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Nils Strunk und Lukas Schrenk bringen ihre erste Operette auf die Bühne.

Nils Strunk und Lukas Schrenk bringen ihre erste Operette auf die Bühne.
Foto: Volker Schmidt

Heavy Rotation

Festspiele Reichenau

Die Fassade bröckelt, alles dreht und verändert sich. Da hilft nur: zu berauschenden Klängen ein wenig um sich selbst zu kreisen. Die beiden Multitalente Nils Strunk und Lukas Schrenk befördern Johann Strauß‘ Operette „Die Fledermaus“ ins Wien der Zwanzigerjahre und fänden es schön, wenn sich der Komponist im Grabe mitdreht.

Oper, Schauspiel, Ballett, Konzert, Erzählung, Tragik, Komik, Stand-up, Hochkultur, Volksmusik, Unterhaltung, Tiefgang, Kritik und Vergnügen: Das alles ist die Operette, wenn es nach dem erfolgreichen Regieduo Nils Strunk und Lukas Schrenk geht. Und die beiden müssen es ja wissen, schließlich sind sie ausgewiesene Experten darin, sich permanent zwischen Schauspiel, Regie, Musik und Komposition hin- und herzubewegen. Wie sie es schaffen, dabei nicht andauernd zwischen den Stühlen zu sitzen oder in der Luft zu hängen, ist für Außenstehende schwer erklärbar.

Irgendwie gelingt es ihnen, mit beiden Füßen fest am Boden zu bleiben – wenn auch nicht lange auf ein und derselben Stelle. Sicher ist außerdem, dass es ein ziemlich großes Ausmaß an Leidenschaft und Hingabe dafür braucht. Wie auch ein hohes Energielevel. „Theater ist kontrollierter Wahnsinn“, zitierte Nils Strunk vor einigen Monaten Heiner Müller. Ihre Hingabe rühre wiederum vor allem daher, dass sie genau das Theater machen, das sie selbst auch sehen wollen.

Mit „Die Fledermaus“ inszenieren die beiden Multitalente erstmals eine Operette und lassen die Handlung im Wien der Zwanzigerjahre spielen. „Die Idee begann beim hundertjährigen Jubiläum der Festspiele. Wir fanden es verblüffend, dass das Theater in Reichenau in jenem Jahr mit , Die Fledermaus‘ eröffnet wurde, und fanden das einen willkommenen Anlass, die Handlung in eine Zeit zwischen der Entstehungszeit und unsere heutige Zeit zu verschieben. Dadurch ziehen sich auch einige Schrauben in der Handlung fester, Abgründe werden tiefer, Beträge größer“, so Nils Strunk.

Zudem sei sowohl das Uraufführungsjahr der „Fledermaus“ wie auch das Jahr, in dem die Operette das Theater in Reichenau eröffnete, von großen Umschwüngen gekennzeichnet gewesen, fügt er hinzu. „Und auch jetzt spüren wir, dass eine Epoche zu Ende geht, etwas gänzlich Neues und Unbekanntes vor uns liegt. Wir wissen noch nicht, wie darauf zugehen. ,Die Fledermaus‘ funktioniert womöglich immer dann besonders gut, wenn eine Gesellschaft spürt, dass sie gerade auf Vulkanen tanzt.“ Alle drei Zeiten verbindet jedoch auch etwas sehr Positives, wie Nils Strunk daran anknüpfend hervorhebt: „Es gab eine absolut florierende Kunst- und Bühnenwelt.“

Darum geht‘s in „Die Fledermaus“

In ihrer ersten Reichenauer Inszenierung widmen sich Nils Strunk und Lukas Schrenk der Operette schlechthin. Ihre Version von „Die Fledermaus“ pulsiert im Rhythmus der Roaring Twenties: Swing, Blues und Charleston treffen auf die unvergänglichen Melodien von Johann Strauß.

SCHÖNER SCHEIN

An der Operette fasziniert die beiden außerdem, wie Strauß hinter der glitzernden Oberfläche des Champagnerrauschs messerscharf gesellschaftliche Heuchelei sezierte. „Das Spiel mit dem Schein, der bösartige Humor und die brutale Realität hinter all dem. Das ist teilweise wirklich hochintelligentes Entertainment“, bringt es Nils Strunk auf den Punkt. Ihre Inszenierungen dürfen ruhig berauschen, fügt er hinzu. „Aber der beste Rausch ist doch der, bei dem man sich am nächsten Morgen noch erinnern kann. Theater darf berauschen, aber es sollte einen nicht betäuben.“

Auch über die wohl berühmteste Zeile aus dem Libretto – „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist“ – haben sich die beiden Theatermacher viele Gedanken gemacht. Es sind auch jene Themen, die an diesen scheinbar einfachen Satz geknüpft sind, die Strauß’ Operette so erschreckend aktuell machen, ist Strunk überzeugt. „Wir wissen scheinbar alles und wissen doch nicht weiter. ‚Glücklich ist, wer vergisst‘ ist genauso Rettung wie tragische Selbsttäuschung. Wir können uns da selbst schwer entscheiden. Nur ist das Vergessen vermutlich eher eine Überlebensstrategie als eine Lösung.“

Woran man sich definitiv noch lange erinnern wird, ist ihre musikalische Bearbeitung, die wesentlich zum rauschhaften Sog der Operette beitragen wird. Die dahinterliegende, alles andere als mathematische, sondern hochemotionale Formel lautet: Die Goldene Operettenära trifft auf die Goldenen Zwanziger. Außerdem erwartet das Publikum eine fantastische Band, die Nils Strunk keinesfalls unerwähnt lassen möchte: Bernhard Moshammer, Hans Wagner, Jörg Mikula, Alexander „Xidi“ Christof, Anna Tropper, Jakob Helling und Manuel Ernst. „Eine einmalig gute Konstellation für so ein Unterfangen“, lautet Strunks Fazit.

NUR SOG, KEIN DRUCK

Bei der Zusammenstellung des Ensembles sei ihnen vor allem wichtig gewesen, dass es den enorm lebendigen und vielseitigen Geist repräsentiert, der in der Wiener Bühnenszene  gerade herrscht. „Und natürlich ist uns wichtig, dieses Stück Musiktheater auch sehr von der schauspielhandwerklichen Seite anzugehen. ‚Die Fledermaus‘, gespielt und gesungen von einem Ensemble von Schauspieler*innen. Die aber eben auch fantastisch singen. Und noch vieles mehr.“ Dass Strunk und Schrenk eine kindliche Freude empfinden, wenn es um ihre Arbeit geht, ist bei jedem Satz gut spürbar. „Nur Sog, kein Druck“, brachte Nils Strunk jüngst den aktuellen künstlerischen Flow der beiden auf den Punkt.

Wie damals bei ihrer stets ausverkauften Bearbeitung von Mozarts „Zauberflöte“ gilt auch nun wieder: Schön wäre, wenn sich Johann Strauß nicht im Grabe um-, sondern mitdreht. Heavy Rotation sozusagen. Letzteres gilt vermutlich auch für die Ohrwürmer, die sich nach dem Besuch der Schrunk’schen Operettenbearbeitung tief in die Gehörgänge drehen werden.

Hier geht es zu den Spielterminen von "Die Fledermaus" bei den Festspielen Reichenau!

Sarah Wetzlmayr
Sarah Wetzlmayr
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