Die Infantin trägt den Scheitel links: Randale auf dem Heimatmisthaufen
Susanne Lietzow und Lisa Schrammel haben Helena Adlers Roman „Die Infantin trägt den Scheitel links“ im Kosmos Theater auf die Bühne gebracht. Mit prominenter musikalischer Unterstützung: Die Songs von Naked Lunch-Frontmann Oliver Welter sind ein Destillat der dichten, eindringlichen Sprache der viel zu früh verstorbenen Autorin.
„Es ist ein lustvoll schmatzender Wortaufstrich aus Flöhen, Blut und Mist. Ein Kunstwerk aus dreckigen Nabelschnüren, das sich einem beim Lesen nur allzu angenehm um den Hals wickelt“, schrieb der Deutschlandfunk über Helena Adlers 2020 erschienenen Roman „Die Infantin trägt den Scheitel links“. Regisseurin Susanne Lietzow und Schauspielerin Lisa Schrammel haben daraus eine „performative Sprechoper auf dem Heimatmisthaufen“ gemacht und sie im Kosmos Theater auf die Bühne gebracht. Das mit dem Misthaufen ist im Übrigen wörtlich zu verstehen, denn im feministischen Theater in der Siebensterngasse wurden insgesamt zwölf Tonnen Erde zu einem bekletter- und bespielbaren Bühnenbild – von Aurel Lenfert – aufgeschüttet. Auf diesem Heimatmisthaufen, der sich als perfekter Nährboden für Heimattümelei, Katholizismus und Alkoholismus entpuppt, versucht die Infantin, jüngste Tochter einer bäuerlich-katholischen Familie, zu überleben. Mit viel Mut und Unverfrorenheit pflügt sie durch ein System, in dem sie sich einfach nicht wiederfindet. Und wird dabei auch immer wieder in seinen sumpfigen Untergrund hineingezogen. Sie sägt an ihrem Stammbaum, bleibt jedoch trotzdem mit ihm verbunden.
„Diese Heimatbeschreibung ist nicht nur dunkel, sondern brutal und zärtlich gleichermaßen. Die Infantin hasst ihre sogenannte Heimat, liebt sie aber auch. Sie versucht, sie zu erobern und sie den Heimattümelnden aus der Hand zu reißen“, sagt Susanne Lietzow. Beim ersten Lesen hätte sie die bildgewaltige Sprache Helena Adlers sofort in den Bann gezogen, fügt sie hinzu. „Ihre Sprache besteht nicht einfach nur aus Sätzen, sondern aus vielen einzelnen Skulpturen.“
Durch den Blick der Infantin – und ihre Fantasie – verwandeln sich Menschen und Dinge in Skulpturen, so die Regisseurin. „Kleine Monster werden zu großen Monstern, sie baut sich ihre Realität neu.“ Anknüpfen kann Lietzow jedoch nicht nur an die Sprache, sondern auch daran, wie es sich anfühlt, als Außenseiterin in einem Dorf aufzuwachsen. „Als junge Frau war ich Punk und kann diesen Wunsch nach radikaler Loslösung gut nachempfinden. Ihre Geschichte berührt mich auch deshalb sehr“, bringt es die Regisseurin auf den Punkt.
Üben, dann fliegen
Lisa Schrammel, die gemeinsam mit Lietzow den Theaterverein DIE FABRIC gegründet hat, bekam den Roman empfohlen, schaffte es aber erst im dritten Anlauf, ihn zu lesen. „Er lag lange bei mir daheim am Büchertisch, bis ihn mein Freund gelesen hat und ihn dann, vor lauter Begeisterung, einem Freund weitergeschenkt hat. Das nächste Exemplar, das ich gekauft habe, hat er wieder verschenkt. Erst beim dritten Versuch habe ich das Buch tatsächlich gelesen.“ Auch sie sei daraufhin sofort in einen Sog geraten, erzählt die Schauspielerin, die den Abend auch mitentwickelt hat.
Am Anfang hätten sie viel am Tisch gearbeitet und gelesen, erinnert sie sich an den Probenstart. „Irgendwann hat es plötzlich klick gemacht und eine große Lust am Umgang mit dieser Sprache wurde entfacht.“ Die Sprache Adlers und insbesondere die chorischen Passagen in der Inszenierung hätten den insgesamt vier Spieler*innen jedoch einiges abverlangt, so Schrammel. „Man hat Lust zu spielen, in die Vollen zu gehen, muss zunächst jedoch üben, üben, üben. So lange, bis alle wirklich am gleichen Dampfer sind. Dann kann es fliegen.“
Im Laufe der Inszenierung schlüpfen alle vier Spieler*innen in die Rolle der Infantin. Außerdem konnten Lietzow und Schrammel den vor allem als Sänger der Band Naked Lunch bekannten Musiker Oliver Welter für ihren Theaterabend gewinnen. „Er hat ein tolles Gespür und zudem einen ganz anderen Zugang zu Theater und Theatermusik“, hält Lisa Schrammel fest. „Das Ziel war, auch bei den Songtexten aus dem Kosmos von Helena Adler zu schöpfen, dabei aber einzelne Sätze oder Phrasen rauszupicken und sich daran abzuarbeiten. Ein Destillat zu schaffen.“
Bei aller Auseinandersetzung mit dem Begriff Heimat ist „Die Infantin trägt den Scheitel links“ aber auch einfach eine sehr eindringliche und lustige Coming of Age-Geschichte. Und damit auch eine Erzählung über Mut, sind sich die beiden Künstlerinnen einig. Die Infantin wird als sehr zarte Person beschrieben, die außerdem aus gesundheitlichen Gründen ein Korsett tragen muss, dennoch ist sie dazu in der Lage, ständig über sich selbst hinauszuwachsen – befeuert von ihrer Wut und ihrer Unerschrockenheit. Wobei sie Wut als Emotion auf der Bühne gar nicht so gut nutzen könne, sagt Lisa Schrammel. „Mich interessiert vielmehr ihre Unverfrorenheit. Und ihr Einnehmen von Raum, das gerade weiblich gelesenen Menschen häufig abtrainiert wird.“
Wenn junge Frauen im Publikum die Geschichte der Infantin als mutmachend empfinden, hätten sie schon sehr viel gewonnen, halten Susanne Lietzow und Lisa Schrammel abschließend fest. Nach dem Interview widmen sie sich wieder dem „lustvoll schmatzenden Wortaufstrich“ der leider viel zu früh verstorbenen Autorin Helena Adler.