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Von links nach rechts: Sascia Ronzoni, Jonas Graber, Frank Engelhardt, Valentin Späth und Mino Dreier.

Von links nach rechts: Sascia Ronzoni, Jonas Graber, Frank Engelhardt, Valentin Späth und Mino Dreier.
Foto: Petra Rautenstrauch

Ab ins Grüne

Theater der Jugend

Gras anfassen? Für Regisseurin Claudia Waldherr kein Problem. Das Bühnenbild ihrer Inszenierung des Jugendromans „Wolf“ besteht sogar aus echten Bäumen.

Den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen? Das gilt nicht für Claudia Waldherr. Sie steht vor ihrem aus echten Bäumen bestehenden Bühnenbild im Theater im Zentrum und winkt fröhlich. Obwohl die Premiere ihrer Inszenierung von Saša Stanišićs Jugendbuch „Wolf“ unmittelbar bevorsteht, wirkt sie gelassen und aufgeräumt. Es scheint so, als befänden sich die ursprünglich aus dem Waldviertel stammende Regisseurin und ihr fünfköpfiges Ensemble alles andere als auf dem Holzweg. Um das Publikum wirklich in den im Jugendroman beschriebenen Wald eintauchen zu lassen, hatten sie und der Bühnenbildner Daniel Sommergruber die Idee, nicht etwa eine Waldlichtung zu zeigen, sondern mehrere Bäume auf der Bühne zu platzieren. Diese wurden, wie Waldherr erklärt, drei Tage vor Aufbau des Bühnenbilds von Förstern im Wiener Umland geerntet.

„Wir konnten uns zwischen mehreren Bäumen, die sowieso zur Ernte bestimmt waren, entscheiden. Dadurch, dass sie noch so viel Saft hatten, und wir den Boden auch regelmäßig besprühen mussten, damit es nicht so stark staubt, haben sie weiterhin Blätter gebildet. Es hat sich ziemlich absurd angefühlt, in den ersten Tagen wirklich einen funktionierenden Wald auf der Bühne zu haben. Das ganze Theater hat nach Wald gerochen.“

Kurz: ein Bühnenbild, das an Lebendigkeit nur schwer zu übertreffen ist. Und ein guter Nährboden, um zwischen all den Bäumen auch als Spieler*in über sich selbst hinauszuwachsen. Beim ersten Blick auf das Bühnenbild ergeben sich zudem augenblicklich Assoziationen zum magischen Wald aus Shakespeares Komödie „Ein Sommernachtstraum“. „Wir haben auch eine Soundebene, die zusätzlich zum Bühnenbild das ganze Stück hindurch eine Waldatmosphäre schafft. Im besten Fall sitzt man im Theater und hat gleichzeitig das Gefühl, in der Natur zu sein. Wir fänden es schön, wenn auch im Publikum der Eindruck entstünde, der Mystik des Walds ausgeliefert zu sein“, beschreibt Claudia Waldherr ihren Zugang.

Mino DREIER studierte an der Schauspielschule
Krauss, war zuletzt in
der ORF-Serie „School
of Champions“und im
TdJ in „König Gilgamesch“ zu sehen.
In „Wolf“ spielt er Kemi.
Foto: Petra Rautenstrauch
Mino DREIER studierte an der Schauspielschule Krauss, war zuletzt in der ORF-Serie „School of Champions“und im TdJ in „König Gilgamesch“ zu sehen. In „Wolf“ spielt er Kemi.

ABGEGRAST? KEINESFALLS!

Wie es sich anfühlt, einer Situation ausgeliefert zu sein, wissen auch all jene, die als Jugendliche ihre Sommerferien in Ferienlagern verbringen mussten. Das beschreibt der vielfach ausgezeichnete Autor Saša Stanišić in seinem Roman. Und zwar mit allem, was dazugehört: Stockbetten, Folienkartoffeln, merkwürdige Spiele, lästige Mücken und fragwürdige Gerichte aus großen Töpfen. Mittendrin: Kemi, der Bäume nur als Schrank super findet und auch sonst keine große Lust auf naturnahe Erlebnisse hat. Und sein Zimmerkollege Jörg, der zwar gern wandert, aber von einigen Halbstarken aus der Gruppe ausgegrenzt und „andersig“ gemacht wird.

