Barbara Petritsch: Hellwach ins Dunkle
Schauspielerin Barbara Petritsch, die neue Doyenne der BURG, ist kein Fan von Konjunktiven. „Ich würde“ wird man aus ihrem Mund kaum hören. Es sei denn, es geht um das genauso geschriebene Hauptwort. Wie das gemeint ist? Wir haben sie getroffen.
"Ich bin die Würde in Person“, sagt Barbara Petritsch und wuschelt sich lachend durch die Haare. Die Aussage und der leichte Anflug von Selbstironie, der darin mitschwingt, kommen nicht von ungefähr: Wenige Tage nach unserem Zusammentreffen wird die 1945 in Admont geborene Schauspielerin mit der dunklen, abgründigen Stimme zur neuen Doyenne des Burgtheaters ernannt.
„Früher haben wir eher gelächelt, wenn wir von solchen Dingen erfahren haben, heute finde ich es schön“, sagt sie. Früher bedeutet in diesem Fall: kurz nach der Schauspielschule, als Petritsch gemeinsam mit dem Regisseur Luc Bondy, dem Bühnenbilder Rolf Glittenberg und dem Regisseur Nicolas Brieger, der später ihr Ehemann wurde, um die Häuser zog, mit dem Ziel, Strukturen zu durchbrechen und das Theater neu zu erfinden. „Wir waren die Gescheitesten überhaupt“, erklärt Petritsch augenzwinkernd.
Doch dazu später mehr. Zurück in die Gegenwart. Zu einer Schauspielerin, deren hellwacher, schelmischer Blick einem immer wieder den feinen Unterschied zwischen Gegenwärtigkeit und Präsenz vor Augen führt. Zurück auch zur bevorstehenden Würdigung und zur darin enthaltenen Würde. Wenn man Letztere vor allem als Haltung und nicht als gespielte Erhabenheit versteht, hat Barbara Petritsch nämlich sehr viel mehr davon als so manch andere sogenannte Würdenträger. Sie trägt diese sehr klare Haltung auch nicht vor sich her, sondern sie ist einfach in ihr. Und manchmal muss sie auch raus. Positionierung statt Pose, lautet die Devise.
„Für mich bedeutet dieser Titel auch, Verantwortung zu übernehmen, mich zu äußern und meine Meinung zu sagen. Wobei ich das auch davor schon getan habe“, bringt es die Kammerschauspielerin und Doyenne auf den Punkt. Dreißig Jahre lang hat sie in Deutschland gespielt – auf ihr Erstengagement in Klagenfurt folgten unter anderem Nürnberg, Frankfurt, München, Berlin, Bochum und Köln –, bevor sie 1999 an die BURG kam. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich hier nochmals so ankomme. Es gab für Schauspielerinnen ja lange Zeit diese Klippe zwischen 40 und 50, da bekam man als Frau plötzlich keine interessanten Rollen mehr. Das hat sich zum Glück geändert, weil viele junge Autorinnen und Autoren erkannt haben, dass ältere Frauen auf der Welt auch eine Rolle spielen und eine Lebendigkeit und Wichtigkeit haben. Ich hatte überhaupt sehr viel Glück in meinem Leben, muss ich sagen.“
DIE SPRACHSEILTÄNZERIN
Viele dieser zeitgenössischen Frauenfiguren hat Barbara Petritsch gespielt – in Stücken von Wolfgang Bauer, Werner Schwab, Ferdinand Schmalz, Kathrin Röggla und vielen anderen. Oft waren es hantige und grantige Figuren, deren Seelenkeller die Schauspielerin stets mit schonungsloser Entdeckungslust und großer Liebe zur Sprache ausleuchtete. So ähnlich beschreiben es auch Ferdinand Schmalz und Mavie Hörbiger, die ihrer Kollegin und Freundin zum 80. Geburtstag eine Rede mit dem Titel „die sprachseiltänzerin“ geschrieben haben. Waren es erst diese Figuren, die sie an den Abgrund geführt habe, um genau dort unangeseilt einen Tanz mit der Sprache zu wagen?
