Die Verwirrungen des Zöglings Törleß: Das Böse in uns
Mal ehrlich: Zu was sind Sie fähig? Gewalt? Mord? Wie dünn ist unsere Moraldecke? Robert Musils Roman „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ zeigt, was passiert, wenn sie bricht. Thomas Birkmeir hat das Jahrhundertwerk für das Jetzt neu aufbereitet.
Machen wir doch eine „Was-wäre-wenn“- Reise: Was wäre, wenn in den Schulen wieder mehr gelesen würde? Zum Beispiel die „Verwirrungen des Zöglings Törleß“ von Robert Musil. Ein Buch, das sich liest, als hätte Musil Donald Trump und seine Freunde als Vorbild vor Augen gehabt: Basini, ein Kadett, bestiehlt seine Mitschüler, um seine Schulden zu begleichen. Er wird entlarvt und muss fortan die sadistischen Erniedrigungen durch die anderen Jungs über sich ergehen lassen. Sexuelle Hörigkeit, psychologische Demütigungen – Musil zeigt, wozu Menschen in der Lage sind, wenn sie nur die Möglichkeit und die Macht dazu haben. Es geht um Grausamkeit als Beweggrund und die Lust an menschlicher Erniedrigung. Musil selbst wollte später, dass sein „Törleß“ als prophetische literarische Parabel auf das Dritte Reich gelesen wird. Mit den zwei Klassenterroristen Beineber und Reiting habe er Züge von Mussolini und Hitler vorweggenommen.
Törleß, die Hauptfigur, sei ein typischer Mitläufer und das Internat als Verdichtung aller gesellschaftlichen Möglichkeiten, als düstere Vorahnung des kommenden Unheils zu begreifen. Gut. Nachher ist man immer gescheiter, sagen alle. Thomas Birkmeir wäre es gern vorher und hat „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ aus seinem eigenen umfangreichen Repertoire geholt. Bereits Anfang der 2000er hat er Musils einzigen literarischen Verkaufserfolg auf ein Vier-Personen-Stück – mit Absegnung der Musil-Erben – verdichtet. Die Birkmeir-Variante wurde zu einem Hit und auf vielen großen Bühnen quer durch den deutschsprachigen Raum gespielt. Jetzt in seiner finalen künstlerischen Saison am Theater der Jugend bringt er es wieder auf die Bühne und es ist aktuell wie nie.
Musil für alle
Einer der Gründe: Birkmeir hat Musils doch recht komplexe Satzführung geradliniger gemacht. Aber lassen wir den Theatermacher selbst zu Wort kommen. Warum machen Sie das Stück gerade jetzt, Herr Birkmeir? „Das hat zwei sehr konkrete Gründe. Ich bin jetzt sechs Jahrzehnte auf diesem Planeten und spüre so eine Ahnung in mir, die sagt: Es geht offenbar eine Ära des Friedens zu Ende. Ich fühle mich erinnert an diese Kriegserwartung vor dem Ersten Weltkrieg. Dieses Gefühl spiegelt sich in dem Stück extrem wider und man erkennt, wie dünn die Decke der Zivilisation ist. Das hat nichts mit Bildung oder Stand zu tun – plötzlich fallen Menschen übereinander her, als wären sie reißende Bestien. Und der zweite Grund hat mit meiner persönlichen Geschichte im vergangenen Jahr zu tun. Ich war inmitten von Vorwürfen und anstatt, dass man Argumente hören wollte oder Fakten, wurde sofort ein medialer Galgen aufgebaut und man griff zur Selbstjustiz. Das ist eine Art Menschenfresserei, die auch von einigen Medien befeuert wird. Das finde ich bedenklich. Das sind Tendenzen eines präfaschistischen Staats, der meiner Meinung nach Österreich ist.“
Der Zorn des Theatermachers
