„Der Direktor ist fad, aber das Ensemble ist super."
.. sagt Volkstheater-Direktor Jan Philipp Gloger. Im Wiener Schmäh ist er also angekommen. Aber nicht nur dort. In nur einer Saison hat er das Publikum wieder zurückerobert. Viele Vorstellungen sind ausverkauft. Wir haben mit ihm über Humor & Wagnis, die perfekte Theatermischung & Elfriede Jelinek gesprochen.
Er hat einiges gewagt in den vergangenen Monaten: Liebling Johanna Wokalek durch das Volkstheater Bezirke touren lassen. Er hat die englischen Ausnahme-Brachial-Komiker der Mischief Theatre Company rangelassen und endlich wieder Jura Soyfer auf eine Theaterbühne gebracht – und das ist nur ein kleiner Exkurs in die laufende Saison. Und: Es hat funktioniert. Immer mehr Vorstellungen sind ausverkauft. Direktor Jan Philipp Gloger hat das Publikum wieder ins Volkstheater zurückgeholt. Zugetraut haben ihm das nur wenige in einer Stadt der „Den-ham- ma-braucht“-Mentalität. Mit dem Programm 2026/27 legt Gloger nach dem Motto „Nah, wie geht`s?“ nach und drauf.
Wir gaberln ihr Motto auf: Nah, wie geht es Ihnen, Herr Direktor, nach Ihrem ersten Jahr in Wien?
Nah ja, wie soll’s mir gehen? (lacht) Blendend. Wir hatten ein tolles erstes Jahr, das unsere Erwartungen übertroffen hat. Und auch als Mensch ohne „Herr Direktor“ bin ich einfach sehr gern in Wien und komme so langsam richtig an.
Wir Wiener unterstellen Piefkes immer, dass sie brauchen, um diese Stadt zu verstehen. Das ist eine Hybris, die impliziert, dass Wien anders ist. Ist das so?
Wien ist Wien. Ich „verstehe“ Wien sicher nicht, aber ich erfreue mich an einer lustvollen Annäherung. Und daran, das Bild, das ich wie jeder Kulturschaffende auch vorher hatte, jetzt mit der Realität oder den Realitäten dieser Stadt abzugleichen.
Wie nah geht Ihnen das, was in der Welt passiert?
Manchmal lähmend nah. Manchmal mobilisierend nah. Letzteres überwiegt zum Glück und fließt auch 2026/27 in den Spielplan ein: „Die Ankunft“ von Jelinek über die Bedrohung von Rechts in Geschichte und Gegenwart, Enzensbergers „Der Untergang der Titanic“ über Verschwendung und Selbstüberschätzung des Menschen, die bedrohte Demokratie in „Nestervals 1927“, die bedrohte Kunstfreiheit in Riahis „Eine schutzwürdige Person“ und so weiter!
Wie nah muss Theater gehen?
Unter die Haut. Und in die Hirnschale.
Welches Theater braucht die Welt derzeit am meisten?
Theater, das nah geht, das uns nah an sich heranzieht und uns auch als Gemeinschaft, die bedroht ist von Zerreißproben, näher zueinander rücken lässt. Und das es gleichzeitig zulässt zu reflektieren: über Themen, aber auch über das, was mit uns geschieht im Theater. Man kann sich im Theater ja zuschauen bei dem, was mit einem passiert. Ich sehe, dass der Scheinwerfer angeht, und trotzdem glaube ich, die Sonne geht auf. Suggestion mit offenen Mitteln – das ist sinnliche Aufklärung in einer immer inszenierteren Welt.
Die Spielenden sind für mich das Zentrum, weil sie die entscheidenden Brücken bauen in einem Programm der Extreme.
– Jan Philipp Gloger
Was mögen Sie am Volkstheater am meisten?
Der Direktor ist fad, aber das Ensemble ist super. Im Ernst: dass wir in Extreme gehen können, dass jede Produktion ihr Publikum finden kann, dass wir möglichst unterschiedliche Menschen anlocken und dass wir neben Theater auch Treffpunkt sind. Begegnungsort am Verkehrsknotenpunkt.
Was ist für Sie eine gelungene Vorstellung?
Ein Abend, der die Zuschauenden abholt und woanders mit hinnimmt.
Wie würden Sie Menschen, die Sie nicht kennen, den Gloger-Stil beschreiben?
Ich bewundere Leute mit starkem Personalstil – Marthaler und so. Ich selbst habe keinen. Glaub ich. Jeder Text verlangt von mir irgendwie seine eigene Herangehensweise. Deswegen inszeniere ich Well-made plays wie „State of the Union“ in den Bezirken oder „Nebenwirkungen“ am Burgtheater und gleichzeitig Collagen und Crossover-Projekte, Textflächen, ab und zu ja auch Opern, Operetten – alles eine ganz eigene Freude und Herausforderung.
Wir Wiener sind so stolz darauf, dass wir als Publikum eine andere Beziehung zum Theater und zu den Menschen auf der Bühne haben – wie sehen Sie das?
Sie können stolz darauf sein. Die Spielenden sind auch für mich das Zentrum. Auch weil sie die entscheidenden Brücken bauen in einem Programm der Extreme: „Ich geh eigentlich immer in Komödien, aber morgen gehe ich in die Performance, weil da der charmante Hauptdarsteller aus der Komödie mitspielt.“ So muss es sein. Dafür braucht man ein Ensemble, das auf vieles Lust hat und vieles kann. Ein Brückenbauerensemble, das haben wir.
