Die Cervik
Ein sehr persönliches Gespräch mit Sandra Cervik über Erschöpfung, Ausbruch und Weltangst, Theaterliebe, Kritiken, Publikumstreue und die Freiheit, sich selbst neu zu begegnen.
Es gibt Fragen, die jeder stellt – und die doch selten ehrlich gemeint sind. „Wie geht’s?“ ist eine davon. Eine höfliche Geste, ein Türöffner, der kaum je wirklich in die Tiefe führt. Sandra Cervik setzt genau hier an. „Das ist ja so eine Frage, die man oft stellt, ohne sie wirklich zu meinen“, sagt sie. Denn die erwartete Antwort ist längst vorgegeben: „Gut, danke, passt schon.“ Alles andere irritiert. Alles andere verlangt Nähe.
Gerade deshalb ist es ein stimmiger Einstieg in ein Gespräch mit ihr. Weil sich in dieser ersten Bemerkung bereits vieles bündelt, was sie ausmacht: Präzision, Menschenkenntnis, feine Ironie, eine gewisse Ungeduld gegenüber Floskeln – und der Wunsch, hinter das Gesagte zu gelangen, dorthin, wo es wahr wird.
UND WIE GEHT ES IHR WIRKLICH?
„Ein bisschen erschöpft“, sagt sie. Hinter ihr liegen die Premiere von „Leonce und Lena“ und mehrere Vorstellungen von „Ein Sommernachtstraum“. Der Körper reagiert, wie er reagieren muss, wenn über Tage höchste Konzentration, Spannung und Präsenz gefordert sind. Doch fast wichtiger ist der zweite Teil ihrer Antwort: „Mental sehr gut.“
Sie haben mich bei „Leonce und Lena“ zutiefst berührt. Ich habe tatsächlich geweint. Wie macht man das?
Ich glaube, indem man sich vollkommen hingibt. Mit allem, was man hat. Ich spiele solche Abende wirklich mit Inbrunst. Und diese Vorstellung war für mich auch persönlich besonders – vielleicht überträgt sich so etwas. Das Publikum spürt, wenn etwas mehr ist als nur das Spielen eines Texts.
In diesem Stück wurden ja auch persönliche Bezüge hergestellt. Ist es ein besonderer Moment, wenn das Publikum sofort versteht, wen oder was man meint?
Ja, das ist schon etwas Schönes. Es war auch so gedacht, dass es nicht irgendeine Rolle ist, sondern etwas, das spezifisch mit mir zu tun hat. Wenn das Publikum diese Ebene erkennt, entsteht eine ganz eigene Verbindung.
Sie haben so viele Rollen gespielt. Wer ist eigentlich Sandra Cervik?
Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, jede Rolle trägt etwas von mir in sich. Und umgekehrt nehme ich auch etwas von jeder Rolle mit. Vielleicht bin ich ein Konglomerat aus all diesen Figuren. Natürlich verändert einen das auch. Wenn man etwas sehr Trauriges oder Schweres spielt, wird man selbst für eine Zeit schwerer. Das lässt sich nicht einfach abstreifen, wenn man die Bühne verlässt.
Wie geht es Ihnen mit sich selbst und mit der Welt, wenn Sie hinausblicken?
Wenn wir ehrlich sind – politisch gesehen finde ich die Weltlage erschreckend. Es beunruhigt mich auch als Mutter. Man fragt sich schon, in was für eine Welt man sein Kind hineinsetzt. Diese Krisen, die Art, wie miteinander umgegangen wird, Fake News – es fühlt sich oft so entgrenzt an. Und gleichzeitig gibt es diesen Anspruch auf Augenhöhe, der sich aber oft gar nicht echt anfühlt.
Wenn Sie ein Machtwort für die Welt sprechen könnten, welches wäre das?
(lacht) Vielleicht ganz simpel: „Aus.“ Trump aus. Einfach aus. Ich weiß nicht, ob das alle Probleme lösen würde – aber ein bisschen vielleicht schon.
Gibt es einen Theaterautor, der Ihnen besonders nahesteht?
Es gibt so viele. Turrini, Nestroy, Bernhard, Schnitzler – sie alle bedeuten mir sehr viel.
Was würden Sie Arthur Schnitzler fragen, wenn Sie eine Stunde mit ihm hätten?
Ich würde ihn sehr viel über seine Stücke fragen. Woher er diese unglaubliche Menschenkenntnis hatte. Wie er diese psychologischen Feinheiten entwickelt hat. Und gleichzeitig würde mich interessieren, wie das mit seiner eigenen Persönlichkeit zusammenpasst. Er hatte ja privat oft sehr komplizierte Beziehungen. Als Autor hatte er einen fast ironischen Blick auf Männer – das ist faszinierend. Am liebsten würde ich einfach mit ihm sprechen, so wie wir jetzt – um ihn als Menschen kennenzulernen.
