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Blick aus dem Fenster seines Büros: Darunter ist ein Flachdach und darunter befinden sich die Sträußelsäle des Theaters in der Josefstadt.

Blick aus dem Fenster seines Büros: Darunter ist ein Flachdach und darunter befinden sich die Sträußelsäle des Theaters in der Josefstadt.
Foto: Stefan Fürtbauer / Produktion: Kerstin White / STYLING: DOPPELREIHER VON DRESSLER, HEMD VON BOSS BEIDES VIA PEEK & CLOPPENBURG, ANSTECKTUCH OWN

Herbert Föttinger: Aus... aber nicht vorbei

Theater in der Josefstadt

Nach 33 Jahren spielt Herbert Föttinger seine letzte Premiere an der Josefstadt. Es ist ein Stück des großen Peter Turrini. Ein Gespräch über das, was ist, war und kommt.

Das ist kein Nachruf. Auch wenn wir wissen, dass nichts so sehr geliebt wird wie „a scheene Leich“. Herbert Föttinger aber verschwindet nicht. Seit 2006 ist er Direktor der Josefstadt und damit ist jetzt Schluss. Davor aber spielt er noch eine letzte Premiere. Turrinis „Was für ein schönes Ende“. Ein Stück über den großen Lorenzo Da Ponte (siehe Peter Turrinis Monolog). Und Föttinger? Der wird den Herbst und Teile des Winters in die Wüste schauen, nachdenken und zur Ruhe kommen. Letzteres ist zwar kaum vorstellbar, aber ... Dann, im Frühjahr, inszeniert Föttinger am Gärtnerplatztheater. Und dann? Er weiß es nicht. Gerade eben gleitet die Geschichte dorthin ab, wo sie nicht sein sollte: hin zu einem Nachruf. Also, alles auf Anfang. Wir sitzen in Föttingers Büro. Draußen scheint die Sonne. Wir reden über Uraufführungen und wie wichtig sie sind und über die Förderung junger Autor*innen.

„Fangen wir an“, sagt Föttinger. Passt.

Herr Föttinger, Ihr neues Stück hat sich seit der ersten Version stark verändert. Was ist passiert?

Sehr viel. Man könnte fast sagen, es ist eine halbe Uraufführung geworden. Die Grundstruktur aus der Salzburger Fassung (damals noch ,Da Ponte in Santa Fe‘) ist zwar noch da, aber vieles wurde neu gedacht. Vor allem die Beziehungen zwischen den Figuren haben sich verschoben. In Salzburg war das Ganze eher ein großes Spektakel, fast wie ein Wildwest-Schauspiel: Mozart tritt auf, es gibt viel äußeres Getöse, viel Effekt. Das hat sich komplett verändert.

Jetzt steht im Zentrum die Beziehung zwischen Lorenzo Da Ponte und Nancy Krahl – und vor allem dieser schmerzliche Bedeutungsverlust, den der Librettist erlebt. Da Ponte steht plötzlich im Schatten eines Genies wie Mozart und kämpft darum, überhaupt noch gesehen zu werden. Peter Turrini hat dafür einen großen Monolog geschrieben: Da Ponte tritt vor den Vorhang und versucht, dem Publikum klarzumachen, dass hinter einer Oper nicht nur ein Komponist steht, sondern auch jemand, der die Worte erfindet. Darin steckt viel von Turrini selbst. Aber, das hat er mir auch einmal gesagt, auch etwas von mir.

Weil Künstler immer Angst haben, vergessen zu werden?

Wenn man keine primäre Kunst schafft - wie Maler, Komponisten, Schriftsteller - ist die Angst vor Bedeutungsverlust ein Teil der Profession. Ich bin zum Beispiel stark von Otto Schenk geprägt worden. Der hat immer gesagt: „Schauspielerei ist Gegenwärtigkeit.“ Mehr ist es nicht. Du gewinnst dein Publikum in diesem Moment – und zehn Jahre später bist du vielleicht schon vergessen. Selbst große Schauspieler wie Fritz Muliar und Gert Voss verschwinden nach und nach aus dem Gedächtnis. Das gehört zu unserem Beruf. Ein Dichter oder ein Komponist hat eher die Chance, länger zu überleben. Shakespeare hat das ganz gut geschafft.

Diese Location kennt kaum jemand: Es ist der
Parkplatz der Direktion – in einem Hof gegenüber
dem Bühneneingang in der Piaristengasse.
Foto: Stefan Fürtbauer
Diese Location kennt kaum jemand: Es ist der Parkplatz der Direktion – in einem Hof gegenüber dem Bühneneingang in der Piaristengasse.

Da Ponte ist eine Figur, die nach großen Erfolgen noch einmal völlig neu anfangen musste. Macht einen das nachdenklich, wenn man sich mit so einer Biografie beschäftigt?

Es stimmt einen eher positiv. Da Ponte war ein unglaublicher Überlebenskünstler. Egal, in welche Situation er geraten ist – Professor an der Columbia University, Branntweinhändler, Operngründer in New York, Geschäftsmann in England –, er hat immer wieder neu angefangen. Auch wenn vieles scheiterte. Das hat etwas Tröstliches. Es zeigt, dass es immer ein Morgen gibt. Das Leben hört nicht einfach auf.

