Der Ton macht die Macht
Was haben Macht und Musik miteinander zu tun? In „Das tragische Schicksal der Sonate Nr. 2“ loten Lina Majdalanie und Rabih Mroué dieses Verhältnis poetisch, messerscharf und humorvoll aus.
Lina Majdalanie und Rabih Mroué begeben sich in ihrer Theaterarbeit gern tief in Widersprüche hinein. Dort, wo es komplex wird und man mit binären Oppositionen nicht sehr viel weiterkommt als nur bis zur eigenen Nasenspitze, sind die beiden im Libanon geborenen Künstler*innen in der Regel zu finden. Es sei denn, sie sind schon so weit in ihre ebenso umfangreiche wie weit verzweigte Recherche hinabgetaucht, dass kaum noch etwas von ihnen zu sehen ist.
Wobei Rabih Mroué ihre Arbeitsweise lieber mit dem Durchwandern eines Walds vergleicht, wie er im Interview auf der Probebühne des Volkstheaters erläutert: „Es gibt keinen klar abgesteckten Pfad, den wir konsequent verfolgen. Meist beginnen wir an einem bestimmten Punkt, lassen uns aber vom Material leiten. Manchmal gehen wir dabei auch verloren.“
Vielleicht liegt genau darin die künstlerische Superkraft des Regieduos: sich in Themen zu verlieren, eventuelle Umwege aber nie als Verlust von Zeit und Energie zu verstehen. Auch für unser Interview haben sich Lina Majdalanie und Rabih Mroué Zeit genommen. Wir sprechen über „Das tragische Schicksal der Sonate Nr. 2“, eine Koproduktion mit den Wiener Festwochen. Es gab tatsächlich so etwas wie eine Initialzündung für das Stück, erklärt Majdalanie.
„Als wir vergangenen Februar in Beirut waren, fand gerade das offizielle Begräbnis des ehemaligen Hisbollah-Führers Hassan Nasrallah statt. Im Libanon ist es so, dass an Tagen, an denen offizielle Begräbnisse stattfinden, alles heruntergefahren wird. Man bleibt also zu Hause und verfolgt diesen ritualisierten Ablauf. Als der Sarg in das Stadion getragen wurde, bin ich plötzlich hellhörig geworden, weil Chopins Marche funèbre gespielt wurde. Wir haben uns gefragt: Warum klassische Musik aus dem westlichen Kanon?“
Chopin komponierte seinen Trauermarsch um 1837, zwei Jahre vor dem Rest der Sonate. Seine Bekanntheit erlangte der Marsch durch seine vielfache Verwendung in Film und Fernsehen. Orchesterbearbeitungen wurden in der Vergangenheit oft auf Staatsbegräbnissen gespielt – etwa für John F. Kennedy, Winston Churchill oder Margaret Thatcher.
MACHT UND MUSIK
Von diesem Sprungbrett aus tauchte das an der Schnittstelle von Theater, Installation und Performance arbeitende Regieduo immer tiefer in die Frage ein, wie es dazu kommen konnte, dass Chopins berühmter Trauermarsch bei den Beerdigungen ideologisch völlig gegensätzlicher Führer*innen gespielt wird. Weder das Musikstück noch Chopin können sich dagegen wehren, dass das passiert, bemerken sie. „Uns geht es vor allem darum, über die Verbindung von Musik und Macht nachzudenken. Und den Fokus darauf zu legen, wie mächtige Menschen oder machtvolle Institutionen Musikstücke zu ihrem eigenen Vorteil und zur Glorifizierung ihrer Taten nutzen.“
Kunst kann aber nicht nur Teil einer politischen Agenda werden, sondern ihr kann auch die politische Ebene entzogen werden, fügt Lina Majdalanie nach einer kurzen Pause hinzu. „Beides ist gefährlich“, hält die Theatermacherin fest. Bei Chopins berühmtem Trauermarsch sei es jedoch so, dass er von so vielen unterschiedlichen politischen Lagern genutzt und gekapert wurde, dass ihm bis heute kein bestimmtes Label anhaftet.
