung angedacht werden, hätten Sie dann Lust auf den Jedermann? 

Mirco Kreibich: Toll wäre es, wenn einmal eine Frau Regie führen würde, etwa Jette Steckel. Wenn sie so ein Angebot bekommen würde, dann würde ich sofort den Jedermann machen. Es ist ein großartiges Stück. Eine wunderbare Rolle. Außerdem mag ich es, Hauptrollen zu spielen. Ich mag die Verantwortung, die man damit übernimmt. Da geht es gar nicht mehr nur um die Rolle, sondern du übernimmst Verantwortung für das ganze Stück, für die Spielpartner. Du bist ja der Leitfaden. Und wenn ich so eine Rolle spiele, dann übernehme ich Verantwortung für alles, damit das Stück gut wird, und nicht nur für meine Rolle. Dummerweise mache ich das auch, wenn ich kleinere Rollen spiele. Ich habe ziemlich hohe Ansprüche an mich. Am Ende will ich aber einfach nur geliebt werden. 

Sie gelten als Meister des Timings und als Feind des Dahinschluderns.

Mirco Kreibich: Das ist, weil ich mich für den Inhalt inter­essiere – mein Agieren ist aus der Inhaltlichkeit geboren. Was gesagt werden muss, muss gesagt werden – und zwar so, dass es verstanden wird. Sonst macht Schauspiel keinen Sinn.

Karrierepausen

Wieder beginnen die Glocken zu läuten. Wir verlieren den Faden, hören dem Ding-Dong zu und schweigen uns an. Endlich nimmt Kreibich die Sonnenbrille ab. Er hat blitzblaue Augen, die etwas übernachtig schimmern. 

Mirco Kreibich kann sich im Übrigen auch ganz wunderbar in Rage reden. 

Anlass ist die Frage, warum er immer wieder Karrierepausen zwischen Fixengagements gemacht hat. „Ich habe immer wieder gekündigt, weil ich fertig war mit dem ganzen Theater­­betrieb. Das Theater ist vermeintlich ein Ort der Hochkultur, des Intellektualismus, der Poesie und der Freiheit des Denkens. Aber es ist einfach eine Firma. Und daher dachte ich, ich kann das nicht mehr machen, ich habe alles von mir hergeschenkt.“ 

Ausbildung zum Gitarrenbauer

Mirco Kreibich beginnt damals eine Ausbildung zum Gitarrenbauer. „Es war das Härteste, was ich in meinem Leben lernen musste – nämlich dass ich gar nichts kann. Es war schrecklich und großartig zur selben Zeit. Weil beim Gitarrenbauen geht es um Ruhe, Konzentration, das Gegenteil von Aufmerksamkeit. Es ist Kontemplation. Man arbeitet Stunden, Tage an einer Sache, versucht, etwas auf den Hundertstelmillimeter gerade zu bekommen. Ich bin dabei fast verrückt geworden, aber in eine andere Richtung – ich bin dabei wieder geradegerückt worden. Ich musste meine ganze Moral umbauen, um mit dieser Art der Arbeit klarzukommen. Das war gut so.“

Endlich ist es wieder ruhig. Glockenpause. Wir spazieren langsam die Stufen runter in den Toscaninihof. „Warum sind Sie dann wieder zurück ans Theater?“, frage ich.

Mirco Kreibich grinst.

„Wenn man irgendwo gut ist, dann kommt man nicht so leicht davon weg.“

Mirco Kreibich macht eine wohlgesetzte Pause, und sein Grinsen wird noch breiter: „Wie ich schon sagte: Ich will einfach nur geliebt werden!“

Zur Person: Mirco Kreibich

Dem Wiener Publikum ist Mirco Kreibich, 38, vor allem aus „Der Volksfeind“ (mit Joachim Meyerhoff und dem berühmten Gartenzwerg-Bühnenbild) und ­„Antigone“ (2015) ­bekannt. In Deutschland brillierte er u. a. am Thalia Theater, am Deutschen Theater Berlin und in diversen Rollen für Film und TV.