Nachgefragt: Was macht eigentlich eine Dramaturgin?
Kein Stück kommt ohne sie auf die Bühne, nicht im Theater und nicht in der Oper: Die Dramaturg*innen sind die Fallschirme des Theaters. Was sie genau machen, haben wir Lisa Kerlin gefragt – und sie hat es für Sie aufgeschrieben.
In meinem Haushalt leben – inklusive mir – fünf Menschen. Zwei davon sind seit vielen Jahren als Dramaturg*innen unterwegs, drei davon sind unter 15. Wenn ich die letzteren frage, was sie glauben, was Mama und Papa eigentlich den ganzen Tag im Theater machen, schaue ich in ratlose Gesichter. Aber gut: Wissen Kinder von Ingenieurinnen oder Bankkaufleuten wirklich, was ihre Eltern in der Arbeit tun?
Auf Nachfrage kam dann eine überraschend präzise Antwort: „Na ja, ihr müsst euch wahrscheinlich gut durchsetzen können. Zum Beispiel, wenn Regisseur*innen etwas wollen, was gar nicht zum Stück passt. Oder wenn Schauspieler*innen noch mehr Text möchten, aber das macht für euch keinen Sinn.“
Das ist sehr nah dran an meiner Arbeitsrealität. Denn ein Teil des Jobs besteht tatsächlich darin, den Unterschied zu erkennen, ob jemand ein inhaltliches Anliegen hat oder einfach gern mehr zu sagen hätte. (Die Grenze verläuft in der Regel fließend.)
Dramaturg*innen sitzen viel. Auf Proben, am Schreibtisch und vor allem zwischen den Stühlen: Wenn die Regie aufs Haus flucht und alle Abteilungen auf die Regie. Wenn die Intendanz darauf besteht (diese Spielzeit aber wirklich!), dass die Textfassung für die Uraufführung zwei Monate vor Probenbeginn fix sein muss – die Regie aber noch nicht mal weiß, ob sie mit Tänzer*innen oder einem Kinderchor arbeiten will. Oder vielleicht mit beidem. Wenn das Marketing einen fetzigen Text für die Website braucht, ich aber schon ahne, dass die Inszenierung eher Tragödie als Komödie wird.
Was wir sonst noch tun? Wir besetzen (und es ist eine Lüge, dass es keine kleinen Rollen gibt. Punkt.), planen, vermitteln zwischen Haus und Produktion, zwischen innen und außen, zwischen „zu kompliziert gedacht“ und „zu früh festgelegt“.
Wir schreiben (manchmal selbst Stücke), recherchieren (viel), lesen (noch mehr) und versuchen aus tausend Möglichkeiten die eine zu machen, die Kunst, Vertrieb und natürlich das Publikum zufriedenstellt.
Lisa Kerlin arbeitet(e) erfolgreich u. a. in Berlin, am Schauspiel Dortmund, am Volkstheater, führte das Volkstheater in den Bezirken und arbeitet an der Volksoper Wien (u.a. Spring Awakening). Kerlin lebt in Wien.
Die Dramaturgie ist die inhaltliche Zentrale eines Theaters. Und ja: Bei uns zu Hause gehört eine ganze Reihe im großen Bücherregal den gelben Reclam-Bändchen, von A wie Arthur Schnitzler bis Z wie Stefan Zweig. Wenn ein neues Projekt ansteht, meditiere ich gern als erstes vor unseren literarischen Schätzen: Was ist auch heute noch an diesem alten Text interessant und aktuell? Wozu ist diese Position im Spielplan gedacht? Darf es herausfordern? Soll es unterhalten? Oder – wie eigentlich immer – bitte beides?
Und weil wir uns gern in die Tiefen des Materials begeben, gelten wir im Theater wahlweise als „Theorieabteilung“ oder als Spielverderber. Dabei sind wir oft einfach die, die für die besonders kniffligen Fragen zur Verfügung stehen. Die in der größten Aufregung auch mal daran erinnern, dass wir gemeinsam Theater machen und keine Notoperation. Und im Theater arbeiten ist – um es mit den Worten der jüngsten Mitbewohnerin zu sagen – urcool.