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Günther Wiederschwinger und Veronika Kaffka.

Günther Wiederschwinger und Veronika Kaffka.
Foto: Marcel Urlaub

Magische Anziehungskraft

Volkstheater

On-Off – so könnte man die Beziehung der Ankleiderei zu den Schauspieler*innen beschreiben. Oder eher: Off-On. Sie ziehen jedoch nicht nur um und kleiden ein, sondern reparieren auch die Kostüme. Wir waren mit Veronika Kaffka, Erica di Marco und dem Schauspieler Günther Wiederschwinger hinter der Bühne.

Veronika Kaffka ist bereit. In einer Pose, die jener einer 100-Meter-Sprinterin kurz vor dem Startsignal ähnelt, kniet sie neben einem braunen Holzstuhl, auf dem sich einige Kostümteile befinden. Neben ihr steht ihre Kollegin Erica di Marco, die ein graues Jackett in der Hand hält.

Der Schauspieler Günther Wiederschwinger schlüpft durch den dicken, schwarzen Vorhang, der Bühnengeschehen und Backstage voneinander trennt, und kurz darauf in das neue Sakko. Während das passiert, werden noch weitere Kostümteile ausgetauscht. Die Handgriffe der beiden Ankleiderinnen sind perfekt aufeinander abgestimmt.

Innerhalb weniger Sekunden hat der Schauspieler die Figur, die er gerade noch gespielt hat, abgelegt und sich eine neue übergestülpt. Im Laufe der Vorstellung wird er das noch öfter tun – schließlich spielt der gebürtige Villacher in Christian Breys rasanter Inszenierung der „Komödie mit Banküberfall“ eine ganze Reihe an Rollen – kurz: „Everybody Else“.

MISSION POSSIBLE

Um bei der am Textanfang eingeführten Metapher zu bleiben: Es läuft. Wie am Schnürchen sogar. Womit wir wieder beim Betätigungsfeld der Ankleider*innen wären, deren Arbeit auch viel damit zu tun hat, gerade bei Hochgeschwindigkeitsstücken wie der „Komödie mit Banküberfall“ alles zusammenzuhalten. Und sollten doch einmal Lücken entstehen, haben Vroni Kaffka und Erica di Marco die wichtigsten Utensilien immer parat: Schere, Taschenlampe, Schuhlöffel, Fäden und Nadeln. Selbst wenn alle Stricke reißen würden, hätten sie vermutlich die richtige Lösung in petto. Mission impossible?

Gerade in Stresssituationen sind wir eine wichtige Stütze für die Schauspieler*innen. – Veronika Kaffka, Ankleiderin
Foto: Marcel Urlaub
Gerade in Stresssituationen sind wir eine wichtige Stütze für die Schauspieler*innen. – Veronika Kaffka, Ankleiderin

Das gilt vielleicht für den geplanten Überfall im Stück, nicht jedoch für die beiden Ankleiderinnen. Ihre Arbeit zeigt, dass sich das für Komödien geltende Credo „Timing ist alles“ auch hinter der Bühne fortsetzt. „Bei diesem Stück gibt es einen Komplettumzug, der innerhalb von 17 Sekunden passiert.

Das bedeutet, dass jeder Handgriff bis ins kleinste Detail durchchoreografiert sein muss“, bestätigt Günther Wiederschwinger diese Annahme. Für Tina Prichenfried, Leiterin der Kostümabteilung des Volkstheaters, liegt der Vergleich mit einer Formel-1-Boxencrew nahe. „Neben Verlässlichkeit und Teamfähigkeit, ist es für den Beruf der Ankleiderin unerlässlich, einen wachen Geist und eine hohe Konzentrationsfähigkeit zu haben“, so die gelernte Textildesignerin, die ihren Weg zum Theater über die Bühnenmalerei gefunden hat.

