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Ausnehmend erfolgreich: Dramatiker Ewald Palmetshofer

Ausnehmend erfolgreich: Dramatiker Ewald Palmetshofer
FOTO: JOEL HEYD

Machtrausch und Sprachgewalt

Burgtheater

Ewald Palmetshofer hat Shakespeares „Heinrich IV.“ überschrieben und führt dabei unerbittlich präzise und schonungslos komisch autokratische Mechanismen vor. Zugleich rehabilitiert „Sankt Falstaff“ einen Antihelden.

Manchmal floriert der Geist prophetisch. Doch die Realität ist schneller. Als Ewald Palmetshofer mit der Arbeit an „Sankt Falstaff“ begann – das 2025 am Münchner Residenztheater uraufgeführt wurde und am 9. Mai am Burgtheater Österreich-Premiere feiern wird –, war Donald Trumps zweite Amtszeit gespentische Fiktion und die „No Kings“-Bewegung folglich noch nicht einmal erdacht. „Tatsächlich habe ich das Stück noch vor Trumps Wiederwahl fertiggestellt“, erzählt der österreichische Dramatiker mit Wohnsitz in München im Interview. „Aber ich musste irgendwann nach der Coronapandemie und nach hundert Textseiten noch einmal von vorne anfangen, weil sich der politische Diskurs inzwischen weiter radikalisiert hatte. Mir wurde klar, dass ich den Staat, von dem ich erzählen wollte, viel deutlicher fassen muss. Und zwar als illiberale Demokratie.“

 

Was noch vor einigen Jahren wie eine dystopische Zukunftsvision erschien, ist in kürzester Zeit Realität geworden. Zu beobachten in vielen Ländern weltweit. Der Quasi-König in Ewald Palmetshofer Stück ist ein Musterbeispiel jenes populistischen Politikertypus, der zwar mit – gerade noch – demokratischen Mitteln an die Macht gekommen ist, aber die Umwandlung der Demokratie in ein autoritäres Staatsgefüge schon immer im Sinn hatte – und folglich auch vorantreibt. Dem deprimierenden Kern des Stoffs hält der Autor sprachmächtigen Wortwitz entgegen, denn nichts reizt totalitaristische Demagogen schließlich mehr als geistreicher Humor, gepaart mit einer queeren Liebesgeschichte.

Mich hat gestört, dass Shakespeare diesen John so einfach abserviert und dass diese Figur dem Königssohn nur als Katalysator in der Hinwendung zur Macht dient.

– Ewald Palmetshofer, Dramatiker

DER AUTOR: Ewald PALMETSHOFER

wuchs im Mühlviertel auf, gewann für „sauschneidn. ein mütterspiel“ 2005 den Retzhofer Dramapreis und für „die unverheiratete“ – dessen BURG-Inszenierung zum Theatertreffen Berlin eingeladen war – 2015 den Mülheimer Dramatikpreis. Seine Stücke werden an den namhaftesten deutschsprachigen Bühnen inszeniert. „Sankt Falstaff“ lief nach seiner Uraufführung 2025 am Münchner Residenztheater, wo der Autor auch als Dramaturg tätig ist, u. a. bereits sehr erfolgreich am Hamburger Thalia Theater und am Schauspiel Bonn.

HISTORISCHER AUSGANGSPUNKT

Wie schon bei seiner Marlowes-Aktualisierung „Edward II. Die Liebe bin ich“ oder der Gegenwartsbetrachtung von Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“ hat sich Ewald Palmetshofer auch dieses Mal wieder der Überschreibung bedient – nach William Shakespeares Historiendrama „Heinrich IV.“. Welche Möglichkeiten liegen denn in diesem literarischen Mittel

„Der Originaltext kann ein inhaltlicher Sparringspartner sein, dessen Thema etwas in mir anstößt. Manchmal geht es auch um etwas Theaterpraktisches: Es gibt Stücke, bei denen reicht es, über die Inszenierung Gegenwartsbezüge herzustellen. Bei anderen habe ich das Gefühl, dass man eher über die Textseite gehen muss, um Aktualität zu erzielen, weil die historische Distanz schon zu groß ist. Mit der Sprache eines Ausgangstexts zu arbeiten, kann auch ein Sprungbrett sein, um formal einen Sprachduktus zu finden. Bei ,Sankt Falstaff‘ ist es eine Mischung aus Sprache und Figuren, die mich interessiert hat. Der Auslöser waren John Falstaff und Harri, der Sohn des Quasi-Königs Heinrich. Einerseits hat mich die Klassendifferenz zwischen den beiden interessiert, andererseits glaube ich wirklich, dass da eine homoerotische, queere Geschichte im Text versteckt ist.“

Birgit MINICHMAYR spielt John Falstaff, Dauergast im Club der Frau Flott/Kate, Juristin.
Foto: Susanne Hassler-Smith
Birgit MINICHMAYR spielt John Falstaff, Dauergast im Club der Frau Flott/Kate, Juristin.

