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Regisseur Ádám Császi verließ Ungarn und lebt in Berlin.

Regisseur Ádám Császi verließ Ungarn und lebt in Berlin.
FOTO: ELE RIEBERG-MEIEL

Anschauen und angeschaut werden

Burgtheater

Geteiltes Leid ist halbes Leid? So einfach ist die Sache nicht, wenn es nach dem Regisseur Ádám Császi geht. Mit seiner bitterbösen Satire „3000 Einzelteile“ möchte er keinesfalls Mitleid hervorrufen, sondern das Publikum dazu bringen, eigene Vorurteile zu reflektieren. Und zu handeln.

„Das Gegenteil von gut ist gut gemeint“, singt die deutsche Indie-Pop-Band Kettcar in ihrem Song „Im Taxi weinen“. Die eingängige Liedzeile ist eine Abwandlung einer Aussage, die wiederum Kurt Tucholsky zugeschrieben wird.

Auch Ádám Császis Stück „3000 Einzelteile“, das ab 8. Mai im Akademietheater zu sehen ist, beschäftigt sich mit der Frage, warum gute Absichten häufig zu falschen Ergebnissen führen. Unter anderem dann, wenn es darum geht, Minderheiten auf Bühnen sichtbar zu machen.

VOM STÜCK ZUM FILM ZUM STÜCK

Die Ursprünge von „3000 Einzelteile“ liegen bereits mehrere Jahre zurück, erzählt Császi, der zum ersten Mal in Wien inszeniert. „Der Schauspieler, Autor und Aktivist Kristóf Horváth, mit dem ich schon lange zusammenarbeite, hat mich damals eingeladen, im Rahmen seiner von ihm selbst finanzierten Initiative junge Rom*nja zu unterrichten. Aus dieser fünfjährigen Zusammenarbeit entstand ein Theaterstück, das auf den realen Lebensgeschichten der Mitgliedern basierte, und ich fand mich plötzlich als weißer Regisseur in einem Rom*nja-Projekt wieder. Der politische Horizont, in dem Kristóf und die Truppe agierten, brachte mich dazu, alles zu überdenken, was ich über weiße Privilegien, weißen Savourismus, weiße Schuld und Rassismus wusste.“

Nach der Fertigstellung des Stücks kam das Gefühl in ihm auf, dass ein weißes Publikum womöglich aus seinen Fehlern lernen könne. „So kam ich auf die Idee, das Projekt in einen Film zu verwandeln, in dem es um genau diesen Prozess geht.“

Auf Basis des Films, der 2022 zum ersten Mal vor Publikum gezeigt wurde, entsteht nun ein Theaterstück mit einer Truppe von insgesamt elf Spieler*innen, wobei sechs davon zum Ensemble der BURG gehören. „Das Wichtigste für mich war, dass die Minderheit der Rom*nja vertreten ist. Ihre Rollen müssen auch von Romn*ja gespielt werden, um die Kontrolle über das Projekt zu behalten“, findet Ádám Császi klare Worte zur Besetzung.

AUF DER SCHWARZEN LISTE

Császi, 1978 in Ungarn geboren, schrieb unter anderem den bei der Berlinale gezeigten Film „Land of Storms“, den ersten ungarischen Film über das Coming-out eines homosexuellen Mannes. Er führte bei dem Projekt auch Regie. 2022 folgte der Film „Three Thousand Numbered Pieces“, auf dem nun auch sein Stück fußt.

„Nach diesen beiden Filmen wurde ich vom Orbán-Regime auf die schwarze Liste gesetzt. In Ungarn konnte ich nicht länger als Regisseur arbeiten, weshalb ich mich dazu gezwungen sah, ins politische Exil nach Berlin zu gehen“, so der Regisseur.

Emotionen vergehen wieder, sie kosten auch nichts und lösen keine Probleme. Taten hingegen schon.

