Glanz in der Dunkelheit: Nelly Sachs im Theater Nestroyhof Hamakom
Die Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Nelly Sachs träumte von einem „Kulttheater“, in dem sich unterschiedliche Kunstformen auf Augenhöhe begegnen. Der interdisziplinäre Theaterabend „An Stelle von Heimat halte ich die Verwandlungen der Welt“ kommt diesem Wunsch nach. Mit ihren Texten wirft sie einen Glanz in die Dunkelheit und lässt dadurch Dinge sichtbar werden, ist Regisseurin Ingrid Lang überzeugt. Wir haben mit ihr und der Schauspielerin Dagna Litzenberger-Vinet über die Arbeit gesprochen.
Die Schriftstellerin Nelly Sachs wollte hinter ihrem Werk verschwinden und nur eine Stimme oder ein Seufzer sein – für die, die lauschen wollen. Ingrid Lang, Regisseurin und künstlerische Leiterin des Theater Nestroyhof Hamakom, weiß um diesen Wunsch. Gleichzeitig weiß sie aber auch um die Bedeutung ihrer Texte für die Gegenwart und um die daraus resultierende Wichtigkeit, ihre Seufzer für all jene, die lauschen wollen, hörbar zu machen. Es ist eine Gratwanderung. Wie auch ein sehr umfangreiches Unterfangen, denn die Autorin und Nobelpreisträgerin hat neben ihren zahlreichen Gedichten auch Prosatexte, Dramen und viele Briefe geschrieben. In ihrem Stück „An Stelle von Heimat halte ich die Verwandlungen der Welt“ kommen Texte aus allen vier Gattungen vor, hält Ingrid Lang fest. „Ich habe alles, was ich bekommen konnte, von ihr gelesen und dann eine hundert Seiten lange Materialfassung erstellt, aus der ich wiederum dieses Stück gebaut habe. Außerdem war mir rasch klar, dass ich das Stück gerne entlang ihrer Biografie erzählen möchte, um den Zuschauer*innen eine Art Faden in die Hand zu geben, an dem sie sich festhalten können.“ Der Fokus, so Lang, soll dennoch auf ihr als Künstlerin liegen –auch um ihr Bedürfnis, als Mensch hinter ihren Texten zu verschwinden, zu respektieren.
Ein bei Suhrkamp erschienener Lyrikband sei ihr Einfallstor in die literarische Welt von Nelly Sachs gewesen, erzählt die Theatermacherin. Dagna Litzenberger-Vinet gehört zum interdisziplinären Ensemble von „An Stelle von Heimat halte ich die Verwandlungen der Welt“ und kam in Zusammenhang mit dem Stück zum ersten Mal mit der Schriftstellerin in Berührung. Das laute Lesen hätte ihr dabei geholfen, in ihre Sprache und ihre dichten Bilderwelten hineinzufinden, erklärt die Schauspielerin.
Kulttheater
Nelly Sachs, 1891 in Berlin geboren, floh im Mai 1940 gemeinsam mit ihrer Mutter mit dem letzten zivilen Flugzeug nach Schweden, wo sie ihr restliches Leben verbrachte. Den wichtigsten Teil ihres Werks schuf sie erst nach ihrer Flucht und zumeist nachts, da sie tagsüber ihre kranke und betagte Mutter pflegte. Ihre davor geschriebenen Texte wollte sie nie wieder aufgelegt sehen.
