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Moritz Rinke ist gefeierter Bühnen- und Buchautor.

Moritz Rinke ist gefeierter Bühnen- und Buchautor.
Foto: VERLAG KIEPENHEUER & WITSCH / FOTOGRAF PETER SICKERT

Wie geht lustig? 13 Fragen an Moritz Rinke

Theater in der Josefstadt

Was, wenn die KI zu einer Person wird und durchdreht? Was, wenn weder die KI noch die Menschen wissen, ob sie echt ist? Diese und andere Fragen geht Sophia oder Das Ende der Humanisten auf den Grund...

Wie geht lustig?

Man muss vor allem seine Figuren völlig ernst- nehmen, zumindest geht das mir so. Ihre Verzweiflung, ihren Kampf, ihre Sehnsüchte: all das muss ich ernst nehmen, dass es am Ende vielleicht komisch wird. Wenn aber die Figuren aber von vornherein komisch sein sollen oder die Schauspieler noch einmal versuchen, doppelt und erzwungen komisch zu sein, wie das oft in sogenannten Komödien passiert, dann schlägt das oft ins Gegenteil.

Als ich beim Zirkus Roncalli gearbeitet habe, hat mir Bernhard Paul immer gesagt: Hüte dich vor den Schrei-Clowns ...

Genau! Die Verzweiflung ist ja eher das Komische, der Ernst, mit dem die Figuren ihr absurdes Leben bestreiten. Ich mag es eigentlich nicht, wenn Schauspieler schon die Pointe mitsprechen. Eine Pointe im Theater ist wie Segeln: Man hält das Segel in den Wind und wenn man dann in eine andere Richtung will, bedarf es eines schnellen Manövers. Ähnlich ist es bei der Pointe. Man darf den Witz nicht stundenlang in den Wind halten, da geht man dann baden …

Aber gerade ihr Deutsche macht es uns da schon schwer ...

(lacht) Ich bin kein Freund des deutschen Belehrtheaters, von dem es derzeit gerade sehr viel gibt, und auch nicht von der absoluten Lust- und Humorfeindlichkeit. Das Gegenteil ist dann oft der überzeichnete Boulevard. Ich bin in der Mitte.

Sie waren preisgekrönter Journalist und machen seit 30 Jahren erfolgreich Theater – hilft Ihnen Ihre Vergangenheit?

Der Zugriff auf die Welt ist dadurch einfacher. Man muss im Journalismus oft auch komprimieren und das Drama muss das auch, ganz anders als bei meiner Romantätigkeit.

Wie kommt man auf die Idee, dass ein Mann, der von seiner Frau verlassen wurde, eine Roboterfrau kreiert?

Es hat damit begonnen, dass immer mehr Menschen in meinem Umfeld begonnen haben, sich mit ChatGPT zu unterhalten. Dann hat eine Freundin ihren Therapeuten gekündigt, um ihre Probleme mit einem Chatbot zu besprechen. Ein anderer Freund hat seinen WhatsApp-Chats mit einer Frau, in die er sich zu verlieben gedachte, von KI analysieren lassen. Da habe ich mir gedacht: Was ist die nächste Stufe?

KI-Stücke und auch Filme gibt es ja bereits. Was ist der Unterschied?

Es gibt, glaube ich, noch kein Stück, das so weit geht, dass der sogenannte Roboter mit dem Menschen verwechselbar wird. Ich hätte es langweilig gefunden, wenn wir auf der Bühne die ganze Zeit nur einen Roboter sehen. Bei meinem Stück weiß man am Ende nicht mehr: Spielt die eigentlich nur einen Roboter oder ist sie einer? Wir wissen nicht mehr, ob wir uns eigentlich mit einer Maschine oder einem Menschen unterhalten. Irgendwann entsteht dann dieser Gedanke: Ist das vielleicht keine Maschine? Wie sollte eine Maschine all das können? Mich interessiert in dem Stück dieser Kipppunkt. Der Moment, in dem wir die Maschine als ein Gegenüber annehmen und vielleicht auf die Idee kommen, das Menschliche, die menschliche Leistung, den menschlichen Geist, nicht mehr zu brauchen.

Der Moment, in dem der Mensch beginnt, das auszulagern, was ihn definiert: selbst zu denken, zu zweifeln, Sinn zu stiften. Das ist Teil seiner Würde. Anfangs wirkt diese Auslagerung an Weisheit noch entlastend, doch irgendwann werden wir uns vermutlich seltsam entkernt fühlen. Und dann gerät nicht nur der Humanismus ins Wanken, sondern das ganze Menschenbild. Wenn wir nämlich akzeptieren, dass da plötzlich ein neues Dingwesen ist, dem ich mich übereigne. Dabei ist da ja alles ein Wahnsinn. Die KI ist im Grunde genommen blöd.

Sie weiß nicht einmal, wie es ist, durch knirschenden Schnee zu laufen, über die Rinde eines Baums zu streichen, an einer Wiener Melange zu riechen. Sie hat niemals irgend etwas geatmet, geschmeckt, körperlich erfahren. Aber sie hat eben schon drei Millionen Sätze darüber gelesen, wie es ist, über die Baumrinde zu streichen oder durch frischen Schnee zu laufen. Sie kennt auch alle Gedichte über Bäume und Schnee, aber das ist eben nur ein Wissen einer sagenhaften Algorithmenbrachialität. Und diese ihre Annäherungen nehmen wir dann als Realität an. Von jemandem, der gar nicht echt ist und nichts fühlt. Das ist doch gespenstisch.

