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Beobachten aus dem Zuschauerraum: Regisseur Thomas Birkmeir und Chefdramaturg Gerald Maria Bauer.

Beobachten aus dem Zuschauerraum: Regisseur Thomas Birkmeir und Chefdramaturg Gerald Maria Bauer.
Foto: Caro Lenhart

Probenbesuch: Ein Making-Of

Theater der Jugend

Regisseur Thomas Birkmeir bringt den Weltbestseller „Er ist wieder da“ auf die Bühne. Es ist seine Abschlussarbeit als Direktor des Theaters der Jugend. Publikumsliebling Stefano Bernardin spielt Hitler. Wir waren bei den Proben dabei und wagen eine erste Prognose: Das Stück wird ein Hit.

Das Theater der Jugend in der Neubaugasse ist ein faszinierender Bau. Oben das Theater mit seinen 660 Sitzplätzen und einer Bühne, auf der schon Hans Moser, Wolf Albach-Retty und viele andere aufgetreten sind. Darüber ein Mietshaus mit unzähligen Wohnungen und auch den Büros des Theaters der Jugend. Untendrunter aber, wenn man durch lange Gänge huscht, ist die Probebühne. Keine Fenster, aber egal. Hier wird gerade „Er ist wieder da“ geprobt. Stefano Bernardin spielt Hitler, der plötzlich in der Neuzeit wieder auftaucht. Der Roman war und ist ein Weltbestseller. Timur Vermes hat ihn 2012 geschrieben und auch jetzt gemeinsam mit Thomas Birkmeir, dem Regisseur und Direktor des Theaters, aktualisiert.

Wir platzen – angekündigt – mitten in die Proben. Stefano Bernardin und Vicki Hauer spielen eine der Schlüsselszenen. Vicki Hauer ist eines der Talente, das Birkmeir entdeckt hat und das nach drei Jahren endlich wieder hier im Siebten spielt. Ebenso wie Stefano Bernardin. Er hat hier vor mehr als 20 Jahren seine Karriere begonnen und auch hier seinen ersten NESTROY bekommen. Beide sind also auch wieder da. Damit zurück zur Probenszene: Sie (Vicki Hauer) glaubt, dass Hitler eigentlich ein Schauspieler ist, Star einer eigenen Fernsehshow. Hitler weiß, dass er Hitler ist, aber zugleich hat er keine Ahnung vom Leben im Zeitalter des Internets.

Beeindruckend, wie Bernardin Hitler gibt, wie er zwischen Komödie, Tragödie und Wahnsinn binnen Sekunden hin und her changiert. Wie er das Empathielose, das Böse völlig normal wirken lässt. Birkmeir unterbricht immer wieder, springt auf die Bühne, erklärt eine Szene, spielt sie vor, fügt das eine oder andere Wort ein. Es sind nur Kleinigkeiten, die aber das große Ganze zum Besseren verändern. Und Bernardin und Hauer reagieren blitzschnell, setzen Birkmeirs Anweisungen um und spielen weiter.

Es ist wie ein musikalisch-kreativer Körper von mehreren Menschen, der perfekt harmoniert. Wir machen eine kurze Pause. Bernardin geht in Uniform kurz an die frische Luft, merkt die Blicke der Passanten, grinst. Ein wenig später sitzen wir im Büro von Gerald Maria Bauer. Er ist der Chefdramaturg des Hauses und ist auch an der Produktion beteiligt. Thomas Birkmeir hat sich noch einen Kaffee geholt. Stunden hat Birkmeir in der Vorbereitung mit Timur Vermes, dem Autor des Romans, verbracht.

„Wir haben bei unserem ersten Treffen fast fünf Stunden gesprochen. Er ist ein sehr bescheidener, kluger Mensch, der eine Mission hat – und zwar, rechtes Gedankengut zu entlarven. Ich glaube auch, dass ihn deshalb unsere Anfrage sehr gefreut hat, weil er sich über jeden Mitstreiter freut. Er hat sich sogar bereit erklärt, einen ganzen Monolog neu zu schreiben. Der Monolog im Buch war einfach nicht mehr aktuell. Alleine in der Zeit zwischen der Veröffentlichung des Buchs (2012) und jetzt hat sich politisch, aber auch, was die sozialen Medien betrifft, sehr viel getan. TikTok und Instagram waren damals kein Thema. Das öffnet wieder Raum für Fragen: Was würde Hitler mit diesen neuen medialen Mitteln alles anstellen? Es würde vermutlich unsere Vorstellungskraft des Bösen erneut sprengen.

Jede Szene wird dutzende Male wiederholt
und geübt.
Foto: Caro Lenhart
Jede Szene wird dutzende Male wiederholt und geübt.

Sie haben den Roman zu einem Stück gemacht. Was ist das Wesentliche an so einer Bearbeitung?

Jeder fünfte Österreicher wünscht sich wieder einen Führer, einen starken Mann und will die Demokratie abschaffen. Mich bewegt die Fragestellung: Woher kommt dieses Gefühl?

Dazu kommt dieser Irrsinn, der sich in den sozialen Medien abspielt, dieses Anbrüllen, dieses Vorverurteilen. Es wird nur mehr auf Reize reagiert. In diesem Konglomerat kommt also plötzlich Hitler wieder zurück und er wird zum Aufreger. Zur Geschichte. Zur Sensation. Also ich meine: Wenn es erlaubt wäre, dann würde es auch wieder Gladiatorenspiele geben. Wir surfen seit 200 Jahren glücklicherweise auf einer Welle des Humanismus – ich fürchte, es wird wieder anders werden.