Über die Form ihres Stücks, das ab 15. Mai durch die Wiener Bezirke tourt, möchte das in Berlin lebende Regieduo noch nicht zu viel verraten. Sicher ist jedoch bereits, dass es Musik geben wird und die beiden Spieler*innen Claudia Kottal und Augustin Groz mehrere Rollen spielen werden – unter anderem sich selbst und auch Majdalanie und Mroué. Teilweise werden sie auch andere Charaktere verkörpern, insgesamt sei ihre Arbeit jedoch sehr in der Tradition des Geschichtenerzählens verankert, wie das Duo erklärt.
Wenn wir das Gefühl haben, dass es brenzlig wird, ist es in der Regel genau das richtige Thema für uns.
– Rabih Mroué, Regisseur & Performer
POETISCH UND HUMORVOLL
In ihrer maximal poetischen Form befände sich immer ein subtiler Humor, der die tiefe Ernsthaftigkeit ihres Werks erst ermögliche, hieß es in der Jurybegründung für den renommierten Berliner Theaterpreis, der den beiden 2026 verliehen wurde. Die Frage nach der komischen Ebene in ihren Stücken beantworten sie in ähnlicher Weise wie jene nach ihrem Arbeitsprozess. „Die eine Methode gibt es nicht“, sagt Lina Majdalanie, die zwischendurch immer wieder energisch und ausladend gestikuliert. „Wir bauen nicht mit Absicht humorvolle Passagen ein, gleichzeitig verhindern wir aber auch nicht, dass sie passieren. Als politische Menschen möchten wir vor allem sehr kritisch sein – auch uns selbst gegenüber.
Man könnte diese Dekonstruktion zu einer tragischen Veranstaltung machen, das würde aber bedeuten, dass wir uns selbst eine Art von Opferrolle auferlegen. Und das möchten wir auf keinen Fall, denn dann hätten wir plötzlich keinen Handlungsspielraum mehr.“
Humor sei auch deshalb ein so starkes Werkzeug, weil er Dinge entzaubern kann, die zu Heiligtümern erklärt wurden, fügt Rabih Mroué hinzu. „Er wird von mächtigen Menschen meist als deutlich irritierender empfunden als eine dramatische Geste.“
Was muss ein Stoff eigentlich mitbringen, um sie dazu zu bringen, sich in den anfangs erwähnten Wald voller unterschiedlicher Abzweigungen zu begeben? „Wenn wir das Gefühl haben, dass es brenzlig wird, dass wir vielleicht sogar so etwas wie Angst verspüren, tiefer in ein Thema einzusteigen, dann ist es in der Regel genau das richtige für uns“, erläutert Rabih Mroué.
Und warum eignet sich gerade das Theater so gut dazu, sich in Widersprüche und unterschiedliche Schattierungen eines Themas zu verstricken, um am Ende vielleicht so etwas wie einen roten Faden herauszuarbeiten, an dem sich die Zuschauer*innen festhalten können, an dessen Ende aber keinesfalls die perfekte Lösung hängt? Auch andere Kunstformen hätten dieses Potenzial, sagt Lina Majdalanie. „Ich denke aber, dass das Theater eines sehr gut kann: den Menschen Zeit und Raum zu geben, um über das Gesehene und ihre eigenen Denkmuster nachzudenken. Wir glauben nicht, dass wir mit unseren Stücken eine Revolution anzünden, aber das ist auch gar nicht unser Anspruch. Wir sehen das eher so wie Hannah Arendt: eine Aktion zu setzen bedeutet in erster Linie zu sprechen. Miteinander zu sprechen.“
Mehr Informationen zur Koproduktion mit den Wiener Festwochen im Volkstheater finden Sie hier!