Dagna Litzenberger-Vinet wurde in den USA geboren und wuchs in Frankreich, Deutschland und der Schweiz auf. Seit einigen Jahren lebt und arbeitet die Schauspielerin auch in Österreich. Obwohl sie in eine andere Zeit hineingeboren wurde und nie fliehen musste, kann sie sich auch über das das Gefühl des Fremdseins mit Nelly Sachs verbinden, bemerkt sie. „Über die Frage, wo meine Heimat eigentlich ist.“
Neben Dagna Litzenberger-Vinet gehören auch der Musiker Lukas Lauermann, die Tänzerin Adi Hanan und die Puppenspielerin Almut Schäfer-Kubelka zum Ensemble. Die Idee, einen interdisziplinären Abend zu entwickeln, ist unter anderem Nelly Sachs‘ formalem Wunsch nach einem „Kulttheater“ geschuldet. Sie visionierte eine Theaterform, in der verschiedene Disziplinen gleichwertig nebeneinander existieren und poetische Räume erschließen. „Dort, wo das Wort aussetzt oder wo man mit dem Wort nicht herankommt, kann vielleicht der Tanz weitererzählen. Oder die Musik“, erläutert Ingrid Lang. Ein naheliegender Zugang für eine Künstlerin, die sich, vor dem Hintergrund der Shoah, sehr für emotionale Zwischenräume, für Transzendenz und jüdische Mystik interessiert hat, fügt Lang nach einer kurzen Pause hinzu.
Schreiben, um zu überleben
Im Laufe der Auseinandersetzung sei auch bei ihr immer wieder die Frage aufgetaucht, warum Nelly Sachs, obwohl sie 1966 als erste deutschsprachige Dichterin den Nobelpreis für Literatur erhielt, heute so unbekannt ist. „In diesem Zusammenhang kam mir unter anderem der Gedanke, dass es, bis auf eine Liebe, die sie nicht leben konnte, keine Männer in ihrem Leben gab. Als ich das jemandem erzählt habe, meinte die Person, dass das ein ereignisloses Leben sei. Das fand ich interessant, weil eine Frau auch ohne Liebesbeziehungen ein ereignisreiches Leben führen kann. Dazu kommt, dass man Nelly Sachs am ehesten noch in Verbindung mit Paul Celan kennt, mit dem sie eng befreundet war. Daher habe ich mich auch dazu entschieden, ihn aus dem Stück rauszulassen – obwohl es einen sehr schönen Briefwechsel zwischen den beiden gibt.“
Vielleicht ist ein weiterer Grund für ihre geringe Bekanntheit aber auch, dass sich ihre Texte nicht so leicht einordnen lassen, fügt Dagna Litzenberger-Vinet hinzu. „Es sind sehr originäre Texte, bei denen ich das Gefühl habe, dass sie sehr stark aus ihrem Inneren herauskommen. Das macht ihr Werk sehr menschlich und das macht es auch für mich als Schauspielerin interessant, wenn es darum geht, diese Texte zu verkörpern.“
Bevor es für Ingrid Lang und Dagna Litzenberger-Vinet zur Probe geht, unterhalten wir uns noch über die Sprache. „So richtig fing sie an zu schreiben, um zu überleben“, erklärt Ingrid Lang und setzt nach: „Und dann hat sie nicht mehr aufgehört und Adornos Diktum, dass man nach Auschwitz keine Gedichte mehr schreiben könne, widerlegt. In der Nacht schreibend und sich dabei dem Tod zuwendend, habe ich oft das Bild vor mir, dass sie einen Glanz in die Dunkelheit wirft und die Dinge dadurch sichtbar werden lässt. Es gibt ein Gedicht, in dem sie sagt, dass sie mit ihrer Sprache gerade an eine Grenze stößt, aber in dem sie über diesen Vorgang spricht, sprengt sie diese Grenze schon wieder. Manchmal kommt sie mir vor wie eine Zauberin.“
Außerdem gebe es in ihrer bildgewaltigen, dichten Sprache eine Gleichzeitigkeit von Hoffnung uns Schrecklichkeit, fügt sie daran anknüpfend hinzu. „In ihrem Werk gibt es keinerlei Rachegedanken, sondern vielmehr eine Zuversicht und ein Vertrauen in die Menschen, in die Liebe und in den Frieden. Das ist schon bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass Nelly Sachs die Shoah überlebt hat. Und es ist auch etwas, das für unsere Zeit relevant ist.“