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Ich habe bisher ziemlich viele mittelalte Männer mit Glatze und Schnurrbart gespielt. – Rebecca Lindauer, Schauspielerin

Ich habe bisher ziemlich viele mittelalte Männer mit Glatze und Schnurrbart gespielt. – Rebecca Lindauer, Schauspielerin
Foto: Andreas Jakwerth

Burgfräulein? Burgfrauen!

Burgtheater

Wie lange gilt man als „Jung-“ oder „Nachwuchsschauspielerin“ und wann ist man endgültig aus dieser Rolle herausgewachsen? In „Die Schöne und das BURG“ beschäftigt sich Rebecca Lindauer mit jungen Frauen an der BURG – und spielt unter anderem 67 Sterbeszenen in zwei Minuten.

Ist es schon vorbei oder geht es gerade erst los? Ist der Zug bereits abgefahren oder wurden die wichtigsten Weichen noch gar nicht gestellt? Droht die Entgleisung oder ist man eh auf der richtigen Spur unterwegs? Und wieso tauchen diese Fragen gern an runden Geburtstagen auf ?

Vor allem an jenem Jubeltag, an dem plötzlich dreißig Kerzen auf der Torte stecken? Letzterer scheint sowieso eine Art Meilenstein zu sein – eine Zäsur, die suggeriert, dass „Jung-“ als Präfix nun endgültig ausgedient hat. Die jährlich vom Wirtschaftsmagazin „Forbes“ herausgegebene „30 under 30“-Liste tut ihr Übriges dazu. Die Frage ist: Wie überlistet man das Gefühl, mit Beginn des einunddreißigsten Lebensjahres bereits eine beachtliche Menge an persönlichen und beruflichen Zielen erreicht zu haben? Und sind die meisten von uns nicht ohnehin einfach Kinder mit beginnenden Bandscheibenproblemen, die so lange Erwachsene spielen, bis sie es sich selbst vielleicht irgendwann glauben?

Rebecca Lindauer ist gerade dreißig geworden und gehört damit zu den jüngeren Schauspieler*innen im BURG-Ensemble. Qualifiziert einen diese Tatsache automatisch zur „Jungschauspielerin“ oder ist das mit 30 ohnehin vorbei? Und welche Projektionen und Zuschreibungen verbergen sich hinter dem Begriff? „Wir haben uns gefragt, wie das früher am Burgtheater war“, erzählt Lindauer, die das 250-jährige Jubiläum der BURG als einen der Ausgangspunkte für „Die Schöne und das BURG“ benennt.

Den Abend stellt die in Halle an der Saale geborene Schauspielerin gemeinsam mit dem Komponisten und Filmemacher Daniel Regenberg im Kasino auf die Beine. „Wir haben sehr schnell festgestellt, dass das Burgtheater ein Haus ist – und auch in der Vergangenheit schon ein Haus war –, an dem nicht nur junge Frauen als Julia oder Gretchen auf der Bühne stehen. Früher durfte man als junge Spielerin oder junger Spieler gar keine so großen Rollen spielen. Davon ausgehend habe ich mich gefragt, was ich eigentlich gespielt habe und was ich eigentlich noch spielen möchte“, sagt die Schauspielerin, die wir gemeinsam mit Daniel Regenberg im Erzherzogzimmer des Burgtheaters treffen.

„Was möchte ich eigentlich spielen?“, fragt
sich Rebecca Lindauer in „Die Schöne und das BURG“.
Foto: Andreas Jakwerth
„Was möchte ich eigentlich spielen?“, fragt sich Rebecca Lindauer in „Die Schöne und das BURG“.

EINE GEMEINSAME SUCHE

Am Anfang hätten sie eher so etwas wie einen historischen Abriss im Kopf gehabt, ergänzt Daniel Regenberg – eine witzige, gleichzeitig liebevolle Auseinandersetzung mit der großen Geschichte der BURG. Aus der Beschäftigung mit der Historie des Theaters, seinen Menschen und seinen Traditionen entstanden jedoch rasch viele weitere Ebenen. Wie auch der Wunsch, die Stimmen weiterer Frauen einzubinden. „In Videoeinspielungen werden die beiden Schauspielerinnen Elisabeth Augustin und Emanuela von Frankenberg über ihre Erfahrungen sprechen“, so Regenberg.

Elisabeth Augustin, 1953 in Wien geboren, ist seit 1975 durchgehend am Haus, Emanuela von Frankenberg wurde noch als Studierende an die BURG engagiert, wechselte jedoch bald darauf ins Fernsehen. Überhaupt seiendiese beiden Frauen und ihre Biografien sehr unterschiedlich, wie Rebecca Lindauer festhält.

