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NANCY MENSAH-OFFEI wuchs in Linz auf und schlüpfte schon als Kind gern in andere Rollen. Vor dem Volkstheater war sie Ensemblemitglied an den Münchner Kammerspielen und am Schauspielhaus Zürich.

NANCY MENSAH-OFFEI wuchs in Linz auf und schlüpfte schon als Kind gern in andere Rollen. Vor dem Volkstheater war sie Ensemblemitglied an den Münchner Kammerspielen und am Schauspielhaus Zürich.
Foto links: Marcella Ruiz Cruz / Foto rechts: privat

Guilty Pleasures

Volkstheater

Schräge Kostüme, Bühnenpannen und die Gleichzeitigkeit von Sekundärliteratur und Trash-TV: Vier Schauspielerinnen des Volkstheaters erzählen von ersten Auftritten und aktuellen Guilty Pleasures. Und fragen sich: Welche Rolle spielt Scham eigentlich?

Soaps mit vorhersehbarer Handlung, schnulzige Liebesromane, als Castingshows getarnte Reality-Formate, Energydrinks von der Discounter-Eigenmarke und das abendliche Abdriften in die emotionalen Irrgärten von Datingshows – all diesen Dingen ist eines gemeinsam: Sie sind schambehaftet. Beim Schokopudding aus dem Supermarkt isst das Auge mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit nicht mit, die Scham dafür umso mehr. Bis sie irgendwann so groß und wohlgenährt ist, dass sie den unbeschwerten Genuss fast unmöglich macht – und sich der eigentlich harmlose Gedanke „Gönn dir!“ plötzlich wie ein Ticket in den Sumpf des schlechten Geschmacks anfühlt.

Oft werden diese als peinlich empfundenen Dinge und Aktivitäten als „Guilty Pleasures“ bezeichnet. Das bedeutet: Sie machen zwar Freude, sollten sich im besten Fall aber im Verborgenen abspielen. Was in diese Kategorie fällt und was nicht, entscheiden in der Regel gesellschaftliche Normen und Konventionen.

Was den sogenannten „Guilty Pleasures“ außerdem gemein ist: Sie schaffen Erleichterung und sorgen für kurze Momente der Unbeschwertheit. Vermeintliche Laster zur Belastungsbekämpfung? Ja, bitte! „Es gibt nichts Besseres, als nach einem ausführlichen Probengespräch über patriarchale Gewalt und alternativen Beziehungsmodellen heimzukommen und erst mal ‚Too Hot to Handle‘ zu schauen“, sagt Schauspielerin Sissi Reich.

Ihre Kollegin Katharina Kurschat stimmt ihr zu: „Ich finde diese Gleichzeitigkeit ganz wunderbar. Mein neuestes Guilty Pleasure ist die Serie ‚Desperate Housewives‘, die ich mir unter anderem angeschaut habe, während ich parallel für das Stück ‚Liv, Love, Laugh Strömquist‘ einen Aufsatz des Soziologen Hartmut Rosa zum Thema Resonanz gelesen habe.“

BÜHNENPANNEN

Auch für Bühnenpannen schämt sich die in Bad Oldesloe geborene Schauspielerin nicht. Erst neulich sei ihr eine passiert, erzählt sie. „In einer Vorstellung von ‚Geschichten aus dem Wiener Wald‘ gibt es in der Mitte der Bühne eine Art Fahrstuhl, der von der Technik bedient wird. Damit die Techniker*innen wissen, wann sie mich runterfahren müssen, gibt es eine Kamera, in die ich ein Zeichen geben muss. Ich habe darauf vergessen, dann meinen Zylinder verloren, mich deshalb gebückt und bin dann mit dem Kopf und dem Hintern gegen die Türen geknallt. Die Tür ging glücklicherweise nur einen kleinen Spalt auf.“

Auch Nancy Mensah-Offei hat schon einige Pannen erlebt. „Lachanfälle, exorbitant lange Texthänger, ich bin ausgerutscht und habe mir einmal die Schulter ausgekugelt.“ Bei Aleksandra Ćorović stellte sich einmal eine Schokolade als Ursprung einer gerade noch abgewandten Panne heraus:

„In meiner etwas neurotischen Art habe ich sie schon sehr früh vor der Vorstellung an ihren Platz gelegt, woraufhin sie von jemand anderem wieder entfernt wurde. Daraufhin hatte ich sie lange Zeit im Stück nicht und musste improvisieren. Die Spannung war dadurch extrem aufgeladen – es war die beste Vorstellung, die wir hatten.“

ALLER ANFANG IST ...