Aber ist es nicht auch eine enorme Kraftanstrengung, sich immer wieder neu zu erfinden?

Natürlich ist das eine Kraftanstrengung. Aber das Leben selbst ist eine Kraftanstrengung. Und vielleicht braucht es dafür auch eine gewisse Unsentimentalität. Viele Menschen werden mit den Jahren mürbe oder verlieren den Mut. Da Ponte ist immer wieder in die Sonne getreten und hat es noch einmal versucht. Das bewundere ich sehr.

„Schauspielerei ist Gegenwärtigkeit. Du gewinnst im Moment und zehn Jahre
später bist du vielleicht schon vergessen." – Herbert Föttinger
Foto: Stefan Fürtbauer
„Schauspielerei ist Gegenwärtigkeit. Du gewinnst im Moment und zehn Jahre später bist du vielleicht schon vergessen." – Herbert Föttinger

Hat er im Rückblick etwas falsch gemacht?

Nein. Ich finde, er hat ein fantastisches Leben geführt. Allein die Tatsache, dass er in New York eine Oper gegründet hat – das ist doch unglaublich! Und dass er trotzdem in Vergessenheit geraten ist, zeigt auch, wie merkwürdig kulturelles Gedächtnis funktioniert. Mein Vater war Bibliothekar. Ich erinnere mich, dass ich einmal eine Literaturgeschichte aus dem 19. Jahrhundert gelesen habe. Dort spielte Johann Nestroy kaum noch eine Rolle. Erst später, etwa durch Karl Kraus, kam wieder eine Renaissance. Vielleicht funktioniert Erinnerung einfach in Wellen. Im Theater gibt es Wellen – und manchmal auch Tsunamis.

Warum braucht es dieses Stück heute?

Kein Stück braucht es streng genommen, weil Theaterstücke in gewisser Weise nicht lebensnotwendig sind. Aber für mich persönlich schließt sich damit ein Kreis. Meine erste Premiere in der Josefstadt war 2006 ein Stück von Peter Turrini über Nestroy. Und meine letzte Premiere hier ist wieder ein Turrini-Stück. Beide haben etwas Programmatisches. Damals ging es um die Bedeutung des Vorstadttheaters und darum, warum jemand wie Nestroy nicht unbedingt ans Burgtheater wechseln muss, um glücklich zu sein.

Und jetzt, am Ende, steht wieder eine Figur auf der Bühne, die ihr Leben fast ausschließlich über Theater definiert. Nancy Krahl sagt zu diesem alten Da Ponte: „Es gibt noch etwas anderes als deine Kunst. Es gibt Familie, Leben, Gegenwart.“ Das finde ich einen sehr schönen Gedanken.

Herbert Föttinger im Gang vor den Logen im
Theater.
Foto: Stefan Fürtbauer / STYLING: DOPPELREIHER VON DRESSLER, HEMD VON BOSS BEIDES VIA PEEK & CLOPPENBURG, ANSTECKTUCH OWN;
Herbert Föttinger im Gang vor den Logen im Theater.

Ist das auch eine Botschaft, die Sie selbst betrifft?

Durchaus. Meine Frau erinnert mich auch manchmal daran, dass es neben dem Theater noch ein Leben gibt. Als Theaterdirektor lebt man ja gleichzeitig in drei Zeiten: in der Vergangenheit, in der Gegenwart und vor allem in der Zukunft. Man denkt ständig an die nächste Saison, an das übernächste Projekt. Da kann man leicht vergessen, den Moment zu genießen.

Beim Lesen des Stücks musste ich an Raimunds berühmtes „Hobellied“ denken. Diese Idee von Zufriedenheit – ist das die Essenz des Stücks?

Das „Hobellied“ ist sehr schön, aber auch ein bisschen biedermeierlich. Die dort beschriebene Zufriedenheit, klingt für mich nach einem Feuer, das nur noch glimmt. Ich glaube, man darf als Mensch nicht aufhören zu brennen. Auch wenn man die Gegenwart genießt, sollte da noch eine Flamme sein. Die Gegenwart genießen und trotzdem brennen – das wäre ideal.

Sie wirken oft wie jemand, der die Kerze an beiden Enden anzündet.

Das stimmt wahrscheinlich. Ich war immer ein eher unzufriedener Mensch – im Sinne von: Es könnte noch besser sein. Das gilt für meine Arbeit als Schauspieler genauso wie für meine Zeit als Direktor. Diese Unzufriedenheit treibt einen an. Aber sie macht das Leben auch ein bisschen hitzig. Wenn eine Kerze an beiden Enden brennt, gibt es zwei Flammen. Das ist für die Umgebung manchmal anstrengend.

