Höchste Eisenbahn
Langsam bewegt sich etwas, wenn es um Inklusion in Theaterbetrieben geht. Für Constance Cauers, Leiterin des Professionalisierungsprogramms „JETZT!“ von BURG und MUK, ist es auch höchste Eisenbahn. Wir waren mit ihr bei einer Probe für die Abschlusspräsentation.
Er möchte nicht so viel reden, sondern lieber proben, hält Niklas Kern mit entschlossener Stimme fest. Und eine Pause bräuchte er schon gar keine. Kurze Zeit später befinden sich die vier Spielenden wieder auf einem wippenden Bahn- steig, der Zug nach Buxtehude, wo die Nächte klirrend kalt sind und alles in Zeitlupe passiert, sollte gleich kommen. Die Szene gehört zur Abschlussinszenierung „Transit“, die der zweite „JETZT!“-Jahrgang gerade mit Schauspiel- und Tanzstudierenden der MUK erarbeitet. Der Bahnhof als Ort der Verbindung: Das trifft auf reale Bahnhöfe ebenso zu wie auf den Inhalt des Stücks, betont Constance Cauers, die „JETZT!“, das Professionalisierungsprogramm für Schauspieltalente mit Behinderung, leitet.
„Von unserem fiktiven Bahnhof aus begleiten wir unsere sechs Protagonist*innen an unterschiedliche Stationen und folgen ihnen auf ihren Reisen. Es geht auch darum, was es bedeutet, gemeinsam auf dieser Welt zu existieren – sich zu begegnen, aber auch aneinander vorbeizuleben. Zusammen mit den Spielenden haben wir sehr viel zu Bahnhöfen, zum Reisen, zum Unterwegssein und zu dem Gefühl, sich an Orte zu träumen, geforscht“, fügt Cauers hinzu.
Der kurze Probeneinblick lässt außerdem vermuten, dass auch die Simultaneität von Bewegung und Warten in „Transit“ eine zentrale Rolle spielt. Vieles bewegt sich, gleichzeitig bewegt sich immer noch zu wenig – das beschreibt nicht nur das Gefühl, das einen auf Bahnhöfen häufig beschleicht, sondern auch den Fortschritt beim Thema Inklusion in Kulturbetrieben. Mit dem noch nicht einmal ganz zwei Jahre alten Programm „JETZT!“ haben Constance Cauers und ihr Team jedoch schon viel erreicht. So wurde beispielsweise Felix Hiebl, Teilnehmer des ersten Jahrgangs, in diesem Herbst an der MUK aufgenommen und studiert nun Schauspiel.
VONEINANDER LERNEN
Sie sei ohne Erwartungen, dafür mit sehr viel Neugier in das Projekt hineingegangen, erzählt Luise Brenner. Sie studiert Tanz an der MUK und hat sich für das Programm beworben. Sie hält fest, dass sich durch inklusive Ensembles viele künstlerische Möglichkeiten ergeben. „Wir können wahnsinnig viel voneinander lernen. Wenn ich mit Niklas tanze, lasse ich mich auf seinen Bewegungsstil ein und all die Dinge, die ich im Studium gelernt habe, treten etwas mehr in den Hintergrund. Ich kann mich mehr auf mein Gefühl verlassen, anstatt vor allem an Studieninhalte zu denken.“
Adrian Dorfmeister-Pölzer studiert im Master Arts Education an der MUK und ist ebenfalls Teil des „JETZT!“-Ensembles. Für ihn ginge es viel um Sichtbarkeit, erwähnt er. Diese solle sich jedoch keinesfalls nur auf die Abschlusspräsentation, bei der „Transit“ im Kasino auf die Bühne kommt, beschränken. „Im besten Fall überträgt sich diese Sichtbarkeit von der Bühne auf unsere Gesellschaft“, so der Studierende. Niklas Kern spielt zum ersten Mal Theater, hat jedoch bereits viel getanzt. Das Schönste für ihn ist das gemeinsame Proben. Er steht gern auf der Bühne, fügt er hinzu. Und er freut sich, dass das Geprobte auch schon bald vor Publikum gezeigt wird. Für Constance Cauers ist der junge Spieler – wie alle anderen Teilnehmenden – ein großer Gewinn. „Ich erkenne immer mehr, dass du alle Fähigkeiten hast, die es für die Theaterbühne braucht“, sagt sie in seine Richtung. „Niklas ist mutig, er probiert Dinge aus, er bringt Ideen ein und hat sehr viel Witz. Wenn ich unserer Truppe zusehe, wird mir die kreative Kraft, die inklusive Ensembles haben, jedes Mal aufs Neue bewusst“, hält Constance Cauers daran anknüpfend fest.
Inklusive Kunstpraxis braucht Zeit und Vertrauen.
– Constance Cauers, Leitung „JETZT!“
DIE ZUKUNFT IST JETZT
Wie schon im vergangenen Jahr wird es bei der Abschlussinszenierung wieder eine künstlerische Audiodeskription geben. Eine blinde Teilnehmerin aus dem letzten Jahrgang übernimmt die wichtige Position des „Outside Ear“. Außerdem wird der Text, der sich am Regelwerk der Leichten Sprache orientiert, auch in Österreichische Gebärdensprache übersetzt.
„Ich finde es spannend, wie all diese neuen Impulse künstlerische Arbeitsprozesse verändern. Es geht nicht darum, sich nur anzuschauen, wie man die Talente in unser System integrieren kann, sondern viel interessanter ist, wie andere Rhythmen, Zeitimpulse und Denkstrukturen unsere Theaterprozesse verändern können, um auf diese Weise eine gemeinsame Ästhetik zu schaffen. Im Miteinander und mit dem Vertrauen, dass es am Ende funktionieren wird, weil wir ein Ensemble geworden sind“, bringt es die Theatermacherin auf den Punkt.
In „Transit“ wippt der Bahnhof – vieles bewegt sich, löst sich aus seiner Festgefahrenheit. Durch Programme wie „JETZT!“ überträgt sich dieses Gefühl hoffentlich auch schon bald auf Kulturinstitutionen. Lieber auf den nächsten Zug warten? Keine gute Idee, denn, wenn es nach Constance Cauers geht, muss die Zukunft des Theaters auf jeden Fall inklusiv sein. Und die Fahrt in diese Zukunft beginnt „JETZT!“.
Hier geht es zu den Spielterminen von "JETZT!" im Kasino am Schwarzenbergplatz!