„Elisabeth hat eher lustige Rollen gespielt, aber beispielsweise auch die Rolle des Toten Sportlers Andy in Einar Schleefs legendärer Inszenierung von Elfriede Jelineks ‚Sportstück‘. Emanuela hat hingegen sehr viele junge, zerbrechliche Figuren verkörpert und ist auch sehr oft auf der Bühne gestorben. Elisabeth nur ein einziges Mal. Es gibt also nicht die eine Antwort auf die Frage, wie es sich wohl vor 30 oder 40 Jahren angefühlt hat, eine junge Frau an diesem Haus zu sein. Gefühlsmäßig befinde ich mich irgendwo zwischen diesen beiden Frauen, von der Persönlichkeit her bin ich vielleicht aber ein bisschen näher an der sehr emotionalen Emanuela. Es ist fantastisch, dass wir alle so unterschiedlich sind, uns aber trotzdem etwas verbindet, das wir im Laufe der Proben gerade herauszufinden versuchen.“

Rebecca LINDAUER

gehört seit der Spielzeit 2024/25 zum Ensemble der BURG. Zuvor war die in Halle an der Saale geborene Schauspielerin am Schauspiel Köln engagiert. Ihr Studium absolvierte sie an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch.

67 STERBESZENEN

Nach und nach kamen außerdem immer allgemeinere Fragestellungen dazu, erzählen die beiden. Wie unter anderem: Was heißt es eigentlich, ein ganzes Leben lang in diesem Beruf zu arbeiten? Was bedeutet es, älter zu werden, und wie verändern sich Beziehungen im Laufe der Zeit? Und wie existenziell sollte sich der Beruf eigentlich anfühlen? Die Beschäftigung mit diesen Fragen mündet jedoch nicht in einer Form von Lecture Performance, hält Daniel Regenberg fest. „Im Gegenteil. Im besten Fall wird es ein Abend, der lustig ist, der berührt, der überrascht und intelligent ist. Wir haben große Lust auf eine musikalische und spielerische Herangehensweise, die das Publikum mit unterschiedlichen Theatermitteln verführt.“

Das bedeutet unter anderem, dass Rebecca Lindauer alle 67 Sterbeszenen, die Jungschauspielerinnen seit 1955 gespielt haben, in weniger als zwei Minuten spielen wird. Man lebt – und stirbt – nur zweimal? In der Regel nicht als junge Frau im Theater oder im Film. Und nicht, wenn es nach Lindauer und Regenberg geht, die für ihr Stück außerdem Regieanweisungen aus klassischen Monologen für Frauen herausgesucht haben.

Eine Sache, die sich über die Jahrzehnte außerdem nicht verändert hat, sei der Zusammenhalt unter den Spieler*innen des Burgtheaters, wie die im Sommer 2024 von Köln nach Wien übersiedelte Schauspielerin festhält. „Sowohl Elisabeth als auch Emanuela haben mir erzählt, dass sie von älteren Kolleginnen beiseitegenommen wurden, wenn sie Hilfe gebraucht haben. Ich kenne das Gefühl, von der Schauspielschule frisch an ein Haus zu kommen und erst lernen zu müssen, worum es in diesem Beruf eigentlich geht. Was sich glücklicherweise auch nicht geändert hat, ist, dass die Theaterbühne ein Ort ist, an dem viele verschiedene Generationen zusammenkommen. Es gibt nicht viele andere Berufe, in denen das so ist. Ich finde das großartig!“

Daniel Regenberg und Rebecca Lindauer im Burgtheater.
Foto: Tommy Hetzel
Daniel Regenberg und Rebecca Lindauer im Burgtheater.

Als junge Schauspielerin hätte sie eigentlich nur auf der Schauspielschule das Gefühl gehabt, in eine bestimmte Schublade gesteckt zu werden, sagt Lindauer. „Ich sollte junge, naive Mädchen spielen und über Blumenwiesen springen. Da war ich aber gerade in einer Lebensphase, in der ich das echt nicht sein wollte. Mittlerweile finde ich, dass das ganz zauberhafte Rollen sind, und möchte die alle spielen – am liebsten, bis ich ganz alt bin.“

Durch die Auseinandersetzung mit dem Thema wurde ihr auch bewusst, dass sie seit ihrem Studienabschluss ziemlich viele mittelalte Männer mit Glatze und Schnurrbärten gespielt hat. „Gerade sieht es so aus, als würde der Abend mit dieser Erkenntnis beginnen“, sagt sie, bevor sich unsere Wege wieder trennen. Was im weiteren Verlauf des Abends passieren wird, wollen wir im Detail noch nicht vorwegnehmen. Sicher ist: Es würde den Rahmen jeder klassischen „30 Dinge, die man unter 30 getan haben muss“- Bucketlist mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit sprengen. Und das ist gut so.

Daniel REGENBERG

ist Regisseur, Filmemacher, Musiker und Komponist. Als musikalischer Leiter und Bühnenpianist arbeitete er an zahlreichen Theaterproduktionen mit – unter anderem an der Berliner Volksbühne und am Maxim Gorki Theater.

Hier geht es zu den Spielterminen von Die Schöne und das BURG“ im Kasino am Schwarzenbergplatz!

Schwarzenbergplatz 1
1010 Wien
Österreich

Erschienen in
Bühne 04/2026

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Sarah Wetzlmayr
Sarah Wetzlmayr
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