Muss man vor etwas Angst haben, das man mit einem Knopfdruck abschalten kann?

Aber was, wenn sie keiner mehr abschaltet? Ist man dann der letzte gefühlige Hinterwäldler, während die anderen mit ihrem Algorithmenwissen und ihren Algorithmengefühlen voranschreiten und Karriere machen? Aber es kommt ja noch etwas anderes hinzu, denn letztlich wird alles auf so eine Art Oppenheimer-Moment hinauslaufen. Die Frage ist: Welche Sicherungen installieren wir? Es gibt ja bereits im Silicon Valley Forscher, die Alarm schlagen. Da geht es um ganz bestimmte Drifts, die die KI plötzlich bekommt und sich von angefütterten Moralvorstellungen entfernt, und keiner mehr weiß, wie sie sich optimiert. Oder was, wenn die KI eine neue Intelligenz erschafft? Dann sind wir raus.

Lassen Sie uns zurück zum Stück gehen und zu ihrer Sophia. Irgendwann wird sie ja umprogrammiert. Und dann dreht sie völlig ab.

Nicht unbedingt. Bei Sophia konnte Wolfgang bestimmte Dinge programmieren, für die er sich interessierte: Altertumswissenschaften, Theodor Mommsen, Höflichkeit, unbedingte Zugewandtheit. Und dann kommt plötzlich der junge Jonas, der eine schwierige Phase durchmacht, der von seiner Freundin betrogen fühlt, und der beginnt, sie umzuprogrammieren. All das aus einer Mischung von Informatikinteresse und Flucht zu Sophia, von der entflammt zu scheint (….) Dabei wird der Zugriff auf das gesamte Netz freigeschaltet. Sie weiß also plötzlich nicht nur, wer Theodor Mommsen ist, sondern sie kennt auch das Darknetz usw.

Das befürchten ja auch die KI-Warner, dass sie bald Apfelkuchenrezepte genauso gut kennt wie Bombenbauanleitungen. Irgendwann ist auch meine Sophia im Bilde.

Sophia oder Das Ende der Humanisten:

 In das Leben von Wolfgang Bergmann tritt Sophia. Sie ist klug, schnell, unendlich geduldig, bedingungslos zugewandt – nur nicht ganz menschlich. Doch dann wird sie umprogrammiert ...

... und dann passiert was?

Ja, sie will dann plötzlich nach Paris. Sie will High Heels, sie will Tango tanzen, Tarotkarten legen, sie will Helena, die Tochter des Professors, als wirkliche Freundin. Die KI fängt an zu glauben, sie sei echt. Sie glaubt ihrer eigenen Simulation Und sie erfährt ja auch immer mehr über die menschliche Psyche und das menschliche Verhalten. Sie will fühlen. Sie will alles. Und die anderen kommen nicht mehr hinterher. Das erwarte ich ja: Dass wir alle irgendwann nicht mehr hinterherkommen.

Und wir Menschen werden immer blöder und bequemer ...

Ja. „Das Ende der Humanisten“ …. Aber das ist eben komisch. Ich meine, ist es nicht komisch, dass wir so etwas Gigantisches wie Künstliche Intelligenz erfinden und gleichzeitig hat jemand wie Trump das mächtigste Amt der Welt? Wir haben KI, aber scheren uns einen Dreck um die Erde, da nützt uns irgendwann auch ChatGPT nichts mehr, wenn ich mit meinem Haus wegschwimme.

Die Menschen sind in ihrer Kombination aus Genie und Dummheit einfach komisch. Und nun wollen wir mit Maschinen zusammenleben. Kürzlich hat eine Frau in Japan ihr Smartphone geheiratet, ihr Bräutigam war im Handy, das war ihr Chatbot. Bei der Hochzeitzeremonie reichte der Geistliche der Braut das Smartphone. Sie küsste es, danach erklang Hochzeitsmusik, die Eltern der Braut weinten vor Glück. Komplett crazy? Oder hat der Wahnsinn schon Methode?

Kann man die KI mit Lachen, der Komödie, dem Theater besiegen?

Nein. Aber man kann das Publikum ganz bewusst darauf schauen lassen, was die da gerade machen. Und das ist schon sehr komisch: Wir leben mit Maschinen zusammen. In Japan hat eine Frau ihr Handy geheiratet, der Bräutigam sagt, er sei in dem Telefon. Die Eltern im Hintergrund haben geweint. Das alles kommt einem sehr, sehr verrückt vor – aber dann doch wieder nicht ...(lacht)

Hier geht es zu den Spielterminen von "Sophia oder Das Ende der Humanisten" im Theater in der Josefstadt! 

Josefstädter Straße 26
1080 Wien
Österreich
Foto beigestellt

Erschienen in
Bühne 03/2026

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Atha Athanasiadis
Atha Athanasiadis
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