– Ádám Császi, Regisseur

TATEN STATT MITGEFÜHL

Dem Handlungsbogen von „3000 Einzelteile“ liegt eine Auseinandersetzung mit dem unbedingten Wunsch nach Authentizität als vermeintlich einzig „richtige“ Form zur Repräsentation von Minderheiten zugrunde. Es geht um einen Theaterregisseur, der vom Burgtheater den Auftrag erhält, ein Stück von und mit Rom*nja- Schauspieler*innen zu inszenieren. Um ihre realen Biografien möglichst authentisch auf die Bühne zu bringen, lässt er ein Haus aus ihrem Dorf in 3000 Einzelteile zerlegen, um es im Akademietheater wiederaufzubauen. „Für mich geht es auch um die Frage, warum wir uns so sehr nach absoluter Authentizität sehnen. Anstatt bei der Darstellung von Minderheiten nach Authentizität zu streben, sollten wir uns meiner Meinung nach vielmehr um Verständnis, Klarheit, analytisches Denken und Selbstkritik bemühen.“

Schon bei dem Theaterprojekt, das infolge des Workshops entstand und am Deutschen Theater gezeigt wurde, wurde ihm klar, dass Empowerment und nicht Authentizität im Vordergrund stehen muss. „Wir waren der Ansicht, dass es eine Falle sein könnte, wenn wir versuchen, authentische Lebensgeschichten in ein narratives Schema zu pressen. Das macht es dem Publikum leicht, auf vorgefertigte Interpretationen zurückzugreifen, sich hinter Mitleid oder Begeisterung zu verstecken und sich auf diese Weise von dem dargestellten Rassismus abzugrenzen.“

Darum geht‘s in „3000 Einzelteile“

Ein Theaterregisseur erhält von der BURG den Auftrag, ein Stück von und mit Rom*nja-Schauspieler*innen zu inszenieren. Er beschließt, die realen Biografien der Beteiligten für sein Stück zu verwenden, und lässt ein Haus aus ihrem Dorf in 3000 Einzelteile zerlegen, um es auf der Bühne wiederaufzubauen.

Wenn es nach Ádám Császi geht, passiert im Idealfall jedoch das Gegenteil: Man fühlt sich, während man das Stück anschaut, auch selbst angeschaut. „Es wäre einfach, sich mit dem Gefühl zurückzulehnen, dass einen das Gesehene so sehr berührt, dass man ja unmöglich ein Rassist oder eine Rassistin sein könne. Ich möchte dem Publikum aber keine einfachen Antworten geben und auch keinen Ausweg bieten, abgesehen von systematischer Selbstreflexion und Selbstkritik.“

Die Selbstreflexion findet im Fall von „3000 Einzelteile“ vor allem über die Darstellung von Stereotypen statt, wie der Film- und Theaterregisseur erläutert. „Wenn die Zuschauer*innen diese Stereotypen nicht nur erkennen, sondern sich selbst darin wiedererkennen, bedeutet das, dass sie gar nicht frei von Vorurteilen sein können. Oder etwa nicht?“, so Császi, der jedoch auch betonen möchte, dass „3000 Einzelteile“ in erster Linie eine bitterböse und sehr lustige Satire ist. Mit Showelementen, fügt er hinzu. „Es wird getanzt, es wird gesungen und es gibt Slapstick.“

Was er keinesfalls beim Publikum auslösen wolle, sei Mitleid, hält er abschließend fest. Denn das Problem mit Mitleid und Mitgefühl ist für den Regisseur vor allem, dass diesen Gefühlen etwas Herablassendes anhaftet. „Außerdem rücken sie die Emotionen des Publikums in den Mittelpunkt. Und Emotionen vergehen wieder, sie kosten auch nichts und lösen keine Probleme. Taten hingegen schon. Sie bewirken etwas.“

Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Und wenn Kettcar in der nächsten Zeile vom Gefühl singen, in Empfindsamkeit vereint zu sein, dann beschreibt das genau jenen Zustand, den Ádám Császi mit seiner Arbeit nicht hervorrufen möchte. Sondern: Selbstreflexion und Aktion.

Hier geht es zu den Spielterminen von "3000 Einzelteile" im Akademietheater! 

Lisztstraße 1
1030 Wien
Österreich

Erschienen in
Bühne 05/2026

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Sarah Wetzlmayr
Sarah Wetzlmayr
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