Theater ohne Dach
Am Rand der Gesellschaft zu leben, bedeutet nicht, dass sich dieses Leben unbedingt am Stadtrand abspielen muss. Die Arbeit „Stadt ohne Dach“ beschäftigt sich mit der (Un-)Sichtbarkeit von Obdachlosigkeit in Wien und blickt dabei ins Zentrum der Stadt. Schauspieler Maximilian Pulst entwickelt das Stück mit.
In dieser Spielzeit ist der in Halle geborene Schauspieler Maximilian Pulst schon ziemlich oft in der Luft gehangen. Nicht im übertragenen Sinn, sondern buchstäblich. In der „Komödie mit Banküberfall“ vollführt er gemeinsam mit seinen Kolleg*innen Paula Nocker und Nicolas Frederick Djuren eine Choreografie, die ganz ohne Bodenkontakt auskommt. Christian Breys rasante Inszenierung der britischen Slapstick-Komödie ist jedoch nicht die einzige Arbeit, in die sich Maximilian Pulst in dieser Spielzeit zu hundert Prozent reingehängt hat.
Er tut das immer, sagt der Schauspieler, der sich bei unserem Treffen als sehr geerdeter und wortgewandter Gesprächspartner herausstellt. „Ich bin ein ziemliches Arbeitstier. Wenn sich Menschen dazu entscheiden, Karten zu kaufen und zu uns zu kommen, dann tun sie das zu Recht mit dem Anspruch, dass wir in unserer Probenzeit alles gegeben haben, um in jede einzelne Ecke hineinzuleuchten. Das ist auch mein Anspruch an mich und meine Arbeit. Das heißt nicht, dass der Abend allen gefallen muss, aber ich möchte ihn am Ende auf jeden Fall vertreten können. Diese Ernsthaftigkeit in Bezug auf meinen Beruf ist mir wichtig.“
Man könnte auch sagen: Maximilian Pulst mag es, sich zu hundert Prozent für eine Sache zu entscheiden. Metaphorisch statt buchstäblich in der Luft hängen? Muss nicht sein, wenn es nach dem Schauspieler geht. Durchhänger gehören zwar dazu, am Ende sollten aber alle hinter der künstlerischen Arbeit stehen.
STADT OHNE DACH
Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs haben die Proben zu „Stadt ohne Dach“, einer Theaterarbeit zum Thema Obdachlosigkeit, gerade erst begonnen. Das Projekt ist zweigeteilt: Es gibt einen Live-Audio-Walk durch den sechsten Bezirk und ein Stück in der Einrichtung Obdach Forum, in dem Maximilian Pulst mit einem Chor aus Obdachlosen und ehemals betroffenen Personen spielen wird. Es ist nicht das erste Mal, dass sich der Schauspieler mit dem Thema beschäftigt. „Nach dem Abitur habe ich in der Bahnhofsmission gearbeitet und in Gesprächen viele unterschiedliche Schicksale mitbekommen.“
Im Stück von Greta Călinescu spielt er die personifizierte Bürokratie und versucht in dieser Rolle, sämtliche Möglichkeiten für die obdachlosen Menschen auszuschöpfen. „Dabei gerate ich aber immer wieder in einen Konflikt mit mir selbst“, erläutert Maximilian Pulst und fügt hinzu: „Seit ich mich intensiver mit dem Thema beschäftige, gehe ich anders durch die Stadt – mit einer geschärften Sensibilität. Als ich das Obdach Forum zum ersten Mal besucht habe, wurde mir auch bewusst, wie wenig ich eigentlich über diese Anlaufstellen weiß. Gleichzeitig erfährt man in den Gesprächen mit den Betroffenen, wie schnell es gehen kann und wie unterschiedlich die Wege in ein Leben auf der Straße verlaufen können. Wir fragen uns in dem Stück auch, wie sichtbar oder unsichtbar Obdachlosigkeit in Wien eigentlich ist und wie sehr sie an die Randbezirke gedrängt wird. Wollen wir sie nicht sehen oder können wir sie nicht sehen, weil die Betroffenen unsichtbar bleiben wollen? Ich finde es wichtig, dass sich ein Stadttheater auch damit auseinandersetzt.“
MEHR SCHAM?
Über einige Umwege landen wir schließlich beim Thema Scham. „Wenn ich auf der Bühne stehe, habe ich den Schutz dieses Hauses, der Bühnensituation, meiner Rolle. Scham entsteht bei mir eher, wenn ich mich als Person ausstellen muss. Ich merke aber, dass das in unserem Beruf – im Film, aber auch im Theater – eine immer größere Rolle spielt. Der Fokus liegt immer weniger auf der Kunst und immer mehr auf den Schauspieler*innen. Ich würde mir wünschen, dass wir in Bezug darauf wieder etwas mehr Scham entwickeln“, hält der Schauspieler fest. Mit Jan Philipp Gloger verbindet ihn eine lange Arbeitsbeziehung.
„Ich war neugierig, wie er seine Visionen hier umsetzen wird, und hatte große Lust, mitzukommen und mitzugestalten“, erzählt Pulst, der sich bewusst gegen eine Wohnung in der Innenstadt entschieden hat. „Ich wollte mich so richtig in der Stadt verankern und mehr von Wien mitbekommen, als ich das getan hätte, wenn ich in den Sechsten oder Siebten gezogen wäre.“ Das Bedürfnis, sich immer wieder in unterschiedliche Kontexte zu begeben und sich auf neue Weise auszuliefern, prägt auch die Art und Weise, wie er seinen Beruf versteht. Als Schauspieler immer wieder die Stadt zu wechseln, empfände er als etwas sehr Gewinnbringendes, hält er fest.
„Es geht unglaublich schnell, dass man in einen Trott kommt, weil man irgendwann weiß, wie die Stadt funktioniert. Ich möchte mich nicht verlieren, mich aber immer wieder hinterfragen. Manchmal ist es gut, wenn man sich selbst den Boden unter den Füßen wegzieht und weiterforscht.“ Da wären wir wieder beim Gefühl, kurz in der Luft zu hängen. Allerdings im besten Sinne.
Ich möchte mich nicht verlieren, mich aber immer wieder selbst hinterfragen.
- Maximilian Pulst, Schauspieler
Hier geht es zu den Spielterminen von „Stadt ohne Dach“ im Volkstheater!