Thomas Birkmeir ist wütend. Eine gute Grundlage fürs Theatermachen – vor allem, wenn es um dieses Stück geht. „Mein Buch ist die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten“, hat Robert Musil über sein Debüt gesagt. Kein Verlag wollte es, bis der große Theaterkritiker Alfred Kerr (seine Tochter schrieb „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“) sich dafür einsetzte. Es verkaufte sich weltweit. Sein berühmterer Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ dafür kaum. „Mein Ruf ist der eines großen Dichters, der kleine Auflagen hat“, meinte Musil später. Thomas Birkmeir: „Es passt so perfekt ins Theater der Jugend, weil es sich letztendlich um ungebremstes Mobbing, das fast bis zu Mord und Totschlag geht, handelt. Wir haben in der Vorbereitung die Mechanismen der Gewaltuntersucht und die Formel ist so einfach: Ich tue etwas und es passiert mir nichts. Ich tue ein bisschen mehr und es passiert mir noch immer nichts und man geht immer weiter und weiter.“
Wir haben für diese Aussage die perfekte Stelle auch im Roman gefunden: „Ein Gedanke presste Törleß am ganzen Körper zusammen. Sind auch die Erwachsenen so? Ist die Welt so? Ist es ein allgemeines Gesetz, dass etwas in uns ist, das stärker, größer, schöner, leidenschaftlicher, dunkler ist als wir? Worüber wir so wenig Macht haben, dass wir nur ziellos tausend Samenkörner streuen können, bis aus einem plötzlich eine Saat wie eine dunkle Flamme schießt, die weit über uns hinauswächst? (...) Und in jedem Nerv seines Körpers bebte ein ungeduldiges Ja als Antwort.“
Sex & Gewalt
Tja – und es geht im „Törleß“ auch um die sexuelle Komponente der Gewalt. Etwas, das in unserer Gesellschaft und vor allem auch unter Jugendlichen und an den Schulen immer mehr um sich greift. Ist das eine Annahme? Nein, das sagen die Zahlen: Allein in Österreich wurde fast die Hälfte aller Jugendlichen (46 Prozent) schon mit Sexting konfrontiert. 40 Prozent aller Schüler*innen gaben an, bereits Opfer von Mobbing geworden zu sein. Gerald Maria Bauer, der Chefdramaturg des Theaters an der Jugend, übernimmt: „Es ist in dem Stück alles drinnen. Sadismus, Masochismus. Das unterscheidet den Schüler Törleß auch von der ganzen Reihe von Pennäler-Romanen, die damals gleichzeitig erschienen sind. Musils Werk ist das radikalste, weil es eben die sexuellen Fantasien nicht ausspart. Ich glaube, er hat da sehr viel aus seiner eigenen Militärschulzeit verarbeitet.“ Wie schon erwähnt: Thomas Birkmeir hat Musils Werk auf vier Personen kondensiert. Also alle Personen, die Sie vielleicht noch in Erinnerung haben, wie die Dorfprostituierte oder andere Schüler und Lehrer werden ausgespart.
Birkmeir: „Die Kernspielhandlung findet in einem Raum statt – eine Art Mischung aus Keller und Dachboden.“ Er macht eine kleine Pause: „Ich merke bei den Proben: Das Stück löst auch nach all den Jahren immens viel aus – es ist auch ein Hinabsteigen in die eigenen Abgründe. Ich glaube, es ist das Wichtigste im Leben, dass man sich erobern muss. Sonst gibt es keinen Reifeprozess. Letztlich ist es eine einfache Frage: Was würde ich in bestimmten Situationen machen? Grundsätzlich denkt sich jeder: Ich bin im Prinzip ein guter Mensch. Aber die wenigsten sind es. Adolf Hitler – um ein extremes Beispiel zu nennen – sagte: Ich will ja nur das Beste für das deutsche Volk. Ich stimme Jung zu, wenn er meint: Erst, wenn du die Schattenseiten integriert hast, wirst du eine vollständige Persönlichkeit. Das erhoffe ich mir davon, dass man ein Quantum an Selbsterkenntnis aus dem Stück mitnimmt – so erschreckend es sein mag. Dass man es nicht wegschiebt und meint: Das bin aber überhaupt nicht ich, warum zeigt man mir so etwas. Sondern, dass man sagt: Das könnte vielleicht auch ich sein, da auf der Bühne …“
Darf man Gewalt zeigen?
„Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ lebt auch von den drastischen Schilderungen der Gewalt. Und dies in einer Zeit, in der vor allem an deutschen Bühnen darüber diskutiert wird, ob man die überhaupt noch zeigen soll oder darf. Ein Thema, auf das Thomas Birkmeir erneut mit einer Mischung aus Resignation und Ärger reagiert. „Wir leben in einer Ausklammerungszeit. In diesem Stück hat die Darstellung von Gewalt einen präventiven Charakter. Das Motto, wenn Sie wollen: So weit dürfen wir es niemals kommen lassen. Es gibt die Auffassung, dass Gewalt auf der Bühne nicht gezeigt werden darf, weil es einen Nachahmungscharakter hat. Wir befinden uns da in einem Moralitätenkabinett. Ich beobachte diese Diskussion in Deutschland: Brauchen wir in Zukunft also eine Triggerwarnung? Wie soll man das auflösen? Es ist ein wenig absurd, wenn die Nachrichten über Kriege berichten, das Internet voll damit ist und dann wird im Theater darüber diskutiert.“ Dramaturg Gerald Maria Bauer schaltet sich ein und meint lakonisch:„Dieser Zeitgeist entsteht aus Halbbildung, dem Fehlen von philosophischem Handwerkszeug und der Unkenntnis darüber, was Kunst ist.“
Denke niemals flach
Thomas Birkmeir nickt und setzt nach: „Gewalt kann man nicht wegstreicheln. Die Lust auf Gewalt steckt in uns Menschen und letztlich sind die meisten Theaterstücke der Welt geschrieben worden, damit wir das erkennen. Ich nehme ein anderes Bild: Wenn der jüdische Nachbar auf dem Gehsteig kniet und mit einer Zahnbürste die Straße putzt und die Polizei steht daneben und tut nichts, auch nicht, wenn ich zutrete, dann gibt das mir mehr Macht und einen Freibrief nach noch mehr Gewalt.“ Er holt kurz Luft: „Genau deswegen sollten wir auch nicht müde werden, immer wieder hinzustellen, was der Mensch sein kann und sein könnte. Es gibt ja auch so viele positive Beispiele.“
Eine Frage, ein Thema haben wir noch, bevor wir das Theater der Jugend verlassen: Kennt noch irgendeine*r der Schüler*innen dieses Stück? Eine nicht repräsentative Umfrage unter einigen Student*innen des Schwesterverlags zeigt: nein. Ist da was in unserem Bildungssystem passiert? Birkmeir nickt. „Es gibt keinen Bildungskanon mehr. Ja, der Musil ist vielleicht nicht so einfach zu lesen wie eine SMS, aber ich finde, man kann auch den Geist schulen – man darf es den Kindern nicht zu leicht machen. Unsere Schauspieler haben zuerst den Roman gelesen und sie waren nicht an Musils lange Schachtelsätze gewöhnt.“ Birkmeir lächelt. „Aber genau dafür gibt es ja das Theater der Jugend, dafür habe ich diese Bühnenversion geschrieben und mit der konnten sie dann plötzlich was anfangen.“
Aber wie schafft man eine derartige Verdichtung aus einem so komplexen Stoff? „Ich hab halt das, was man bei mir in Bayern eine Theaterpratzen nennt. Ich habe als Kind schon Fernsehserien geschrieben und sie dann mit einer Freundin nachgespielt. Aber letztlich mache ich dass, was Dürrenmatt immer gesagt hat: Suche in jeder Szene nach der schlimmstmöglichen Wendung und denke niemals flach.“