Die Frau Chef
Maria Happel hat in Reichenau ein kluges, elegant-feines Programm zusammengestellt. Stars treffen hier auf die besten Jungen. Ein launiges Gespräch mit der Intendantin über Glück, Druck, Sommerfrische und die Kunst, das richtige Karussell zu bauen.
Es gibt Menschen, die ein Festival leiten, als würden sie Excel-Tabellen verwalten. Und es gibt Menschen, die darüber sprechen, als wäre das alles ein lebendiger Organismus: mit Eitelkeiten, Hoffnungen, Wetterlagen, Talenten, Enttäuschungen, Glücksmomenten und sehr viel Menschenkenntnis. Maria Happel gehört eindeutig zur zweiten Kategorie.
Wenn sie über Theater redet, dann nicht geschniegelt, nicht in Pressetext-Sätzen, sondern in Bildern. Da ist vom Karussell die Rede, von Speisekarten, von Litfaßsäulen, von Zeitreisen und davon, dass man sich manchmal vorkommt wie jemand, der einen Sommer lang eine kleine Welt zusammenbaut – und hofft, dass sie trägt.
Und wahrlich: Maria Happel hat in Reichenau ein feines, elegantes, kluges und gleichzeitig breites Programm nach Art des Hauses zusammengestellt: Namhafte Schauspieler*innen treffen auf die besten Jungen und ein Repertoire aus textgenau dargebotener Klassik und unterhaltsamer Gegenwart. Ein Mix, der eigentlich wie eine große, homogene, künstlerische Welle ist, der da durch die beschauliche Sommerfrischeregion spült.
Wir haben Maria Happel getroffen. Es wurde ein Gespräch über künstlerische Lust, administrative Zumutungen, das Älterwerden im Betrieb, Sommer auf dem Land und darüber, warum guter Humor etwas ganz anderes ist als Klamauk.
Frau Intendantin, wie geht es Ihnenn – jetzt, nach den ersten intensiven Jahren?
Tendenz: steigend. Mir geht es tatsächlich gut. Aber dieses Gefühl hat im Theater ja immer eine sehr kurze Halbwertszeit. Kaum ist eine Premiere geschafft, denkt man schon an die nächste. Es ist wirklich so: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Natürlich ist es nicht mehr ganz so wie am Anfang. Im ersten Jahr musste alles sehr schnell gehen – Programm, Struktur, Entscheidungen. Das war ein ziemlicher Kraftakt. Jetzt haben wir den Luxus, früher planen zu können. Die Prozesse sind klarer, die Aufgaben besser verteilt. Und ja – wir sind erfolgreich. Das darf man auch einmal sagen.
Wenn man von außen draufschaut, klingt „Intendantin“ nach Macht, Gestaltung, Einfluss – aber wahrscheinlich auch nach Stress, Ärger und Telefonaten, die man nicht führen will. Wie spannend ist dieser Job wirklich?
Sehr unterschiedlich. Manche Dinge sind wahnsinnig spannend, vor allem der kreative Teil. Einen Spielplan zu entwickeln, Stücke zueinander in Beziehung zu setzen, Besetzungen zu denken, Atmosphären vorauszuahnen – das ist nach wie vor das, was mich am meisten interessiert. Dafür mache ich es.
Und dann gibt es natürlich die andere Seite. Die gehört halt auch dazu. Wenn ich etwa Kolleginnen oder Kollegen in einem Sommer nicht beschäftigen kann, obwohl ich weiß: Das hätte ihnen gutgetan, das wäre schön gewesen, das wäre vielleicht sogar wichtig gewesen. Aber das geht eben nicht immer. Das Karussell ist größer als die Anzahl der Plätze darauf. Und irgendwer muss entscheiden.
Hat sich Ihre Haltung verändert, seit Sie diese Verantwortung tragen?
Man wird zwangsläufig strenger – oder sagen wir: klarer. Am Ende trägt eine Person die Verantwortung. Nach außen bin ich diejenige, mit der alles verbunden wird. Ich bin gern die „wandelnde Litfaßsäule“, aber es gibt eben auch Momente, in denen man die Last dieser Rolle spürt.