Gemeinsam mit Katharina Kurschat, Sissi Reich, Aleksandra Ćorović und Nancy Mensah-Offei blicken wir auch auf ihre allerersten Bühnenerfahrungen zurück. In dem Kindermusical „Mahlzeit! Ein Fast-Food-Musical in 5 Portionen“ von Mechthild Schoenebeck spielte Sissi Reich im Alter von acht Jahren Willi, den Wurm im Apfel, der im Laufe des Stücks zwei Läden rettet und sich mit dem Gesundheitsamt in Form von Herrn Amtmann anlegt. Nancy Mensah-Offeis erste Bühnenerfahrung fand – „ganz klassisch“ – beim Krippenspiel in der Volksschule statt. In Ghana, wo die Schauspielerin geboren wurde, spielte sie auch gern Dinge nach – „zum Beispiel den wunderbaren Clown Bob Okala“.

Dass einem im Laufe einer Theaterkarriere auch viele besondere Kostüme unterkommen, ist systemimmanent. Sissi Reich erinnert sich in diesem Zusammenhang an das Stück „1000 Eyes“ im Schauspielhaus Wien. „Wir haben unter anderem den kurdischen Widerstandskampf als Disney-Figuren erklärt – in Ganzkörpersuits. Ich war einer der sieben Zwerge, Daisy Duck und ein Streifenhörnchen. Im Studium habe ich einmal eine Tablette gespielt.“ Katharina Kurschat kommt sofort ein Kostüm aus ihrer Kindheit in den Sinn: „Die Oper Lübeck hat Statistenkinder gesucht und ich habe tatsächlich eine Rolle er- gattert – als Besen. In einem Bastkleid mit Stiel auf dem Kopf schrubbte ich über die Bühne, während die Hexe sang.“

WEG MIT DER SCHAM?

Wie ist das jetzt überhaupt mit der Scham? Braucht es die oder nicht? Sissi Reich hat ambivalente Gefühle dazu: „Auf der einen Seite kann Scham blockieren und ist nervig, aber auf der anderen Seite ist es auch ein guter Marker, bei dem es sich lohnt, noch einmal hinzuschauen, warum man sich für etwas schämt. Das sind oft sehr spannende und verletzliche Momente. Ich finde es zutiefst sympathisch, wenn sich jemand schämt und dann den Mut hat, diese Scham anzusprechen.“ Für Nancy Mensah-Offei kann Scham auch etwas Wunderbares sein, weil sie die Chance birgt, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und sich die Frage zu stellen, warum man sich gerade schämt. „Vor der Schauspielschule war meine Schamgrenze definitiv höher als jetzt. Irgendwann habe ich begriffen, dass Scham gesellschaftlich konstruiert ist. Ich fliege oft hin, patze mich an oder trete in Fettnäpfchen. Ich glaube nicht, dass es Menschen gibt, denen das nie passiert. Mir hilft es, in diesen Momenten über mich selbst zu lachen.“

Im Schauspielberuf spielt Scham eine große Rolle, bemerkt Katharina Kurschat. „Gemeinsameine hochemotionale Szene zu proben, ist ein ziemlich vulnerabler Moment und man muss oft seine Scham überwinden und mutig genug sein, um nach ehrlichen Gefühlsregungen zu suchen.“ Darüber hinaus findet sie ein bisschen Scham gar nicht so schlecht, weil sie auch zeigt, dass man etwas Kostbares hat, das man nicht mit jedem teilen möchte. „Und ich kann mir wirklich Besseres vorstellen als einen Ort voller schamloser Menschen.“

Aleksandra Ćorović, die als Kind leidenschaftlich das Lied „An Angel‘ von der Kelly Family in Fantasie-Englisch zum Besten gab, ergänzt: „Auf der Bühne möchte ich mich auf keinen Fall schämen. Ich schäme mich ja nur dann, wenn ich Angst habe, mein Gesicht zu verlieren, aber im Theater ist es im Idealfall ja so, dass ich mich verwandle. Deshalb finde ich es auch nicht richtig, wenn von uns Schauspielenden verlangt wird, dass wir uns auf der Bühne oder in sozialen Medien selbst darstellen sollen.“

Hier geht es zu den Spielterminen von „Guilty Pleasures“ im Volkstheater! 

Arthur-Schnitzler-Platz 1
1070 Wien
Österreich
Foto beigestellt

Erschienen in
Bühne 04/2026

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Sarah Wetzlmayr
Sarah Wetzlmayr
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