Hilft das Theater dabei, das eigene Leben besser zu ertragen?
Manchmal kann man auf der Bühne Dinge loswerden – Frustration, Trauer. Aber insgesamt macht der Beruf das Leben nicht leichter. Man wird ständig beurteilt und bewertet und ist ständig exponiert. Das ist nicht einfach.
Aber kann das Auftreten zumindest kurzfristig helfen?
Ja, es kann helfen zu kanalisieren. Wenn ich einen schlechten Tag habe, kann ich diese Energie in eine Szene legen. Aber es verschwindet nicht einfach. Man verarbeitet es eher durch das Spielen.
Brauchen Künstler mehr Liebe als andere Menschen?
Ich glaube schon. Es ist ein Beruf, der sehr viel Hingabe verlangt. Man gibt unglaublich viel von sich preis. Es ist wie ein Geschenk: Man arbeitet lange daran, verpackt es mit Liebe – und hofft dann, dass es verstanden und geschätzt wird, und man will, dass die Augen zu leuchten beginnen und dass alles, was man tut, als Zuneigung wahrgenommen wird.
Und wenn diese Anerkennung fehlt?
Dann tut das weh. Gerade im Verhältnis zu Kritikern. Man hat oft das Gefühl, dass nicht gesehen wird, wie viel Herzblut drinsteckt. Wenn dann in diese Gefühlswelt, die man hergibt, hineingeschlagen wird, dann schmerzt es besonders.
In Wien wird man geadelt, wenn man nur noch beim Nachnamen genannt wird. Wie ist das für Sie?
(lacht) Ich habe das neulich erlebt – jemand sprach hinter mir von „der Cervik“. Das hat mich zum Schmunzeln gebracht. Ich finde das schon schön.
Warum gibt es heute so wenige „Volksschauspieler“?
Da kommen mehrere Dinge zusammen. Ensembles sind nicht mehr so stabil wie früher. Intendanten wechseln, Ensembles wechseln mit. Und die mediale Aufmerksamkeit ist eine ganz andere geworden. Früher hatte ein Fernsehauftritt eine ganz andere Wirkung. Heute ist alles fragmentierter. Und vielleicht ist es auch gar nicht mehr so gewünscht, dass Einzelne herausragen.
Sie meinen, es gibt zu viel Angebot?
Es gibt viele Streaminganbieter und es ist schwierig für das Publikum, den Fokus auf einen einzelnen Schauspieler zu richten. Wir hatten es einfacher. Als ich „Derrick“ gedreht habe, war ich auf dem Cover der „Kronen Zeitung“, als wir „Stockinger“ gemacht haben, hat das ganze Land darüber gesprochen. Damals gab es FS1 und FS2, heute gibt es mehr Sender und Streamingdienste als Zahlen auf der Fernbedienung. (lacht)
Es wurden Diven und Stars gemacht und das Publikum fieberte mit, litt und bewunderte ...
Das ist richtig. Aber das ist am Theater zur Zeit nicht mehr so gewünscht. Alles soll eins sein, alle sind gleich. Aber die Geschichte sagt mir: Das Publikum hat seine Liebe immer schon gerne ungleich und wertend verteilt.
Was lieben Sie am Publikum am meisten?
Die Treue. Dieses gemeinsame Älterwerden. Dass die Menschen im Theater schon über Jahrzehnte da sind – auch uns und mich durch schwierige Phasen begleiten. Und wenn ein Abend gelingt und man spürt die Begeisterung – das ist ein großes Glück.
Was passiert in Ihnen, wenn Sie auf die Bühne gehen?
Oft ist man vorher müde. Aber sobald man auftritt, ist die Müdigkeit weg. Es ist wie ein Adrenalinschub.
Hält Theater jung?
Ich glaube schon. Allein das ständige Lernen von Texten hält das Gehirn wach. Es gibt erstaunlich wenige demente Schauspieler. Schauen Sie sich doch die älteren Kollegen an: Das Licht geht an, sie richten ihren Körper gerade und der Text wird angeknipst. Großartig.
Ist das ein Beruf fürs ganze Leben?
Für viele ja. Viele spielen, solange sie können. Und ich sage Ihnen: Warum nicht? Solange uns das Publikum sehen will. Letztendlich entscheiden die Menschen, die ins Theater gehen, darüber. (lacht)
Ich liebe es sehr, dass das Publikum und ich gemeinsam älter geworden sind. Das ist ein großes Glück.
– Sandra Cervik
Und Sie?
Im Moment sehne ich mich nach einer Pause. Nach einem Moment, in dem ich nicht weiß, was als Nächstes kommt. Das ist sehr befreiend.
