Eine Stunde. Ein Leben.
Endlich! Felix Mitterer hat ein Stück für die Josefstadt über einen Komponisten, der Alma Mahler unglücklich liebte und mit Mahler und Co befreundet war: Zemlinsky. Ein Theaterstück über die Zeitenwende und das Leben mit Verlust. Regie führt: Stephanie Mohr.
Das hat schon was, wenn Ulrich Reinthaller fragt: „Soll ich jetzt den Gustav Mahler machen?“ Ehe er eine Pause macht und so in die Rolle und die Körperhaltung des großen Komponisten schlüpft, dass man meint, man steht vor dem berühmten Porträt in der Wiener Staatsoper. Dann ist man, nein, nicht im Haus am Ring, sondern auf der Probebühne der Josefstadt, draußen in Aspern. Neben ihm am Klavier Johannes Brahms, Alma Mahler ist auch da und der Franz Werfel. Das halbe Zwischenkriegs-Wien. Auf dem Regiepult liegt das Buch zum Stück und auch da steht ein großer heutiger Name in der Autorenzeile drauf: Felix Mitterer.
Der große Wortmaler hat ein letztes Mal in der Ära Föttinger ein Werk für sein geliebtes Theater geschrieben. Eine Uraufführung, die bereits vor Jahren hätte stattfinden sollen, aber durch Corona immer wieder verschoben wurde.
Ein Werk, wie es nur Felix Mitterer schreiben, nur Stephanie Mohr inszenieren und nur das wunderbare Ensemble der Josefstadt spielen kann. „Zemlinsky“ heißt es. Wie sooft bei Mitterer ist es eine Art biografisches Stück über eine real existierende Person. Alexander Zemlinsky war einer der überragend talentierten Komponistendes frühen 20. Jahrhunderts. Aber er hatte ein Problem, wie es auch Stephan Eberharter mit Hermann Maier hatte.
GENIES WAREN DIE ANDEREN
Und das lautete: Hätte es nicht den überragenden Herminator gegeben, wäre der Steff der Superstar geworden. Bei Zemlinsky waren es Gustav Mahler, Alban Berg, Arnold Schönberg, die heller strahlten. Als hätte diese Konkurrenz nicht gereicht, war er auch noch völlig verrückt nach Alma Mahler-Werfel, die er als 21-Jährige kennengelernt hatte – und die ihm dann auch das Herz brach. Hat Zemlinsky Hits geschrieben?
Ja und nein. Gassenhauer sind es keine, aber bestimmende Werke seiner Zeit. „Der Zwerg“, „Die Seejungfrau“ sind zwei davon und bei seinen Liedern fällt es schwer, eine Hitauswahl zu treffen – so schön und tief sind sie. Er war Operndirektor in Prag, dirigierte und zerbrach nach seiner Flucht vor den Nazis am amerikanischen Exil. Viele Jahre nach seinem Tod brachte dann seine letzte Frau Louise die Asche Zemlinskys zurück nach Wien. Auf dem Zentralfriedhof wurde sie in einem spektakulären Grab beigesetzt. Dieses Leben also hat Felix Mitterer zu einem Bühnenstück verdichtet. Regisseurin Stephanie Mohr hat es bearbeitet und Wolfgang Schlögl hat Zemlinskys Musik adaptiert.
Eine künstlerische Monsteraufgabe. Wir haben die beiden zum Interview getroffen. Wir sprechen kurz über Zemlinskys Zeit in Amerika und seine Verlorenheit, sein Grab auf dem Zentralfriedhof – im Juli 1985 wurde er dort beigesetzt (Gruppe 33G, Nummer 71) – und sind damit auch schon mitten im Gespräch und am Anfang des Stücks. Stephanie Mohr: „Das ist die Klammer des Abends, der Geschichte und die ist eine sehr subjektive Auswahl an Schlaglichtern aus Zemlinskys Leben.