Vielleicht hätte sie diesen Killerinstinkt immer schon gehabt, er konnte nur nicht raus, hält sie mit klarer Stimme fest. „Man muss es auch aushalten, wenn einen nicht alle lieben. Es ist nicht so einfach, dem Publikum, während man spielt, nicht die ganze Zeit zeigen zu wollen, dass man eigentlich gar nicht so ist. Vielleicht gibt es diese dunkle Seite ja in einem und man muss sie nur finden und zulassen.“
Ans Aufhören hat Barbara Petritsch in all den Jahren nie gedacht, erzählt sie. Auch nicht während ihres Kölner Engagements, das künstlerisch zwar durchaus bereichernd, aber menschlich sehr schwierig für sie war. „Das habe ich einfach durchgehalten. Auch durch die Unterstützung meines Mannes, der immer wieder zu mir gesagt hat, dass ich durchhalten soll, weil ich ohne das Theater eh nicht existieren könne. Erst mit der Intendanz von Karin Beier, mit der ich auch wunderbare Arbeiten gemacht habe, entstand eine Laufmasche im System.“
FÜNF MAL FÜNF
Gerettet hätte sie in dieser Zeit auch ein in ihr wohnender Mechanismus, den die Schauspielerin so beschreibt: „In mir gibt es so etwas wie einen Bock.“ Und damit meint sie nicht den in Deutschland weit verbreiteten umgangssprachlichen Ausdruck für Lust – wobei das Energiebündel Barbara Petritsch auch davon übermäßig viel besitzt –, sondern eher das genaue Gegenteil davon. „Wenn ich etwas überhaupt nicht begreife und einsehe, kann ich da nicht drüber. Dann verharre ich und verweigere.“ Muss sie diesen Bock pflegen und füttern, damit er nicht verschwindet? Ganz und gar nicht. „Der war immer schon da, schon als kleines Mädchen, das gerade erst sprechen konnte. Ich mache das nicht bewusst, das ist einfach in mir.“
Mit dieser Bockigkeit schützt sie jedoch nicht nur sich selbst, sondern versucht auch, für junge Kolleg*innen zu sprechen, wenn sie sich nicht trauen. „Ich finde es unerträglich, wenn jemand neben mir sinnloserweise fertig gemacht wird. Das hat nichts damit zu tun, dass wir alle mit Samthandschuhen angegriffen werden möchten, man ist sich selbst gegenüber ja auch kritisch und lernt auch mit Kritik von außen umzugehen. Aber die Kritik sollte gerechtfertigt ist.“
Wenn ich etwas überhaupt nicht einsehe und begreife, kann ich da nicht drüber. Dann verweigere und verharre ich.
– Barbara Petritsch, BURG-Doyenne
Zum Theater wollte Barbara Petritsch seit sie sich erinnern kann. Ihr Vater, erzählt sie, fand die Idee ziemlich schwachsinnig, ihre Mama hätte damit schon eher etwas anfangen können. „Mit 15 oder 16 bin ich aus der Frauenoberschule in Graz geflogen. Ich hatte ein Zeugnis mit fünf Fünfern und einem ,Nicht Genügend‘ in Betragen, worüber sich mein Vater ziemlich aufgeregt hat.“ Aber wen kümmern schon Betragensnoten, wenn man im späteren Leben mit sehr guten Haltungsnoten punkten kann?
Auf den Rauswurf folgte ein beständiges Reinwerfen in neue künstlerische Zusammenhänge. Vor ihrem Schauspielstudium machte sie jedoch noch eine Kindergartenausbildung „Auch da hatte ich wieder Glück, weil ich eine Lehrerin hatte, die mich gefragt hat, ob ich diesen Beruf wirklich ausüben möchte. Als ich verneinte, meinte sie, ich solle einfach kommen, so oft es geht. Nach dem Abschluss habe ich sofort die Aufnahmeprüfung in Graz gemacht.“
Reinwerfen wird sich die Doyenne auch weiterhin. Mit viel Neugier für das gesamte Seelenspektrum ihrer Figuren und scheinbar unendlicher Freude am Spiel. Nie gab es eine Schauspielerin, die würdevoller über sie seelischen Abbruchkanten ihrer Figuren sprang. Schonungslos und leichtfüßig gleichermaßen.
Stücke mit Barbara Petritsch im Mai
Wir sind noch einmal davongekommen: 8., 18. und 25. Mai, Burgtheater
Der eingebildete Kranke: 29. Mai, Akademietheater
Der Tartuffe: 30. Mai, Burgtheater