Sie haben auch Regie geführt. Was hat mehr Freude gemacht?
Regie war etwas ganz Besonderes, weil es neu war. Plötzlich entscheidet man selbst, gestaltet alles. Und wenn man sieht, dass etwas aufgeht – das ist unglaublich erfüllend.
Ist das Unterrichten ähnlich erfüllend?
Ja, vielleicht sogar noch mehr. Wenn man merkt, dass bei jungen Menschen etwas entsteht – dass man ihnen einen Impuls geben konnte –, das ist wunderschön.
Sie wurden von Bernhard Paul als das „schönste Clownsgesicht“ des deutschen Theaters bezeichnet. Wir haben damals sogar überlegt, eine Show um Sie zu bauen. Ein Kompliment?
Ja, absolut. Ich wusste gar nicht, dass es solche Überlegungen gab. Das freut mich sehr. Vor allem, wenn das Kompliment von Bernhard Paul kommt ...
Geht man anders durchs Leben, wenn man bekannt ist?
Früher vielleicht. Heute nicht mehr. Ich erinnere mich an eine Situation beim Einkaufen – ich war völlig gestresst, alles fiel mir runter und eine Frau sagte lachend: „Wie schön, dass es Ihnen auch so geht wie mir.“ Das hat mich sehr berührt.
Wie schützt man die Kunst vor Macht und Einfluss?
Das ist schwierig. Sobald Geld im Spiel ist,gibt es immer Einfluss. Das liegt irgendwie in der Natur der Dinge. Man muss wachsam sein und sich abgrenzen.
Was wünschen Sie sich für das Theater?
Unabhängigkeit. Politische Relevanz. Und dass es Geschichten erzählt, die die Menschen erreichen – nicht nur sich selbst. Denn letztendlich geht es auch in diesem Bereich nur um das Publikum. Man sollte als Schauspieler immer wissen, für wen man was spielt.
Wenn Sie auf das Ende ihrer Josefstadt-Zeit zurückblicken – wie fühlt sich das an?
Die vielen „letzten Male“ sind emotional. Und die Liebe vom Publikum – das geht sehr nahe. Aber gleichzeitig ist da eine große Freiheit. Ich werde plötzlich, wie die meisten anderen Menschen, an einem Wochenende nicht arbeiten müssen. Das ist etwas ganz Neues. Ich bin gespannt, wie sich das anfühlt. (lacht)
Hat sich das Schauspiel verändert?
Das Spielen selbst nicht. Aber der Zugang hat sich verändert. Heute wird vieles stärker hinterfragt – politisch, gesellschaftlich. Dinge, die früher selbstverständlich gespielt wurden, werden heute kritisch gesehen.
Gibt es noch eine Rolle, die Sie unbedingt spielen möchten?
„Virginia Woolf“ hätte ich gerne gespielt – gemeinsam mit meinem Mann. Und ansonsten: Es gibt noch viele Orte, viele Möglichkeiten. Auch Regie interessiert mich weiterhin sehr.
Sie werden also jetzt mal mit Ihrem Mann auf die Wüste schauen.
Genau. So ist es. (lacht)
Am Ende des Gesprächs bleibt ein doppeltes Gefühl: Melancholie und Freiheit. Abschied und Aufbruch. Die letzten Vorstellungen, die letzten Premieren – und zugleich die Aussicht auf ein anderes Leben. Das erste Mal ein Geburtstag außerhalb des Theaters. Endlich einmal ohne Text- oder Regiebuch verreisen. Zeit, die nicht verplant ist. Wenn sie in die Zukunft blickt, sieht sie vor allem eines: „Eine große, schöne Pause.“
Mehr nicht. Und vielleicht ist genau das die ehrlichste Antwort. Sandra Cervik spricht über Theater ohne Pathos – und mit großer Liebe. Als Ort der Verdichtung, der Hingabe, der Verletzlichkeit. Als Raum, in dem man viel gibt, ohne zu wissen, was zurückkommt. Oder, in ihren eigenen Worten: „Man gibt sein Innerstes her – und hofft, dass jemand versteht, wie viel darin liegt.“ Und genau deshalb ist sie für viele längst mehr als eine Schauspielerin.
Sie ist: die Cervik.
Ein Sommernachtstraum, Titania/Hippolyta:
am 30. und 31. Mai sowie am 3., 16., 23. und 25 Juni
Leonce und Lena, Lena, Rosetta:
am 29. April, am 9., 10., 18., 19., 22. und 29. Mai sowie am 2., 12 und 22. Juni
Station Josefstadt:
Rückblicke des Ensembles auf die vergangenen 20 Jahre. Das Theater als Ankunftshalle. Ein Kommen und Gehen. (Konzept: Claudius von Stolzmann/ Kimberly Rydell), am Samstag, dem 27. Juni
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