Auch sei bei Shakespeare am Ende die Ordnung wiederhergestellt, für Palmetshofer aber tauchte die Frage auf, was denn passiere, wenn diese Ordnung gar nicht zu bejahen sei. „Das war sozusagen der Beweggrund dafür, dass ich die Geschichte mit seinen Kernfiguren neu erzählen und das Politische der Vorlage von der Gegenwart her greifen wollte.“

Shakespeare habe John Falstaff, der als Charakter bei seinen Zeitgenoss*innen sehr populär gewesen sei und dem er am Ende des zweiten Teils von „Heinrich IV.“ publikumswirksam eine große Karriere vorausgesagt habe, im Nachfolgewerk „Henry V.“ in einem Halbsatz sterben lassen.

„Mich hat gestört, dass Shakespeare diesen John so einfach abserviert und dass diese Figur dem Königssohn nur als Katalysator in der Hinwendung zur Macht dient.“ Denn Harri entscheidet sich – nach ausschweifenden Partynächten mit John in Frau Flotts Container-Club, der eine Art „safe space“ im totalitären Reich und Gegenentwurf zum Haus der Macht ist –, die Nachfolgeschaft seines Vaters an der Staatsspitze anzutreten.

Maria HAPPEL:
Der Quasi-König,
Heinrich/Frau Flott,
Wirtin
Foto: Tommy Hetzel
Maria HAPPEL: Der Quasi-König, Heinrich/Frau Flott, Wirtin

„Ich lese diesen John als nicht privilegierte Person. Zwischen ihm und Harri herrscht ein sozioökonomisches Machtgefälle. Über John – diesen sonderbar unangepassten, viel zu lauten, überbordenden Typen – wird sozusagen einfach drübergestiegen und ich wollte ihm zu seinem Recht verhelfen. Bei Shakespeare spielt ja auch die Liebesbeziehung der beiden irgendwann keine Rolle mehr.“ Bei Ewald Palmetshofer schon.

Tristan WITZEL spielt
Harri, Heinrichs Sohn.
Foto: Tommy Hetzel
Tristan WITZEL spielt Harri, Heinrichs Sohn.

KÄMPFERISCHES FINALE

Auch wenn man beim Quasi-König sofort an Donald Trump denkt, diente dieser nicht als literarische Blaupause. „Heinrich oder Heinz, wie er auch genannt wird, repräsentiert nicht eine einzelne Person, sondern einen bestimmten Politikertypus. Hier muss man tatsächlich nicht gendern, weil es sich zuvorderst um Männer handelt. Sie nutzen ein politisches System, eine Parteienlandschaft, um mit demokratischen Mitteln an die Macht zu kommen, und versuchen im nächsten Schritt, diese Strukturen zu zerstören.“

Tim WERTHS spielt: Das Mundwerk, Mitglied der
Regierung Heinrichs/
Ed, Gast bei Frau Flott
Foto: Tommy Hetzel
Tim WERTHS spielt: Das Mundwerk, Mitglied der Regierung Heinrichs/ Ed, Gast bei Frau Flott

Gelingt ihnen dies und können sie sich an der Spitze halten, stehen sie oft vor dem Problem der Nachfolge, die – und auch das kennt man aus vielen Ländern – oft in monarchistischer Manier aus der eigenen Familie kommt. So ist es auch im Falle von Heinrich und Harri. Bei Ewald Palmetshofer keimt am Ende des Stücks dennoch Hoffnung auf. Über von Überwachungskameras gespeiste Bildschirme sieht man, wie sich immer mehr Menschen auf den Straßen zum Protest formieren und den Blick direkt in die Kameras richten – wenn man so möchte, ins Zentrum der Macht schauen und sich nicht mehr einschüchtern lassen.

„Denn in einem derart repressiven System stellt schon die bloße Präsenz auf der Straße eine Provokation dar“, so der Autor. „Sankt Falstaff“ überzeugte in München Kritik und Publikum gleichermaßen.

Oliver NÄGELE als: Der Vorsitz, Henry
Percys Vater/Puppe,
bedient im Club der
Frau Flott
Foto: Tommy Hetzel
Oliver NÄGELE als: Der Vorsitz, Henry Percys Vater/Puppe, bedient im Club der Frau Flott

Ewald Palmetshofer ist am Residenztheater auch als Dramaturg beschäftigt. Weshalb ist ihm diese berufliche Dualität wichtig? „Weil ich dadurch mit Stoffen und Themen anderer Autor*innen in Berührung komme und nicht nur im eigenen Saft schmore. Und weil es mir die Möglichkeit gibt, an Proben teilzunehmen und Schauspieler*innen bei der Arbeit zu erleben.“ Alles, was er schreibe, brauche jemanden, der es durch den Akt des Sprechens zum Leben erwecke.

Durch diese Erkenntnis sei er letztendlich Dramatiker geworden. „Denn im Grunde war das schon so, als ich selber noch dachte, ich würde Prosa schreiben. Meine Texte sind einfach immer Sprechtexte.“

Bibiana BEGLAU: 
Das Hirn, Mitglied der
Regierung Heinrichs/
Hitzkopf, Henry Percy
Foto: Tommy Hetzel
Bibiana BEGLAU: Das Hirn, Mitglied der Regierung Heinrichs/ Hitzkopf, Henry Percy

Hier geht es zu den Spielterminen von "Sankt Falstaff" im Burgtheater! 

Universitätsring 2
1010 Wien
Österreich
Foto beigestellt

Erschienen in
Bühne 05/2026

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Klaus Peter Vollmann
Klaus Peter Vollmann
Autor
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