Stimmungsbild
In „Mythen des Alltags“ verdichten Regisseur Mattias Andersson und Dramaturg Tobias Schuster die Vielstimmigkeit der Stadt zu einem komplexen Stimmungsbild. Im Vorfeld wurde fast hundert in Wien lebenden Menschen dieselbe Frage gestellt: Welcher Moment deines Lebens gehört auf die große Bühne?
Gerade wurde noch geprobt, nun stehen Regisseur Mattias Andersson und Dramaturg Tobias Schuster für unser Fotoshooting auf dem Dach der im achten Bezirk beheimateten Probebühne des Volkstheaters. Die beiden stehen aber nur im buchstäblichen Sinn über den Dingen, mit ihren Gedanken sind sie vermutlich noch mitten in der Probe für die Theaterproduktion „Mythen des Alltags“, eine gemeinsame Produktion des Volkstheaters mit den Wiener Festwochen. Das Gefühl, mittendrin zu sein, beschreibt auch das Stück selbst ziemlich gut. Wie das gemeint ist, ist schnell erklärt: Mattias Anderssons Inszenierung basiert auf den Aussagen und Geschichten von fast hundert in Wien lebenden Menschen, denen dieselbe Frage gestellt wurde: „Gibt es einen besonderen Moment deines Lebens, den du aufeiner Theaterbühne aufgeführt sehen willst?“
Für den groß gewachsenen schwedischen Regisseur und Autor ist es nicht das erste Mal, dass er sich einer Theaterarbeit auf diese Weise nähert. „Ich habe mich sehr gefreut, dass Milo Rau mit mir in Kontakt getreten ist, nachdem er eine meiner Arbeiten gesehen hatte. Und es ist schön, dass auch das Volkstheater sehr an einer Zusammenarbeit interessiert war“, sagt Andersson, der zum ersten Mal in Wien inszeniert. „Als noch relativ neues Team hat uns der Gedanke sehr angesprochen, die Geschichten jener Menschen bei uns auf die Bühne zu bringen, bei denen wir uns ohnehin vorstellen möchten“, hält Tobias Schuster, Leitender Dramaturg am Volkstheater, fest.
In dem von Andersson und Schuster entwickelten Stück verkapselt sich somit einer der Grundgedanken des Hauses: nicht nur die Türen des Theaters weit aufzustoßen, sondern auch selbst durch diese offenen Türen zu treten und in die Stadt zu gehen. Mit dem Volkstheater Bezirke passiere das ohnehin, aber auch künstlerische Projekte wie das „Wiener Volksohr“, „Stadt ohne Dach“ und nun auch „Mythen des Alltags“ tragen dazu bei, diesem Wunsch auch Taten folgen zu lassen.
WENDEPUNKTE
„Mich interessiert dieser Moment, in dem sich eine Geschichte oder ein dokumentarischer Text plötzlich in etwas verwandelt, das wir Theater nennen“, sagt Mattias Andersson. Ihn fasziniere der gesamte Prozess, der zu gewissen Teilen auch im Stück vorkommen wird, fügt er hinzu.
Den Begriff „Mythos“ fände er unter anderem deshalb spannend, weil es wohl kaum jemanden gibt, der noch nie eine Art von Mythos für das eigene Leben kreiert hätte. „Es geht uns nicht um die großen, zentralen Mythen rund um eine Stadt, auf die sich alle geeinigt haben, sondern um jene des alltäglichen Lebens“, hält der Regisseur und künstlerische Leiter des Dramaten in Stockholm fest. Manche Geschichten über Kipp- und Wendepunkte wirken auf den ersten Blick vielleicht banal oder komisch, aber sie haben genauso Platz wie jene, die größere gesellschaftliche Zusammenhänge oder politische Themen ansprechen. „Ich mag das Pluralistische und das Vielstimmige“, schließt er seine Ausführungen mit klaren Worten ab. Sicher ist: Es braucht viele Stimmen, um die Stimmung in einer Stadt einzufangen. Und: Geschichte wird aus Geschichten gemacht.
war vor seinem Wechsel ans Volkstheater von 2015 bis 2020 Leitender Dramaturg am Schauspielhaus Wien und danach für fünf Jahre Dramaturg und Mitglied der Künstlerischen Leitung an den Münchner Kammerspielen, wo er kontinuierlich mit Regisseur*innen wie Felicitas Brucker, Jan-Christoph Gockel oder Falk Richter arbeitete. Seit 2025 ist er zurück in Wien als Leitender Dramaturg am Volkstheater.
