Tilman Tuppy spielt Horváth
„Glaube Liebe Hoffnung“ ist ein Stück über die große Zerstörungskraft, die kleinen Paragrafen innewohnt. Schauspieler Tilman Tuppy ist von der Musikalität und der Pointiertheit der Sprache Ödön von Horváths begeistert.
Das Gespräch am hintersten Ecktisch im „Café Goldegg“ dreht sich eindeutig um Fußball: Es geht um hergeschenkte Torchancen und den sogenannten Transfermarkt. Schauspieler Tilman Tuppy kommt direkt von der Probe ins Kaffeehaus, das ziemlich genau zwischen dem Arsenal – der Heimat der Burgtheater-Probebühnen – und der Wiener Innenstadt liegt. Als Kind und Jugendlicher hat auch der Schauspieler, der seit 2022 zum Burgtheater-Ensemble gehört, sehr viel Zeit auf dem Fußballplatz verbracht. Vergebene Torchancen sucht man in seiner Theaterbiografie allerdings vergeblich:
Vom Max Reinhardt Seminar ging es für ihn direkt an die BURG, wo er nun zu den eingespanntesten Spieler*innen überhaupt gehört. Von einem möglichen Transfer an ein anderes Haus ist glücklicherweise auch nicht die Rede. Mit der Regisseurin Lucia Bihler, die seit 2021 regelmäßig am Burgtheater inszeniert, probt er gerade „Glaube Liebe Hoffnung“ von Ödön von Horváth. Wobei er das Wort „Proben“ gar nicht so gern mag, wie er festhält. „Ich fände es besser, stattdessen zu sagen, dass man etwas zusammen sucht oder erforscht. Proben klingt für mich immer so nach Routine oder dem Wiederholen von Abläufen.“
Es gebe allerdings noch eine Steigerungsstufe, wie Tilman Tuppy, der als Jugendlicher jahrelang intensiv Cello gespielt hat, erklärt – nämlich „üben“. „Üben hat natürlich seine Notwendigkeit, kann aber auch zum Selbstzweck werden“, hält er wissend fest.
SCHÖNE STILLE
Doch nun zurück zu Ödön von Horváths Stück, das 1933 erstmals publiziert wurde. Der Inhalt ist schnell zusammengefasst: Eine junge Frau namens Elisabeth benötigt 150 Mark, um einer Gefängnisstrafe zu entgehen und arbeiten zu können. Ihr Wunsch nach finanzieller Sicherheit und einem besseren Leben bringt sie dazu, sich beim Anatomischen Institut zu melden, um dort schon zu Lebzeiten ihren Leichnam zu verkaufen. Doch der Versuch scheitert. Der verwitwete Schutzpolizist Alfons Klostermeyer verliebt sich in sie, entscheidet sich schlussendlich jedoch dazu, seine Karriere und nicht Elisabeth zu retten. Sie sieht keinen anderen Ausweg, als sich zu ertränken.
„Es geht nicht um die großen Themen wie Mord und Totschlag, sondern um die kleinen Mühlen der Bürokratie, die ein Individuum aus der Gesellschaft hinauskatapultieren können“, so Tilman Tuppy, der in Lucia Bihlers Inszenierung Alfons Klostermeyer spielt. „Er sieht in Elisabeth eine Wiedergängerin seiner toten Frau. Gleichzeitig verkörpert er den von Horváth kritisierten Umstand, dass kleine Paragrafen unheimlich große Folgen haben können. Er ist Teil der Maschinerie, die einem Individuum den Weg in die Gesellschaft versperrt.“
Die junge Elisabeth braucht 150 Mark und möchte deshalb ihren Körper schon zu Lebzeiten für wissenschaftliche Zwecke an das Anatomische Institut verkaufen. Ihr Vorhaben scheitert und sie gerät mehr und mehr in Bedrängnis. Am Ende sieht sie keinen anderen Ausweg, als sich zu ertränken.
Ihn einfach als systemtreuen Ungustl zu sehen, würde jedoch zu kurz greifen. „In der Suche nach einer Figur und ihrem Schicksal interessiert es mich, nach den Beweggründen zu suchen. Warum handelt er so, wie er am Ende handelt?“, fasst Tilman Tuppy seine bisherige Forschungsreise zusammen. Seit Probenbeginn hätten sie sehr viel improvisiert, so der Schauspieler. Darüber hinaus sei er auch ein wenig in die Entstehung des Stücks eingetaucht. „Außerdem suche ich immer nach einer Musikalität in den Figuren“, hält er nach einer kurzen Pause fest.
„Bei diesem Stück ist es so, dass Musikstücke explizit hineingeschrieben wurden. Ich habe auch bereits eine Playlist zur Inszenierung erstellt. Erst gestern habe ich den Trauermarsch, der am Ende des Stücks vorkommt, hinzugefügt. Aber beispielsweise auch einen Song aus einer amerikanischen Serie.“
Seine Beschäftigung mit Musik geht jedoch über das pure Hören hinaus, wobei sich Tilman Tuppy im Gespräch auch als großer Radiofan entpuppt. „Ich genieße ein gut kuratiertes Radioprogramm“, hält er fest. Gerade arbeitet er aber auch an eigener Popmusik, über die er jedoch noch nicht zu viel verraten möchte. Die Musikalität in Horváths Stücken ist für ihn augenscheinlich – obwohl „ohrenscheinlich“ in diesem Fall vermutlich das passendere Adjektiv wäre. „Er hat Stille in seine Stücke hineingeschrieben und damit, wie alle großen Komponist*innen, mit Pausen gespielt. Überhaupt ist die Sprache sehr pointiert und destilliert. Ich bewundere es sehr, wenn Autor*innen es schaffen, sich mittels ihrer Sprache an das scheinbar Unaussprechbare heranzutasten. Außerdem strahlt sie eine Gefährlichkeit aus – nicht direkt in der Wortwahl wie bei Werner Schwab, aber in ihrer Schärfe und in der Gnadenlosigkeit, mit der die Figuren ihre Entscheidungen treffen.“
Wir sprechen auch über Horváths Stille, in denen das Bewusstsein der Figuren gegen ihr Unterbewusstsein kämpft, und es wird klar, dass Tilman Tuppy zu jener Sorte Menschen gehört, die Stille sehr viel abgewinnen können. „Es sind besondere Momente, wenn es still werden darf. Wertvolle Momente. Mit Menschen, denen man nah ist, kann man Stille gut aushalten.“
In den vergangenen Spielzeiten hat Tilman Tuppy viele unterschiedliche Regieansätze kennengelernt: Er spielte unter anderem in einer Inszenierung von Herbert Fritsch und er gehörte zum Ensemble von Milo Raus „Burgtheater“ – um nur zwei zu nennen. „Beim Probenstart bin ich trotzdem immer ein Unwissender. Das muss man sich, denke ich, auch behalten.“
Unser Gespräch möchte er mit einer Passage aus Horváths Randbemerkung zum Stück beenden: „Erkenne dich bitte selbst! Auf daß du dir jene Heiterkeit erwirbst, die dir deinen Lebens- und Todeskampf erleichtert.“
Hier geht es zu den Spielterminen von "Glaube, Liebe, Hoffnung" im Burgtheater!