Foto: Marcel Urlaub

KEINE BERÜHRUNGSÄNGSTE

Vor der Vorstellung treffen wir Tina Prichenfried, Veronika Kaffka und Erica di Marco in den Arbeitsräumen des Kostümwesens. Um uns herum: Kleiderstangen, auf denen Kostüme in allen Farben des Regenbogens hängen. Die Arbeit der Ankleider*innen umfasst nämlich nicht nur die Betreuung der Kostüme während der Vorstellungen, sondern auch deren Instandhaltung. „Wir waschen die Kostüme vom Vorabend, nehmen kleinere Reparaturen vor, bügeln die Kostüme und räumen sie wieder weg. Dann beginnen wir mit der Vorbereitung der Kostüme für die nächste Vorstellung“, beschreibt Erica di Marco ihren Arbeitsalltag.

Das erfordere unter anderem eine umfangreiche Kenntnis verschiedenster Materialien. Die gebürtige Italienerin hat Schneiderei gelernt und schon in Italien im Theater gearbeitet. Ihre Liebe zur Kunst brachte sie zu den darstellenden Künsten, fügt sie hinzu. Seit vier Jahren arbeitet sie am Volkstheater. Stressresistenz sei für ihren Job ungemein wichtig, setzt sie nach. „Wie auch die Fähigkeit, mit unterschiedlichsten Menschen gut auszukommen“, ergänzt ihre Kollegin Vroni Kaffka.

Die wichtigsten FAKTEN: In der „Komödie mit Banküberfall“ gibt es insgesamt 54 Umzüge und 47 Kostüme, wobei Günther Wiederschwinger 13 verschiedene Rollen spielt. Der schnellste Umzug? Einmal werden in nur 0,52 Minuten zwei Schaupieler*innen gleichzeitig umgezogen. In der Ankleiderei des Volkstheaters arbeiten vier Ankleider*innen in Vollzeit und zwei in Teilzeit. Ihnen stehen vier Waschmaschinen und zwei Trockner zur Verfügung. In der gesamten Kostümabteilung sind etwa 50 Scheren (ohne Papierscheren) im Umlauf.
Foto: Marcel Urlaub
Die wichtigsten FAKTEN: In der „Komödie mit Banküberfall“ gibt es insgesamt 54 Umzüge und 47 Kostüme, wobei Günther Wiederschwinger 13 verschiedene Rollen spielt. Der schnellste Umzug? Einmal werden in nur 0,52 Minuten zwei Schaupieler*innen gleichzeitig umgezogen. In der Ankleiderei des Volkstheaters arbeiten vier Ankleider*innen in Vollzeit und zwei in Teilzeit. Ihnen stehen vier Waschmaschinen und zwei Trockner zur Verfügung. In der gesamten Kostümabteilung sind etwa 50 Scheren (ohne Papierscheren) im Umlauf.

Sie ist seit September am Haus, davor war sie zehn Jahre lang als Ankleiderin in den Kammerspielen des Theaters in der Josefstadt beschäftigt. „Wir arbeiten eng mit den Schauspieler*innen zusammen. Gerade in Stresssituationen sind wir eine wichtige Stütze für sie. Berührungsängste sollte man in diesem Beruf auf jeden Fall keine haben.“

Hin und wieder sei es auch schon vorgekommen, dass sie Umzüge zu fünft abgewickelt haben, fügt sie lachend hinzu. Zum Theater kam Vroni Kaffka eher zufällig. „Ich bin gebürtige Ungarin und suchte die Herausforderung in einem neuen Job. Die Mutter meines Lebensgefährten war die Chefin der Garderobe im Theater in der Josefstadt. Für eine aufwendige Produktion suchte das Theater damals Aushilfen und ich habe mich gemeldet. Es folgten weitere Produktionen und irgendwann musste ich mich entscheiden, ob ich weiterhin im Verkauf arbeiten möchte oder lieber als Ankleiderin im Theater. Ich habe mich für das Theater entschieden und bin sehr glücklich darüber.“

Günther Wiederschwinger und Veronika Kaffka bei den Umzügen hinter der Bühne.
Foto: Marcel Urlaub
Günther Wiederschwinger und Veronika Kaffka bei den Umzügen hinter der Bühne.