WENDEPUNKTE
Die Interviews wurden von Studierenden des Instituts für Soziologie der Universität Wien geführt und bilden einen Querschnitt der Wiener Bevölkerung ab, erklärt Tobias Schuster, der sich die Frage, welcher Moment seines Lebens aufeine große Bühne gehört, auch selbst gestellt hat.
„Es ist keine konkrete Situation, sondern eher ein Bild, das in meinem Kopf entsteht. Das auf die Bühne zu bringen, wäre nicht einfach.“ Mehr möchte der Dramaturg jedoch nicht verraten. Auch die Frage, wie viele der erzählten Geschichten tatsächlich so passiert sind und wie viel vielleicht dazuerfunden wurde, wird in „Mythen des Alltags“ auf künstlerische Weise mit verhandelt. „Es geht auch darum, wem eine Geschichte gehört“, bringt es Mattias Andersson auf den Punkt. „Unweigerlich werden Fragen auftauchen wie: Wurde das wirklich so erzählt? Wie viel hat der Autor dazu gedichtet? Machen die Spieler*innen vielleicht mehr aus der Geschichte, als sie tatsächlich vermittelt?“
In jedem Fall wird eine Verdichtung – und zwar im doppelten Wortsinn – stattfinden. Andernfalls würde das Vorhaben in einen Marathon ausarten. Außerdem werden die Geschichten sanft verfremdet oder manche davon auch vorsichtig zusammengezurrt, sodass sie nicht mehr zu hundert Prozent erkennbar sind. Ein anderer spannender Punkt sei natürlich auch, was tatsächlich auf der Bühne repräsentiert werden soll, bemerkt Andersson. „Wie soll mit rassistischen, misogynen oder homophoben Äußerungen umgegangen werden? Wenn es wirklich ein Querschnitt durch die Bevölkerung sein soll, müssen dann auch diese Stimmen vorkommen? Wir stellen uns diese Fragen auch vor dem Hintergrund, dass Politiker wie zum Beispiel Donald Trump den Mythos in die Welt gesetzt haben, eine kulturelle Elite würde die Stimmen der ‚einfachen‘ Menschen unterdrücken. Diese Diskussion wird auch Teil der Inszenierung sein.“
ist Regisseur, Autor und seit 2020 künstlerischer Leiter des Dramaten (The Royal Dramatic Theatre) in Stockholm. Seine Stücke wurden an allen großen schwedischen Bühnen sowie in vielen anderen europäischen Ländern aufgeführt. Andersson wurde 2006 für den Nordischen Dramatikerpreis nominiert und gewann 2007 den schwedischen Ibsen-Preis. Seine Produktionen werden regelmäßig zu internationalen Festivals eingeladen.
Mattias Andersson und Tobias Schuster betonen außerdem, dass es keine bestimmte These gebe, die sie mit ihrer Arbeit beweisen wollen. „Ich gehe ganz offen an die Sache heran, was wiederum etwas ist, das vielleicht als provokant oder frustrierend wahrgenommen werden könnte – weil es am Ende keine schnelle Lösung oder Message geben wird. Aber genau diese Komplexität und Vielstimmigkeit sind ja das Spannende daran. Vielleicht erzählt es uns am Ende etwas über die Stadt. Wir werden sehen.“
Ebenjene Stadt – nämlich Wien – hat der schwedische Regisseur bis jetzt als sehr positiv wahrgenommen. Auch die viel zitierte Theaterverliebtheit ist ihm schon begegnet. Und zwar in der Gestalt seines Vermieters. „Als ich ihm gesagt habe, dass ich hier ein Stück inszenieren werde, hat er sich mir gleich als Theaternarr vorgestellt. Das fand ich schön. Und überraschend.“ Wir verabschieden uns und begeben uns wieder in unterschiedliche Ecken jener Stadt, die aus genauso vielen Mythen wie Menschen besteht. Ein paar davon werden wir in Mattias Anderssons Stück kennenlernen.
Hier geht es zu den Spielterminen von „Mythen des Alltags“ im Volkstheater!