Obwohl viele der klassischen Inhaltsstoffe eines typischen Ferienlagerkollers vorkommen, ist sowohl das in der Inszenierung gezeigte Feriencamp als auch jenes, das in der Buchvorlage beschrieben wird, etwas trashiger, als man sich das vielleicht erwarten würde, sagt Claudia Waldherr. Oder wurde tatsächlich jemals schon so etwas Absurdes wie ein Pudding-Pokal verliehen?

Sascia RONZONI stand gerade noch in „König Gilgamesch“ im
Renaissancetheater
auf der Bühne und
spielt in „Wolf“ gleich
drei Rollen. Sie wurde
in Wien geboren und
studierte an der Schauspielschule Krauss.
Foto: Petra Rautenstrauch
Sascia RONZONI stand gerade noch in „König Gilgamesch“ im Renaissancetheater auf der Bühne und spielt in „Wolf“ gleich drei Rollen. Sie wurde in Wien geboren und studierte an der Schauspielschule Krauss.

„Wolf“ ist die insgesamt fünfte Regiearbeit der ausgebildeten Schauspielerin, deren Schauspielkarriere in der Off-Szene und im Landestheater Linz begann. 2017 spielte sie in „Schlamm“ zum ersten Mal im Theater der Jugend, als Regisseurin debütierte sie im Jahr 2024 bei den Komödienspielen Porcia. Für „Wolf“ hat sie zum ersten Mal eine komplette Fassung geschrieben, erzählt sie.

„Die größte Herausforderung für mich war, den Ton des Buchs zu erwischen. Und die Deadline einzuhalten.“ Sie lacht. Für das gefühlsmäßig schon ziemlich abgegraste Thema Mobbing hätte Saša Stanišić auf jeden Fall eine gute Sprache gefunden, fügt sie hinzu.

„Der Begriff selbst taucht im Buch gar nicht auf – auch bei uns im Stück nicht. Ich glaube, dass es wichtig ist, gerade bei einem Thema, das vielleicht im ersten Moment ein kleines Augenrollen hervorruft, einen anderen Zugang zu finden. Denn Mobbing ist nicht nur in Schulklassen und Kindergruppen, sondern auch an Arbeitsplätzen im Erwachsenenleben ein riesengroßes Problem. Diese ausgrenzenden Strukturen können einem überall begegnen und das Einzige, das man tun kann, ist, einen Umgang damit zu finden. Das kann bedeuten, sich Hilfe zu suchen oder sich mit anderen zusammenzutun. Oder überhaupt den Arbeitsplatz zu wechseln. Wichtig ist für mich unter anderem die Erkenntnis, dass man das Täterverhalten nicht abstellen kann, indem man etwas an sich selbst ändert. Jörg ist ja nicht anders, er wird, so steht es auch im Text, ‚andersig‘ gemacht. Wir haben außerdem recherchiert, dass ein Mobbingopfer in dieser Altersklasse in etwa sieben Mal um Hilfe bitten muss, bis es wirklich gehört wird“, findet Claudia Waldherr klare Worte.

Frank ENGELHARDT
startete seine Schauspielkarriere am
GRIPS Theater in Berlin,
spielte unter anderem
in Düsseldorf und seit
2011 am Theater der
Jugend in Wien.
Foto: Petra Rautenstrauch
Frank ENGELHARDT startete seine Schauspielkarriere am GRIPS Theater in Berlin, spielte unter anderem in Düsseldorf und seit 2011 am Theater der Jugend in Wien.

Auch darum geht es im Stück. Wie auch um passive Täterschaft, denn Kemi kommt seinem Zimmerkollegen erst zu Hilfe, als er wirklich um Jörgs Leben bangt. Seine Abscheu der Natur gegenüber, die er immer wieder mittels zynischer Aussagen betont, deutet die Regisseurin und Schauspielerin als Schutzmechanismus. Erst durch die Freundschaft zu Jörg und den Auftritt einer älteren Försterin namens Beate – „eine komplett fitte Komplett-Oma mit beeindruckendem Jagdmesser an der Hüfte“ – wird sein Schutzschild ein wenig aufgebrochen. Doch zu viel soll noch nicht verraten werden.