Denn alles kann man an einem Theaterabend nicht erzählen. Daher gehen wir den Weg über die Erinnerungen seiner letzten Frau Louise. Sie entscheidet, an was wir uns erinnern. Es gibt eine sehr schöne und wahre Begebenheit: Peter Marboe vom Zemlinsky-Fonds holte Louise Zemlinsky mit der Urne in Amerika ab. Sie selbst mochte nie zurück nach Wien, wollte aber Alexander seinen letzten Wunsch erfüllen: Auf dem Weg zum Flughafen fragte sie plötzlich: ,Könnten wir kurz stehen bleiben? Ich möchte ihn so gerne noch ein bisschen halten.‘ Sie saß im Dunkeln in einer Parkbucht und sagte dann, nach etwa einer Stunde: ,Jetzt kann ich ihn gehen lassen.‘“
DIE STUNDE DER TRAUER
Stephanie Mohr macht eine kleine Pause und konkretisiert: „Das ist es also, was wir machen: Wir imaginieren, was in dieser einen Stunde in ihrem Kopf vorgegangen sein mag. Welche Erinnerungen lässt sie aufleben, welche Geschichten stellt sie sich vor? Denn bei vielen Dingen war sie ja nicht dabei. Zum Beispiel mag sie eine gewisse Idee von Mahler haben. Oder eine subjektive Empfindung zu Alma: Das eröffnet uns viele Möglichkeiten.“
Man muss an dieser Stelle einen kleinen historischen Exkurs machen: Louise Zemlinsky (1900–1992) war fast 30 Jahre jünger als der Komponist und sie war es, die nach dem Anschluss geistesgegenwärtig handelte und noch am selben Tag ein Visum für die USA beantragte. Sie war es auch, die nach dem Tod ihres Mannes (1942) dafür sorgte, dass sein Werk nicht in Vergessenheit geriet. Eine zweite Einzi Stolz, quasi.
Geschrieben hat das Stück Felix Mitterer. Kaum eine andere Regisseurin kennt Mitterer so gut wie Stephanie Mohr, kaum eine andere feierte (beginnend mit dem NESTROY-Spezialpreis 2007 für die Inszenierung von „Die Weberischen“) so viele Erfolge gemeinsam mit ihm an der Josefstadt. „Der Boxer“, „Jägerstätter“, „In der Löwengrube“ – alles Stücke, die Leuchtturm-Erfolge waren. „Felix hat eine besondere Gabe, sich mit realen Begebenheiten auseinanderzusetzen und aus ihnen Stücke herauszudestillieren. Daher auch dieses Auftragswerk. Er schafft eine bestechende Mischung aus leichter Überhöhung und zutiefst emotionaler, wahrhaftiger Empfindung, schwarzem Humor und Menschenliebe.”
Mohr denkt kurz nach und sagt: „Vieles in seinen Texten kommt wie ein Faustschlag daher, manches aber wird gar nicht ausgesprochen. Muss es auch nicht. Denn das Erspüren und Sichtbarmachen dieser emotionalen Zwischenräume ist für die Spielenden und mich ja das Wunderbare an unserer Aufgabe.”
DIE BÜHNE, DIE MUSIK
Die Bühne wird eine große Treppe sein. Eine Art Orchesteraufbau. Ein wenig 30er-, 40er-Jahre-Broadway. So werden auch drei der insgesamt 13 Schauspieler*innen singen: Melanie Hackl, Susa Meyer und Kimberly Rydell sind mit Zemlinskys Liedern betraut. Dazu gibt es Melodien aus seinen Symphonien, aus „Die Seejungfrau“ und anderen Werken. Bearbeitet und aufbereitet hat das Wolfgang Schlögl (der mit seiner Band Sofa Surfers in den frühen 2000er-Jahren ein Popstar der Indie-Szene war).
Wolfgang Schlögl lacht: „Sein Werk in ein modernes Klangsystem zu überführen, war eine Challenge. Ich habe mich in seine Melodien verliebt und bemerkt: Ich kann hier kaum etwas brechen, ich muss die Musik wie eine Anemone zum Blühen bringen.“ Schlögl und Mohr arbeiten schon lange miteinander: „Steffi und ich machen es, als würden wir Filmmusik machen. Es gibt Musik. Eine Tür, die knallt. Es gibt Bewegung. Nichts bricht ab – es ist ein symphonisches Werk.“
Alexander Zemlinsky gehört zu den Komponisten, die keinen „großen” Namen haben, aber trotzdem zu den Großen ihrer Zeit gehören. Seine Werke haben die Geschichte der Musik nicht verändert, sind aber authentisches Zeugnis ihrer stürmischen Entwicklungen zwischen 1890 und 1940. Zemlinsky steht zwischen den Zeiten und Stilen, in diesem „Zwischen” aber hat er eine reiche und unverwechselbare musikalische Sprache gefunden. Persönlichkeit und Werk sind Ausdruck einer der faszinierendsten Epochen der Kunst in Europa
Steffi Mohr nickt: „Letztlich ist es eine Geschichte kleiner und großer Schicksale in einer Zeit der großen Umwälzungen und zutiefst verstörender gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen. Es ist eine Suche nach Geltung und Zugehörigkeit, nach Identität – künstlerisch wie familiär oder religiös –, auf die uns Zemlinsky mitnimmt.”
Hier geht es zu den Spielterminen von "Zemlinsky" im Theater in der Josefstadt!