Wenn man sich das Programm ansieht, hat man fast das Gefühl: Da sind ja wirklich alle dabei. Die, die man mag, die, die man kennt, die, die gerade interessant werden, und die, die ohnehin schon Stars sind. Wie macht man das? Können die einfach schwer Nein sagen?
(lacht) Ach, ich glaube nicht, dass das ein einzelner Zaubertrick ist. Es ist, wie so oft, die Mischung. Oder wie ich immer sage: Die Speisekarte muss stimmen. Es hat sich einfach herumgesprochen, dass dieser Monat auf dem Land etwas Besonderes ist. Wir hängen direkt an die Spielzeit an und trotzdem bleibt dann noch der August frei, um wirklich Urlaub zu machen. Das ist attraktiv. Und dann ist da natürlich diese spezielle Mischung: große Häuser aus Wien, Filmszene, junge Leute, Erfahrene – diese Zusammensetzung kriegst du so woanders kaum. Und das merken die Leute.
Diese fünf Wochen im Sommer haben fast etwas von einer konzentrierten Theater-Utopie. Alle wissen, worauf sie sich einlassen. Alle haben ihren Vertrag. Es gibt nicht dieses übliche Kantinenraunzen gegen die Direktion. Warum auch? Man arbeitet, man lebt miteinander, man verbringt einen Sommer zusammen. Das schafft etwas.
Die Landschaft, die Architektur, diese leicht raue Schönheit – das ist Atmosphäre. Und genau die erwartet man auch, wenn man hier Theater macht. Schnitzler, Zweig, Roth – die gehören hier einfach hin.
– Maria Happel, Intendantin und Schauspielerin
Und für manche Schauspieler*innen ist es Sommerfrische ...
Absolut. Es gibt schon welche, die sagen: Wunderbar, ich habe gleich Sommerfrische mit dazu. Draußen ist es im Sommer sieben, acht Grad kühler als in der Stadt. Wenn die Premieren einmal draußen sind, dann kann man tagsüber ins Bad gehen oder wandern – und am Abend steht man auf der Bühne. Das hat schon etwas von vorgezogenem Urlaub. Einem sehr arbeitsintensiven Urlaub, aber immerhin.
Was ist der Zauber von Reichenau?
Er hat Geschichte. Ich bin gewissermaßen Nutznießerin einer Zeit lange vor mir. Schon um die Jahrhundertwende war das ein Ort, der Künstler angezogen hat – Musiker, Schriftsteller, Architekten. Heute ist er nur noch eine Stunde von Wien entfernt, aber es fühlt sich an wie eine Zeitreise. Die Landschaft, die Architektur, diese leicht raue Schönheit – das ist Atmosphäre. Und genau die erwartet man auch, wenn man hier Theater macht. Schnitzler, Zweig, Roth – die gehören hier einfach hin.
Ein Beispiel: „Die Fledermaus“ – aber in den Roaring Twenties. Warum dieser Zugriff?
Weil es historisch passt. Vor 100 Jahren wurde genau dort, wo wir spielen, „Die Fledermaus“ aufgeführt. Diese Geschichte wollten wir wiederbeleben – aber mit einem eigenen Blick. Unsere Inszenierung spielt 1926, mit entsprechendem Bühnenbild und Kostümen. Und wir hatten das Glück, früh genug anzufragen – bevor unsere beiden Hauptdarsteller zu den Superstars wurden, die sie heute sind.
Schnitzlers „Reigen“ gilt als Klassiker – aber auch als Herausforderung. Wie nähern Sie sich dem Stück?
Wir spielen es im neuen Spielraum – einer Arena mit fast 360-Grad-Blick. Das ist für Schauspielerinnen und Schauspieler eine echte Herausforderung. Man kann sich nicht „verstecken“. Sprache, Präsenz, Bewegung – alles wird unmittelbarer. Ich habe bewusst ein Regieduo gewählt, um die männliche und weibliche Perspektive gleich stark zu beleuchten. Und ja: Natürlich kann und muss man dieses Stück heute spielen. Gerade heute.