Die größte Herausforderung für mich war, den Ton des Buchs zu treffen. Und die Deadline einzuhalten.“

– Claudia Waldherr, Regisseurin, über die Stückfassung

SCHWARMWISSEN

Eine weitere Sache möchten wir aber noch von Claudia Waldherr wissen: Tritt der titelgebende Wolf, der zunächst wie eine Art Schreckgespenst anmutet, sich später jedoch zu einer Gestalt mit Schutzfunktion entwickelt, wirklich auf? Die Regisseurin schmunzelt und antwortet: „Die Frage, ob er echt oder eine Traumvorstellung ist, beantworten wir nicht. Wir lassen ihm seinen Zauber. Dennoch war es mir wichtig, den Wolf, wenn das Stück schon so heißt, auch zu zeigen. Ich kann mich erinnern, dass ich als Kind auch Piraten sehen wollte, wenn im Titel Piraten vorkamen.“

Jonas GRABER wurde in Augsburg geboren und studierte an der MUK. In „Wolf“ spielt er Jörg, der von einigen anderen
Jugendlichen „andersig“
gemacht wird.
Foto: Petra Rautenstrauch
Jonas GRABER wurde in Augsburg geboren und studierte an der MUK. In „Wolf“ spielt er Jörg, der von einigen anderen Jugendlichen „andersig“ gemacht wird.

Schließlich hat sie ihre Kollegin, die Schauspielerin und Puppenbauerin Soffi Povo, gefragt, ob diese sich vorstellen könnte, einen lebensechten Wolf zu bauen, der mechanisch funktioniert. Und genauso kam es auch. „Ich glaube sehr stark an Schwarmwissen. Ich bin davon überzeugt, dass andere Menschen mindestens genauso gute Ideen haben wie ich, vielleicht sogar bessere. Als Regisseurin habe ich nur gute Erfahrungen damit gemacht, Geschichten partizipativ zu erzählen. Am Ende bin natürlich trotzdem ich diejenige, die die Verantwortung trägt.“

Claudia Waldherr gehört demnach definitiv nicht zu jenen Regisseur*innen, bei denen man das Gefühl hat, dass sie zwischendurch dringend einmal Gras anfassen sollten. Theater am Reißbrett in der Abgeschiedenheit der eigenen vier Wände? Ganz und gar nicht. Für Waldherr liegt es in der Natur der Sache, dass Theater in einem gemeinsamen Nachdenkprozess entsteht. Als Schauspielerin in Theaterproduktionen anderer Regisseur*innen kam ihr öfter der Gedanke, dass es auch anders gehen muss. „Ohne diesen künstlich hergestellten Stress und ohne dieses Gefühl, dass es gerade um Leben und Tod geht. Bislang fahre ich sehr gut mit dem Ansatz, die an den Produktionen beteiligten Menschen zum Mitdenken einzuladen. Und auch damit, stets mit Respekt vor ihrer Zeit in ein Projekt hineinzugehen. Es ist großartig, was für Ideen beispielsweise aus der Tonabteilung kommen.“

Valentin SPÄTH kann nach eigenen Angaben fast jede Melodie pfeifen. Er war bereits mehrfach im Theater der Jugend zu
sehen, zuletzt in „Der
überaus starke Willibald“.
In „Wolf“ spielt er drei
verschiedene Rollen.
Foto: Petra Rautenstrauch
Valentin SPÄTH kann nach eigenen Angaben fast jede Melodie pfeifen. Er war bereits mehrfach im Theater der Jugend zu sehen, zuletzt in „Der überaus starke Willibald“. In „Wolf“ spielt er drei verschiedene Rollen.

WABERNDE LANGSAMKEIT

Wie sieht es eigentlich mit ihrem eigenen Verhältnis zur Natur aus? Sowohl ihr Nachname wie auch die niederösterreichische Region, in der sie geboren und aufgewachsen ist, lassen eine gewisse Naturverbundenheit vermuten. So einfach ist die Sache natürlich nicht, allerdings wird im Interview schnell klar, dass Claudia Waldherr die Natur für ihr Wohlbefinden und die Stadt für ihren Beruf braucht.