Foto: Caro Lenhart

Spannend ist die Wahl des Hitler-Darstellers. Stefano Bernardin wird ihn spielen. Wie kam es dazu?

Ohne Stefano hätte ich es nicht gemacht. Ich habe seine „Hamlet – one man show“ gesehen und war hingerissen. Es war ein unglaublich spannender und gescheiter Abend. Er hat Hamlets Charakterbandbreite gezeigt und bei „Er ist wieder da“ benötigt es genau dieses Können: das Pendeln zwischen Parodie und Ernsthaftigkeit. Einen Augenblick ist es lustig und dann wieder bluternst. Weil das Stück kippt ab dem Zeitpunkt, als Hitler über den Holocaust zu sprechen beginnt. Genau das aber kann Stefano Bernardin. Er ist ein Idealfall: Alle mögen ihn, er hat sich in die Herzen gespielt, aber wenige wissen um seine Tiefe. Das brauche ich: Zuerst lullt er das Publikum ein und dann wird es grauslich. Stefano hat einen unglaublichen Spieltrieb und jeder Probentag ist ein Geschenk. Er hat eine große emotionale Intelligenz und ist wahnsinnig ehrgeizig.

Jeder fünfte Österreicher wünscht sich wieder einen Führer und will die Demokratie abschaffen. Meine Frage: Woher kommt dieses Gefühl?

– Thomas Birkmeir, Regisseur

Der Regisseur bei der Arbeit.
Foto: Caro Lenhart
Der Regisseur bei der Arbeit.

Gab es einen Moment, an dem Sie kurz darüber nachgedacht haben, ob man dieses Stück überhaupt noch auf die Bühne bringen kann? Eben, weil es völlig politisch unkorrekt ist.

Wir sind uns aber einig, dass Hitler die personifizierte politische mörderische Unkorrektheit war. Was der Autor hier gemacht hat, ist eine ziemlich genaue Analyse aus dem Jahr 2012. Aber das menschliche Verhalten ändert sich leider nicht. Politische Korrektheit ist nicht falsch, aber mittlerweile ein Deckmantel für alles – bis hin zur Denunziation. Wir haben nur mehr Regeln im Kopf. Eine Frage, die man sich in diesem Zusammenhang gern stellen darf: Worüber wollen wir in 15 Jahren noch lachen? Es ist doch so: Humor entsteht aus Anarchie und Anarchie kennt keine Regeln.

Der Dramaturg bei der Arbeit.
Foto: Caro Lenhart
Der Dramaturg bei der Arbeit.

Wenn man so ein Stück im Theater der Jugend macht – hat man da eine Ahnung, wie die Jugendlichen darauf reagieren werden?

Gerald Maria Bauer: Diese Aufführung richtet sich an Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen. Aber es gibt beim Theater für junge Menschen ein Paradoxon: Es ist einerseits Zielgruppentheater, andererseits ist keine Zielgruppe da, außer ein inhomogenes Publikum, das zu 100 Prozent anders denkt als wir. Das ist meine Erfahrung aus Jahrzehnten. Was wir tun, ist ein Gesprächsangebot, wie das ankommt oder was davon ankommt, kann man im Produktionsprozess nie beurteilen. Deswegen haben wir alle bei jeder Premiere großes Lampenfieber. Weil man sich fragt: Kommt das an, was uns wichtig war? Bei jungem Publikum gibt es eine Dramaturgie des Unbestimmten. Es gibt wenig Gemeinsamkeiten zwischen den Kindern und Jugendlichen – auch in der Bildung. Das ist bei diesem Stück herausfordernd: Weil was wissen die Jugendlichen über Hitler? Wissen Sie, was er verbrochen hat? Wissen Sie, wer Joseph Goebbles war? Daraus wieder folgt: Verstehen sie diese Ironie überhaupt? Im Fall des Stücks hilft uns das Mittel der Verwechslungskomödie: Das Publikum weiß, dass hier Hitler auf der Bühne steht. Alle anderen auf der Bühne nicht.

Thomas Birkmeir: Für die heutige Jugend ist ja der Wahnsinn der Nazizeit so weit weg wie der 30-jährige Krieg. Aber ich meine, dass wir die Abmischung für Jugendlich und Erwachsene gut hinbekommen werden.

Ich will, dass sich das Publikum fragt: Was ist noch wahr und was Fake?
– Thomas Birkmeir, Regisseur
Foto: Caro Lenhart
Ich will, dass sich das Publikum fragt: Was ist noch wahr und was Fake? – Thomas Birkmeir, Regisseur

Herr Direktor, mit welchem Gefühl wollen Sie Ihr junges Publikum aus dem Haus gehen lassen?

Ich hätte gern, dass sie sich ein paar Fragen stellen: Wie werden wir manipuliert? Was ist noch wahr und was ist Fake? Wenn ich nicht mehr weiß, ist das der Papst in der weißen Designer-Winterjacke? Wenn mir auf Instagram Zitate eingespielt werden, die angeblich von Roosevelt stammen oder von Shakespeare. Wenn ich das alles nicht mehr hinterfrage, dann weiß ich nicht mehr, wo ich meinen Intellekt verorten soll.

Hier geht es zu den Spielterminen von "Er ist wieder da" im Theater der Jugend!

Neubaugasse 38
1070 wien
Österreich

Erschienen in
Bühne 04/2026

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Atha Athanasiadis
Atha Athanasiadis
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