360 Grad – das klingt fast wie Zirkus.
In gewisser Weise ist es das auch. Man ist dem Publikum unglaublich nah. Man hört jedes Rascheln, spürt jede Reaktion. Das ist intensiv – für beide Seiten.
Dann kommt mit „Krieg und Frieden“ gleich der nächste Brocken. Weltliteratur im Südbahnhotel – das klingt nach einem Projekt, das man entweder sofort will oder für komplett verrückt hält.
Vielleicht beides. Aber genau das ist ja interessant. Das war ein lang gehegter Wunsch, auch von Niki Hagg. Und ich finde: Ein Stück Weltliteratur gehört an einen Ort, der selber Weltkulturerbe-Qualität hat. Für mich sind Semmering und dieses Südbahnhotel genau so ein Ort. Nach den Erfahrungen im letzten Jahr mit diesem Hotel und seinen Räumen war klar, dass wir damit weiterarbeiten wollen. Dieses Morbide, dieses Halbvergangene –und dann schaltet man das Licht ein und plötzlich ist da wieder Glanz. Diese Balance zwischen Verfall und Schönheit, zwischen Geschichte und Gegenwart, die passt bei „Krieg und Frieden“ natürlich ungeheuer gut.
Ist das dann richtig immersiv? Wandert man mit?
Man geht nicht ganz durch, aber man wechselt die Räume. Im ersten Teil ist man unten, dann geht es nach oben in den Waldhofsaal und nach der Pause wieder nach unten. Und unten hat sich dann das Bühnenbild verändert. Das ist schon ein sehr eigenes Erleben. Man schaut nicht nur zu, man bewegt sich mit.
Sie klingen überhaupt sehr verliebt in Räume.
Ja, weil Räume erzählen. Es gibt Räume, die tragen etwas. Und es gibt Schauspielerinnen und Schauspieler, die bestimmte Räume lieben und können. Das ist ja auch etwas, woran man bei Besetzungen denkt. Manche Menschen stellt man in so einen Raum – und plötzlich gehört er ihnen. Andere brauchen eine klassische Guckkasten-Situation. Das ist keine Wertung, das ist einfach ein anderes Können.
1991 holte Claus Peymann Maria Happel an die Burg. 1999 wechselte sie mit ihm nach Berlin, aber es zog sie nach Wien zurück. Seit 2002/03 gehört die vielfach ausgezeichnete Schauspielerin wieder zum BURG- Ensemble. Seit 2022 ist sie die künstlerische Leiterin der Festspiele Reichenau.
Überhaupt scheinst du sehr genau zu beobachten, welche Künstler*innen wohin passen. Ist das ein ganzjähriges inneres Archiv? So ein permanentes „Die könnte das, der könnte jenes“?
Ja, das ist schon ein ständiges Sammeln. Natürlich gibt es Bewerbungen, klar. Aber vieles entsteht über Beobachtung. Man sieht Leute, man merkt sich etwas, man denkt plötzlich Monate später: Ah, genau die. Und ich habe dabei große Unterstützung. Meine Mitarbeiterin sieht noch viel mehr als ich, geht noch öfter in Vorstellungen, entdeckt Menschen, denkt in Kombinationen. Wer könnte mit wem? Wer trägt welchen Raum? Wer hat was für eine Energie? Das ist eine dauernde Suche – und auch ein großes Vergnügen.
Das klingt fast ein bisschen nach der alten Idee von Ensemble, aber in verdichteter Form.
Ja, vielleicht. Eine Sommerform davon. Und ich finde das sehr wertvoll, gerade für junge Leute. Dass sie mit Erfahrenen zusammenkommen, mit ihnen spielen, von ihnen lernen, vielleicht auch anders in diesen Beruf hineinwachsen. Diese Pflege, von der man früher öfter gesprochen hat, die gibt es ja vielerorts kaum noch. Hier haben wir wenigstens für ein paar Wochen die Möglichkeit dazu.
Wenn man dir zuhört, merkt man auch: Diese Programme entstehen nicht zufällig, sondern aus langen Linien. Josef Roth ist nicht einfach nur ein weiterer Titel, Stefan Zweig auch nicht.