KUNST TRIFFT HANDWERK

Insgesamt arbeiten sechs Ankleiderinnen im Volkstheater, von denen bei der „Komödie mit Banküberfall“ vier im Einsatz sind. „In der Zusammenarbeit spielen neben der Schneiderei auch die Kostümassistent*innen eine wichtige Rolle, weil sie die einzelnen Produktionen begleiten, die Übergaben von der Schneiderei an die Ankleiderei machen und Szenarien entwickeln“, erläutert Tina Prichenfried. Als Leiterin der Kostümabteilung kämen ihr viele organisatorische und dispositionelle Aufgaben zu, merkt sie an. Für Kreativität ist dennoch Platz: „In der Kostümabteilung wirken Kunst und Handwerk zusammen. Wie sehr sich diese beiden Bereiche befruchten, merken wir zum Beispiel, wenn wir Prototypen entwickeln. Wir versuchen, künstlerische Visionen umzusetzen, gleichzeitig müssen wir aber unter anderem auch darauf achten, wo Verschlüsse sitzen und wie sie beschaffen sind.“

Für die Zukunft wünscht sie sich, dass das Kostüm mehr Wertschätzung erfährt. Da gebe es nämlich noch viel Luft nach oben, hält sie nach einer kurzen Pause fest. „Das ist ein Beruf, der unglaublich nah am Menschen ist. Dem Bühnenbild ist es egal, welche Spieler*innen auf die Bühne gehen. Beim Kostüm ist das anders – wir müssen es beispielsweise innerhalb kürzester Zeit anpassen, wenn jemand ausfällt.“

Jeder Umzug ist bis ins kleinste Detail durchchoreografiert. – Günther Wiederschwinger, Schauspieler
Foto: Marcel Urlaub
Jeder Umzug ist bis ins kleinste Detail durchchoreografiert. – Günther Wiederschwinger, Schauspieler

THEATER IST TEAMSPORT

In der „Komödie mit Banküberfall“ ist Günther Wiederschwinger der Schauspieler mit den meisten Umzügen. Es gibt sogar eine Szene, in der er drei verschiedene Rollen in einem Trialog mit sich selbst spricht. „Das funktioniert nur über Haltungswechsel und den schnellen Wechsel von Kopfbedeckungen.“ Dem Haus ist er seit 1985 verbunden, Jan Philipp Gloger ist sein sechster Direktor. In all der Zeit gab es natürlich eine ganze Reihe an Kostümen, die ihm in Erinnerung geblieben sind, erzählt er. „Eines davon war ein Schlangenkostüm, in dem ich nur hüpfen konnte“, erinnert er sich lachend. Als ihm einmal ein Kollege unabsichtlich auf den langen Schlangenschwanz stieg, knallte er auf offener Bühne auf den Boden.

„Ich war einfach der Situation ausgeliefert.“ Im Grunde gebe aber jedes Kostüm eine bestimmte Körperlichkeit vor, fügt er hinzu. Theater begreift der Schauspieler als Miteinander und Teamsport. Der Aussage seines Kollegen Samouil Stoyanov, dass ein Theater wie eine Kleinstadt in einer Großstadt sei, kann er nur beipflichten. „Ich würde mir wünschen, dass noch mehr nach außen dringt, dass am Volkstheater, wenn man die Gäste dazuzählt, rund 25 Leute auf der Bühne stehen, es darüber hinaus aber nochmals circa 150 Leute gibt, die am Haus beschäftigt sind“, so der Schauspieler, der sich selbst als „ziemliches Nerverl“ beschreibt. „In den ersten zwei, drei Proben mit Originalkostümen werfe ich gern die Nerven weg. Da muss ich mich richtig dazu zwingen, ruhig zu bleiben und niemanden mit meiner Hektik anzustecken.“

Zurück ins Reich der Ankleider*innen, der Technik, Maske und Requisite: Die Vorstellung der „Komödie mit Banküberfall“ ist vorbei, keinerlei Nerven wurden weggeschmissen. Dass die Nervenkostüme aller Beteiligten intakt geblieben sind, liegt auch an der Arbeit der Ankleiderinnen. Und die richtigen Kostüme? Um die kümmern sie sich am nächsten Tag.

Hier geht es zu den Spielterminen von „Komödie mit Banküberfall“ im Volkstheater!

Arthur-Schnitzler-Platz 1
1070 Wien
Österreich
Foto beigestellt

Erschienen in
Bühne 03/2026

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Sarah Wetzlmayr
Sarah Wetzlmayr
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