„Ich lebe mittlerweile seit 15 Jahren in der Stadt, habe aber vor allem während der Pandemie eine Sehnsucht nach mehr Natur in meinem Leben entwickelt. Da wusste ich plötzlich: Ich brauche nicht nur einen Balkon, sondern einen Garten.“ Den hat sie nun, erzählt sie: in Korneuburg, zusätzlich zu ihrer Wohnung in Wien. „Ich fand es schön, mein Wissen über die Natur bei dieser Produktion auch künstlerisch verwenden zu können“, hält sie fest.

DIE REGISSEURIN Claudia WALDHERR wurde im Waldviertel geboren, studierte an der Schauspielakademie Elfriede Ott und gehörte zum Ensemble des Landestheaters Linz. Sie spielte außerdem im TdJ, im Rabenhof Theater und im Bronski & Grünberg. Nach „Heidi“ zeigt sie nun ihre zweite Regiearbeit im Theater der Jugend.
Foto: Petra Rautenstrauch
DIE REGISSEURIN Claudia WALDHERR wurde im Waldviertel geboren, studierte an der Schauspielakademie Elfriede Ott und gehörte zum Ensemble des Landestheaters Linz. Sie spielte außerdem im TdJ, im Rabenhof Theater und im Bronski & Grünberg. Nach „Heidi“ zeigt sie nun ihre zweite Regiearbeit im Theater der Jugend.

Ferienlager oder Campingausflüge seien jedoch ganz und gar nicht mehr ihre Sache, fügt sie lachend hinzu. Außerdem pendelt sie aus privaten Gründen gerade zwischen ihrem Garten, Wien und London hin und her. In der englischen Hauptstadt besucht sie Workshops und Theatervorstellungen und sie könnte sich gut vorstellen, in der etwas anders funktionierenden britischen Theaterlandschaft zu arbeiten.

Wir sprechen anschließend auch noch darüber, worauf es eigentlich ankommt, wenn man eine Inszenierung für ein Publikum ab elf Jahren auf die Bühne bringt. Es sei sprachlich auf jeden Fall eine Gratwanderung, merkt die Regisseurin an. „Man möchte die Sprache der Jugendlichen nicht einfach kopieren, weil man sie als erwachsene Person ohnehin nur schwer erwischt, gleichzeitig sollte es aber auch kein Bühnendeutsch sein, wenn man sie mit der Geschichte wirklich erreichen möchte.“

Obwohl jede Theaterproduktion für junges Publikum immer auch ein Kampf um Aufmerksamkeit ist, möchte Claudia Waldherr die „wabernde Langsamkeit“, die in so gut wie jedem Ferienlager herrscht, in ihrer Inszenierung unbedingt aufgreifen. „Da tröpfelt ja meistens alles so dahin, als junger Mensch ist man diesem Wabern einfach ausgeliefert.“

„Ich bin der Meinung, dass jedes Stück eine Komödie ist, weil das Leben eine Komödie ist. Die Komik steckt meistens in ganz alltäglichen Situationen.“

– Claudia Waldherr, Regisseurin

Durch die fast wie Karikaturen anmutenden Betreuer*innen ergeben sich außerdem auf sehr organische Weise auch komische und sogar slapstickartige Szenen, hält die Regisseurin gegen Ende unseres Gesprächs fest. „Ich bin ohnehin der Meinung, dass jedes Stück eine Komödie ist, weil das Leben eine Komödie ist. Das bedeutet nicht, dass jeder zweite Satz ein Schenkelklopfer sein muss, sondern eher, dass sich die Komik ohnehin meist alltäglichen Situationen entspringt. Oft ist der Alltag so absurd und bizarr, dass man unweigerlich lachen oder zumindest schmunzeln muss. ‚Wolf‘ ist zwar keine klassische Komödie, aber wir lassen dem Lachen und dem Leichten auf jeden Fall Platz.“

Hier geht es zu den Spielterminen von "Wolf" im Theater der Jugend! 

Neubaugasse 38
1070 wien
Österreich

Erschienen in
Bühne 05/2026

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Sarah Wetzlmayr
Sarah Wetzlmayr
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