Nein, natürlich nicht. Das hängt alles zusammen. Bei Roth zum Beispiel ergibt sich da wirklich ein Bogen über die Jahre. Und wenn etwas einmal eine starke Handschrift hatte und funktioniert hat, dann schaut man natürlich, wie man daran weiterarbeiten kann, ohne sich zu wiederholen. Dasselbe bei Stefan Zweig. „24 Stunden aus dem Leben einer Frau“ beschäftigt mich schon länger. Ich habe das vor zwei Jahren bei einem Festival in China gesehen – ich fliege um die halbe Welt, gehe am ersten Abend ins Theater und sehe Stefan Zweig. Das hat mich nicht mehr losgelassen. Manchmal kommen Projekte eben auch über solche Umwege zu einem.
Reichenau ist nicht mehr nur ein Termin, es ist ein Ziel und es freut mich, dass mehrere Generationen kommen.
– Maria Happel, Intendantin und Schauspielerin
Das ist eigentlich die schönste Theatergeschichte: Man reist weit weg und findet genau den Autor, der dann später im eigenen Programm landet.
Ja, und manchmal merkt man daran auch, wie weit Literatur trägt. Und wie wenig provinziell solche Stoffe sind, selbst wenn sie an einem sehr spezifischen Ort gespielt werden. Oder vielleicht gerade deshalb.
Eine ganz banale Frage, die wahrscheinlich gar nicht banal ist: Spürt man irgendwann, dass so ein Festival „angekommen“ ist? Dass da plötzlich eine Welle da ist?
Ein bisschen schon. Wenn am ersten Verkaufstag am Abend die Zahlen kommen und du siehst: über 22.000 Tickets verkauft – dann macht das natürlich etwas mit einem. Das freut einen. Sehr sogar. Und ich habe schon das Gefühl, dass sich etwas herumspricht. Dass die Leute das Bedürfnis haben, dorthin zu fahren. Dass es nicht mehr nur ein Termin ist, sondern ein Ziel. Und ich finde es besonders schön, wenn man merkt, dass mehrere Generationen kommen: die Eltern, die Kinder, die Schwiegertochter, die Enkel. Das ist etwas sehr Feines. Wissen Sie: Wenn mich jemand aus Bangkok anruft und sagt, er kommt nicht durch beim Ticketkauf – dann weiß man: Da bewegt sich etwas.
Und macht dich das glücklich – dieses Gefühl, dass man da gerade etwas wirklich zum Laufen gebracht hat?
Natürlich. Ja. Das macht glücklich. Weil es dann eben nicht nur Arbeit war, nicht nur Kalkulation, nicht nur Besetzungsgespräch, nicht nur Druck. Sondern weil man merkt: Man hatte einen Riecher. Einen richtigen. Und daraus ist etwas geworden.
Auch für Kinder gibt es Produktionen, etwa „Der kleine Prinz“. Warum ist Ihnen das wichtig?
Weil Theater für alle da sein muss. Und weil es etwas sehr Schönes ist, wenn Familien gemeinsam zu uns kommen. „Der kleine Prinz“ wird ein sehr poetisches Stück – mit Musik und mit einer eigenen Sprache.
Sie sprechen von einer „Pflege“ des Nachwuchses.
Ja. Dieses gemeinsame Arbeiten, dieses Wachsen – das ist etwas, das ich sehr schätze. Man nimmt junge Menschen an die Hand, ohne sie zu bevormunden. Und manchmal hat man das Glück, einen „richtigen Riecher“ zu haben.
Sie haben einmal gesagt, der Begriff „Volksschauspieler“ sei überholt. Warum?
Weil sich das System verändert hat. Früher wurden Schauspielerinnen und Schauspieler innerhalb eines Ensembles aufgebaut. Heute arbeiten Regisseurinnen und Regisseure international, bringen ihre eigenen Teams mit. Das hat vieles verschoben. Dazu kommt: Fernsehen und Serien haben Funktionen übernommen, die früher das Theater hatte. Und ich unterscheide sehr bewusst zwischen Komik und Klamauk. Zwischen Humor mit Tiefe und bloßer Unterhaltung. Vieles ist heute verwässert.