Bitte gib mir nur ein Wort
Die Karte, die dem Community-Stück „Zwischenton“ zugrunde liegt, sieht auf den ersten Blick aus wie eine Schatzkarte. Und in gewisser Weise geht es in der Arbeit auch darum, sich mit dem vorhandenen Wortschatz – und den Wörtern, die darin noch fehlen – zu beschäftigen.
Was machen Worte mit uns? Engen sie uns ein oder befreien sie uns? Diese beiden Fragen treiben AnnaManzano, Magdalena Knor und Rebekah Wild seit Beginn ihrer Arbeit am Stück „Zwischenton“ um. Sie begnügen sich jedoch nicht mit einer Analyse dessen, was schon da ist, sondern gehen noch einen Schritt weiter: Welche Worte, die es noch nicht gibt, würden uns helfen, uns in der Welt zurechtzufinden und uns wohlzufühlen? Wir sitzen am Lusterboden des Burgtheaters, wo das künstlerische Team der kommenden Community-Produktion mit den fünf Spieler*innen um Worte ringt. Nicht buchstäblich, versteht sich. Auf einem kleinen Tisch liegen ein Boxhandschuh aus dem Requisitenfundus der BURG, ein silberner Stempel und weitere Gegenstände, über die wir etwas später noch sprechen werden.
„Mir ist in diesem Zusammenhang eine Sache besonders aufgefallen“, bemerkt Anna Manzano. „Wenn ich in einem Zustand verfangen bin, den ich nicht benennen kann, ist es schlimmer, als wenn ich ein Wort dafür habe. Wir Menschen messen dem, was wir in Worte fassen können, eine andere Bedeutung bei. Es macht einen Unterschied, ob es ein Wort dafür gibt, wie ich mich selbst sehe, oder nicht.“
Ein guter Moment, um die für den deutschsprachigen Indie Pop wichtige Band „Wir sind Helden“ zu zitieren: „Bitte gib mir nur ein Wort!“ Magdalena Knor, die schon mehrfach mit Anna Manzano zusammengearbeitet hat und bei „Zwischenton“ für Bühne und Kostüm verantwortlich zeichnet, fügt hinzu: „Es fühlt sich erleichternd an, wenn man ein Wort für ein Gefühl bekommt.“
Aus genau diesem Grund gibt es im Stück einen Garten, in dem Wörter angepflanzt und kultiviert werden können – einen Ort, an dem der Satz, dass Sprache ständig weiterwächst und neue Blüten hervorbringt, ein klares Bild erhält. Um zu erklären, wo sich dieser Garten genau befindet, legen die drei Künstlerinnen eine Karte auf den großen Holztisch. Anna Manzano fährt mit dem Finger über das Papier und zeichnet die Route des Ensembles nach – von Ordreal geht es nach Braktal, dann weiter über Handeon nach Parlior, wo sich auch der Garten befindet, und schließlich nach Intopio. Es ist ein Archipel, das sie sich ausgedacht haben und das aus kleinen Welten mit eigenen Gesetzmäßigkeiten besteht. Am Ende ihrer Reise landet die Reisegruppe auf der Insel Intopio, die auszeichnet, dass die Menschen dort alles ausdrücken können, was sie zu sagen haben.
„Die Worte, die mir zu Verfügung stehen, passen damit zusammen, wie ich die Welt wahrnehme“, bringt es Manzano auf den Punkt. Davor muss sich die Truppe jedoch unter anderem noch auf Parlior zurechtfinden – ein Ort, an dem alle Dinge, die gesagt werden, direkte Konsequenzen haben. Ohne erhobenen Zeigefinger, sondern spielerisch, wird so vermittelt, dass Sprache nicht nur abbildet, sondern Realität schafft.
Was machen Worte mit uns und wofür haben wir vielleicht noch nicht die richtigen gefunden? In der Community-Produktion suchen fünf Spieler*innen mithilfe von 15 Objekten nach Worten, Wortgrenzen und nach dem Zwischenton und begeben sich dabei auf eine spannende Reise.
DIE MAGIE DER OBJEKTE
Mit Rebekah Wild haben sich Anna Manzano und Magdalena Knor eine Expertin im Bereich Figuren- und Objekttheater an Bord geholt. Die Objekte, zu denen unter anderem der Boxhandschuh gehört, spielen für den Verlauf des Stücks eine entscheidende Rolle und wurden von Rebekah Wild kuratiert. „Auch für die Objekte gab es einen Castingprozess“, sagt sie lachend. Die Magie der Objekte, die alltäglich wirken, im Stück aber auf ungewohnte Weise verwendet werden, rührt vor allem daher, dass sie Erinnerungen und Assoziationen transportieren, die man auf den ersten Blick nicht sieht, sagt Wild und fügt hinzu: „Ich habe das Gefühl, dass die Objekte, die wir während der Proben verwendet haben, mit Bedeutungen und Erinnerungen aufgeladen wurden und uns geholfen haben, einander zu verstehen. Wir haben sie genutzt, um sehr persönliche Geschichten zu erzählen, und ich bin beeindruckt und bewegt davon, wie wunderbar jede*r mit den Objekten gearbeitet hat. Sie sind zu einem Anker für unsere Geschichte geworden sind und haben uns neue Wege eröffnet, um über Sprache nachzudenken.“
Auch das Bühnenbild von Magdalena Knor ist ein wichtiger Mitspieler. Es ist ein sechs Meter langes Rahmenkonstrukt, das sich – wie ein Paravent – falten, verschieben, ziehen und formen lässt, erklärt Knor. „Im Gegensatz zum klassischen Paravent ist es aber nicht zur Abschirmung gedacht, sondern es ist durchschau- und durchschreitbar und es formt den Raum immer neu. Es war gar nicht so leicht, eine Form zu finden, die ausdrückt, dass Binaritäten aufgelöst werden. Durchlässigkeit war eine wichtige Metapher für mich.“