Sie haben es innerhalb von nur einer Saison geschafft, dass große Teile des Publikums wieder zurück ins Haus gekommen sind – in den Bezirken waren Sie oft ausverkauft. Was war der Trick?
Kein Trick, einfach echte Zugewandtheit zu jeder einzelnen Produktion und Breite aus Überzeugung, für viele Unterschiedliche etwas anbieten und auch vieles, das auf den verschiedensten Ebenen zugänglich ist – wie Hanekes „Caché“ zum Beispiel. Außerdem viel Kommunikation und viel Herzblut und ein fleißiges neues Outreach-Programm.
Die Welt ist gespalten und Sie werden mit Jelinek antworten. Wie lautet diese/Ihre Antwort?
Die Bedrohungen der Demokratie in Vergangenheit und Gegenwart in ein Verhältnis setzen – und natürlich auch bis an die Grenzen des Sagbaren und des guten Geschmacks ins Spiel bringen. Jelinek eben.
Was ist Humor für Sie?
Befreiende Einblicke in unser aller Lächerlichkeit.
Ist es eine Unterstellung, wenn ich behaupte, es gibt gerade im deutschen Theater eine Angst vor Witz und Humor?
Ja, aber eine hilfreiche: Schließlich nehmen wir das Lachen sehr ernst. Es kann so viel mit uns machen: uns zeigen, dass wir noch Reflexe haben, uns vor uns selbst oder anderen erschrecken lassen – oder uns mit uns oder denen verbinden, das Schwere zugänglich machen, die Liste könnte lang so weitergehen. Also: Am Haus, das den Jura-Soyfer-Preis für die zeitgenössische Komödie vergibt und ein großes Spektrum von – oft politischen – Komödien pro Spielzeit ausschreitet, haben wir keine Angst vor Witz und Humor. Und das als Deutscher – stellen Sie sich das vor!
Sie arbeiten wieder mit den Machern von „The Play That Goes Wrong“ zusammen. Was ist das Besondere an dieser englischen Erfolgsgruppe?
High Speed Slapstick vom Feinsten, bis an die Grenze des Wahrnehmbaren, Albernheiten, die sich nur Briten einfallen lassen können, und: während man selbst genießt, anderen, nämlich den Schauspieler*innen, beim Extremsport zugucken dürfen.
Viele unserer Leser*innen fragen sich und uns immer wieder: Wie führt man ein Theater?
Erst mal: jedes sicher ein bisschen anders. Zweitens: Ganz genau finde ich es auch erst gerade raus. Drittens: Zugewandtheit und echt überzeugt sein sind wichtig, glaub ich. Und gut switchen können zwischen Kunst und Struktur.
Humor gibt befreiende Einblicke in unser aller Lächerlichkeit.
– Jan Philipp Gloger
Die zweite war: Wie geht Regie und wie geht der Weg hin zur Interpretation des Werks, vor allem, wenn es eines ist, das viele Menschen kennen?
Es gibt viele Wege: Entweder man frisst sich durch die Rezeptionsgeschichte und versucht, was Neues zu machen oder was Altes gut und möglichst unbemerkt zu reproduzieren. Oder man ignoriert sie und fängt beim Text selbst an. Ein paar Texte um den Text herum lesen ist schon gut, finde ich, zu viele blockieren eher. Und dann ist es gut, mit einem Plan auf die Proben zu gehen, aber auch mit der Bereitschaft, ihn zu verwerfen. Denn echte Kunst entsteht ja nur dann, wenn man selbst überrascht ist und vom Weg abkommt. Und nur zusammen.
In den Bundestheatern droht eine Sparwelle – wie sehr sind Sie hier in Wien abgesichert?
Wir sind nicht abgesichert, wir haben nach Jahren, in denen die Bezuschussungen stiegen, jetzt eine Stagnation, das heißt bei steigenden Personal- und Materialkosten quasi auch: jedes Jahr weniger. Lange so weitergehen darf das nicht, dann schafft sich das Theater irgendwann selbst ab.
Mit NESTERVAL holen Sie als erster Schauspieldirektor ein Kollektiv ans Haus, das nicht nur für ausverkaufte Vorstellungen sorgt, sondern dem Sie Ihr ganzes Haus zum Bespielen zur Verfügung stellen. Was ist die Idee dahinter?
Nähe! Man kann ja mit den Darstellenden zusammen durch das Theater im Jahr 1927 spazieren. Das ist doch sehr aufregend. Oder die Probe zu einer Revue im großen Haus erleben, die lustvoll den Kampf gegen die drohende Repression inszeniert. Das wird aufregend!
Jelinek, Enzensberger, Shakespeare, auf der anderen Seite radikale englische Komödie und Off-Off-Theatermacher*innen für die Saison 2026/27 – nach welchen Parametern programmieren Sie?
In Extreme gehen, möglichst wenig langweilige Grauzonen. Ich bin von Haus aus Musiker, außerdem liebe ich die Komödie und bitte nicht nur Kanon, sondern auch Unentdecktes entdecken, Themen der Zeit ins Spiel bringen, aufregende Regisseure und mindestens genauso viele Regisseurinnen und viele Perspektiven finden.
Am Ende: Was wäre Ihr größter Wunsch ans Theater-Christkind?
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