Als Direktor lebt man gleichzeitig in drei Zeiten: Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft. – Herbert Föttinger
Foto: Stefan Fürtbauer/ SAKKO VON EMPORIO ARMANI, STRICKPULLOVER VON MATINIQUE BEIDES VIA PEEK & CLOPPENBURG, ANZUGHOSE VON MAISON LABICHE, LOAFERS VON DUCAL’S
Als Direktor lebt man gleichzeitig in drei Zeiten: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. – Herbert Föttinger

Und für die Kerze selbst?

Für die Kerze endet es tödlich. Aber ehrlich gesagt endet es für uns alle tödlich. Insofern ist das vielleicht gar nicht so entscheidend.

Wie wird die Inszenierung aussehen?

Wir versuchen, die Geschichte von diesem Wildwest-Klischee zu befreien. Zwar spielt das Stück in Santa Fe, aber dieser Ort ist eher ein Symbol. Wir brauchen keine Saloon-Theke, keine Colts und keine amerikanischen Fahnen. Ich stelle mir das eher wie in „Fitzcarraldo“ vor: Ein verrückter Saloonbesitzer, irgendwo in der Pampa, der unbedingt ein Opernhaus bauen will. Und ein verrückter Da Ponte, der mit einer Operntruppe durchs Land reist, fast wie mit einer Zirkustruppe. Er verkauft Branntwein, um in der Nähe seines Kindes - wie er den Don Giovanni nennt - zu sein, und leidet darunter, dass niemand ihn als Schöpfer der Oper erkennt. Erst als ein Sänger ausfällt, nutzt er seine Chance und tritt selbst auf die Bühne.

Die Funktion des Theaters: Es gibt Trost, Bestätigung und manchmal Mut.

– Herbert Föttinger

Sie stehen kurz vor Ihrer letzten Premiere als Direktor der Josefstadt. Wie fühlt sich das an?

Überhaupt nicht schlimm. Ich bin seit 33 Jahren in diesem Haus, davon 20 Jahre als Direktor. Ich gehe mit großer Freude. Es gibt keine Wehmut. Im Gegenteil: Ich freue mich auf das, was kommt. Es hat etwas Abenteuerliches. Mit 65 noch ein- mal neu anzufangen – das ist doch schön.

Viele Menschen würden vermuten, dass so ein Abschied sehr schwerfällt.

Das denken viele. Aber ich empfinde es anders. Ich habe bewusst entschieden, mir etwas Neues vorzunehmen. Ich möchte eine Zeit lang auf einem anderen Kontinent leben. Allein dieser Gedanke macht mir große Freude. Jeder Anfang hat seinen eigenen Zauber.

Theater kann das Rückgrat einer Gesellschaft stärken. Und ein Rückgrat hat eine Aufgabe:
Es ermöglicht uns, aufrecht zu gehen. – Herbert Föttinger
Foto: Stefan Fürtbauer/ STYLING: SAKKO VON EMPORIO ARMANI, STRICKPULLOVER VON MATINIQUE BEIDES VIA PEEK & CLOPPENBURG, ANZUGHOSE VON MAISON LABICHE, LOAFERS VON DUCAL’S
Theater kann das Rückgrat einer Gesellschaft stärken. Und ein Rückgrat hat eine Aufgabe: Es ermöglicht uns, aufrecht zu gehen. – Herbert Föttinger

Sie gelten als einer der letzten großen Volksschauspieler Wiens. Warum gibt es so wenige davon?

Vielleicht, weil sich die Theaterlandschaft verändert hat. Früher waren Ensembles stabiler. Schauspieler und Publikum sind gemeinsam älter geworden. Dadurch entstand eine besondere Beziehung. Heute wechseln viele ständig die Häuser: heute Bremen, morgen Hannover. Da ist es schwer, so eine Verbindung aufzubauen. Ich habe 36 Jahre in Wien gearbeitet. Das ist ein halbes Leben. Dadurch entsteht eine Nähe zum Publikum, die etwas ganz Besonderes ist.

Sie haben oft sehr deutlich kulturpolitische Positionen vertreten. Hat das Theater überhaupt politische Wirkung?

Ich glaube nicht, dass Theater die Welt verändern kann. Das ist eine Illusion. Aber es kann etwas anderes leisten: Es kann Menschen zusammenbringen, die ähnliche Werte haben und gemeinsame Denkprozesse in Gang setzen. Im Theater finden sie einen Ort, an dem sie merken: Ich bin nicht allein mit meinen Gedanken. Das ist vielleicht die wichtigste Funktion des Theaters: Es gibt Trost, Bestätigung und manchmal auch Mut.

Und das reicht?

Vielleicht muss es reichen. Theater ist nicht dazu da, die Welt zu revolutionieren. Aber es kann das Rückgrat einer Gesellschaft stärken. Und ein Rückgrat hat vor allem eine Aufgabe: Es ermöglicht uns, aufrecht zu gehen.

Eine Frage habe ich noch: Wie ist es, Herbert Föttinger zu sein?

Anstrengend.

Hier geht es zu den Spielterminen von „Was für ein schönes Ende“ im Theater in der Josefstadt!

Josefstädter Straße 26
1080 Wien
Österreich
Foto beigestellt

Erschienen in
Bühne 04/2026

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Atha Athanasiadis
Atha Athanasiadis
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